— München, 30. Juli. (K. Z.) Fürst Bismarck trifft am Samstag Abend hier ein und ist auf Sonntag zum Essen beim Prinz- re nten eingeladen.
— München, 30. Juli. Die Neuesten Nachrichten bringen folgendes Handschreiben des Prinzregenten an das Ministerium: „Ich habe mich bewogen gefunden, vom 1. August ab das Cabinetssecretariat aufzuheben. Die Besorgung der erforderlichen Kanzleigeschäfte übertrage ich fortan meiner Geheimkanzlei, welche dem Generaladjutanten Freyschlag unterstellt ist."
— München, 30. Juli. Der General der Infanterie Graf v. Bothmer ist heute Vormittag gestorben.
— Stuttgart, 30. Juli. (K. Ztg.) Nach den bisherigen Berichten aus dem fünften Reichstagswahlkreise ist bei der gestrigen Nachwahl der Sieg des nationalliberalen Candidaten zweifellos. Die Gegner desselben waren Retter von der Volkspartei und der Socialdemokrat Lutz.
— Wien, 30. Juli. Von gestern Mittag bis heute Mittag sind an der Cholera in Triest 9 Personen erkrankt und 5 gestorben; in Fiume 1 Person erkrankt.
— Paris, 29. Juli. Die Nordbahn hat den belgischen Socialisten die Bitte, für 10 000 Pariser Socialisten, welche am 15. August der Kundgebung in Brüssel beiwohnen wollen, einen SoNderzug einzulegen, abgeschlagen. — Von der französisch-belgischen Grenze wird eine gewisse Beunruhigung gemeldet und man befürchtet, daß in den Departements du Nord und Pas de Calais Arbeiteraufstande ausbrechen werden. Die Regierung hat Befehl gegeben, den Eintritt in Frankreich über die französisch-belgische Grenze nur solchen Arbeitern zu gestatten, welche genügende Mittel bei sich führen oder sich an einen genau bezeichneten Punkt begeben. Diese Entscheidung soll der belgischen Regierung mitgetheilt und dieselbe gebeten werden, ähnliche Maßregeln zu ergreifen. (K. Z.)
— Paris, 29. Juli. Der „Temps" meldet: „Der Kriegsminister, Herr Boulanger, besuchte heute früh die Werkstätten der Militär- Luftschifffahrt im Parke von Chalais zu Meudon. Er war von dem Chef des Generalstabs, General Savin de Larclause, dem Oberst Peignö und dem Hauptmann Driant begleitet. Nach Besichtigung der Büreaux und der Werkstätten wohnte der Minister der Füllung eines Ballons bei, welche Verrichtung nur mehr wenig Zeit erfordert, Dank der vom Major Reinard vorgenommenen Verbesserung bei der Einrichtung eines Wagens, in dem sich reiner Wasserstöff bildet. Er begab sich hierauf nach der Scheune, wo der neue lenkbare Ballon gemacht wird, und schien über die bei seiner Herstellung vorgenommenen Aenderungen sehr überrascht. Ein von dem Hauptmann Driant bestiegener gebundener Ballon erhob sich sodann bis zu einer Höhe von 400 Metern, um unter den Augen des Ministers eine tragbare Welle manövriren zu lassen."
— London, 30. Juli. Der Advokat Henry Matthews ist zum Staatssekretär des Innern, Oberst Frederick Stanley zum Staatssekretär für Indien und John Manners, welcher zuerst das Ministerium der Posten übernehmen sollte, zum Kanzler für das Herzogthum Lancaster mit Sitz im Kabinet ernannt worden. An seiner Stelle ist Cecil Raikes zum General-Postmeister ernannt worden; Arthur Balfour wird Staatssekretär für Schottland. Die letzten Beiden haben keinen Sitz im Kabinet.
