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Nr. 249.
Samstag den 23. Oktober
1886.
Amtliches.
Bekanntmachung.
Wir machen darauf aufmerksam, daß an unserer Gerichtstafel, an der zu öffentlichen Bekanntmachungen bestimmten Stelle der Gemeinde Langendiebach und in dem Anzeiger des Amtsblattes der Königlichen Regierung zu Cassel Behufs Grundbuchregulirung in der Gemarkung Langendiebach ein Aufgebot von uns erlassen ist.
Langenselbold, den 16. Oktober 1886.
Königliches Amtsgericht.
9919 gez.: Gieb er ich.
Heer und Manchesterthum.
Der Lärm, den die ultramontane und freisinnige Preffe schlug, als — von irgend einer Seite angeregt — der Gedanke einer möglichen gelinden Verstärkung der Wehrkraft Deutschlands erörtert wurde, hat uns wieder einmal darüber belehrt, wie wenig Verständniß immer noch die große Bedeutung des Heeres in einem Theil des Volkes findet und wie tief und festgewurzelt die Irrthümer sind, die sich an die Einrichtung der stehenden Heere seit Jahrzehnten knüpfen. Für die Blätter der genannten Richtungen ist es selbstverständlich, das die Ausgaben für das Heer eine das Volk außerordentlich drückende, ja für dasselbe unerträgliche Last sind und daß Jeder, der seine drei Jahre im Heere zubringt, dadurch einer weit nützlicheren und sowohl für sich, wie für das ganze Wirthschasts- leben des Volkes einträglicheren Beschäftigung entzogen wird. Diese Auffassung, welche wie ein rother Faden das ganze Verhalten der Opposition allen auf das Militär bezüglichen Fragen gegenüber durchzieht, ist von jeher mit so großem Nachdruck vertreten worden, daß auch diejenigen, welche Verständniß und Sympathie für das Heerwesen haben, davon nicht ganz ohne Einfluß geblieben und thatsächlich überzeugt sind von der Größe der Opfer, welche das Volk zu bringen habe, wenn sie auch mit Rücksicht auf die Ehre und Sicherheit des Vaterlandes zu den ihnen abverlangten Opfern gern bereit sind.
Diese Auffassung von der Unwirthschaftlichkeit und Unerträglichkeit der Heeresausgaben, wie von dem Schaden, welcher der nationalen Produktion durch die Entziehung so vieler arbeits- und produktionfähiger Hände erwachse, ist — wie dies in einem neuerdings erschienenen Buche (der erweiterte deutsche Militärstaat in seiner sozialen Bedeutung, von Gustav Tuch; Leipzig, Duncker und Humblot) zutreffend ausgeführt ist — „nichts Anderes als ein Ausfluß Manchester sich er Lehren."
Was ein starkes Heer einem Lande nützen kann, sollte jeder Deutsche wissen. Ganz unermeßlich ist der Vortheil gewesen, welchen Deutschland von seinem Heere gehabt hat. Man braucht darüber weiter kein Wort zu verlieren. Aber es bedarf nicht einmal eines Krieges, um den Werth der in dem Heere steckenden Güter zu realisiren. Das Heer ist eine Schule der Erziehung für viele junge Leute, die ohne diese Schule vielleicht wirth- schaftlich, sozial und sittlich verkommen würden. In der Schrift die „Wehrpflicht" von General von Hartman wird in trefflicher Weise ausgeführt, welchen Einfluß die Disciplin im Heere für das ganze Leben der jungen Leute hat, die damit in ihre bürgerlichen Verhältnisse ein unschätzbares Gut hinübernehmen; es werde hiermit „der unter den Einflüssen der Industrie mit ihrem Siechthum und ihrem Pauperismus fortschreitenden Entartung der Bevölkerung das wirksamste Gegenmittel gegeben." Was aber würde die Folge sein, wenn die vielen auf das Heer verwandten Gelder „gespart", die Steuern vermindert und ein, zwei oder drei Hunderttausend Soldaten entlassen würden? Von den politischen Gefahren, die sich dem Lande eröffnen würden, ganz abgesehen, würde auf dem schon jetzt mehr als überfüllten Arbeitsmarkt ein solches Angebot von Arbeitskräften zu erwarten sein, daß sich die Zahl der Beschäftigungs- und Existenzlosen in gefährlicher Weise vermehren und der Lohn aufs Aeu- ßerste herabgedrückt werden würde.
Wir wollen den weiteren Ausführungen der Tuch'schen Schrift nicht folgen. Es genügt, dem Standpunkt, von welchem aus militärische Fragen namentlich von der Opposition behandelt zu werden pflegen, einmal jene Gesichtspunkte gegenübergestellt zu haben, welche sich von den landläufigen entfernen. Auf anderen Gebieten ist schon längst die Verderblichkeit und Kurzsichtigkeit manchesterlicher Lehren erkannt worden: es wäre zu wün
schen, daß man auch in militärischen Fragen mit dem Einfluß jener Lehren breche und die Bedeutung des Heeres für die Nation allerseits unbefangen würdigen lerne.
