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Nr 298
Donnerstag den 22. Dezember
1887.
Bekanntmachungen Kömgl. Landrathsamts.
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aus den Beschlüssen des Kreistages in der Sitzung von 17. Dezember d. J.
1) Infolge Eingehens der diesseitigen Verpflegungsstationen sollen der Stadt Hanau wegen des größeren Zudranges zur Herberge zur Heimath 292 M Zuschuß pro Etatsjahr 1887/88 gewährt werden.
2) Das über die Aufbringung ev. Kreisabgaben vom Kreisausschusse vorgelegte Statut gelangt zur Lesung. Die Beschlußfassung erfolgt in der nächsten Kreistagssitzung.
3) Die den Jmpfärzten zu gewährenden Remunerationen werden für das Jahr 1888 wieder auf 50 Pf. pro Kopf festgesetzt. Desgleichen wird die für Besorgung der Jmpfgeschäfte i. I. 1887 zu gewährende Entschädigung bestimmt.
4) Zu dem in Gemäßheit des Gesetzes vom 5. Mai 1886 über die Unfall- und Krankenversicherung der land- und forstwirthschaftlichen Arbeiter zu bilden Schiedsgerichte werden die Beisitzer und deren Stellvertreter aus dem Stande der Arbeitnehmer gewählt.
5) Die Körungs-Commisstonen werden auf 3 Jahre neu gewählt.
Die Namen der zu 4 und 5 Gewählten sind an anderer Stelle bekannt gemacht.
Hanau am 20. Dezember 1887.
Der Königliche Landrath
A. 2412 Gf. Bismarck.
^"Dienst-Nachrichten aus dem Kreise.
Verloren: Ein goldener Fingerring.
Hanau am 22 Dezember 1887.
ünsfdicßiBen Königl. Staafsanmastfrfiaft zu Frankfurt a. M.
B. 23770. — J. 4045/87. Das gegen die Arbeiterin Maria Schreck von Königstein i/T. am 24. Nov. 1887 erlassene Ausschreiben ist erledigt.
Frankfurt a/M., den 20. Dezember 1887.
t Das nordamerikanische Finanzsystem.
Alljährlich um diese Zeit klingt die Botschaft des Präsidenten der nordamerikanischen Republik zu uns herüber, als eine für die Amerikaner frohe Botschaft, welche unseren Neid zu erwecken geeignet ist. Während die Staaten Europas in ihren jährlichen Budgets fast regelmäßig mit Deficits zu kämpfen haben, weist das Budget der Vereinigten Staaten Nordamerikas seit 1885 Ueberschüsse auf, die jährlich größer werde«, und während die Schuldenlast der europäischen Staaten jährlich größer wird, nimmt diejenige der Nordamerikanischen Republik fortwährend ab. In der Botschaft, mit welcher der Congreß in Washington soeben veröffentlicht worden ist, wird allein der für das laufende Etatsjahr bis zum Juni 1888 zu erwartende Ueberschuß auf 113 Millionen Dollars = 452 Millionen Mark berechnet, wodurch die gesammten Ueberschüsse in der Staatskasse die Summe von 140 Millionen Dollars = 560 Millionen Mark erreichen würden, und was die Schuldenlast anbetrifft, die noch im Jahre 1885: 2756 Millionen Dollars betrug, so hat sich dieselbe stetig so weit verringert, daß sie sich am 1. Juli 1880 auf 1919 Millionen, am 1. Juli 1881 auf 1819 Millionen, am 1. Juli 1885 auf 1375 Millionen und am 1. Juli 1886 nur noch auf 1282 Millionen Dollars stellte. Für die Tilgung der Schulden werden jährlich etwa 100 Millionen , Dollars ausgegeben, und trotzdem wachsen die jährlichen Ueberschüsse der i Staatskasse in einer, wie die „Botschaft" sagt, gefahrdrohenden Weise. Die Ueberschüsse entstehen daraus, daß mehr Zölle und Steuern erhoben werden, als zur Bestreitung der Ausgaben' erforderlich ist. Die ganze Sorge der amerikanischen Staatsmänner richtet sich darauf, zu verhindern, daß der Staatsschatz „ein Anhäufungsplatz für Geld wird, welches unnötiger Weise dem Verkehr und der Benutzung des Volkes kntzcgen wird."
