unsere Kräfte so zu erhöhen und einzurichten, daß wir erforderlichen Falls dastehen als eine starke Nation, welche in der Lage ist, durch eigene Kraft ihre Macht geltend zu machen und ihr Ansehn, ihre Würde und ihren Besitz zu vertheidigen. Dafür darf und kann uns kein Opfer zu schwer sein. Die Kriegsneigungen Frankreichs und Rußlands zwingen uns zur Vertheidigung. Die Hechte in Frankreich und Rußland zwingen uns vorsichtiger als Karpfen zu werden. Wir sind in der Lage wie keine andere Ration, unsern Gegnern einen starken Widerstand entgegenzusetzen. Unsere Beziehungen zu Rußland waren durch die Erfolge von 1866 nicht gestört. (Der Reichskanzler setzt sich) Preußen hatte sich stets entgegenkommend gegen Rußland gezeigt und Rußland manchen Dienst erwiesen, wofür es Anerkennung fordern konnte und gefunden har. Preußen hat zu aller Zeit gute Beziebungen zu Rußland angestrebt und erhalten, obschon uns Rußland in Olmütz im Stiche ließ. Ich selbst habe als Gesandter in Rußland für gute Beziehungen gearbeitet und Erfolge geerntet. Diese traditionellen Beziehungen sino von mir stets mit Vorliebe gepflegt worden. Dennoch erkalteten die freundschaftlichen Gesinnungen Rußlands. Ich sage dies, um erklärlich zu machen, warum wir ein Bündniß mit Oesterreich schlossen. Die Anforderungen Rußlands an uns vor dem letzten Orientkrieg lehnten wir ab. Rußland wandte nun sich vergeblich an Oesterreich. Dann kam der Krieg. Wir waren froh, daß das Ungewitter an uns vorüberzog. Auf dem Kongreß, besten Zustandekommen mir nicht ohne große Mühe gelang, war ich bemüht, allen russischen Interessen Geltung zu verschaffen, alle russischen Wünsche durchzusetzen. Ich glaubte wirklich ein Recht auf Anerkennung Rußlands erworben zu haben, aber ich konnte und wollte mich Oesterreich nicht entfremden. Hätte ich es gethan, so wären wir in Europa isolirt worden und wir mitten in unbedingte Abhängigkeit von Rußland gerathen. Man hat in der Publikation des Bündnißvertrages ein Ultimatum, eine Drohung erblicken wollen; sie ist nichts von alledem. Der Vertrag ist der Ausdruck der Gemeinsamkeit der beiderseitigen Interessen der Vertragschließenden, das sollte die Welt erfahren. Aber nicht nur dieser Vertrag, sondern auch der mit Italien ist nur der Ausdruck gemeinsamer Interessen und der Bestrebungen, gemeinsame Gefahren abzuwehren und gemeinsam für die Friedenserhaltung einzustehen. Oesterreich hat diese besonnene Politik seit 1870 befolgt dadurch, daß es den Werbungen Frankreichs widerstand und zu Deutschland hielt. Oesterreich ist unser natürlicher Bundesgenosse in den Gefahren, die von Rußland und Frankreich drohen. Aber vor dem Haß Rußlands braucht man sich nicht zu fürchten. Aus Haß werden keine Kriege geführt, sonst würde Frankreich mit Italien und der ganzen Welt Krieg führen müssen. Die Macht, die wir besitzen, wird hoffentlich unsere öffentliche Meinung, die Nervosität der Börsen und der Presse beruhigen. Diese Macht zu stärken, ist unsere Ausgabe. Daß wir die besten Waffen für Familienväter haben müssen, ist selbstverständlich. Wir können mitden jetzt vorgelegtenGesetzenanjederuuserer Grenze eine Million guter Soldaten aufstellen. Dahinter stehen unsere Reserven. Man sage nicht, das können die andern auch. Sie können es eben nicht. Wir haben das Material, eine ungeheure Armee nicht nur zu bilden, sondern sie auch mit Offizieren zu versehen. Wir haben ein Offizierkorps wie keine andere Macht. Wenn wir einen Krieg unternehmen, muß es ein Volkskrieg sein, mit dem alle