1. Beilage zu Nr. 264 des Hanauer Anzeiger.
t Das Berbrecherthum von 1882-1886.
Nach den seit 1882 vorhandenen statistischen Nachmessungen über die Criminalität (Berbrecherthum) der Bevölkerung des deutschen Reichs ist das hervorragendste Merkmal dieser Periode: Zunahme der Verbrechen und Vergehen gegen Staat, Religion und öffentliche Ordnung, sowie gegen die Person, Abnahme der Verbrechen und Vergehen gegen das Vermögen; und zwar ist die Zunahme dort, wo also die Triebfedern der Strafthaten vorwiegend Uebermuth und Leidenschaftlichkeit, Rohheit und Gewaltthätig teil sind, und die Abnahme hier, wo besonders Habgier und wirthschaft- liche Noth in Betracht kommen, eine stetige und ununterbrochene.
Die Zahl der Verurtheilungen überhaupt stieg von 329 968 (d. i. auf 1000 über 12 Jahre alte Einwohner 10,29) im Jahre 1882 auf 353 000 (oder 10,70 auf 1000 strafmündige Einwohner) im Jahre 1886. Unterscheidet man nach den drei Hauptabtheilungen der Strafthaten, so ergibt sich folgendes Bild: Es stiegen, und zwar wie gesagt allmählich und ohne Unterbrechung, in den einzelnen Jahren die Verbrechen und Vergeben gegen Staat, Religion und öffentliche Ordnung von 51 623 (1,61 aus 1000 Strafmündige) auf 60 458 (1.83) und die Verbrechen und Vergehen gegen die Person von 107 398 (3,35) auf 134 019 (4,06); es fielen die Verbrechen und Vergehen gegen das Vermögen stetig von 169 334 (5,28) auf 156 930 (4,76).
In der ersten Gruppe sind u. A. gestiegen: die Vergehen gegen Beamte von 11 948 (1882) auf 1-3 127 (1886), die Hausfriedensbrüche von 13 826 auf 15 983, die Verletzungen der Wehrpflicht von 14 119 auf 19 580. Eine nicht unerhebliche Abnahme zeigt der Meineid, der fahrlässige Falscheid und die Verleitung zum Meineide. Die Vergehen gegen die Religion sind sich ungefähr gleich geblieben. Darüber ist das Bild in der zweiten Gruppe: Vergehen gegen die Person. Den Haupt- antheil an der Vermehrung hat die Körperverletzung, namentlich die ge
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fährliche Körperverletzung, welche von 38 291 auf 53 759, also um rund 40 Procent stieg. Auch für fast alle Sittlichkeitsvergehen war für 1886 eine erneute Zunahme festzustellen.
Das Traurige der Erscheinung, daß die Vergehen, bei denen sich Uebermuth, Entartung und ruchlose Gesinnung offenbart, eine steigende Tendenz aufweisen, kann nicht durch die erfreulicheren Zahlen der Vergehen gegen das Vermögen ausgewogen werden, zumal hier namentlich die wirthschaftlichen Verhältnisse in Betracht kommen, also Umstände, die unabhängig von dem verbrecherischen Willen sind. Der Rückgang der Vermögensvergehen stellt sich im Wesentlichen als eine Folge des seit 1881 eingetretenen Umschwungs in den Nahrungsverhältn'ffen des Volkes dar; die Lebensmittelpreise sind zu einem außergewöhnlich niedrigen Satze (die Durchschnittspreise des Weizens und Roggens im Großhandel fielen von 1881 — 1886 um 32 Procent) herabgesunken, der Verdienst hat sich erhöht, die gewerbliche Thätigkeit zugenommen. Die Zahl der wegen einfachen Diebstahls Verurtheilten sank von 79 116 auf 68 479 (d. i. 13,5 Procent trotz des gleichzeitigen Wachsthums der Bevölkerung), die Zahl der wegen schweren Diebstahls Verurtheilten von 8 972 auf 6 658 und die gleiche Tendenz zeigen die verwandten Gattungen her Hehlerei und des strafbaren Eigennutzes. Auf das Treiben der Diebe von Profession hat das Fallen der Lebensmittelpreise keinen Einfluß gehabt; vielmehr stieg die Zahl der 6 und mehrmal wegen Diebstahls Vorbestraften.
Für die Beurtheilung der öffentlichen Moral sind die Vergehen gegen die Strafgesetze nicht blos zu zählen, sondern auch zu wägen und von diesem Gesichtspunkte aus wird man im Hinblick auf die überwiegende Bedeutung, welche der Vermehrung der Vergehen gegen Staat, öffentliche Ordnung, Religion und die Person beizumessen ist, eine Besserung in der Kriminalität der Bevölkerung nicht behaupten können, so erfreulich die Thatsache des Rückganges der Vermögensvergehen auch ist.
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