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Beilage zu Nr. 155 des Hanauer Anzeiger.

t Ueber die Lage der Arbeiter in Deutschland.

In den Berichten der Vorsteher der Stettiner Kaufmannschaft sind wir die unfreundlichsten und einseitigsten Urtheile über die herrschende Wirthschaftspolitik zu finden gewöhnt. Auch der Bericht für 1886 thut sich wieder in Spitzen aller Art gegen bestehende öffentliche Einrichtungen hervor; die Zollbehörden, das Börsensteuergesetz, die Versuche, das Nah­rungsmittelgesetz zu vervollständigen, die Reichsunfallversicherung, die Un­fallversicherung der Seeleute, die Tarifpolitik des Eisenbahnministers, alle haben sich mehr oder weniger die sich kaum in angemessenen Formen haltende Geringschätzung der Stettiner Freihändler zugczogen. Um so überraschender ist das Zugeständniß, welches der Bericht am Schlüsse seines allgemeinen Theiles hinsichtlich der Lage der arbeitenden Bevölkerung macht. Es wird hier ausgeführt, daß bei der Niedrigkeit der Lebens- mittelpreise und bei den trotz vermehrter Kaufkraft des Geldes nicht ver­minderten Löhnen die arbeitenden Klassen überall in der Lage gewesen sind,

ihre Bedürfnisse vermehren. So

11 766 502 M. nebenbei bemerkt M. auf 37 445

gut zu befriedigen und ihre Ersparnisse bedeutend zu seien die Einlagen bei der Stettiner Sparkasse von auf 30 938 Conten am Schlüsse des Jahres 1'882, eines sehr günstigen Wirthschaftsjahres, auf 18 276 888 Conten am Schlüsse des Jahres 1886 gestiegen.

Es ist gewiß richtig, daß hierbei die verschiedensten Faktoren mit­gewirkt haben. So waren die beiden letzten Erntejahre nicht nur bei uns, sondern auch in anderen Ländern gut und wird die allgemein beobachtete Vermehrung der Spareinlagen nicht ausschließlich auf den Zuwachs, der von den Ersparnissen der Arbeiter herrührt, sondern auch darauf zurück- zuführen sein, daß die Sparkassenbücher auch in den Kreisen außerhalb des Arbeiterstandes bei dem niedrigen Zins der Anleihepapiere mehr als zweckmäßige Geldanlage benutzt werden. Es gehört aber eine große Ver- blenoung dazu, leugnen zu wollen, daß die Schutzzollpolitik durch Er­reichung ihres eigentlichen Zweckes, die Arbeitsgelegenheit zu vermehren, wesentlich an dem leidlich guten Stand der Arbeiterverhältnisse mitgewirkt habe. Wenn doch die Freihändler nicht so vergeßlich wären! Ein Haupt­trumpf gegen die Schutzzölle war immer die Behauptung, daß sie durch Verlheuerung der Waaren und durch Vernnnoerung der Ausfuhr die Lage der Arbeiter, welche einen so starken Theil der Consumenten ausmachen, verschlechtern müsse. Jetzt nehmen die deutschen Arbeiter wenigstens schon an dertast allgemeinen Prosperität der arbeitenden Bevölkerung auf der ganzen Erde" Theil.

Während um ein Beispiel für den Einfluß der Schutzzölle an- zuführen in anderen Eisen producirenden Ländern, namentlich in Eng­land, aber mit Ausnahme von Nordamerika, Tausende von Arbeitern in der Eisenindustrie entlassen und die Löhne sehr erheblich ermäßigt werden mußten, hat die gleiche deutsche Industrie Dank der neuen Zollpolitik, durch die sie den deutschen Markt wieder eroberten auch in dem sehr schlechten erst am Schluß sich zum Besseren wendenden Jahr 1886 größere Arbeiterentlassunzen und Lohnherabsetzungen vermeiden können. Aus der Statistik des Vereins deutscher Eisen- und Stahlindustrieller haben wir ersahren, daß von 1879 bis 1886 in 233 meist großen Hüttenwerken und Maschinenfabriken die Arbeiterzahl um 30 Procent, die Gesammtlöhne um 39,8 Procent, der Einzellohn um 7 Procent gestiegen sind.

Die deutsche Industrie überhaupt würde sich schwerlich vergleichs­weise so rasch von der letzten allgemeinen Stockung des Absatzes auf dem Weltmärkte erholt haben, wenn nicht die Löhne sich gehalten hätten und vorzugsweise nur die Renten der Unternehmer gefallen wären. Vermeh­rung der Arbeitsgelegenheit, gute Löhne bedeuten Erhöhung der Ver­brauchsfähigkeit der Massen und nicht das ist die Ausgabe der Wirth- schaftspolitik, den Verbrauch zu verbilligen, sondern die Kraft der Ver­braucher zu erhöhen. Von rund 19 Millionen Berufsthätigen mit 26 Millionen Angehörigen gehören im deutschen Reiche nicht weniger als rund 11 Millionen mit über 10 Millionen Angehörigen dem Arbeiter- und Tagelöhnerstande an und auf 1000 Köpfe der Gesammtbevölkerung kom­men 460 dem Arbeiterstande zugehörige. Diese Zahlen sind nicht nur für die Social-, sondern auch für die Wirthschaftspolitik von der grössten Bedeutung, welche mit dem Staat auch die Unternehmer wohl zu wür- . digen haben. Daß letzteres immer mehr geschieht und ein verständniß- volles einträchtiges Verhältniß zwischen Unternehmer und Arbeiter eintritt, dazu wird hoffentlich auch in ihrer weiteren Ausbildung die berussge- nvssenschastliche Organisation beitragen, welche ebenfalls, gleich wie die Durchführung einer praktischen Schutzzollpolitik, nur gegen den hartnäcki­gen Widerstand der Politiker von der Farbe der Verfasser des Stettiner Handelskammerberichts ins Werk gesetzt worden ist.

