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Nr. 115.
Mittwoch den 18. Mai
1887.
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Bekanntmachungen Königl. Landrathsamts.
Die Herren Bürgermeister, welche mit der Erledigung meiner durch das Kreisblatt ergangenen Verfügung vom 2. d. M. noch im Rückstände sind, werden an sofortige Einreichung der Uebersichten über die zur Zwangsvollstreckung überwiesenen Rückstände an kommunal- und Schul- abgaben dringend erinnert.
Hanau am 16. Mai 1887.
Der Königliche Landrath
A. 1080 Gf. Bismarck.
Gefunden: Ein Zeugniß für Schreiner Carl Völker aus Metz. Ein Brille. Baares Geld.
Zugelaufen: Ein brauner Jagdhund mit gelben Abzeichen, w. Geschl.
Zugeflogen: Ein Kanarienvogel.
Vom Wasenmeister am 14. d. M. ei »gefangen: ein schwarzer Spitz; am 17. ein schwarzer Hofhund mit gelben Abzeichen, beide m. Geschl.
Entflogen: Ein Kanarienvogel.
Entlaufen: Ein 14 Tage altes Ziegenlamm. Ein braun und weiß-gefleckt er Hühnerhund, m. Geschl.
Hanau am 18. Mai 1887.
Aus Königl. Landrathsamt.___
^ Ein freisinniger Aufruf.
Von Seiten der freisinnigen Partei ergeht in ihren Blättern ein „Aufruf, welcher angesichts der „bevorstehenden Kornzollerhöhung" die Gesinnungsgenossen „zu thätiger Theilnahme am Widerstand?" gegen diese Maßregel auffordert; dieser Widerstand soll weniger in Petitionen, sondern in der Veranstaltung von Protestversammlungen, in der Verbreitung von belehrenden Schriften und Flugblättern und natürlich in freiwilligen Beisteuern zur Deckung der Unkosten bestehen. Begründet wird der Aufruf mit den bekannten agitatorischen Schlagworten: es wird von der „Sonder- begünstigung der Großgrundbesitzer" durch Zucker- und Branntweinsteuer gesprochen und behauptet, daß dieselbe noch durch die „weitere über die jetzige Belastung der nothwendigen Lebensmittel hinausgehende Besteuerung" vermehrt werden soll; mit „besonderer Wucht werde dadurch die Arbeiter- bevölkerung getroffen", der deutschen Industrie „der Wettkampf mit anderen Ländern erschwert", „der sociale Friede auf's tiefste bedroht."
Mit ähnlichen Aufforderungen wandten sich die Freisinnigen (früher Fortschrittler) im Jahre 1879 an das Volk, wo unter der Forckenbeckschen Parole „Auf die Schanzen!" eine „Antikornzollliga" begründet werden sollte, und im Jahre 1885, wo sie alle Hebel zu einer „Antikvrnzollbe- wegung" einsetzten. Beide Male ohne Erfolg. Diesmal werden sie noch weniger auf Erfolg rechnen können: denn in den Erfahrungen der letzten acht Jahre hat das Volk selbst die besten Beweise in der Hand, mit welchen es ihre Behauptungen zu widerlegen und ihre Vorspiegelungen als völlig nichtig und haltlos zu erkennen im Stande ist.
Die Sonder begünstigung der Großgrundbesitzer ist eine durch nichts begründete Behauptung, welche nur den Zweck hat, die Bevölkerung gegen die großen Landwirthe aufzureizen. Wo sind denn die „Geschenke", welche nach den früheren Behauptungen durch die Getreidezölle den Grundbesitzern in die Tasche geflossen sein sollen? Die Kornpreise find trotz der Zölle »och niedriger geworden und haben die Land- wirthschaft in die größte Enge getrieben. Und wenn die Preise gestiegen waren, wären dieselben dann nicht ungefähr 7 Millionen landwirthschaft- lichen Arbeitern zu Gute gekommen, hätten sich nicht viele große und kleine Besitzer, die inzwischen bankerott geworden sind, gerettet? Ebenso ist es mit dem Zucker und dem Spiritus: die Preise sind fortwährend in einer für die ganze Landwirthschaft bedrohlichen Weise gesunken. Die beabsichtigte Erhöhung der Zucker- und Spirituspreise und der Kornzölle soll das landwirthschaftliche Gewerbe, welches mit etwa 150 Millionen Mark größeren Lasten belegt werden soll, vor dem völligen Untergang schützen und dadurch dem Sinken der Kaufkraft von etwa 20 Millionen Deutschen vorbeugen, nicht aber, wie behauptet wird, die Großgrundbesitzer bereichern.