— Fast der ganze Ostabhang des Kamerun-Gebirges soll jetzt unter deutschen Schutz gestellt sein. Dr. Schwarz hat vorigen Herbst im amtlichen Auftrag in das Hinterland von Kamerun eine Reise angetreten und hat trotz der kurzen Dauer derselben mit mehreren Häuptlingen Verträge abgeschloffen, nach welchen sich die Häuptlinge mit ihrem Gebiet der Oberhoheit des deutschen Kaisers unterwerfen. Die Fortsetzung der Reise des Dr. Schwarz sei durch spionirende Boten des Großhändlers King Bell vereitelt worden. Man verspricht sich von dort große Ausbeute an Kautschuk.
— Von Teutschen, die im Missionswerke in Japan thätig find, wird der dringende Wunsch ausgesprochen, daß man ihnen von der Heimath aus eine Biblothek gründen helfe. Der Japaner ist sehr vorsichtiger, um nicht zu sagen mißtrauischer Natur. Mündliche Ueberzeugungsversuche haben nicht immer den gewünschten Erfolg. Er lächelt verbindlich und gibt einem scheinbar Recht. Innerlich aber ist er noch mißtrauisch und hat seine eigene reservirte Meinung. Kann man ihm jedoch ein Buch geben, so ist das mit einem Schlage anders. Ein Buch hat, der Seltenheit wegen, einen geradezu magischen Einfluß auf ihn. Er nimmt es mit nach Hause und ruht nicht, bevor er es durchstudirt hat. Man verlangt nun besonders für die zu gründende Bibliothek: Theologie, Philosophie, Literatur aller Art, Welt- und Spezialgeschichte, Kulturgeschichte 2c , namentlich aber Material für den Anschauungsunterricht. Das Unternehmen wird ohne Zweifel gefördert werden können durch die jetzt in Japan im Gange befindlichen Bemühungen zur Einführung der lateinischen Buchstaben für die Schriftfrage. Von einem nennenswerthen Erfolg der Missionsbestrebungen an sich scheint uns freilich kaum die Rede sein zu können. Die Kultur der ostasiatischen Völker ist eine zu alte, festgewurzelte und eigenthümliche, als daß sich Gemüthsbeziehungen zwischen ihr und dem Christenthums herstellen ließen. Die überraschend schnell ge- diehene Annäherung der Japaner an die Staats- und Gesellschaftsformen
des europäischen Westens, namentlich Deutschlands, widerspricht dieser Annahme nicht.
— New-D ork, 28. Juli. Der Postdampfer „Westernland", Kapt. Rändle, ist von Antwerpen angekommen.
Aus Stadt, Provinz und Umgegend.
Hanau, den 31. Juli 1886.
— (H a nd e l s k a m m e r b e r i ch t.)
„Verkehrswesen".
(Fortsetzung.) Die auch für den hiesigen Platz überaus wichtige Frage der Errichtung einer zweiten ermäßigten Stückgutklasse, wobei wir bekanntlich den Standpunkt vertreten, daß keinerlei anderweite Frachterhöhung als Compensation eingeführt werden darf, ist im abgelaufenen Jahre leider noch nicht zur Erledigung gekommen. Wir wiesen bereits in unserem vorjährigen Berichte nach, daß Seine Exellenz Minister Maybach der Angelegenheit sympathisch gegenübersteht, doch scheinen bei den süddeutschen Bahnen Schwierigkeiten zu bestehen Und bedauerliche Verzögerungen herbeizuführen.
Auf die einzelnen Verwaltungen übergehend, erwähnen wir, daß bei der
Königlichen Eisenbahn-Direction Frankfurt a M. drei Sitzungen des Bezirks-Eisenbahnrathes im Berichtsjahre abgehalten wurden.
