Beilage zu Nr. 158 des Hanauer Anzeiger.
NR. Die Ablehnung der Reichsbeihilfe
für die im Jahre 1888 in Berlin projectirte nationale Ausstellung durch den Bundesrath wird von Berliner Blättern noch immer in abfälliger Weise besprochen. Die meisten derselben haben eben verlernt, in objectiver Weise zu urtheilen, sie sind gewöhnt, nur den Eingebungen des Parteigeistes Folge zu leisten und übersehen die thatsächlichen Verhältnisse besonders da, wo es sich um ihre eigenen Interessen handelt. Sie beschuldigen die preußische Regierung, ihren Einfluß im Bundesrath zu Gunsten der Angelegenheit nicht genügend geltend gemacht zu haben. Aber für dieselbe war nicht nur objective Erwägung, sondern auch vorsichtige Zurückhaltung geboten. Es wäre politisch sicherlich nicht richtig gewesen, im Interesse der Landeshauptstadt einen Druck auf die Entscheidung der anderen Bundesstaaten auszuüben. Die Auspizien vor der Entscheidung waren ferner derartige, daß innerhalb der deutschen Industrie selbst Uneinigkeit über den Ausstellungsgedanken constatirt werden mußte. Ein erheblicher Theil und zwar nicht bloß der Großindustrie, sondern auch des Kleingewerbes, verhält sich völlig ablehnend gegen die geplante Ausstellung. Die Berliner Blätter richten ferner ihre Angriffe gegen die Industriellen, welche das Zustandekommen der Ausstellung durch ihr entgegengesetztes Votum vereitelt haben sollen. Aber sollte man die Vorwürfe nicht vielmehr gegen dieselben richten, welche den Plan dieser Ausstellung zu verwirklichen unternahmen, ohne sich vorher vergewissert zu haben, daß derselbe auch in der deutschen Industrie ausreichenden Anklang gefunden? Ohne Fühlung mit den maßgebenden Kreisen der Industrie, die nicht einmal darüber gehört wurden, ob die Zeit bis 1888 hinreichend für Vorbereitung und Fertigstellung wirklich guter, sehens- werther Ausstellungsstücke ist, mußte der Plan auf unüberwindliche Hindernisse stoßen. So kann es nicht Wunder nehmen, daß u. A. sich sämmtliche Handelskammern des Königreichs Sachsen mit Bestimmtheit gegen die Veranstaltung der Ausstellung ausgesprochen haben, daß selbst die Thürischen Gewerbekammern, in welchen die Vertretung des Mittel- und Kleingewerbes überwiegt, fast ausnahmslos gegen die Abhaltung der Ausstellung waren. Von 191 seitens der badischen Regierung befragten Industriellen befürworteten dieselbe nur 26, weitere 30 erklärten, die Ausstellung, wenn sie zu Stande käme, wohl beschicken zu wollen, riethen indessen davon ab; 91 dagegen erklärten, unter keinen Umständen sich zu betheiligen, während indessen der Rest eine Erklärung überhaupt nicht abgab. Unter diesen Umständen kann man sich doch nicht wundern, daß gerade bei einer objectiven Erwägung der Angelegenheit und der Stimmen, welche sich dafür und dagegen aussprachen, ein Resultat zu Stande kam, welches nur der eigenen Meinung der industriellen Majorität entsprach.
Zeitungsstimmen.
— Aus Thüringen wird der „Magdeburgischen Zeitung" unter dem 4. Juli geschrieben:
„Wie bei den Mittelstaaten, so haben sich auch bei unseren thüringischen Kleinstaaten die Finanzverhältnisse in Folge der Herauszahlungen aus der Reichskasse wesentlich besser gestaltet, wie dies schon vor einigen Jahren durch theilweise Steuerermäßigungen bekundet wurde. Jetzt geht nun Sondershausen mit Dotationen der stark belasteten Gemeinden und Bezirke vor. Dem am 1. Juli eröffneten Landtage ist von der Regierung vorgeschlagen, 75,000 Mark zu diesem Zwecke zu bewilligen. . . . Man mag über indirecte Steuern denken, wie man will, so ist doch nicht zu leugnen, daß gerade die Kleinstaaten durch dieselben gehalten werden. Als vor bald zwanzig Jahren der Norddeutsche Bund in's Leben trat, war die Ansicht eine vielverbreitete, daß die Existenzfähigkeit der Kleinstaaten an der Finanzfrage scheitern müsse, da sie die ungleich höheren Kosten des neuen Bundes und ihren eigenen Bedarf nicht tragen könnten; jetzt zeigt dagegen die Lage der Verhältnisse, daß sie finanziell besser gestellt sind, als vor dem Norddeutschen Bunde. Die Herauszahlungen aus der Reichskasse haben diese günstige Wendung herbeigeführt."
