welche das Staatsschiff von einer Seite zur andern schleudert, wir wissen, was es für Deutschlands Gedeihen bedeutet, wenn das Steuer in den Handen eines starken, über den Parteien stehenden Kaiser- und Königthums liegt. Dies ist namentlich von den hervorragenden Führern der nationalliberalen Partei, insbesondere von Bennigsen mit größter Entschiedenheit stets betont worden, wenn in dem Programm der Partei, als einer liberalen, in vorderster Reihe der Entschluß zum Ausdruck kam, die verfassungsmäßigen Rechte des Volks vor Schmälerung zu bewahren. Mit dieser Auffassung decken sich auch die neuerdings in nationallliberalen Partei-Versammlungen gefallenen Aeußerungen, aus denen man mit einer merkwürdigen Silbenstecherei einen Wechsel der konstitutionellen Austastungen innerhalb der nationalliberalen Partei nachweisen will. Nicht also nach der Seite des verfassungsmäßigen Rechts ist heute von dem Verhältniß zwischen Regierung und Volksvertretung zu reden, wohl aber nach der Seite des Vertrauens der praktischen Politik. Hier liegt der eigentliche wunde Punkt unserer gegenwärtigen politischen Zustände, und daß jetzt diese Erkenntniß auch innerhalb der conservativen Partei zum Durchbruch kommt, das ist es, was die von der „Conservativen Correspondenz" angeregten Erörterungen bedeutungsvoll macht."
Die (Londoner) „Allgemeine Coprespondenz" meldet unterm 1. November: In der gestern abgehaltenen Vierteljahrssitzung der Handelskammer von Manchester fand eine lebhafte Debatte über die Frage statt, ob die Fortsetzung der Freihandelspolitik weise Seitens Englands sei. Die Schutzzöüner unterbreiten der Kammer folgende Resolution: „Nachdem mehr als 40 Jahre vergebens darauf gewartet worden, daß andere Nationen dem Beispiele Englands folgen und den Freihandel einführen würden, glaubt diese Kammer, daß jetzt die Zeit erschienen sei, Englands Stellung in nochmalige Erwägung zu ziehen." Nach langer Erörterung wurde die Resolution mit 22 gegen 21 Stimmen verworfen.
Vor Kurzem wurde gemeldet, daß Dr. Zintgraff zu Kamerun eingetroffen wäre, um die Erforschung des dortigen Schutzgebietes fortzu- setzen. Dem Vernehmen nach ist Dr. Zintgraff auf ein volles Jahr enga- girt und dem Gouverneur Freiherrn v. Soden attachirt. Erschwert wird die Untersuchung dadurch, daß die das Kamerundelta bildenden Flüsse sämmtlich das Gebirge durchbrechen und tiefe Rinnen bilden. Dr. Zintgraff ist, wie verlautet, zuerst mehrere Male den Wuri hinaufgefahren und befand sich zuletzt auf dem Mungo. Auch der Gouverneur, sowie einzelne seiner Beamten sind schon wiederholt weite Strecken die Kamerunflüsse, so den Wuri und Mungo, hinaufgefahren. Nachdem der Gouvernementsdampfer „Nachtigal" dort eingetroffen ist, sollen die Fahrten noch häufiger gemacht werden. Zunächst wird der Dampfer vom Gouverneur üs Wohnung benutzt, da er die meisten Bequemlichkeiten bietet, und das neue Gouvernementsgebäude nicht vor Februar 1887 fertig gestellt werden kann.
Amberg, 3. November. Die Königl. Gewehrfabrik zählt gegenwärtig wieder über 700 Arbeiter. An der Fabrikation der Repetirgewehre wiro Tag und Nacht gearbeitet und man hofft, in anderthalb Jahren die in Aussicht genommene Zahl von Gewehren fertig zu stellen.