Die „jetzige Belastung der nothwendigen Lebensmittel": diese Redensart erweckt den Anschein, als ob dieselben kaum
erschwinglich seien. Dabei ist es Thatsache, die jeder bestätigen kann, daß die Lebensmittel in den letzten Jahren sehr viel billiger geworden sind. Und hiervon hat gerade die „Arbeiterbevölkerung" den größten Vortheil gehabt: dieselbe befindet sich in Folge dessen, wie aus dem ganzen Lande übereinstimmend berichtet wird, im Vergleich zu den Arbeitgebern in einer viel günstigeren Lage. Sollten die Lebensmittelpreise in die Höhe gehen, dann werden auch die Löhne sich heben: die Arbeiterbevölkerung würde erst dann mit „besonderer Wucht" getroffen werden, wenn es keine zahlungsfähigen ländlichen oder industriellen Arbeitgeber mehr gäbe.
Der deutschen Industrie soll der „Wettkampf mit anderen Ländern erschwert" werden. Die Hauptsache ist, daß die Industrie im eigenen Lande zahlungsfähige Abnehmer findet, d h. daß die landwirthschaftliche Bevölkerung zahlungsfähig bleibt. Die Kornzölle haben aber thatsächlich auch den Concurr-enzkampf für die Industrie nach außen nicht erschwert, was der wachsende Export beweist. Erschwert wäre ihr der Wettkampf worden, wenn es nach dem Willen der Freisinnigen gegangen und ihr nicht der Schutz zu Theil geworden wäre, durch welchen sie erstarkte.
Und was den „socialen Frieden" anbetrifft, so wird derselbe vorzugsweise durch die fortwährenden Aufhetzungen der ärmeren Klassen gestört, in denen die Freisinnigen den Socialdemokraten förmlich den Rang abzulaufen suchen: den besten Beweis hierfür liefert die demagogische Sprache des Aufrufs selbst.
Wenn die Freisinnigen meinen, daß sie durch den Vorstoß, welchen sie jetzt von Neuem versuchen, im Stande sein werden, die schlaffen Segel ihres Fahrzeugs zu blähen, dann irren sie sich: ihr Vorgehen wird, wie wir überzeugt sind, das Volk nur in dem Urtheil bestärken, welches es durch die letzten Wahlen über sie gefällt hat.
Tagesschau.
P. Aus dem Reichstage. Berlin, 17. Mai. Der Reichstag erledigte in dritter Berathung die deutsch-rumänische Nachtragskonvention, sowie die Gesetzentwürfe, betreffend die Rechtsverhältnisse der Neichsbeamten in den Schutzgebieten und betreffend den Verkehr mit blei- und zinkhaltigen Gegenständen, durch definitive Annahme. Die mit verschiedenen Staaten abgeschlossene Literarkonvention passirte nach einer kurzen Debatte die erste und zweite Lesung. Der Gesetzentwurf, betreffend die Verwendung gesundheitsschädlicher Farben bei der Herstellung von Nahrungs- und Genußmitteln, sowie von Gebrauchsgegenständen, fand im Allgemeinen eine sympathische Aufnahme, es wurde indeß betont, daß ein Ausgleich der sich widerstreitenden wirthschaftlichen und gesundheitspolizei- lichen Interessen hierbei anzustreben sei. Der Gesetzentwurf wurde einer besonderen 21er Kommission zur Vorberathung überwiesen. — Der Schluß der Sitzung wurde mit Wahlprüfungen ausgefüllt und dabei eine Anzahl von Wahlen für gültig erklärt; nur die Wahl des Abg. Böhm (5. Hessen) wurde dem Anträge der Kommission gemäß beanstandet und beschlossen, den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, über einige der im Protest behaupteten Thatsachen gerichtliche Erhebungen zu veranlassen. Morgen: Petitionen und Arbeiterschutz-Anträge in zweiter Berathung.
Potsdam, 17. Mai. Se. Majestät der Kaiser und König trafen in Begleitung Ihrer Königlichen Hoheit der Großherzogin von Baden heute Vormittag 11 ^2 Uhr auf der Wildpark-Station ein und begaben Sich von dort zu Wagen nach dem Neuen Palais, vor welchem die Besichtigung des von dem Major von Natzmer kommandirten Lehr-Jnfanterie- Lataillons stattfand. Se. Kaiserliche und Königliche Hoheit der Kronprinz, Ihre Königlichen Hoheiten die Prinzen Wilhelm und Alexander, der Prinz Komatsu von Japan, die fremdherrlichen Militär-Bevollmächtigten und ein glänzendes Gefolge wohnten der Besichtigung bei. Nach dem Schluß derselben nahmen Se. Majestät im Neuen Palais das Dejeuner ein und traten dann bei prachtvollem Wetter über Schloß Babelsberg und Neu-Babelsberg die Rückreise nach Berlin an.
Sctlllt, 16. Mai. Der Delegirtentag des Zentralverbandes deutscher Wollwaarenfabrikanten, woselbst über 40 Fabrikstädte und zahlreiche Einzelmitglieder vertreten waren, beschloß einstimmig, an den zuständigen Stellen gegen alle Bestrebungen auf Erhöhung des Wollzolles vorstellig zu werden.