T a g e s s ch a u.

DieDanziger Allgemeine Zeitung" schreibt: Als die Eisenbahneinnahmen 1885/86 etwas zurückgegangen waren, hatten wir von der freisinnigen Presse wieder die alten Klagen über die Verstaat­lichung zu hören. Das Blatt des Abg. Richter erging sich in Rechen- kuuststückchen, um es zu beweisen, daß die Staatsverwaltung weniger wirthschaftlich sei als die Privatverwaltung. Man rechnete einen Rück­gang der kilometrischen Einnahmen heraus, welche, da der .Staat viele Bahnen nicht des unmittelbaren finanziellen Nutzens, sondern zur wirth- sckastlichen Ausschließung dieses und jenes Landestheiles baut, überhaupt nicht maßgebend sind und stellte sich blind gegen die einfache Nothwendig­keit, daß, wenn der Absatz der Erzeugnisse stockt, natürlich die Bahnen Privat- wie Staatsbahnen an Frachten weniger zu verdienen bekom­men. Der Bericht der Nettesten der Berliner Kaufmannschaft für 1886 stellt denn auch fest: Die Eisenbahneinnahmen waren im Jahre 1885 und und in den ersten Monaten des Jahres 1886 wohl in allen Ländern Eu­ropas zurückgegangen; Preußen ist am wenigsten von diesem Rückgang betroffen worden. Er zeigte sich viel stärker in Oesterreich Ungarn, Ruß­land, Frankreich u. s. w. Er war die unausbleibliche Folge zeitweiser Stockung in Handel und Gewerbe, in mehreren Ländern auch erhöhter Zölle auf Massenprodukte. Erst in der zweiten Hälfte des Jahres 1886 bat sich eine günstigere Wendung auch in den Eisenbahnerträgen ange­bahnt.

Aus GMt. ProviNz » NrAgegSLd [

Frankfurt a. M., 7. Juli Gestern langte eine Gesellschaft von 126 Amerikanern mit Damen dahier an. Sie machen eine gemein­schaftliche Rundreise durch Deutschland. Im Wartesaal 2. Klasse der Main-Neckar-Bahn wurden am Dienstag Vormittag drei Taschendiebe auf frischer That ertappt und verhaftet. Sie hatten einer Dame aus ihrer Umhangtasche drei 100-Markscheine entwendet. Ein vierter Komplize von ihnen flüchtete und entkam. Bei den Verhafteten, Ungarn, wurden einige tausend Mark in deutschem und österreichischem Papiergeld vorgefunden. Am Abend desselben Tages wurden zwei andere ungarische Taschendiebe verhaftet, welche am Einsteigeplatz der Trambahn-Omnibusse am Schiller-

platz eine goldene Uhr gestohlen hatten.

Während des vorgestrigen

Sängerconcertes in der Fffthalle wurde einer nahe dem Orchester stehenden Dame das Portemonnaie mit ca. zehn Mark Inhalt gestohlen. Vor­gestern Abend verließen 14 junge Frankfurter unter Führung eines Agen­ten ihre Vaterstadt, um über Hamburg nach den neuen deutschen Kolonien auszuwandern. Die Auswanderer sind von einer Hamburger Firma engagirt. Drei von ihnen, welche nur der deutschen Sprache mächtig sind, werden als Schreiber, Aufseher und dergl. benutzt und erhalten dafür monatlich 175 Mark. Vier, welche Französisch und Englisch, sowie die Buchiührung verstehen, finden als Korrespondenten und Buchhalter Be­schäftigung und erhalten je 280 Mark monatlich. Die übrigen vier sind ausersehen, um Handelszüge nach und von dem Innern des Landes zu begleiten. Ihnen wurde ein Gehalt von 360 Mark zugesichert. Die Ueberfabrt wird den Leuten bezahlt, auch ihnen, falls sie das Klima nicht ertragen sollten, die Kosten der Rückfahrt vergütet. Auf der Altegasse wurde vorgestern Abend ein Frauenzimmer verhaftet, welches einem Schützen in einer Wirthschaft auf der Vilbelerstraße die Geldbörse mit über 90 Mark Inhalt gestohlen hatte. Bei ihrer Festnahme fano sich das entwendete Gelv vollständig vor, während die Börse in ein offenes Wohnzimmer geworfen worden war. (Fr. N.)

Hensenstamm, 6. Juli. Gestern, den 5. Juli, 38/* Uhr, hat der Blitz in das Gehöft der Domäne Patershausen eingeschlagen und zwar in das ehemalige Klostergebäude, welches sofort, da der größte Theil desselben mit Stroh angefüllt war, ein Raub der Flammen geworden. Gleichzeitig tödlete der Blitz in dem daran gelegenen Stalle ein Pferd, ohne die übrigen 7 Stück zu beschädigen. Der Umsicht des Herrn Do-

mänenpächters Lücke gelang es, das kaum 3

Meter davon entfernte

Pierdestallgebäude, dessen Boden mit ca. 400 Ctr. neuem Heu gefüllt war, dadurch vor der Vernichtung, und damit die übrigen Gebäude, zu retten, daß er seine Leute sofort dazu anstellte, das Dach des Stalles mit Wasser fort und fort zu begießen und dadurch das Springen der Dachziegel durch die intensive Hitze zu verhüten. Die Hitze war so stark, daß die Leute nur dadurch sich in dieser Nähe des Feuers erhalten konnten, daß sie sich selbst mit Wasser angossen. Da Patershausen im Walde liegt, so murce von Heusenstamm das Feuer gar nicht bemerkt und mußte

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