gesetzgeberischer Versuche aus dem Gebiete des Eisenbahnwesens überhaupt, bei deren Erörterung sich immer wieder die Tariffrage in den Vordergrund schob. Die große Mehrheit der Bevölkerung ist mit der Tarifpolitik der dortigen Privalbahnen unzufrieden, und man wünscht immer dringender Gesetze, durch welche die Eisenbahnen gezwungen werden sollen, die erkannten Mißstände zu beseitigen. Freilich bis jetzt mit recht geringem Erfolge.
In Frankreich sind es kaum 2^2 Jahre her, daß man die ganzen Eisenbahnverhältnisse auf neue Grundlage stellte. Nach langem Kampfe trugen die mächtigen Privatbahnen einen glänzenden Sieg über die Regierung davon. Diese sicherte ihnen und ihren Actionären die bisherigen Einnahmen in Form garantirter Dividenden, schenkte ihnen zahlreiche, mit schwerem Gelde gebaute Bahnen und unterstützte sie bei dem weiteren Ausbau von Neben- und Zufuhrbahnen. Die Gegenleistung der Actiengesellschaften waren — Versprechungen, Vertröstungen auf die Zukunft, u. Ä. in der Tariffrage. In Briefen an den Minister der öffentlichen Arbeiten — nicht etwa in den mit der Regierung abgeschlossenen Verträgen — gelobten die Bahnen, die gerügten Beschwerden zu beseitigen, ein neues, einfaches Tarifsystem aufzustellen, die Differenzialtarife, vor Allem solche, durch welche die fremde Einfuhr begünstigt wurde, aufzu- heben u. dgl. Die Regierung und die Mehrheit der Volksvertretung war — vertrauensselig genug, an die Erfüllung dieser Versprechungen zu glauben. Von den sechs Gesellschaften aber haben vier bis jetzt ihre alten Tarife einfach beibehalten, eine (die Ostbahn) hat einen neuen und wie es scheint befriedigenden Tarif, die mächtige Mittelmeerbahn aber hat einen Tarif eingeführt, welcher die Handels- und Verkehrsverhältnisse ihres Gebietes vollständig auf den Kopf stellt. An die Beschwerden über diesen Tarif knüpften Verhandlungen der Deputirtenkammer an, welche sich im Februar und März d. J. über nicht weniger als neun Sitzungstage erstreckten und mit Annahme einer Resolution endigten, in welcher die Regierung zur Wiederaufnahme der Verhandlungen mit den Gesellschaften aufgefordert und außerdem die Einsetzung einer besonderen Commission zur Ausarbeitung von Vorschlägen eines Tarifgesetzes vorgesehen wurde. Etwa vier Monate sind seitdem vergangen, ohne dass über die Thätigkeit dieser Commission etwas verlautet hat. Es wird daher auch wohl jetzt wieder in Frankreich alles so bleiben, wie es eben ist.
In den Vereinigten Staaten quält man sich seit beinahe zehn Jahren ab, ein Bundestarifgesetz, ein Gesetz, betreffend die Regelung des Verkehrs zwischen den Hundesstaaten, wie man dort sagt, zu Stande zu bringen. Die Initiative dazu wird einmal in der Repräsentantenkammer, ein anderes Mal im Senat ergriffen — bis jetzt ohne allen praktischen Erfolg. Der neueste, vom Senator Cullom nach Abhaltung einer längeren, gründlichen Enquete eingebrachte Gesetzentwurf ist zwar im Senat angenommen, in dem Ausschuß der Repräsentantenkammer aber sehr wesentlich geändert, so daß sein Schicksal noch ganz ungewiß ist. Sollte aber auch ein Gesetz wirklich zu Stande kommen, welches schädliche Differenzialtarife, heimliche Frachtbegünstigungen und dergleichen bei strenger Strafe verbietet und eine besondere Aufsichtsbehörde schafft — wie wird es mit der Ausführung eines solchen Gesetzes? Werden die dortigen Eisenbahnkönige sich gutwillig der neuen Behörde unterwerfen? Einstweilen sieht es mit den Tarifen in den Vereinigten Staaten schlimmer aus, als je zuvor, und die Unzufriedenheit ergreift immer weitere Kreise.