Wien, 5. Novbr. In einer Besprechung der gestrigen Reden der Delegations-Präsidenten sagte die „Presse": die Kundgebung Smolka's sei als eine Warnung im Interesse des Friedens aufzufassen; der Gedanke an eine unmittelbar bevorstehende Aktion sei ausgeschlossen, und der Redner habe wohl im Hinblick auf die Schwierigkeiten des Moments der Thätigkeit der Delegation nur eine Richtschnur geben wollen. Das Blatt ist überzeugt: es werde gelingen, eine Friedensstörung zu verbieten. — Das „Neue Wiener Tageblatt" meint: Smolka habe in dem patriotischen Bestreben, die Forderung des Kriegsministers kräftig zu unterstützen, wohl etwas zu grau gemalt, und es hält sich überzeugt, daß der Minister des Aeußern das Situationsbild mit freundlicheren Farben übermalen werde.
Paris, 5. November. Bei der Budgetberathung befürwortet Andrieux die Einführung eines Zuschlagzolles von 5 Francs auf die Einführung von Cerealien als einziges Mittel zur Herstellung des Gleichgewichts der Einnahmen und Ausgaben.
Paris, 5. November. Die Ernennung Millaud's zum Arbeitsminister ist erfolgt.
Paris, 5. November. Depeschen aus Genua melden, daß daselbst durchschnittlich 15 Cholerafälle auf den Tag vorkommen.
London, 4. Nov. Die sozialdemokratische Vereinigung macht bekannt, daß der für den 9. November beabsichtigte öffentliche Aufzug aufgegeben worden sei; sie ersucht indessen ihre Mitbürger, sich an demselben Tage auf dem Trafalgar Square zu versammeln.
London, 5. November. (K. Z.) Einem Telegramm der Times aus Philadelphia zufolge wählten die Socialisten in Chicago durch Verbindung mit den Demokraten drei Richter. Die Times meint, hierdurch könnten die zum Tode verurtheilten Anarchisten möglicherweise gerettet werden.
Hnll, 4. Novbr. An Bord des nach Newcastle gehörigen, von Alexandria angekommenen Dampfers „Carthagonova" fand heute Nachmittag, während die Ladung gelöscht wurde, eine Keffelexplosion statt, durch welche 6 Personen getödtet und zwischen 20 und 30 Personen verwundet wurden.
Petersburg, 5, Nov. Das Finanz - Ministerium hat gegenüber
mehrfach verbreiteten Zeitungsnachrichten erklären lasten: es sei nicht beabsichtigt, eine allgemeine Erhöhung aller Zölle und Steuern zu beantragen; auch solle keine Erhöhung des Zolls auf schwarzen Thee eingeführt werden.
New-Nork, 3. November. Der Postdampfer „Zeeland", Kapt. Detmet, ist von Antwerpen angekommen.
Reichsgerichts-Entscheiduugeu.
Eine unbegründete Denunziation, durch welche Jemand einen Anderen einer strafbaren Handlung oder Verletzung einer Amtspflicht beschuldigt, kann, auch wenn sie nicht wider besseres Wissen erfolgt ist, nach einem Urtheil des Reichsgerichts, II. Strafsenats, vom 6. Juli d. I., strafbar sein, und zwar wegen Beleidigung aus §. 186 des Strafgesetzbuchs, wenn durch die Denunziation ausschließliche Befriedigung der Rachsucht bezweckt worden war
Uebernimmt Jemand seines Vortheils wegen wissentlich gestohlene Gegenstände behufs Ermittelung ihres Handelswerths zum Zweck des Verkaufs, so enthält seine Handlung nach einem Urtheil des Reichsgerichts, IV. Strafsenats, vom 9. Juli d. I., ein strafbares Mitwirken zum Absatz bei Anderen und macht er sich dadurch der Hehlerei schuldig.
Hat ein Einkommensteuer-Reklamant in Preußen bei der Erörterung seiner Reklamation wissentlich einen Theil seines Einkommens verschwiegen oder zu gering angegeben, so ist er nach einem Urtheil des Reichsgerichts, II. Strafsenats, vom 13. Juli d. I., selbst wenn sein Verhalten alle Erforderniffe eines Betruges enthält, nicht wegen Betruges, sondern nur zu der im §. 33 des Preußischen Klassen- und Einkommensteuergesetzes vom 1. Mai 1851 vorgeschriebenen Vermögensstrafe zu verurtheilen (der vierfachen verkürzten Jahressteuer).