einverstanden sind wie 1870. Wenn wir angegriffen werden, dann wird der furor teutonicus entflammen, mit dem es Niemand aufnehmen kann. Weder das Bewußtsein unserer Stärke, noch unsere Hoffnung auf den Sieg kann und wird uns abhalten, unsere bisherigen Friedensbestrebungen fortzusetzen. Wir lassen uns durch Drohungen nicht abschrecken. Ich "hoffe, wir werden mit unseren Nachbaren im Frieden bleiben, namentlich mit Rußland, welches keinen Vorwand zum Kriege hat. Die Spio- nagengeschichtcn mit Frankreich kommen nicht in Betracht. Um Lappalien fängt Niemand Krieg an. Da heißt es: der Vernünftige gibt nach. Wir haben versucht, die alten Beziehungen zu Rußland zu erhalten, aber wir laufen Niemand nach. Bezüglich Bulgariens sind wir uns ganz konsequent geblieben. Rußland hat gewiß allen Grund, Deutschlands legale Haltung in der bulgarischen Frage anzuerkennen. Sobald Rußland uns auffordert, seine kongreßmäßigen Ansprüche bezüglich Bulgariens bei dem Sultan zu unterstützen, würde ich kein Bedenken tragen, dies zu thun. Wir stützen uns auf unsere Heeresmacht. Brauchen wir sie nicht, umso besser! Aber wir müssen uns darauf einrichten, daß wir sie brauchen. Drohungen schrecken uns nicht. Drohungen der Presse sind eine grenzenlose Dummheit. Dadurch können wir zu nichts veranlaßt werden. Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt. Gottesfurcht läßt uns den Frieden wünschen und pflegen. Wer aber trotzdem den Frieden bricht, wird sich überzeugen, daß kampfesfreudige Vaterlandsliebe, wie sie 1813 die gesammte Bevölkerung Preußens unter die Fahne rief, Gemeingut der ganzen deutschen Nation ist, daß, wer die deutsche Nation angreift, sie einheitlich und gewappnet findet und jeden Wehrmann mit dem festen Glauben im Herzen: „Gott mit uns!" (Stürmischer Beifall.) v. Francken st ein erklärt, er werde für die Wehrvorlage Enbloc-Annahme beantragen, und in Konsequenz davon bei diesem Gesetz in Rücksicht auf die politischen Verhältnisse auch keine Debatte an die Anleihe - Vorlage
knüpfen, v. Helldorf, v. Bennigsen, Graf Behr und Rickert unterstützen den Antrag. Die Anleihe-Vorlage geht an die Budgetkommission. Es folgt die zweite Berathung der Wehrvorlage, v. Francken st ein beantragt Enbloc-Annahme. v. Bennigsen sekundirt. Fürst Bismarck: Ich kann das Zeugniß abgeben, daß die verbündeten Regierungen für das Entgegenkommen dankbar sein werden, nicht nur als Beweis des Vertrauens des Reichstages, sondern als eine wesentliche Stärkung, die dadurch die Friedensgarantien haben werden. Das Gesetz wird in zweiter Lesung Enbloc angenommen. (Stürmischer Beifall.)
t Praktische Sszialpolitik.
Es ist stets uns von allen Seiten anerkannt worden, daß mit der gesetzgeberischen Thätigkeit auf dem Gebiete der Sozialreform, welche der in verschiedenen Formen hervortretenden Erwerbsunfähigkeit und ihren Folgen durch eine von Staatswegen geregelte Zusammenfassung aller in dem industriellen nnd wirthschaftlichen Leben wirkenden Kräfte Vorbeugen soll, die Fürsorge für das Wohl der arbeitenden Klassen nicht erschöpft sein kann. Neben der öffentlich rechtlichen Fürsorge, welche den Arbeitgebern im Interesse der Sicherstellung der materielle.n Lage der Arbeitnehmer gegen die Folgen von Krankheit, Unfall und Alter Opfer auferlegt, ist das Gebiet ein großes und weites, auf welchem sich die christliche Liebe und Sorge für das Wohl der Arbeiter bethätigen kann und soll, welches aber auch der eigenen Thätigkeit der Arbeitnehmer oder Arbeiter- freunde überlassen bleiben muß.
