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| 1. Beilage zu Nr. 296 des Hanauer Anzeiger.

t Die Verhandlungen der Militäreommission.

Wer die bisherigen Verhandlungen der Militärcommission mit Aufmerksamkeit verfolgt hat, wird im Zweifel sein, wem er die Palme reichen soll: den Herren Rickert und Richter für die Kunst, mit der sie die Geduld aller nicht auf ihrer Seite Stehenden auf die Probe stellen, oder den anderen Mitgliedern der Commission und den Lesern der Zeitungsberichte für ihre Geduld, mit der sie diese Richter-Rickert'schen Reden anhören oder lesen.

Man stelle sich vor: die Militärverwaltung legt der Commission ein umfangreiches, von unseren ersten militärischen Sachverständigen des Generalstabs und dem Kriegsministerium ausgearbeitetes Material in seinem ganzen Umfange und in voller Offenheit zur Begründung der in der Thronrede als unabweislich nothwendig bezeichneten Forderung der Verstärkung der Wehrkraft vor. Dieses Material so wird jeder Vernünftige urtheilen ist nicht etwa ausgearbeitet, um die Forderung einer Vermehrung der Friedenspräsenzstärke um 41,000 zu rechtfertigen, sondern es ist allmählich und im Laufe der Jahre gesammelt worden und aus demselben ergab sich für die Kriegsverwaltung die zwingende Nothwendigkeit, eine solche Forderung im Interesse des Landes zu stellen. Dieses Material, welches sich auf die Stärke der verschiedenen Heere bezieht, wirv nun nicht nur von der Opposition als nicht beweiskräftig angesehen dergleichen sind wir von jener Seite gewöhnt, sondern es werden demselben sogar mit edler Dreistigkeit die Ergebnisse des Richter'schen Studiums militärischer Schriften entgegengestellt und auf­rechterhalten. Hiermit nicht genug: Herr Richter, der darin von Herrn Rickert secundirt wird, glaubt sich auch als militärischer Organisator versuchen zu können: er meint Alles im directen Gegensatz zu der Kriegsverwaltung, die Vermehrung des Trains sei nicht nothwendig, die Vermehrung der Fußartillerie sei nicht so eilig, das Aufhören der Rekrutenvacanz bei der Cavallerie sei nicht zu rechtfertigen, von einem neuen Jägerbataillon für Sachsen will er gar nichts wissen, von den Militärmusikern, die den Civilmusikern Concurrenz machen, hält er auch

nichts, er fordert zweijährige Dienstzeit und, wenn diese nicht, so doch wenigstens innerhalb des Rahmens der dreijährigen Dienstzeit erhebliche Verkürzung durch Beurlaubungen. Herr Rickert kann die Forderung für

1 die große Vermehrung der Infanterie überhaupt nicht acceptiren, auch kann er die Verstärkung von 312 Bataillonen um je 23 Mann nicht billigen, bestreitet die Zweckmäßigkeit der Ausbildung der Cavalleristen im Monat Oktober und reitet im Uebrigen immerfort auf der Finanz­frage herum: er will durchaus wissen, bei welchen Positionen Ersparnisse eintreten können, obwohl immer und immer wieder ihm die Unmöglichkeit solcher entgegengehalten wird.

Sechs Sitzungen sind in dieser Weise mit Rede und Gegenrede ausgefüllt worden, ohne daß es bisher zu einem Beschluß kam. Die freisinnigen Redner haben fortwährend Einwände bei der Hand, ohne den Willen, sich belehren zu lassen. Offenbar glauben sie, mit der Uner- müdlichkeit und Unerschöpflichkeit ihrer Kritik imponiren und sich den Ruhm militärischer Sachverständiger und sorgsamer Wächter der Steuer­kraft des Volkes erwerben zu können. Wir glauben aber, daß sie sich über die Wirkung ihres Vorgehens in einer argen Täuschung befinden. Denn nur zu durchsichtig ist ihr System der Ermüdong und Verschleppung in einer Frage, bei der es sich um die höchsten nationalen Interessen handelt.

Wie die Köln. Zeitung berichtet, wartet der Kaiser mit Spannung und nachgerade mit einer gewissen Ungeduld auf die Entscheidung. Das­selbe Gefühl ist wie wir überzeugt sind im ganzen deutschen Volke verbreitet. Hat es doch schon die Hoffnung, daß die Friedenspolitik Deutschlands in kräftiger Weise durch eine schnelle und einmüthige Ent­scheidung unterstützt und dem Auslande die Ueberzeugung von der Ein- müthigkeit und Opferbereitschaft des deutschen Volkes durch glatte Er­ledigung der Vorlage beigebracht werde, aufgeben müssen. Wenn die Opposition nichts bewilligen will, so mag sie wenigstens offen sein und ihre Haltung nicht durch allerhand Winkelzüge verschleiern. Der Worte sind jetzt genug gewechselt, laßt uns nun endlich Thaten sehen!

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