In England hat die Regierung dem Parlament ein Tarifgesetz vorgelegt, welches zunächst einmal die ganze Entrüstung der Eisenbahnen wachrief, es dann aber doch zu einer zweiten Lesung — am 6. Mai d. J. — brächte. Diese hatte wenigstens das Verdienst, wieder etwas mehr Licht auf die dortigen thatsächlichen Zustände zu werfen. Und diese sind, trotz aller Untersuchungen, wahrlich nicht schön. Der Director der London-Nothwestern-Eisenbahn hat selbst erzählt, daß diese Bahn allein Frachtsätze für 2000 Artikel habe und daß für dieselben nicht weniger als zwanzig Millionen Frachtsätze beständen. Die Tarife sind für das Publikum gänzlich unverständlich. Es fehlt jede Möglichkeit, zu contro- Uren, ob die concessionsmäßigen Maximaltarife eingehalten sind, da die Tarifsätze willkürlich mit den Expeditions-, den Staatskosten, den Neben- gebühren zusammengeschmolzen werden und man also gar nicht wissen kann, welcher Betrag des Gesammtsatzes auf die reinen Frachtsätze entfällt. Vor Allem aber führt man bittere Klage über die Begünstigung der Einfuhr fremdländischer, den heimischen gleichartiger Erzeugnisse durch die Eisenbahntarife; und das in England, bekanntlich dem Ideal unserer Freihändler! Die Eisenbahnen selbst aber können auch dagegen nichts erwidern, wenn man ihnen die Höhe ihrer Frachtsätze im Vergleich zu denen anderer Länder, insbesondere auch Deutschlands, entgegenhält. Der Gesetzentwurf sollte nr« in einer Commission durchberathen werden. Da aber seitdem das Parlament aufgelöst ist, so blieb auch dieser Versuch, im gesetzgeberischen Wege Mängel des Eisenbahnwesens zu beseitigen, ohne alles Ergebniß.
Wir sehen also in allen drei Ländern Unzufriedenheit mit den bestehenden Tarifen und bisher vergebliche Versuche, durch gesetzgeberische Maßnahmen Abhilfe zu schaffen. Welch' einen Gegensatz hierzu bilden unsere heimischen Zustände! Gerade die eingehenden Erörterungen, welche in beiden Häusern
unseres Landtages über die vorjährigen Verhandlungen des Landeseisenbahnrathes gepflogen sind, haben wiederum bewiesen, daß zwar unsere Staatsbahnverwaltung nicht alle Wünsche auf diesem Gebiete befriedigen kann — wie wäre dies überhaupt möglich? — daß aber im Ganzen das Land mit der Entwickelung, welche die Eisenbahntarifverhältnisse seit der Verstaatlichung genommen haben, wohl zufrieden ist. Die Oeffent- lichkeit, Stätigkeit und Gleichmäßigkeit der Tarife werden durch die bestehenden Einrichtungen verbürgt. Bei der Zulassung von Ausnahmetarifen wird nicht mehr nach Willkür und nach den einseitigen Interessen der Eisenbahnen oder gar einflußreicher Privater, sondern nach bestimmten Grundsätzen verfahren, in welchen die Berücksichtigung der wirthschaftlichen Interessen des Landes ihren Ausdruck findet. Alle wichtigen neuen tarifarischen Maßnahmen werden erst nach Berathung mit den aus den Kreisen der Interessenten und Sachverständigen gebildeten Körperschaften in's Leben gerufen. Die Ueberzeugung, daß wir uns mit Einführung des Staatsbahnsystems auf den richtigen Weg begeben haben, um in nachhaltiger und wirksamer Weise den Uebelständen entgegenzutreten, welche heute noch in den Ländern des Privatbahnsystems den Gegenstand unaufhörlicher Klagen bilden, diese Ueberzeugung findet im Lande immer zahlreichere Anhänger.
Tagesschau.
— Der „R. u. St.-A." Nr. 159 veröffentlicht in seiner ersten Beilage: Freundschafts- und Handelsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und der Südafrikanischen Republik, vom 22. Januar 1885.
