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Samstag den 16. Juni
ferne zu leiden ohne zu klagen!
Rr. 139
^-ine lange, bange Nacht war vergangen, grau und dicht ver- schleiert hob sich der Tag aus dem Dunkel. Hattest du eine Vorahnung, Natur, daß wieder ein Freitag uns unser Theuerstes rauben sollte?!
Er hat ausgelitten, der edle kaiserliche Dulder, der unerbittliche Tod hat seine kalte Hand auf das Herz gelegt, das warm und voll
für die Nation schlug; für immer schloß sich das milde Herrscherauge. Nimmer wird sich die Hand rühren, die das Staatsschiff kräftig durch die Wogeu der Zeit leitete.
Nun wehret nicht mehr euren Thränen, lasset sie fließen, unaufhaltsam fließen, vielleicht löst sich der herbe Schmerz, der auf unserer Brust liegt wie ein Fels. Wahrlich, wir sollten das Geschick einer bittern Herzlosigkeit anklagen, weil es so erbarmungslos an unser Empfinden griff.
Was nützt uns nun all unsere Liebe, unsere Hingebung, unser Klagen, er ist dahin und ließ uns zurück in der fürchterlichsten Verwaistheit.
Wir waren Zeuge des entsetzlichen Trauerspiels, das sich im letzten Jahre vor unserm Auge abspielte, wir sahen den Helden ohne Schuld Mdem Untergang entgegengehen und konnten nichts, nichts thun, um dem Schicksal Einhalt zu gebieten, wir konnten nur mit heißen Seufzern seine Gesundung von dem Herrn über den Wolken erflehen. Er hat uns nicht erhört. Ja warum mußte er den Gerechten im vollsten Sinne den bittern Kelch bis auf die Neige lehren lassen, warum blieb ihm wenigstens nicht das furchtbare körperliche Leiden erspart. Aber, er hat den Tod überwunden, denn er har mit dem Feind im Herzen voll und ganz seine Pflicht dem Reich gegenüber erfüllt! „Ein Kaiser muß zu leiden lernen ohne zu klagen", könnte er sich sagen, das Volk darf des Fürsten Weh nicht sehen. So stand er ein Held von antiker Größe im Kampf mit der tückischen Krankheit, den sicheren Tod vor Augen und hat doch mit keiner Wimper gezuckt. Wer ist nun heldeN- müthiger, derjenige, der vorm Feind einen verlornen Posten vertheidigt, oder der Recke, der täglich dem Tod in die Zähne schauen kann, ohne zu zittern.
Sein erlauchter Vater ging aus wie ein Licht, das seinen Glanz erleuchtend um sich geworfen hatte, ein Greis in dem höchsten Maß der Jahre, nachdem er alles, was er erstrebt, vollendet hatte. Aber ihn wirft der Tod im kräftigsten Herrscheralter nieder, nach kaum vierteljähriger Regierung. Wie hatte unser verwundetes Herz ihm entgegengehofft, als der hochselige Wilhelm heimgegangen war, wie hat ihn das deutsche Volk mit Jubel begrüßt, als er von seinem Gethsemane in San Remo nach Deutschland zurücklehrte, mit welchen Empfindungen lasen wir die herrlichen Worte an den Fürsten Bismarck 1^'und „An mein Volk." Ja das war unser Fritz, der edle, volkstümliche Monarch. Ach wir konnten ja nicht glauben, daß wir so bald wieder trauernd an seinem Sarge stehen würden.
W Was Menschenkunst vermocht, es ist geschehen, das theure Leben HM erhalten, Deut chlands und Englands Wissenschaft einigte sich zur L Bekämpfung des Leidens, die liebevollste, aufopferndste Pflege ward ■ ihm zu Theil und wie nahm er alles hin, dankbar für jede Regung Iber Theilnahme, harrte er schlicht und still aus.
I So hat er im weitgehendsten Maße alles gehalten, was er dem »deutschen Volke versprochen und welche Kraft war nothwendig dazu; I wir waren Zeugen des schmerzenreichen Kampfes, jede Secunde, m der
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1888.
ihn die Krankheit frei ließ, benutzte er um an dem Wohle seines Volkes zu arbeiten. Aber wir haben's gefühlt, was er uns war, und fo treu und fest hat wohl noch kein Volk an seinem Kaiser gehangen.
Nun er dahin ist, riß ein Stück von unserm Herzen und lange, lange wird es dauern, eh diese Wunde verharrschen wird.
Wie jauchzte unser Herz zu Pfingsten auf, als wir den wesentlichen Fortschritt in seiner Gesundheit begrüßen sollten. Wir ahnten eine neue Zeit, deren Sonne uns von Friedrich's Krone ausging. Wir sahen den fernen Glanz der Ideale, Menschenwürde und Vaterlandsliebe. Wir sahen den König mit dem Volke gehen! Und allem diesen hat der gräßliche Tod ein Ziel gesetzt.
Doch seine Größe kann ihm Niemand rauben, die dauert weit über das Grab hinaus und so lange deutsche Zunge redet, wird der zweite deutsche Kaiser der edle Dulder sein, dem die Kaiserkrone ward.
Es ist vollbracht. Kein Weh mehr drückt den treuen, deutschen Kaiser und verklärt schaut er herab auf seine weinende Gemahlin, auf seine verwaisten Kinder, auf sein klagendes Volk. Und wenn es noch eine Befriedigung für ihn giebt, so muß er sie in vollem Maße genießen, wenn er den bittern Schmerz seines Volkes sieht.
Wir können nur weinen und klagen und hinaufblicken an den Thron des Vaters, vor dem er jetzt steht in heiliger Verklärung.
Gott lasse sein Andenken nie erkalten in uns und wenn uns unsere Pflicht zu schwer wird und wir verzagen wollen, so laßt uns an unsern Fritz denken, an sein Leiden und Dulden, das wird uns stärken.
Friede sei seiner theuren Asche!
Auf Kaiser Friedrichs Tod.
Der deutsche Aar senkt trauernd seine Flügel,
Die er doch kaum zu neuem Flug erhob
Von Kaiser Wilhelms frischem Grabeshügel,
Um den sein Volk den Thräneuschleier wob.
Germania zieht den düstern Flor der Schmerzen,
Der schon entsunken, wieder um ihr Haupt,
Und mit ihr klagt aus tief getroffnem Herzen
Das Volk um Ihn, der uns zu früh geraubt.
Wie hat der edle Dulder leiden müssen!
Entsetzlich Weh, das kaum ein Mensch erträgt,
Hat schonungslos des Helden Brust zerrissen:
Doch treu dem Vaterlande unentwegt
Blieb er, ob auch der Tod mit offnem Rachen
In fürchterlicher Qual ihn angeseh'n;
Er konnte sagen: „Leiden ohne Klagen"
Muß Deutschland's Kaiser.— Ach es ist gescheh'n.
Er ist dahin, an dem mit Stolz gehangen
Das deutsche Volk, hemmt nicht der Klage Ruf!
Er ist dahin, der Kaiser ist gegangen,
Von wannen keine Rückkehr Gott erschuf.
Er ist dahin, könnt ihr das Weh denn fassen,
Das gleich dem Tiger unser Herz zerreißt;
Er ist dahin und hat allein gelassen
Sein armes Volk, beklagenswerth, verwaist.
Ferdinand Runkel.