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Samstag den 13. Oktober
1888
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Amtliches.
Berlin, den 18. Juli 1888.
Auf die Vorstellungen vom 23. Februar und 5. Mai b. Js., betreffend die Bekämpfung der Dasselfliege, erwidere ich den Vorständen mit Bezug auf meinen vorläufigen Bescheid vom 16. Mai d. Jè., daß ich den landwirthschaftlichen Centralvereinen unter Hinweis auf die durch die Dasselfliege der Lederindustrie und der Landwirthschaft erwachsenden Schäden anheimgegeben habe, auf die Viehhalter dahin einzuwirken, daß die Rinder vor dem Auftrieb auf die Weide im Frühjahr, etwa im Monat April, auf das Vorhandensein von sg. Daffelbeulen untersucht und während der Monate Juni bis September vermittels einer Kartätsche thunlichst häufig abgeputzt werden.
Der Minister für Landwirthschaft, Domänen und Forsten.
Frhr. v. Lucius.
An
die Vorstände
des Börsenvereins der Häute-, Fell- und Lederbranche für Rheinland und Westfalen und
des Vereins der niederrheinisch n Lederindustrielleu,
8- H. des Vorsitzenden, Herrn Eugen Coupienne, Wohlgeboren Mülheim sRuhr).
Die vom Herrn Minister für Landwirthschaft, Domänen und Forsten erlassene Verfügung über die Bekämpfung der Dasselfliege, S9ieé fliege oder Rinderbremse nebst den Vorschlägen zur Abwendung der Schäden, welche durch die s. g. Engerlinge in der Haut des Rindviehes bedingt werden, werden nachstehend den Landwirlhen und Viehbesitzern des Kreises bekannt gegeben.
Hanau am 2. Oktober 1888.
Der Königliche Landrath
V. 5737 Gf. Bismarck.
i Zur Abwendung der Schäden, welche durch die sog. Engerlinge in der Haut des Rindviehes bedingt werden.
Von Dr, Schmidt- Mülheim.
f Vom Vorsitzenden des „Börsenvereins der Häute-, Fell und Lederbranche für Rheinland und Westfalen" wurde Verfasser aufgeforvert, sich über die Frage zu äußern, was zur Abwendung der Schäven geschehen könne, welche durch den Aufenthalt der sog. Engerlinge in der Haut des Rindviehes verursacht werden. Diesem Ersuchen sei um sp lieber entsprochen, weil die genannte Frage eine weit größere volksw rthschaftliche Bedeutung besitzt, als allgemein bekannt ist, und weil Verfasser in der Lage zu sein glaubt, einfache und ohne große Mühe und Kosten anwendbare Mittel angeben zu können, welche zu einer Verminderung, vielleicht zu einer völligen Abwendung dieser Schäden führen können. Diesen Vorschlägen seien einige orienlirende Bemerkungen vorausgeschickt.
Die sog. „Dasselbeulen" in der Haut des Rindes enthalten die Larven (Engerlinge) der Dasselfliege, Biesfliege oder Rinderbremse — Oestrus bovis — einer ca. P/2 cm. langen, schwarzen und dicht behaarten Fliege mit weißgelbem Gesicht. Dieses Insekt schwärmt vom Juni bis September, am liebsten an schwülen Togen in der Mittagssonne. Das Weibchen legt dabei seine Eier auf die Haut der Rinder. Aus den Eiern gehen Maren hervor, welche in die Unterhaut eindringen, . hier ihren Wohnsitz aufschlagen, sich daselbst völlig entwickeln und zur Bildung von taubeneigrotzen Beulen mit einem grützebreiartigen Inhalt Veranlassung geben. Nach einem Aufenthalte von ca. 9 Monaten verlassen die reifen Larven ihre Wohnst Lite, durchbohren die Haut, fallen auf den Erdboden und verpuppen sich in den oberflächlichen Erdschichten meist-ns noch innerhalb der ersten 24 Stunden zu einem tonnenförmigen Gebilde, aus welchem nach Verlauf von 28—30 Tagen das fertige Insekt entschlüpft.
Wenn die Fliege an heißen Sommertagen schwärmt und sich den Rindern auf der Weide nähert, so werden die Thiere durch das Summen des Insektes außerordentlich geängstigt, laufen laut brüllend und mit aufgerichietem Schwänze wie toll umher unD stürzen sich, wo es angeht, in ein schützendes Wasser. Dieses ganz eigenartige Benehmen des Rindviehes bezeichnet man als „Biesen", und es dürfte von Interesse sein, daß
bereits Virgil (Georgica, Lib. III. 146 — 151) dasselbe genau beschreibt. Die Angst der Thiere vor ihren beflügelten Peinigern ist so außerordentlich groß, daß Rinder sich schon wie wahnsinnig geberden, sobald ein Mensch das eigenthümliche Summen der Fliege mit dem Munde nachmacht.
