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Beilage zu Nr. 157 des Hanauer Anzeiger.

t Bersicherungs - Gesellschaften gegen den Wucher.

Es ist bekannt, daß trotz des Gesetzes über die Bestrafung des Wuchers doch noch immer viele kleine Landwirthe und Handwerker von Leuten ausgebeutet werden, welche aus der Nothlage, dem Leichtsinn, der Unerfahrenheit und Unwirthschaftlichkeit derselben Gewinn zu ziehen wissen; der Wucher wird in den verschiedensten Formen, welche die Strafbarkeit des Geschäfts schwer erkennen lassen oder sogar ausschließen, betrieben und stets weiß er Schleichwege und Hinterthüren zu finden, um in die Häuser hineinzukommen, dort Unheil anzurichten und geschickt bei den Thüren des Gefängnisses vorbeizuschlüpfen.

Diesem Uebelstande ist nur dadurch abzuhelfen, daß man dem Wucher den Boden entzieht und Mittel und Wege sucht, um dem be­rechtigten Creditbedürfniß der kleinen Leute besser als bisher Befriedigung zu verschaffen. Die meisten Geschäfte machen die gewerbsmäßigen und wucherischen Geldverleiher in den unteren Bevölkerungsklafsen, weil diese bei bestehenden Kassen nicht immer ihr Creditbedürfniß befriedigen können. Diese Kassen haben ihren Wirkungskreis zum Theil im Lauf der Zeit so weit ausgedehnt, daß sie sich auf Vermittelung ganz kleiner Darlehne gar nicht mehr einlassen; und doch handelt es sich für viele Handwerker und Leute gerade um solche Darlehne: wo es gilt, Rohstoffe einzukaufen, Saatfrüchte und Düngemittel zu beschaffen, den Viehstand zu ergänzen, sind oft nur kleinere Summen nöthig, die wenn man nicht werth- vollere Fabrikate oder Products oft nur zu Schleuderpreisen verkaufen will in der Regel nur von einem Geldverleiher zum Schaden des Borgenden beschafft werden können. Jene Darlehns- und Creditkassen sind dabei auch und mit Recht verpflichtet, sich durch Pfandobjecte oder anderweitige Bürgschaften Sicherheit zu verschaffen, und das bedingt wieder einen zeitraubenden, schwerfälligen Geschäftsgang, ja auch ein Bekanntwerden der Person des Creditsuchenden, was diesen da er meist keine Zeit zu verlieren hat und sein Geldbedürfniß lieber nicht vor Anderen aufgedeckt wissen will in die Arme einesVertrauensmannes" treibt, der kein anderes Interesse kennt, als ihm das Fell über die Ohren zu ziehen.