In dieser Beziehung ist von einsichtigen und menschenfreundlichen Industriellen, sowie von ganzen zu diesem Zwecke geschaffenen Vereinen von Industriellen und Arbeiterfreunden auch schon viel geschaffen und segensreich gewirkt worden. Wir erwähnen beispielsweise den „Verein zur Beförderung der Arbeitsamkeit in Aachen", die Wohlfahrtseinrichtungen, die in umfassender Weise eie vielen großen Fabriken (z. B. von der Hutfabrik von C. G. Wilke in Guben, von der fürstl. Wächtersbach'schen Steingutfabrik zu Schlierbach in Hessen-Nassau) getroffen worden sind , und worüber die Jahresberichte der Fabrikinspektoren regelmäßig neue erfreuliche Mittheilungen bringen. In wie segensreicher Weise und auf welchen Gebieten im Einzelnen sich die Privatfürsorge und die Vereinsthätigkeit bethätigen kann, davon gibt einen erfreulichen Beweis der Jahresbericht des »Vereins zur Förderung des Wohls der arbeitenden Klassen" im Kreise Wrldenburg i. Schl., welcher am 30. September vorigen Jahres auf eine zehnjährige Thätigkeit zurückblicken konnte. Dieser Verein hat in sehr erfolgreicher Weise praktische Sozialpolitik getrieben, und da nichts so anregend wirkt, wie ein gutes Beispiel, so mag hier in knappen Zügen ein Bild von der Wirksamkeit dieses Vereins entworfen werben.
Der Verein wurde begründet, um der sozialdemokratischen Bewegung unter den Arbeitern durch praktische Sozialpolitik entgezenzutreten, und ist demgemäß von sozialdemokratischer Seite stets auf das Heftigste angegriffen worden. Im Ganzen hat er bisher 121832 M. zur Erfüllung seiner Zwecke verwandt. Diese letzteren bestehen in der wirthschaftlichen und sittlichen Hebung der arbeitenden Klasse. An der Spitze des Vereins steht ein Ausschuß, welchem außer den in einer Generalversammlung gewählten Mitgliedern, zum großen Theile Arbeitern, 34 Arbeitgeber, die zusammen 16240 Arbeiter beschäftigen, angehören. Die Mittel, durch welche er zu wirken sucht, sind ein für die Arbeiterfamilien gegründetes, in 7000 Exemplaren erscheinendes und an die Arbeiter unentgeltlich abgegebenes Vereinsblatt ferner Vorträge, sowie fünf Arbeitschulen, in welchen 269 Arbeiterkinder in Handfertigkeiten — in Drechsler-, Tischler , Holzschnitzer-, Buchbinder-, Korbmacher-, Bürstenbinder- u. s. w. Arbeiten — unterrichtet werden. Der Andrang zu den Schulen steigt fortgesetzt, Fleiß und Leistungen der Schüler sind wohlbefrievigend. Ganz besonders erfolgreich sind die Bemühungen des Vereins um die Pflege der Gartencultur unter den Arbeitern gewesen. Im Ganzen sind hierbei 494 Arbeiter (Bergleute, Fabrikarbeiter, Aufseher, Weber, Handwerker rc.) betheiligt. Ein jeder von diesen hat von dem Verein ein Stück Land zur Anlegung eines Gartens nebst den nöthigen Pflanzen, Sämereien erhalten. Mit welchem Fleiß sich dieselben ihrer Nebenbeschäftigung widmen, geht daraus hervor, daß nach dem über den Stand der Gartenculturen erstatteten Bericht 306 ihre Gärten „sehr gut", 123 „gut", nur 65 „genügend" und keiner „schlecht" gehalten hat. Die Freude an dem Gedeihen der Früchte und Pflanzen, der Aufenthalt nach vollbrachter Arbeit im Freien find von wohlthätigstem Einfluß, der Verkauf der Früchte eine willkommene Aufbesserung für den Haushalt. Jetzt soll auch an den Bau von Arbeiterwohnungen herangegangen und such noch jungen Mädchen Unterricht im Nähen und Kochen ertheilt werden.
Eine solche praktische Sozialpolitik kann selbstverständlich nicht von Staatswegen, sondern nur im Kleinen und mit gewisser örtlicher Begrenzung ausgeübt werden, weil sie an die persönliche Einwirkung, an die Kenntniß der Personen und Verhältnisse, an dus liebevolle Interesse Einzelner gebunden sein muß. Stützt sich die staatliche Sozialpolitik auf zwangsweise Opfer, so diese private praktische und freie Liebesthätigkeit. Diese ist vor Allem geeignet, den Boden für eine segensreiche Wirkung