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r- Nr. 232 Mittwoch den 3. Oktober 1888

t Der Terminhandel in Getreide an der Berliner Börse hatte bekanntlich zu den gröbsten Mißständen geführt, so daß der preußische Handelsminister sich unter dem 24, Februar d. I. genöthigt sah, die Aeltesten der Kaufmannschaft zur Abstellung bestimmter Mängel aufzu­fordern. Die Getreidebörse hat, wie der Minister in dem Erlasse hervor­hob, die Bestimmung, den Absatz und die lohnende Verwerthung der Er­zeugnisse der heimischen Landwirthschaft zu fördern und dem auf Lieferung guter und gesunder Waare gerichteten Bedürfniß des Verbrauchs entgegen­zukommen. Der Börsenhandel erfüllte weder das eine noch das andere dieser Erfordernisse. Die Spekulation hatte sich immer mehr auf schlechte ausländische Waare geworfen und mit solcher den heimischen Markt über- fluthet, wodurch ein unnatürlicher Preisdruck auf das bessere deutsche Getreide bewirkt und dem Konsum ungesunde Waare zugesührt wurde. Erleichtert und begünstigt wurde dieses Treiben der Börsenspekulanten _ durch gewisse V rkèhrsformen, welche sich an der Börse eingenistet hatten, i- Die Reform mußte sich namentlich in zwei Richtungen bewegen: die L. SachverständigemKommifsion, welche bisher großentheils aus am Getreide- Handel betheiligten Personen bestand, deren Urtheil über die Lieferbarkeit ~ an Waare von den eigenen Interessen stark beeinflußt wurde, mußte anderweitig zusammengesetzt werden und ferner waren Gewichtsgrenzen für Lieferungswaare zu bestimmen, sowie Grundsätze über die Wiederver­wendung von für unkontraktlich erklärtem Getreide aufzustellen.

Demgemäß verlangte der Minister, daß nur solche Sachverständige gewählt werden, welche unbeteiligt am Getreidehandel sind und daher ^as unerläßliche Vertrauen nicht blos in den Kreisen der Getreidehändler, Tohbern auch bei den distributiven Gewerben und bei der Landwirthschaft Nch zu erwerben und zu erhalten vermögen, und daß die Lieferbarkeit des 'Getreides an der Börse an ein bestimmtes Minimalgewicht gebunden werde. Die Aeltesten sträubten sich sowohl gegen die erstere Bestimmung, als auch gegen die vom Minister aufgestellten Gewichtsgrenzen. Dieser hat darauf unter dem 12. September endgiltig entschieden und dabei gewisse Billigkeitsrücksichten walten lassen.

Einmal hat er genehmigt, daß bis auf Weiteres solche Personen, welche ausschließlich Lokogeschäfte machen (Effektivgeschäfte, Geschäfte über sofort verfügbare und vom Käufer zu übernehmende Waaren, im ' Gegensatz zu Termingeschäften, bei denen erst in bestimmten Fristen ge­liefert wird), zu Mitgliedern der Sachverständigen-Kommission ernannt werden dürfen. Um auch den Vertretern der Landwirthschaft, der Müllerei u. s. w. die Kenntniß der von den Sachverständigen an die Lièfcrungsfähigkeit des Getreides gestellten Anforderungen zu ermöglichen, E sollen Proben des für lieferbar erklärten Getreides in einem besonderen : Raum eine angemessene Zeit ausgestellt werden.

In Betreff der für Lieferungswaare festzusctzenden Gewichts- grenzen haben sämmtliche zu den stattzehabten Konferenzen hinzuge- I zogenen Vertreter der Landwirthschaft die vom Minister für die hiesige Börse festgesetzten Gewichte als angemessen und nicht zu hoch bezeichnet. ; Nach ihrer Ansicht ist die Landwirthschaft der von ihnen vertretenen Provinzen, von ganz vereinzelten, besonders ungünstigen Jahren abgesehen, ; durchaus im Stande, das zum Verkauf zu stellende Getreide mit diesem Gewicht zu Markt zu bringen. Wenn bisher das zu Markt gebrachte Getreide vielfach ein geringeres Gewicht gehabt hat, so wird dieses ledig­lich damit begründet, daß durch die geringen Anforderungen der Börsen an das lieferungsfähige Getreide der Preis für schwereres Getreide künst­lich herabgedrückt sei und daß demgemäß die Landwirthe an der sorg- faltigeren Bearbeitung und besseren Reinigung des Getreides kein aus- ' reichendes Interesse hätten, weil sie für das bessere und schwerere Getreide einen dem höheren Werth desselben entsprechenden höheren Preis in der ""Regel nicht erhielten. Gegenüber diesem übereinstimmenden Gutachten der j berufenen Vertreter der Landwirthschaft fast sämmtlicher Provinzen, welche

1 für den Absatz von Getreide an der Berliner Börse in Frage kommen, hat der Minister den Befürchtungen der Herren Aeltesten, daß die ein­heimische Landwirthschaft diese Gewichte nicht zu leisten vermöchte und demgemäß durch die Festsetzung derselben eine Schädigung ihrer Interessen erfahren würde, eine Bedeutung nicht beigelegt. Gleichwohl hat er, um dem Handel den Uebergang in die durch die Gewichtserhöhung geschaffenen neuen Verhältnisse zu erleichtern, und namentlich, um den gegenwärtigen Besitzern von Getreide, welches die vorgeschriebenen Gewichtsgrenzen nicht

erreicht, die Verwerthung desselben nicht zu sehr zu erschweren, aus Bil­ligkeitsrücksichten genehmigt, daß die von den Aeltesten vorgeschlagenen Gewichte für Weizen von 75,2 Pfd. für den Neuscheffel (gleich 725 Gramm für das Liter); für Roggen von 71 Pfd. für den Neuscheffel (gleich 678 Gramm für das Liter); für Hafer von 44,6 Pfd. für den Neuscheffel (gleich 415 Gramm für das Liter) für die Dauer eines Jahres zur Anwendung gebracht werden.

