Beilage zu Nr. 149 des Hanauer Anzeiger.
t Kaiser Wilhelm s erste Thronrede.
Die Thronrede, mit welcher Kaiser Wilhelm kurz nach seiner Thronbesteigung am Montag den Reichstag eröffnet hat, darf sowohl nach ihrem Inhalt wie nach den äußeren Umständen, unter welchen sich dieser Act vollzogen hat, ein großes politisches Ereigniß genannt werden.
Konnte das schwere Geschick, welches das deutsche Reich innerhalb weniger Monate durch den Verlust zweier Kaiser, seines großen Schöpfers und dessen in den Kämpfen um die Einigung der Nation ruhmreich bewährten Sohnes, betroffen hat, der Sorge seiner wahren Freunde, der Hoffnung seiner Gegner Vorschub leisten, daß Deutschlands Lebenskraft erschüttert und seine Einigung gefährdet sei, so ist diese Sorge behoben, jene Hoffnung zu Schanden gemacht worden durch die bisher noch nicht erlebte, allerdings vorher noch niemals in demselben außerordentlichen Maße begründet gewesene Thatsache, daß sämmtliche regierende Häupter der Bundesstaaten nach Berlin geeilt sind, um bei der ersten großen politischen Kundgebung den jungen Erben der deutschen Kaiserkrone zu umgeben und so vor dem Reichstage wie vor aller Welt feierlich zu bekunden, daß trotz der schweren Schicksalsschläge unsere Kraft, unser Muth ungebrochen ist und daß wir nach wie vor sein wollen „ein einzig Volk von Brüdern, in keiner Noth uns trennen und Gefahr."
Wahrlich, welchem Deutschen muß dieses glänzende Zeugniß nationaler Einheit und Kraft nach den erlebten schweren Prüfungen nicht das Herz höher schlagen lassen, welchem Fremden muß dieses großartige Bild deutscher Einigkeit und durch keine Wechselfälle zu erschütternder treuer Zusammengehörigkeit auch unter der Regierung des jugendlichen Kaisers nicht Achtung und Bewunderung abnöthigen! Es ist dies die schönste Frucht des Wirkens des großen Kaisers Wilhelm, von welchem Kaiser Wilhelm II. mit Recht bezeugt, daß er sich das Vertrauen seiner Bundesgenossen, die Liebe des deutschen Volks und die wohlwollende Anerkennung des Auslandes gewonnen hatte. In diesen Wegen forizuwandeln, verspricht der Kaiser, und das Erscheinen seiner erhabenen Bundesgenossen bekundet ihm, daß sie ihm in dieser ernsten Arbeit treu zur Seite zu stehen entschlossen sind.
Der Eindruck, welchen die in Gegenwart der Volksvertretung um den Kaiser geschaarte Versammlung der deutschen Fürsten hervorzurufen geeignet ist, wird durch den Geist des politischen Programms, welches der Kaiser in der Thronrede entwickelt, noch erhöht, gestärkt und bekräftigt. Die Wahrung der Reichsverfassung mit allen den Rechten, welche den beiden gesetzgebenden Körpern der Nation und jedem Deutschen, aber auch dem Kaiser und jedem der verbündeten Staaten und deren Landesherrn zustehen, erkennt er als sein vornehmstes Recht wie auch als seine vornehmste Pflicht an. Hiermit hat der Kaiser seinem bundesfreundlichen Sinne beredten Ausdruck gegeben und sich in entschiedenster Weise gegen alle Bestrebungen nach größerer Centralisation oder nach Lockerung des Bundes ausgesprochen.
