Beilage zu Nr. 224 des Hanauer Anzeiger.
t Praktische Handelspolitik.
Während man in dem größten Handelsstaat der Welt, in England, die Entwickelung Deutschlands auf wirthschaftlichem Gebiete in so hohem Maße anerkennt, daß man in den deutschen Industriellen und Kaufleuten die gefährlichsten Rivalen der englischen erblickt, können unsere einheimischen Freihändler keine Gelegenheit vorübergehen lassen, ohne über den angeblichen Niedergang der deutschen Industrie, den die Schutzzollpolitik ver- veschulden soll, zu klagen und den Thatsachen zum Trotz ihre Principien zu reiten. Mit Worten läßt sich trefflich streiten — da wird unsere gegenwärtige Politik, die, wie der Minister v. Bötticher am Samstag mit Recht iw Reichstag sagte, lediglich eine praktische Handelspolitik ist, zu einer Schutzzollpolitik par excellence gestempelt und kritiklos der schwierige Absatz der Waaren, über welchen in allen Ländern, ob sie dieses oder jenes handelspolitische System befolgen und vorzüglich in Freihandels- läudern geklagt wird, den deutschen Zöllen in die Schuhe geschoben.
So benutzten denn die Freisinnige«, für welche schon lange das Manchesterthum zur Parteisache geworden ist, die Verhandlungen über den deutsch-spanischen Handelsvertrag, obgleich sie ihm sämmtlich ihre Zustimmung gaben, um wieder einmal die Heilkraft ihrer Grundsätze zu preisen. Der Abgeordnete Rickert verwies mit der ihm eigenen Zuversicht besonders auf die Klagen einzelner Handelskammern über den Rückgang des Exports in neuerer Zeit; aber die allgemeine Klage unserer Industrie betrifft weniger das Stocken der Ausfuhr, als die schlechten Preise, bei denen ein Gewinn schwer zu erzielen ist. Thatsächlich ist unsere Ausfuhr gegen früher ganz bedeutend gewachsen und der Rückgang in der letzten Zeit nicht so bedeutend als in anderen Ländern. In der Zeit vom 1. Januar bis ult. Juni 1886 ergibt sich, daß an Roh-, Bruch- und Abfalleisen 43,000 Tonnen mehr ausgeführt wurden als 1885, an Eisen, Ganz- und Halbfabrikat, 61,990 Tonnen mehr als 1885. Die Lage unserer Textilindustrie ist zur Zeit so günstig, wie seit langen Jahren nicht, mit Ausnahme der Baumwollspinnerei. In Wollgarnen sind 1145 D.-C., in Seiden und Halbseiden 450, in Leinen- und Jutewaaren 253 Doppelcentner mehr exportirt; in Holz, Lederwaaren, Wein, Branntwein ist unser Export gestiegen, ebenso in Papierwaaren, Glaswaaren. Wenn trotzdem der Werth unserer Ausfuhr im Jahre 1885 einen Rückgang gegen die Vorjahre aufweist, so beruht der letztere vorzüglich auf dem Rückgang der Waarenpreise. Es gehört doch eine große — Harmlosigkeit dazu, den verminderten Werth der Ausfuhr als Beweismittel gegen die herrschende Wirthschaftspolitik zu benutzen, ohne zu berücksichtigen, daß Vieh, Zucker, Spiritus, Eisen rc., Hauptausfuhrartikel, im Preise so außerordentlich gefallen sind. Sehr treffend war daher die Bemerkung des Geh. Raths Schraut: Wenn wir bei unserer Ausfuhr von 1885 die Preise des günstigsten Freihandelsjahres zu Grunde legten, würden wir auf eine Berechnung von über 4 Milliarden Ausfuhr kommen, eine Zahl, wie sie kein einziges Freihandelsjahr aufweisen kann. Der genannte Commissar der verbündeten Regierungen legte außerdem noch dar, daß es lediglich das Verdienst unserer gesteigerten Waarenausfuhr in den letzten Jahren sei, wenn wir die 600 Millionen Gold, die 1874 bis 1878 in Folge der Unterbilanz der deutschen Ausfuhr im Verhältniß zur fremden Einfuhr in's Ausland geflossen sind, wieder hereinbekommen haben.
Nach alledem bliebe zum Beweise der Schädlichkeit unserer praktischen Handelspolitik nur übrig, darzulegen, daß sie die Preise in der geschilderten Weise so ungünstig beeinflußt habe. Dem steht aber entgegen, daß die Preise nicht bei uns allein, sondern überhaupt auf dem Weltmarkt gesunken sind und daß z. B. in England die Productions- und Lohnverhältnisse theilweise noch viel ungünstiger liegen als bei uns. Außerdem sind ja billige Preise nach freihändlerischen Grundsätzen ein Glück, welches herbeizuführen der größte Vorzug des Bamberger-Rickert'- schen Systems sein soll.
An welcher Stelle man auch die Begründung der Gegner unserer Handelspolitik untersuchen mag, allenthalben stellen sich logische Widersprüche oder Widersprüche mit den Thatsachen heraus.
Reichsgerichts-Eutscheibungen.