Aus Stadt, Provinz und Umgegend.
—ls. Stadttheater. Freitag den 5. November: „Daniela", Schauspiel in 4 Akten von Felix Philippi.
Seit dem Erscheinen dieses Stückes im verflossenen Jahre haben fast alle besseren Bühnen dasselbe in das Repertoir ausgenommen — kürzlich auch das Berliner Hoftheater — und trotzdem die Preffe mit dem Autor ziemlich scharf in's Gericht ging, mußte doch allerwärts der Erfolg konstatirt werden. Das Publikum sitzt mit Spannung im Theater und folgt mit dem größten Interesse der Handlung. Es wird sich allerdings wohl Mancher fragen, wie kommt eigentlich dieser Doktor Arndt dazu, sich von einer fremden Dame wie ein Schulknabe verhören zu lasten und derselben so ohne weiteres eine schwere Schuld einzugestehen? Oder warum wählt diese Dame zu diesen Verhören eine so späte Abendstunde und trifft Vorbereitungen, welche sie in den Augen des Dieners unbedingt compromittiren müssen. Aber über all' diese Unwahrscheinlichkeiten» hilft uns der Autor durch seine ganz brillante Mache hinweg uud sichert dadurch seinem Schauspiel den Erfolg. — Auch hier fand die gestrige Aufführung ein dankbares Publikum und rief die Hauptdarsteller wiederholt vor die Rampen. Mit großer Empfindung gab Fräul. Bauer die Titelrolle und wenn sie auch an einzelnen Stellen etwas mehr aus sich herausgehen durfte, so war der Gesammteindruck ihrer Leistung doch ein recht guter. Einen vortrefflichen Partner hatte Fräul. Bauer in Hecrn Meixner, welcher mit Wärme den „Eberhard" spielte und namentlich in der großen Scene des 3. Aktes, dem Glanzpunkt des Stückes, Ausgezeichnetes bot. Die dritte Hauptrolle (Doktor Arndt) fand bei Herrn Weltzien einen tüchtigen Vertreter, dem wir gleichfalls unsere Anerkennung aussprechen müssen. Das heitere Element war vertreten durch Frau Frey, welche die „Frau von Auer" mit größter Liebenswürdigkeit und Humor spielte; Fräul. Brüning (Hedwig) sowie die Herren Harder (Malchow) und Hofmann (Nordau), welch' Letzterer sich wieder verschiedene Male versprach. — Den intriguanten „Ehingen" spielte Herr Hecker recht charakteristisch.
Königl. Zeichen-Akademie. In der Bibliothek der Königl. Zeichen-Akademie sind morgen Sonntag von 11—1 Uhr aufgelegt:
1) Meyer's Konversations-Lexikon, Band VI, Liefer. 1 und 2.
2) Vorgeschichtliche Alterthümer der Mark Brandenburg, Lieferung 13—15. , ■ G
3) Eisenwerke, oder Ornamentik der Schmiedekunst des Mittelalters ' und der Renaissance, von I. H. v. Hefner-Alteneck, Liefer. 11 und 12.j
4) Kunstblätter und kunstgewerbliche Zeitschriften. .
5) Goethe's „Reinecke Fuchs" mit Zeichnungen von W. v. Kaulbach.
6) G. Semper — Der Stil in den technischen und tektonischen Künsten oder Praktische Aesthetik.
7) Trachten des christlichen Mittelalters. Nach gleichzeitigen Kunstdenkmalen von J. H. v. Hefnec-Alteneck.
8) F. Jaennicke — Grundriß der Keramik.
9) Th. Lau — Die Griechischen Vasen, ihr Formen- und Dekorationssystem. ,
10) Das Nibelungenlied. Uebersetzt von Karl Simrock. Mit Holzschnitten nach Zeichnungen von I. Schnorr von Carolsfeld.
11) Kunstgewerblich ausgeführte Gegenstände der Kunstgewerbeschule zu Nürnberg.
(Nr. 1—4 sind neu erschienen.)