Für uns hat in erster Linie die Frage Interesse: was hat die amerikanischen Finanzen zu einer solchen Blüthe gebracht? Die amerikanische Union hat keinerlei direkte Steuern, sondern nur Zölle und indirekte Steuern; die Zölle sind durchweg Schutzzölle, die indirekten Steuern werden von Tabak, geistigen Getränken, Bankkapital, Cheks, Zündhölzern rc.
erhoben. Diesem System in Verbindung mit dem Bodenreichthum und den großen natürlichen Hilfsquellen verdankt Amerika seine Blüthe: es hat nicht nur die Finanzen gehoben, sondern auch die Industrie, es hat die Kaufkraft Amerikas dermaßen gesteigert, daß letzteres jetzt getrost an eine Reduktion der Einnahmen herantreten kann. Die Botschaft des Präsidenten hält an dem bisherigen System fest und sagt besonders bezüglich der indirikten Steuern, daß das Volk dieselben nicht als eine Last empfindet und daß deshalb hieran nichts geändert werde« dürfe; sie fordert statt dessen eine Ermäßigung der Einfuhrzölle, ohne mit dem Princip des Schutzes der nationalen Arbeit zu brechen. Für die Revision des Tarifs wird als leitender Gesichtspunkt hingestellt, daß die Fabrikationsinteressen nicht gefährdet werden und daß sie weder der Beschäftigung noch auch den Lohnbezügen der Arbeiter Eintrag thun dürfe.
Das Programm des Präsidenten hat, obwohl es das Princip der Schutzzölle in keiner Weise umstößt, bei den Republikanern in Amerika große Erregung hervorgerufen. Dieselben stimmen zwar mit der Reduktion der Erträge überein, wollen aber die Schutzzölle in ihrer ganzen bisherigen Höhe und Wirksamkeit aufrecht erhalten, und statt dessen die indirekten Steuern auf Tabak und geistige Getränke herabgesetzt wissen.
Man sieht, in Amerika sind die beiden großen einander gegenüber- stehenden Parteien darüber völlig einig, daß es für ein großes Land keine besseren Finanzquellen gibt als Zölle und indirekte Steuern. Sie streiten nur darüber, was unter den obwaltenden Verhältnissen richtiger ist: Ermäßigung (keineswegs Aufhebung) der Schutzzölle oder Ermäßigung der indirekten Steuern. Bei uns werden Schutzzölle und indirekte Steuern gerade von denjenigen Parteien, denen Amerika ein politisches Ideal ist, auf das Leidenschaftlichste bekämpft und verworfen. Unsere Freisinnigen und Freihändler nehmen aus den indirekten Steuern und Schutzzöllen ihre stärksten Schlagworte her zur Aufreizung der Massen, in Amerika lockt man damit keinen Hund vom Ofen weg, weil dort bereits die praktische und gute Wirkung der indirekten Steuern und Schutzzölle in einem Maße klar zu Tage getreten ist, daß man daran gehen kann, die Erträg- nisse aus einer dieser Quellen einzuschränken._______________________________
NR. Die Industrie und die Alters- und Invalidenversicherung.
Wenn in einigen Preßorganen die Behauptung auftrrt, daß der Centralverband deutscher Industrieller gegen die Alters- und Juvaliden- versicherung, wie sie in den Grundzügen bekannt ist, agitire, so ergibt eine einfache Betrachtung des wahren Sachverhalts die Grundlosigkeit dieser Unterstellung. Schon äußerlich betrachtet, ist von den Requisiten einer Agitation nichts wahrzunehmen; weder werden Versammlungen ab- gehalten, noch wird eine agitatorische Preßthätigkeit entwickelt. Man beschränkt sich auf eine rein sachliche Darlegung der Bedenken, zu welchen der in den Grundzügen veröffentlichte gesetzgeberische Plan,Anlaß gibt; denn, daß in industriellen Kreisen Bedenken gegen dieselben obwalten, ist richtig. So erhoben sich in den industriellen Kreisen, lyelche der Centralverband vertritt, insbesondere Bedenken gegen die Befassung der Berufsgenossenschaffen mit der finanziellen Seile der Aufgabe; man befürchtet namentlich, die auf ehrenamtlicher Thätigkeit beruhende Organisation der Genossenschaften dabei nicht aufrecht erhalten zu können und den Schwerpunkt der Thätigkeit und des Einflusses von den durch das Vertrauen ihrer Berussgenoffen erwählten Industriellen auf berufsmäßige und besoldete Geschäftsführer übergehen lassen zu müssen. Nicht minder trägt man Bedenken gegen das sogenannte Deckungsverfahren bei der Aufbringung der Beiträge wegen der damit verbundenen Ansammlung großer der Produktion entzogener Kapitalien.
Aber der Centralverbanv steht mit diesen Bedenken keineswegs allein; auch in der Verhandlung des Berufsgenossenschaftsverbandes waren dieselben, obwohl ein Theil der auf dem Standpunkte des Centralver- bandes stehenden Berufsgenossenschaften daran nicht Theil nahm, sehr stark vertreten. Eine ansehnliche Minderheit wollte sogar jede Mitwirkung der Berufsgenossenschaften bei der Alters und Invalidenversicherung ausschließen.
Sodann ist es, wie die Veröffentlichung der Grundzüge und die Berufung des Volkswirlhschaftsraths beweisen, ja gerade die Absicht der Regierung, die Aeußerung der Bedenken und abweichenden Meinungen