Eine bayrische Centrumspartei
ist in Sicht gekommen. Interessant ist dabei zunächst, daß die „Patriotenpartei" damit aus der Welt geschafft werden soll, oder wenigstens der Name, unter welchem der Anhang des Centrums in Bayern sich während der Tage der Kümmerniß des bayrischen Königshauses keineswegs mi- Ruhm bedeckt hat. Die Patriotenpartei war es, welche den Prin-Regent ten Luitpold zur Entlassung des Ministeriums geradezu zwingen wollte. Nachdem sich aber auch für die Patriotenhäupter herausgestellt hat, daß das Vertrauen des Volkes mit dem Regenten ist und daß sie sich selbst in Mißkredit gebracht haben, ist es ganz begreiflich, wenn man den alten Namen über Bord wirft und eine neue Flagge hoch zieht. Die Germania klascht natürlich Beifall, dabei kann sie jedoch eine gewisse Beängstigung nicht verhehlen, daß trotz des Namens bayrische Centrumspartei Herr Windthorst vorher nicht um Rath gefragt wurde und sich eine Partei bilden könnte, die den Hetzereien des Berliner Centrumsorgans weniger zugänglich ist. Der Vorschlag ist auch gerade von demjenigen katholischen Blatt Münchens gemacht worden, mit welchem wegen seiner maßvollen Haltung in Sachen der vollkommenen Befriedigung des Papstes, von der das Handschreiben des Prinz-Regenten Luitpold an das Ministerinm spricht, die Germania in bitterer Fehde gelegen hat.
Tagesschau.
Berlin, 22. Okt. Se. Maj. der Kaiser und König hörten heute den Vortrag des Oberstkämmerers, Grafen zu Stolberg-Wernigerode, und nahmen die Meldungen der Generale der Kavallerie, Graf Wartensleben und Prinz Friedrich Wilhelm zu Hohenlohe entgegen.
Berlin, 21. Oktober. Die Minister haben auf eine Gesammt- Eingabe einer Reihe von Beamten um Aenderung ihres Amtstitels einen scharfen Erlaß an die Bezirksregierungen gerichtet, damit den Beamten die Mißbilligung ihres Verhaltens zu erkennen gegeben werde. So wenig dem Einzelnen die Befugniß beschränkt werden soll, seine Person betreffende Wünsche und Anträge an die Vorgesetzte Behörde zu bringen, so entschieden müsse der Neigung, durch Gesammt- Eingaben dem Vorgehen Nachdruck zu geben, entgegengetreten werden. Für diesmal soll den Gesuchstellern eine Warnung zu Theil werden, bei etwaigen Wiederholungen aber mit Disziplinarmaßregeln eingeschritten werden.
Berlin, 22. Okt. Mit Allerhöchster Genehmigung ist der Beginn des Schuljahres in allen Klassen des Kadetten-Corps für die Folge grundsätzlich auf den 1. April festgesetzt worden. Die Haupt-Termine für die Prüfung und Ausnahme neuer Zöglinge finden demzufolge alljährlich Anfangs April bezw. nach Schluß der Osterferien — und nicht mehr Anfangs Mai — statt. Die näheren Angaben über Zeit und Ort der Aufnahmeprüfungen werden die betreffenden Anwärter bezw. deren Angehörige wie bisher in jedem Einzelfalle vom Kommando des Kadetten- Corps mittelst besonderen Einberufungsschreibens erhalten.
Berlin, 22. Okt. In der am gestrigen Tage unter dem Vorsitz des Staats-Ministers, Staatssekretärs des Innern von Boetticher abgehaltenen Plenarsitzung des Bundesraths wurde über die Anrechnung einer längeren als der gesetzlich pensionsfähigen Dienstzeit bei Festsetzung des Ruhegehalts eines Reichsbeamten, über eine Ergänzung der Bestimmungen, betreffend die Zulassung der aus dem Dienst der Kaiserlichen Marine geschiedenen Maschinisten rc. als Maschinisten auf Seedampfschiffen der Handelsflotte, endlich auf zwei Eingaben wegen Zulassung als Schiffer oder Steuermann auf großer Fahrt beziehungsweise zur Prüfung als Steuermann Beschluß gefaßt.
Berlin, 22. Oktober. (K. Z.) Wie schon gemeldet wurde, ist der russische Botschafter Graf Schuwalow am Dienstag Nachmittag den 19. Okt. in Varzin eingetroffen. Er hat sich dort 24 Stunden aufgehalten und ist gestern Abend mit dem Nachtcourierzuge nach Petersburg gereist. Der äußerliche Anlaß dieser Reise nach Petersburg ist die in den nächsten Tagen dort stattfindende Enthüllung des Kriegerdenkmals, doch ist selbstverständlich, daß der Botschafter gleichzeitig über seine Unterredung