— Im „Schwäbischen Merkur" lesen wir:
„Freisinnig" zu sein und zu bleiben muß man hart erkaufen; man entbehrt das Höchste, man darf sich nicht mitfreuen mit seinen Volksgenossen, wenn Deutschland einen großen Tag des Erfolges feiert. So jetzt, da aus Bremen die deutschen Postdampfer auslaufen nach fernen Küsten. Alle Blätter, mit wenigen Ausnahmen, drücken stolze Empfindung, frohe Erwartung aus; zu den zurückhaltenden gehört natürlich E. Richter's „Freisinnige Zeitung", neu gegründet, aber von Hause aus grämlich und alt. Sie jammert und stöhnt: „Die Festlichkeiten in Bremen zur Eröffnung der Reichspostdampferlinie erstrecken sich auf mehrere Tage und schließen Besichtigungen vieler industriellen Etablissements und Vergnü- |
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gungen aller Art in sich. Natürlich fehlt es auch nicht an den entsprechenden schwungvollen, patriotischen Reden über die Bedeutung der neuen Postdampferlinien. Hier bewahrheitet sich wieder der Spruch von dem, was man sieht, und von dem, was man nicht sieht. Man sieht gegenwärtig in Bremen, daß große Dampfschiffe auslaufen nach^ fernen überseeischen Orten. Aber man sieht nicht, was durch die Subventionirung dieser Schiffe aus der Reichskasse anderen öffentlichen Zwecken an Mitteln entzogen wird. Man sieht nicht"......u. s. w. u. s. w. — Zum schönen Sommertag gehört auch der Unkenruf im Sumpfe; das liegt in der Ordnung der Natur. Beneiden wird darum Niemand den, der diese musikalische Rolle zu übernehmen hat.
Aus Stadt, Provinz und Umgegend.
— Frankfurt a. M., 8. Juli. Der Schuler'sche Männerchor, unter Herrn Musikdirector Klahre's Leitung, wird an dem im nächsten Sommer in Nürnberg stattfindenden großen Sängerwettstreit theilnehmen. Die gesanglichen Vorbereitungen sind hierfür bereits getroffen und hat der Chor mit der Einübung der erwählten Preiscomposition begonnen. — Gestern Abend kurz nach 6 Uhr stürzte ein Mann von der nördlichen Halle des Centralbahnhofes herunter. Er war mit Anbringung eines eisernen Schutzgeländers beschäftigt und ist wahrscheinlich fehlgetreten. Die Höhe, aus der er herabfiel, betrug 24 Meter. Dabei schlug der Unglückliche noch auf eine unten liegende Eisenbahnschiene auf, so daß er arg beschädigt wurde und auf der Stelle todt blieb. Der Verunglückte ist ein vierundzwanzigjähriger Zimmermann aus Sachsenhausen, der zwar unverheirathet war, aber eine alte Mutter zu ernähren hatte. (G.-A.)
— Frankfurt a. M., 9. Juli. Vor einem Hause in der T—gaffe fand gestern Vormittag eine starke Menschenansammlung statt. Veranlassung hierzu gab eine Schlägerei in einem Laden. Ein in der Straße etablirter Tuchhändler wollte einen gegenüber wohnhaften Inhaber eines Weißwaarengeschäfts besuchen, traf ihn jedoch nicht zu Hause an. Er wurde sofort von deffen Reisenden wegen übler Nachreden über ihn zur Rede gestellt. Es kam zu einer Balgerei, bei welcher der Reisende den Tuchhändler in eine Ecke schleuderte, wobei der Letztere auf einen zufällig im Laden anwesenden anderen Firmeninhaber fiel und ihn mit zu Boden riß. Der Letztere wurde derart in Mitleidenschaft gezogen, daß er wegen sehr heftiger Rückenschmerzen sich in ärztliche Behandlung begeben mußte. — Am Untermainquai bestieg vorgestern Abend ein Ehepaar ein Boot, um sich an einer Fahrt auf dem Main zu ergötzen. Das Boot kippte um und die beiden Insassen fielen in's Wasser. Sie wurden durch in der Nähe weilende Schiffer gerettet. Als die von Wasser triefende Frau festen Boden unter sich fühlte, rief sie ihrem Gatten zu: „Laß Dich heimgeie, Du kannst scheen fahren." (F. N.)
— Ems, 7. Juli. Zum heutigen Diner bei Sr. Majestät dem Kaiser hatten die Generäle von Gölten und von Scherff, Graf Matuschka- Greiffenklau und der oldenburgische Kammerherr Graf Wedell Einladungen erhalten. Prinz Nikolaus von Nassau und Gemahlin sind zu mehrtägigem Aufenhalte hier eingetroffen und im Curhause abgestiegen. Der deutsche Militärbevollmächtigte in St. Petersburg, General von Werder, hat gestern Ems wieder verlassen. (Rh. K.)
— Vom Main, 7. Juli. Schon seit vielen Wochen herrscht auf dem Main bezüglich der Schifffahrt ein recht lebhafter Verkehr. Es kommen sehr viele rohe und behauene Sandsteine zu Thal, weil namentlich in Frankfurt und Offenbach lebhafte Bauthätigkeit herrscht. In letzterer Stadt ist besonders auch durch die Erbauung der neuen Brücke starker Bedarf an Baumaterial. Auch viel Brennholz aus dem Fichtelgebirge und Spessart kommt zu Thal. — Die Flößerei bewegt sich schon das ganze Frühjahr und den ganzen Sommer hindurch in ziemlich mäßigen Grenzen, auch ist bis heute keine Aussicht vorhanden, daß sie stärker wird.
— Erbach, 5. Juli. Gestern ist das über 2 Jahre alte Kind des Bernhard St. von hier in einer Hofraithe in die nur 15 Zoll tiefe Pfuhlgrube gefallen und darin, bevor der Unglücksfall wahrgenommen wurde, leider ertrunken.
— Zwingenberg, 6. Juli. Einen sonderbaren Aufbewahrungsort für seine Ersparnisse hatte sich ein ledig verstorbener Mann eines benachbarten Ortes gewählt. 362 Mark 85 Pfg. wurden von seinen Anverwandten unter kleingemachtem Holze und in Streichhölzerschachteln, 102 Gulden und 15 Kreuzer unter Lumpen versteckt gefunden. Das letztere Geld bestand theils aus älteren Münzen, z. B. aus Sechsbätznern, sowie in österreichischen Gulden, halben Gulden, Kronenthalern, Sechsern und Groschen.
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