Außer diesen staatsrechtlichen Bürgschaften beschränkt sich das Programm auf zwei Punkte. Mit weitem und scharfem Blick erkennt Kaiser Wilhelm die beiden großen Hauptfragen unseres Zeitalters für unser nationales Dasein heraus, hinter denen alle übrigen in der That verschwinden, so weit sie nicht in ihnen aufgehen: es ist dies die Sicherung des Friedens im Innern und des Friedens nach Außen. In beiden Beziehungen gibt es für uns Deutsche nur einen Weg, jenen, den Kaiser Wilhelmi. beschritten und uns eröffnet hat. Durch das feierliche Wort Kaiser Wilhelms II. haben wir die Gewähr erhalten, daß auch er das Heil Deutschlands in der Fortsetzung dieses Weges erkennt. Demgemäß hat sich der Kaiser die Botschaft vom 17. November 1881, welche die Ausgleichung ungesunder gesellschaftlicher Gegensätze durch größeren Schutz der arbeitenden Bevölkerung erstrebt und auf deren Grundlage wir schon nennenswerthe Fortschritte gemacht haben, in ihrem vollen Umfange angeeignet, aber auch seine Entschlossenheit betont, allen Bestrebungen, welche die staatliche Ordnung untergraben sollen oder können, mit Festigkeit entgegenzutreten. Kaiser Wilhelm setzt hiermit nicht nur das Werk seines Großvaters, sondern auch der anderen Vorgänger auf dem preußischen Königsthron, namentlich Friedrich Wilhelms I., Friedrichs II. und Friedrich Wilhelms III. fort, deren ausgleichende socialpolitische, aber zugleich staatserhaltende Thätigkeit Preußen groß gemacht und ihm die Wege gebahnt hat, die es an die Spitze Deutschlands führten.
Der Stellung, welche sich Deutschland im Rathe der Völker errungen hat, entspricht es, wenn der Kaiser über seine auswärtige Politik ausführlichen Aufschluß gibt. Die im Auslande geflissentlich verbreiteten Besorgnisse, als ob von ihm eine Störung des Friedens zu befürchten sei, werden mit einem Nachdruck zurückgewiesen, dessen Aufrichtigkeit auch auf kleingläubige Seelen überzeugend wirken muß. Mit derselben Entschiedenheit aber wird der Nothwendigkeit der Sorge für das Kriegsheer als ein Schutz des Friedens und als ein Mittel, ihn, wenn er gebrochen wird, mit Ehren zu erkämpfen, gedacht. Es ist zum ersten Male, daß eine Thronrede des Bündnisse, welche mit Oesterreich und Italien abgeschlossen
worden sind, und die daraus hervorgehende Verpflichtung, bei Angriffen auf unsere Verbündeten mit unserer Kriegsmacht einzutreten, erwähnt. Kaiser Wilhelm hat sie als ein theures Vermächtniß seines Großvaters vorgefunden, und indem er sich zu ihnen auch aus eigener Ueberzeugung bekennt, bekräftigt er von Neuem, daß sie allein der Aufrechthaltung der Segnungen des Friedens dienen sollen. Daß er daneben auch hohen Werth auf die sorgfältige Pflege der Beziehungen zu Rußland legt, wird den Glauben an den friedlichen Charakter seiner Politik allenthalben nur erhöhen, und ebenso wird die Zuversicht, daß für absehbare Zeit eine Störung des Friedens nicht zu erwarten ist, das Vertrauen in denselben von Neuem beleben.
Mit Dankbarkeit, mit Genugthuung, mit Begeisterung darf das deutsche Volk auf den Kaiser, auf sein Programm und auf die durch das persönliche Erscheinen der deutschen regierenden Fürsten bekundete nationale Einheit blicken. Dieses Ereigniß — denn ein solches ist es — wird in Aller Herzen, deß sind wir gewiß, lebendig bleiben und uns zum Segen gereichen. Muthigen und getrosten Herzens dürfen wir unsern Blick auf die Gegenwart und Zukunft richten, mit dem Wunsche, aber auch mit der begründeten Hoffnung, daß es Kaiser Wilhelm 11., der sich mit dem Act der Eröffnung des Reichstags die Herzen aller Deutschen gewonnen und gesichert hat, vergönnt sein möge, sein Programm in einer langen und gesegneten Regierung zum Heile Deutschlands zur Ausführung zu bringen.
Aus Stadt, Provinz und Umgegend.