— Berlin, 9. Juli. Dem Kaufmann Rudolf Abel in Stettin ist das Exequatur als Königlich sächsischer Konsul daselbst erheilt worden.
— Berlin, 8. Juli. Ein Bericht der Petitionskommission des Reichstags über eine vom Verbandstag der Thierschutzvereine ausgehende Petition in betreff der Schlachtfrage ist nachträglich zur Ausgabe gelangt. Die Petition bittet zur Vermeidung unnöthiger Thierquälereien um den Erlaß reichsgesetzlicher Vorschriften, wonach Schlachthiere nur nach vorausgegangener Betäubung durch Blutentziehung getödtet und das Schlachten überhaupt durch geprüfte ermächtigte Personen und in allgemeinen Schlachthäusern nur durch angestellte Schlächter ausgeführt werden darf. Die Petition wurde mit 13 gegen 2 Stimmen dem Reichskanzler zur Erwägung üherwiesen. Die Frage gewinnt noch dadurch an Interesse, daß sie die jüdischen Ritualvorschriften über das Schlachten von Thieren berührt.
— Der „Reichs-Anz." veräffentlicht das Ergebniß der Wahl von vier nicht ständigen Mitgliedern des Reichsversicherungsamtes. Es sind gewählt worden: Commerzienrath Häßler in Augsburg, Bergwerksdiv«tvr Hikt in Aachen, Werkmeister Christ in Gladbach und Hutmacher Kämpfe in Bamberg.
■— Der „Hamb. Corr." berichtet, daß technische Vorarbeiten für den Nord Ostsee-Kanal schon begonnen haben. Es findet dieser Tage eine Bereifung der ganzen Strecke, welche der Canal durchschneiden soll, von Seiten des Geheimraths Baensch, vortragenden Raths im Ministerium der öffentlichen Arbeiten, statt. Begleitet wird derselbe auf dieser Reise, die theils per Schiff (mit dem Regierungsdampfer „Triton"), nämlich auf dem jetzigen Eidercanal, theils per Wagen durch die Land- districte erfolgt, von dem Regierungs-Baurath Fülscher aus Schleswig und dem Baurath Edens aus Rendsburg.
— Basel, 9. Juli. Der gestern Abend zehn Uhr von Chauxde- fonds nach Viel abgegangene Eisenbahnzug entgleiste zwischen Convers und Renan. Die Locomotive grub sich in den Bahnkörper ein und die Wagen stauten sich aufeinander. Von 55 Passagieren sind 3 schwer und 8 leicht verletzt.
— Wie man der „Polit. Corr." aus Paris meldet, wird das französische Cabinet der von Rußland verfügten Aufhebung der Freihafenstellung von Batum gegenüber eine vollständig indifferente Haltung beobachten und beabsichtigt dasselbe nicht, sich einer eventuellen diplomatischen Action in dieser Frage anzuschließen. Die gleiche Reserve beobachtet das französische Cabinet in der bulgarischen Frage und entbehrt die Meldung, daß Frankreich die diesbezüglichen diplomatischen Schritte Rußlands zu unterstützen geneigt sei, der Begründung.
— London, 8. Juli. Nach Meldungen aus Cardiff kam es daselbst in der vergangenen Nacht, bei der Verkündigung des Resultats der stattgehabten Parlamentswahl, zwischen den Anhängern der einander ge- genüberstehenden Parteien zu Thätlichkeiten, sodaß die Polizei einschritt und von der Waffe Gebrauch machte. Die Zahl der Verwundeten, unter denen sich auch viele Frauen befinden, wird auf nahe an hundert angegeben; mehrere Personen sind schwer verletzt.
— Petersburg, 9. Juli. (F. N.) Ein Kommunique des „Regierungsanzeigers" sagt: Die Aufhebung des Freihafens von Batum sei keine Verletzung des Berliner Vertrages. Der betr. Vertragsartikel enthalte nicht das Ergebniß eines Abkommens der Mächte, sondern nur die spontane Erklärung Rußlands, einen Freihafen einzurichten. Nach Abschaffung des Transitverkehrs biete Batum den anderen Mächten keinen Vortheil für den Waarenaustausch Europas mit Persien.
— New-Uork, 7. Juli. Die Wracker, welche bei dem gescheiterten