Soll den kleinen Leute« Handwerkern, Kleinbauern und ebenso auch kleinen Kaufleuten geholfen werden, so werden Darlehnskassen zu errichten sein, welche schnell, ohne zeitraubende Formalitäten, ohne die Beibringung von Pfandobjecten und ohne besondere Bürgschaften kleine Summen vorschießen, also Personalcrdit gewähren. Dies ist aber am besten zu machen durch Bildung engbegrenzter localer Vereinigungen, deren Mitglieder zugleich Darlehensgeber und Darlehensempfänger sind. Diesem Zwecke entsprechen die Raiffeisen'schen Darlehenskassen, welche schon viel Segen gestiftet haben. Neuerdings ist ein anderer, sich in gleicher Richtung bewegender Vorschlag gemacht worden, welcher die Errichtung einer Art von Versicherungsgesellschaften gegen den Wucher bezweckt. Dieser Vorschlag ist in einer kleinen von Ernst Peltz in Simmern herausgegebenen Schrift:Das Creditbedürfniß der Handwerker, kleineren Gewerbetreibenden und Landwirthe" (die das erste Heft einer Sammlung gewerblicher Zeit- und Streitfragen,Meister Martins Haus­bücher" betitelt, bildet) enthalten, welche sich auf vorstehende Erwägungen stützend in verständlicher und verständiger Weise der Bildung neuer localer Vereinigungen zur Befriedigung des Creditbedürfnisses unter den kleinen Leuten das Wort redet. Die Grundzüge desselben mögen an einem Beispiel klar werden. Es bildet sich eine Vereinigung von hundert Personen, von denen sich jede einzelne verpflichtet, wöchentlich 25 Pfg, in eine gemeinsame Kasse zu zahlen. Die Einnahmen betragen mithin Pro Woche 25 Mark oder pro Jahr 1300 Mark; die eingehenden Gelder würden sofort bei einer benachbarten größeren Kasse verzinslich angelegt werden, der auch die Beaufsichtigung des geschäftsführenden Vereins­vorstandes übertragen werden müßte; die Mitglieder erhalten für ihre Beiträge vor der Hand keine Zinsvergütung. Der Verein würde also am Schluß des ersten Jahres über 1300 Mark verfügen: mit dieser Summe könnten im zweiten Jahr an 6 Personen je 200 Mark Darlehen gewährt werden, welche innerhalb vier Jahren mit je 25 Procent zurück­bezahlt werden müssen und nur mäßig verzinst werden dürfen. Darlehne können nur die Mitglieder des Vereins erhalten; die Berechtigung, ein Darlehen zu erhalten, könnte entweder wie dies in England bei den sog. Baugesellschaften der Fall ist unter den Mitgliedern verloost werden, oder aber es müßte der Vorstand des Vereins unter den Credit begehrenden Mitgliedern diejenigen auszuwählen haben, deren Gesuche besonders dringend erscheinen. Die wöchentlichen Zahlungen erfolgen fortgesetzt bis zu dem Zeitpunkt, wo genügend Capital vorhanden ist, um jedem Mitglied wenigstens einmal ein Darlehen in der vorher festgestellten Höhe zu gewähren; erst dann erhalten die Mitglieder von ihrem Geschüfts- antheil Zinsgenuß. Die Aufnahme in den Verein muß, um unsolide Elemente fern zu halten, von gewissen Bedingungen (Ballotage rc.) ab­hängig gemacht werden. Aus demselben Grunde darf der Verein niemals

seinen localen Charakter verlieren; denn nur so ist die persönliche Credit­fähigkeit des Einzelnen zu beurtheilen.

Ob dieser Vorschlag dem vorhandenen Creditbedürfniß durchgreifend Rechnung tragen würde, erscheint allerdings zweifelhaft, und selbst wenn nach zehn Jahren 28 Darlehne ä 200 Mark wie der Verfasser be­rechnet gewährt werden können, so wird dies in den wenigsten Fällen ausreichend sein und viele Bedürftige könnten bis dahin zu Grunde gegangen sein. Immerhin verdient der Vorschlag Beachtung und weitere Ausbildung durch Sachverständige. In jedem Falle ist es erfreulich, daß die Befriedigung des Creditbedürfnisses den Gegenstand der Erörterung in weiteren Kreisen bildet und die Aufmerksamkeit von Männern des praktischen Lebens in Anspruch nimmt: man darf hoffen, daß schließlich dabei ein Weg gefunden wird, der zum Ziele führt._____________________

Das Scheitern der projectirten nationale» Gewerbeans- stellung in Berlin.