Landesansschus;. Während der fünftägigen Juni-Sitzung des Landesausschusses zu Cassel wurden u. a. nachstehende mistigeren Angelegenheiten des Bezirksverbandes vorgetragen und Beschlüsse bezüglich derselben gefaßt. Für das laufende Jahr wurden dem landwirthschaftlichen Centralverein für Bedürfnisse der landwirthschaftlichen Winterschule und der agrikulturchemischen Versuchsstation zu Marburg die bereits schon eine Reihe von Jahren gewährten Unterstützungen von zusammen 3100 Mark abermals, sowie zum ersten Male dem Taubstummen-Unterstützangs-Verein für den Regierungsbezirk Cassel eine Beihülfe von 100 Mark bewilligt, dagegen mehrere Gesuche von Zweig- rc. Vereinen, unter Hinweis auf die den betreffenden Hauptvereinen aus Mitteln des Bezirksverbandes bereits gewährten Unterstützungen, abgelehnt. Behufs Errichtung einer Unter- stützungskasse für im Dienste verunglückte Feuerwehrleute des Regierungsbezirks ward der Herr Landesdirektor auf Grund eines sehr eingehenden Vortrages ermächtigt: wegen Beitritt des diesseitigen Verbandes zu der in Merseburg bereits bestehenden Kasse Unterhandlungen anzuknüpfen, eventuell aber nach dem Muster der Schleswig-Holstein'schen Unterstützunzs- kasse die Bildung einer solchen für den hiesigen Regierungsbezirk ins Auge zu fassen und ersucht, in der nächsten Sitzung weiteren Vortrag zu erstatten. Zur Förderung des Löschwesens und Unterstützung von zwei bei der Löschung von Bränden verunglückte Feuerwehrleuten wurden 1850 Mark aus dem dazu gebildeten Fonds bewilligt und der Herr Landes- direkior ersucht, sich über die Zwecke rc. des im Kreise Fulda bestehsnoen „Kreis Spritzen-Verbandes" näher zu instruiren, um eintretenden Falles auf die Einführung dieser Einrichtung in den übrigen Kreisen hinwirken zu können.
Im Weiteren wurden verschiedenen Gemeinden, nachdem deren Ueber- bürdung mit Wegebau-Leistungen festgestellt war, entsprechende Unterstützungen zu den bezüglichen Bau-Ausführungen, sowie auf Antrag, dem Herrn Landesdirektor ein Verlag bis zu 15 000 Mark zur Beschaffung von 10 bis 12 Chausseewalzen bewilligt. — Die Rechnungen über Einnahmen und Ausgaben des Bezirks verbände«, sowie der hessischen Brandversicherungs-Anstalt vom Jahre 1886 wurden nach Prüfung durch die bestellten Referenten für vorläufig abgehört erklärt und zur Vorlage an den nächsten Kommunal-Landtag bestimmt.
Msnkfurt a. M., 27. Juni. Gegenwärtig herrscht hier auf dem Maine ein reges Leben. Vor der Reconvalescentenanstalt bis halbwegs Rumpenheim liegen die Floße, auf welchen man zahlreiche Flößer und Käufer, deren sich in diesem Jahre wegen der großen Bauthätigkeit viele einfinden, schon von Weitem bemerkt. Die Floße gehören zumeist einer bedeutenden Bamberger Holzhandlung. Auf den Floßenhäuschen wehen die deutschen und bayerischen Fahnen. — Heute kamen auf den hiesigen Markt die ersten Frankfurter Frühkartoffeln. Das Pfund wurde mit 15 Pfennigen bezahlt. Die Ernte der Frühkartoffeln wird nach allseitigen Versicherungen eine gute werden. — Die Preise für Kälber sind seit vielen Wochen im Viehhof außerordentlich niedrig gewesen. Die Kälbermctzger sahen sich deßhalb veranlaßt, diese Woche einen Preisabschlag, man sagt 5 Pfg. pro Pfund, eintreten zu lassen. (G.-A.)
Frankfurt a. M., 28. Juni. Ein 16 Jahre altes Mädchen aus Köln bekam ein Pöckelchen auf der Wange; es stach dasselbe mit einer Nadel auf und fing daran zu drücken an. Die Folge war eine große Geschwulst mit sich schnell ausbreitender Entzündung. Es mußte nun ärztliche Hülfe herbeigeholt werden, welche eine sofortige Operation für—