— Das Mündel ist, nach einem Urtheil des Reichsgerichts, IV. Crvusenats, vom 3. Mai d. I., befugt, von dem Vormunde, der eine Anlage der Mündelgelder vorgenommen hat, welche der Vorschrift des §. 39 der Vormundschaftsordnung zuwiderläuft und die vorgeschriebene Sicher
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heit nicht gewährt, im Klagewege durch einen ihm bestellten Pfleger zu fordern, daß er diese ihm, dem Mündel, nachtheilige Anlage aufhebe und die anderweite Belegung des Kapitals herbeiführe.
Aus Stadt, Provinz und Umgegend.
— (Preisausschreiben.) Der Verlag des „Universum" (E. Friese) in Dresden eröffnet eine Konkurrenz für literarische Arbeiten zum Abdruck in seiner illustrirten Zeitschrift „Universum" und ladet alle deutschen Schriftsteller und Schriftstellerinnen zu reger Betheiligung ein: 1. Preis: 4000 Mark für die beste Novelle, deren Stoff dem deutschen Familienleben entlehnt ist, jedoch eine geschichtliche Begebenheit oder Person als Hintergrund hat, im Umfange von mindestens 45 bis höchstens 60 Seiten des „Universum". 2. Preis: 2000 Mark für die beste Novelle ohne Beschränkung des Stoffes im Umfange von 24—30 Seiten des „Universum". 3. Preis: 1000 Mark für die beste Humoreske im Umfange von 6—12 Seiten des „Unersum".
Das Preisrichteramt haben: Professor Dr. Georg Ebers, Dr. Ernst Eckstein und die Redaktion des „Universum".
Alle Einsendungen müssen bis zum 1. Februar 1887, Abends 7 Uhr bei der Redaktion des „Universum", Dresden, Pillnitzerstraße 55 eingegangen sein.
Alles Nähere, sowie die Regeln für die Betheiligung an der Konkurrenz enthält das soeben erschienene erste Heft des „Universum", welches von jeder Buchhandlung und direkt vom Verlag des „Universum" in Dresden zur Ansicht frei ins Haus geliefert wird.
— Frankfurt a. M., 23. Sept. Zum Begräbniß Steinle's Nachträglich und unter dem Ausdruck aufrichtigster Theilnahme über den Verlust, welchen die deutsche Kunst durch den Tod Steinle's erlitten, sind auch noch von dem Hauptvorstande der deutschen Kunstgenossenschaft in München, sowie von der Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens, deren Ehrenmitglied der Verstorbene war, Lorbeerkränze eingesandt worden mit der Bitte, dieselben im Namen obiger Gesellschaften am Grabe niederzulegen. — Origineller gütlicher Vergleich: Ein hiesiger Bürger war seit Monaten mit dem Besitzer eines Nachbarhauses in einen Proceß verwickelt, der dem Verlierenden große Summen gekostet hätte Um nun dem Proceß ein rasches Ende zu machen, verlobte der Ersterwähnte seine Tochter mit dem Sohne seines Gegners. Letzterer hatte hierzu den Vorschlag gemacht. — Eine glückliche Operation wurde durch Herrn Dr. R. ausgeführt. Derselbe entfernte ein abgebrochenes Stück Schlundsonde aus dem Magen eines Patienten. (G.-A.)
— Frankfurt a. M., 24. September. Ein junger Tapezierer, welchem beim Zerbeißen einer Haselnuß ein Stück Schale in die Luftröhre gerieth, wurde schon zweimal ohne Erfolg operirt. Jetzt haben die Aerzte alle Hoffnung aufgegeben, den die Lungengefäße zerreißenden Gegenstand zu entfernen. — In einem hiesigen Hotel kehrte vorgestern eine fremde junge Dame ein, sie übernachtete und fuhr am andern Morgen mit dem ersten Zuge nach Süden weiter. Als das Zimmermädchen sich anschickte, das Bett zu machen und die Kissen emporhob, fand sie unter dem einen ein Kästchen, in welchem sich mehrere Brillantringe, ein Medaillon, ein Kreuz in Brillanten rc. befanden. Das Mädchen war noch in die Betrachtung dieser Herrlichkeiten vertieft, als auch schon eine Depesche aus Mannheim eintraf und der Verlust gemeldet wurde. Der Dame konnte zurücktelegraphirt werden, daß die Gegenstände noch sämmtlich vorhanden seien, worauf sie der Finderin als Lohn 100 Mark anwies. — Während sich eine in der F— Anlage wohnende Dame vor dem Spiegel Locken brannte, spielte ihr 12 Jahre altes Töchterchen hinter ihrem Rücken an der auf einem Tische stehenden Spirituslampe. Die Lampe fiel um und setzte die Tischdecke in Brand, auf welcher sich «. A. ein Zwanzigmarkschein und zwei Geldbriefe befanden. Der Schein war nicht mehr zu retten, doch konnten die beiden Briefe gerettet werden. (F-N.)
— Heidelberg, 22. Sept. Seit dem 1. September erschien hier ein neues Blatt, das sich „Heidelberger Neckar-Zeitung" nannte und angeblich in's Leben gerufen worden war, „um einem tiefgefühlten Bedürfniß abzuhelfen." Dieses Bedürfniß scheint aber doch kaum vorhanden gewesen zu sein, denn gestern ist das jüngste — Heidelberger Preßkindlein nach einer Lebensdauer von kaum drei Wochen sanft entschlafen. Die gestrige letzte Nummer bringt die Todesanzeige und dankt zugleich für das Wohlwollen, das dem Blatt seitens des Publikums — versagt worden ist. ________________________
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