Das Insekt richtet nun nach vierfacher Richtung hin Schaden an:
1. Tie gewaltige Unruhe, welche die schwärmende Fliege unter den Thieren auf der Weide verursacht, beeinträchtigt den Fleischansatz und die Milchproduktion der Rinder in ganz namhafter Weise. Einer der obersten Grundsätze der Viehproduktionslehre verlangt, daß Thiere, die zu den genannten Nutzungszwecken gehalten werden, vor jeder Aufregung zu schützen sind.
2. Die Rinder können sich bei ihrem rasenden Benehmen erhebliche Beschädigungen zuziehen.
3. Eine zahlreiche Ansiedelung der schmarotzenden Larven unterhält einen Hautreiz, der bei seinem monatelangen Bestehen nicht selten zu einem bemerkenswerthen Rückgänge der Thiere im Ernährungszustände und in der Milchabsonderung führt.
4. Die Löcher in der Haut, durch welche die Larven ein- und auswandern, führen zu einer namhaften Entwerthung der Häute und verursachen den Gerbern zahllose Verdrießlichkeiten.
Diese immerhin ganz namhaften Schäden müssen die Beachtung der Viehproduzenten um so mehr verdienen, als sie sich bei einiger Umsicht auf ein Minimum reduziren oder vielleicht völlig vermeiden lassen, wenn auch zugestanden werden muß, daß die Maßnahmen, welche man bisher zur Abwendung der Schäden empfohlen hat, sich kaum sonverlich bewähren konnten.
Ein von Brauer (Ueber Oestridenlarven, Zool. Anzeiger, 1865, Jahrg. VI.) gemachter Vorschlag, alle Viehbesitzer einer von „Biesen" geplagten Gegend möchten sich vereinigen, ihre Rinder von April bis August erst nach 10 Uhr Morgens auf die Weide zu treiben, stützt sich auf die an sich ganz zutreffende Beobachtung, daß die reifen Larven stets in den frühen Morgenstunden (etwa bis 8 Uhr Vormittags) die Haut ihrer Wirthe verlassen, auf den Boden fallen und in den Stallungen entweder zertreten werden oder dort durch die Einwirkung der Nässe zu Grunde gehen. Denn aus der Larve geht ja, wie oben erwähnt wurde, nicht alsbald das fertige Insekt hervor, sondern zunächst bildet sich eine Tonne, die erst in 28-30 Tagen zum Ausschlüpfen der Fliege reif ist. Der Vorschlag hat hin und wieder Beachtung gefunden; seine praktische Anwendbarkeit für weitere Gegenden scheitert aber wesentlich daran, daß die wirthschaftlichen Verhältnisse den Weidebetrieb meistens nur bei ununterbrochenem Aufenthalt der Thiere auf den Weiden rentabel erscheinen lassen.
Sodann hat man eine Reihe von therapeutischen Maßnahmen sowohl zur Abhaltung der Fliegen von der Haut als zur Entfernung oder Zerstörung der Eier auf der Haut empfohlen. Alle diese Mittel haben nur eine sehr untergeordnete Bedeutung, da sie einen Aufwand an Mühen und Kosten verursachen, der zu dem erzielten Vortheil nicht immer in dem richtigen Verhältnisse steht. So hat man z. B. empfohlen, die Haut auf dem Rücken, am Kreuz und an den Schultern regelmäßig mit einer Abkochung von Wallnußblättern, Wermuth oder Asa foetida in Essig zu waschen, oder Petroleum, Theer und ähnlich- Substanzen ans die besonders bedrohten Hauistellen zu appliziren. Praktischer erscheint uns dann noch der auf einigen größeren Gütern Schleswigs bestehende Brauâ, das Vieh auf den Weiden mit in Theer oder Petroleum getränkten Decken zu versehen. Doch alle diese Maßregeln sind nur Palliativmittelchen, welche zudem das von den Landwirthen mit Recht gefürchtete Biesen nicht zu verhindern vermögen.
Ein Radikalmittel kann nur in der völligen Ausrottung der Dasselfliege gefunden werden, und diese dürfte bei einiger Umsicht ohne gar zu große Mühe wohl zu bewirken sein. Man weiß, daß die Larve nur i- ber Haut des Rindes (sehr selten auch in der des Pferdes, Esels und Schafes) gedeiht mb daß sie sich hier ohne Weiteres durch leicht wahr nehmbare Beulen verräth. Man weiß ferner, daß die Larve viele Mona e lang in diesen Beulen leben muß, bevor sie einer weiteren Entwickelun., fähig ist und weiß auch, daß die Auswanderung der Larven aus der Haut nicht vor Beginn des Monats Mai erfolgt. Achtet man deshalb bei den Thieren sorgfältig auf das Vorkommen von Daffelbeulen und zerstört