Der Bundesrath hat die Beihülfe von drei Millionen Mark, welche für die auf 1888 in Berlin geplante nationale Gewerbe-Ausstellung erbeten wurden, abgelehnt und damit voraussichtlich das Zustandekommen des Unternehmens vereitelt. Daß in denjenigen gewerblichen Kreisen, in denen man sich Vortheil oder Ehre von der Ausstellung versprach, darüber Verstimmung herrscht, ist natürlich. Allein bei ruhiger Ueberlegung wird man sich der Ueberzeugung nicht verschließen können, daß dem ablehnenden Votum des Bundesraths gute Gründe zur Seite stehen. In einer Zeit, wo zur Befriedigung dringender Bedürfnisse im Reich und Staat aufs Neue an weitere Anspannung der Steuerkraft gedacht werden muß, würde eine Aufwendung von solcher Höhe sich nur dann rechtfertigen, wenn von dem Unternehmen ein entsprechender Vortheil für die Nationalwirthschaft in ihrer Gesammtheit sicher zu erwarten wäre. Dies ist aber nicht der Fall. Gerade die wichtigsten Großindustrien gewärtigen von der Schau­stellung im jetzigen Moment keine geschäftlichen Vortheile, halten aber die gegenwärtige Geschäftslage für durchaus ungeeignet, so erhebliche Auf­wendungen, wie sie eine würdige Vorführung ihrer Erzeugnisse bedingen würde, ohne direkten Nutzen zu machen. Sie meinen, daß sie ihre finanziellen Kräfte fest zusammenhalten müssen, um ihre Betriebe im vollen Gange und ihre Arbeiter bei voller Beschäftigung zu erhalten.

Wenn aber gerade zum Theil die hervorragendsten Industriellen unserer wichtigsten Ausfuhrindustrien geneigt sein würden, diesen Bedenken durch Fernbleiben von der Ausstellung praktischen Ausdruck zu geben, andere nur widerwillig und nur soweit, als dies unumgänglich noth­wendig wäre, sich betheiligen dürften, so hätte die Gefahr nahe gelegen, daß die Ausstellung von 1888 keineswegs ein so vollständiges und glän­zendes Bild der heimischen Produktion gegeben hätte, wie dies für die erste deutsche Nationalausstellung im Interesse der Ehre und des Ansehens Deutschlands unbedingt nothwendig ist. Ein zweifelhafter Erfolg oder gar ein Mißerfolg aber müßte Deutschland politisch und wirthschaftlich schwer schädigen und zwar nicht blos die erwähnten ablehnenden Groß­industrien, sondern selbst einen großen Theil derjenigen Gewerbszweige, welche jetzt sich so großen Vortheil versprechen.

Es ist daher ohne Zweifel besser, daß der an sich gute Gedanke einer nationalen Ausstellung in Berlin bis zu einem Zeitpunkt verschoben wird, wo er mit guter Aussicht auf Erfolg und dann zum Nutzen sowohl der deutschen Produktion, als der darin beschäftigten Arbeiter ausgeführt werden kann, während es jetzt ungleich mehr im Interesse der letzteren liegt, daß die finanziellen Opfer, welche die Industrie für die Ausstellung hätte bringen müssen, vermieden werden und aus aller Kraft im Interesse der Gewährung von Arbeitsverdienst auf die Fabrikatiou konzentrirt wird.

Aus Stadt, Provinz und Umgegend.

Frankfurt a. M., 7. Juli. (Aus dem Zoologischen Garten.) Von der Direction wird uns geschrieben: Am 8. und 17. d. M. werden weitere Doppelconcerte mit der Kalkbrenner'schen Capelle stattfinden, dazwischen kommt am 14. ein Feuerwerk des Arrangeurs der Häberlein'schen Feuerwerke in Nürnberg und vom 20. bis zum 1. August werden sechs dressirte Elephanten Vorstellungen geben. Alles dies bei freiem Eintritt für die Abonnenten. Am 8. August feiert der Garten sein Stiftungsfest mit Concert mehrerer Kapellen, Auffahrt des Herrn und Frau Securius mit 5 Luftballons, Illumination und bengalischer Beleuchtung des Thurmes und der Anlagen. Am 4. d. M. fand in dem 4. Polizei-Revier eine polizeiliche Revision der Geschäftsbücher der Trödler, Rückkaufsgeschäfte und Gesindevermiether statt. Meistens wurden die Bücher in Ordnung befunden. Das zum Schutze der Singvögel in den Promenaden angeordnete Einfängen der während der Nachtzeit sich daselbst umhertreibenden Katzen mittelst sogenannten Hasenfallen hat bereits ein recht günstiges Resultat ergeben. Es werden fast in jeder Nacht mehrere Stück Katzen in den aufgestellten 5 Fallen gefangen und der Wasenmeisterei überliefert. (G.-A.)