Aus dem Protokolle derselben heben wir Folgendes hervor:
Ueber Beseitigung des Frachtzuschlages für sperrige Güter ist nach Mittheilung der Königlichen Eisenbahn-Direction noch keine Beschlußfassung der General Conserenz der deutschen Bahnen ergangen. Wir bemerken hierzu, daß unser Platz an der günstigen Erledigung dieser Frage großes Interesse zu nehmen hat. Verschiedene Industrien, z. B. die Cigarren- kistchen-Fabrikation sind in der Ausdehnung ihres Absatzes von dem Wegfall des Sperrzuschlags wesentlich beeinflußt.
Ein Antrag: Butter als Eilgut zum Frachtgutsatze zu befördern, wurde der Prüfung der Königlichen Eisenbahn-Direction empfohlen.
Lange Discussion erforderte die Frage der Ermäßigung der Getreide- frachten von den östlichen Provinzen nach dem mittleren und westlichen Deutschland. Die Ermäßigung sollte in der Weise stattfinden, daß die von Bromberg nach Berlin bestehenden Staffel-Tarife nach dem Süden und Westen zu erweitern waren. Diesen Ausnahntetarifen liegen, während die Normalen Streckentaxen des Specialtarifs I. für Getreide 0,45 M. betragen, folgende Einheitssätze zu Grunde:
für 100 Kilogramm und 1 Kilometer:
auf Entfernungen
von
H
401—550 451—500 501—550 551 — 600 601 — 650
Kilometer
Vom Minister
von der
Mehr als 650
- 0,37
= 0,36
- 0,35 - 0,34
--- 0,33
--- 0,32
Pfg.
öffentlichen Arbeiten standen die beiden Haupt-
fragen zur Beantwortung: ob der Ausdehnung dieses Tarifs wichtige wirthschaftliche Interessen anderer Landestheile gegenüberstehen und ob da der Ausschluß fremder Products von den zu gewährenden Frachtermäßigungen nicht angängig sei, auch daraus sich Bedenken gegen die Maßregel ergeben würden. Zur Beurtheilung dieser Fragen lag noch ein reichhaltiges statistisches Material, sowie die Beschlüsse der zur Vor- berathung eingesetzten Kommission des Bezirks-Eisenbahnraths vor. Derselbe sprach sich nach längerer Debatte mit allen gegen 3 Stimmen für Bejahung der beiden Hauptfragen aus, lehnte also die Ausdehnung der Staffeltarife vornehmlich im Interesse der Landwitthschaft und Mühlen- industrie des Bezüks ab und nahm ferner den folgenden Antrag des Herrn Consul Puls an: Der Bezirks-Eisenbahnrath ersucht die Königliche Eisenbahn-Direction eine Untersuchung über die Wirkungen des bestehenden Staffeltarifs für Getreide im Osten auf die wirthschastlichen Interessen des Directionsbezirks Frankfurt a. M. zu veranlassen. Unser Vertreter stimmte in Gemeinschaft mit denjenigen der Städte Mainz und Offenbach als Minorität. Bei der vorzugsweise» industriellen Thätrgkert, welche uns zu vertreten obliegt, acceptiren wir alles was zur Verbillizung der Lebensmittel beitragen kann und hierzu rechnen wir, wenn auch nur von geringem Einflüsse, die von der Königlichen Eisenbahn-Verwaltung in Aussicht genommene Frachtermäßigung.
Aus der Sitzung vom 17. März 1886 ist mitzutheilen, daß in derselben die Neuwahlen für den Landes-Eisenbahnrath vorgenommen wurden, zu welchem der Bezirks-Eisenbahnrath 3 Mitglieder zu ernennen hat. Für unsere Stadt ist die Wahleintheilung des Landes-Eisenbahnrathes insofern ungünstig, als der Industrie und Handelsthätigkeit unseres Regierungsbezirks keinerlei Vertretung zusteht. Der Regierungsbezirk Cassel hat lediglich aus den Kreisen der Land- und Forstwirthschaft einen Abgeordneten zu entsenden. Für die nächste Wahlperiode empfehlen wir entsprechende Abänderung geneigtest in's Auge zu fassen.