Die neuen Schlußscheine werden vom 1. Oktober ab ausschließlich in Gebrauch kommen, und zwar soll den vereidigten und unvereidigten Maklern untersagt werden, Geschäfte unter Zugrundelegung anderer Schlußscheinbedingungen abzuschließen. Die mißvergnügten Spekulanten, denen auf diese Weise das Handwerk der Ueberfluthung des Marktes mit Schundwaare gelegt werden s ll, hatten beabsichtigt, die neuen Bestim­mungen zu umgehen und eine Art Nebenbörse einzurichten. Für diesen Fall droht der Minister eine Aenderung der Börsenordnung dahin an, daß Personen, welche die mit der Einführung der neuen Schlußscheinbe­dingungen beabsichtigten Zwecke vereiteln und unter Zugrundelegung anderer Bedingungen als der von der Aufsichtsbehörde festgesetzten Liefe­rungsverträge abschließen, von dem Besuche der Börse auf Zeit oder dauernd auszuschließen sind. Hoffentlich wird eine solche Maßregel nicht erforderlich und wird es möglich sein, durch die aufgestellten gesunden wirthschaftlichen Grundsätze das bisherige im Gehen- und Geschehenlasien der Börsenordnung großgewordene schädliche Spekulantenthum vollständig zu durchbrechen.

Tagesschau.

Berlin, 2. Oktbr. Ueber die Reise Sr. Majestät des Kaisers und Königs erhielt derR. u. St.-A." folgendes Telegramm:

München, 2. Oktbr. Bei dem großartigen Empfange, welcher Sr. Majestät dem Kaiser gestern Abend hier bereitet wurde, richtete der Erste Bürgermeister der Stadt München eine Ansprache an den Kaiser. In begeisterten Worten sprach er die Huldigung Münchens dem Kaiser­lichen Gaste des Durchlauchtigsten Prinz-Regenten aus und betonte ins­besondere, wie das Bayernland, seinem Regenten treu ergeben, zugleich treu und fest zu Kaiser und Reich stehe. Se. Majestät der Kaiser erwi­derten:Ich sage Ihnen Meinen herzlichsten Dank für Ihre Worte und spreche zugleich Meine Freude darüber aus, daß es Mir vergönnt ist, in diese Mir wohlbekannten Mauern einzuziehen und dem bayerischen Volke näher treten zu dürfen, welches in der Geschichte des Deutschen Reichs eine so hervorragende Rolle gespielt hat. Es haben im Bayernland so manche edle Geschlechter regiert, aber das edelste und ruhmreichste Ge­schlecht ist es, welches in Bayern jetzt regiert, ein Geschlecht zugleich, bessert Interessen auf das Engste mit denen des Hohenzollernhauses verbunden sind. Möchte es Mir noch lange beschieden sein, die Geschicke des Deut­schen Reichs im Sinne Meines Großvaters lenkend, in der engen Freund­schaft, welche Bayerns und Preußens Herrscherhäuser verknüpft, mit dem Prinz-Regenten verbunden zu bleiben, den schon mit Meinem Großvater innige Freundschaft einte.

Berlin, 2. Okt. Die erste Hauptsitzung des Amerikanisten-Kon- gresses wurde heute Mittag 12^2 Uhr im großen Festsaal des Rath­hauses von dem Ehrenpräsidenten Kultusminister v. Goßler mit einer Ansprache eröffnet, in welcher er der Versammlung den Gruß des Kaisers entbot, der den Bestrebungen des Kongresses, insbesondere den Schwierig­keiten des Problems der Amerikanisten, den Zusammenhang der Bevöl­kerungen und Kulturen der alten und neuen Welt zu erforschen und den Ausgangspunkt der Wanderung des Menschengeschlechts zu ergründen, ein lebhaftes Jmteresse zuwende. Zugleich begrüßte der Kultusminister den Kongreß namens der preußischen Regierung, indem er dem Kongresse, die Aufgabe desselben in eingehendster Weise würdigend, Erfolg wünschte. Sodann begrüßte Professor Cora, der italienische Regierungsdelegirte, die Versammlung als eine Versammlung des Friedens und der gemeinsamen- Arbeit an der Fortbildung des Menschengeschlechts namens der aus­wärtigen Vertreter, mit einem an den Kaiser gerichteten Dank schließend. Oberbürgermeister Forckenbeck bewillkommnete den Kongreß namens der Stadt Berlin. Der Vorsitzende Dr. Reiß gab sodann einen Ueberblick über die Leistungen der einzelnen Länder in den ethnologischen Forschungen. Nach weiteren Begrüßungsansprachen des spanischen Senators Fabie, des