Beilage zu Nr. 156 des Hanauer Anzeiger.
t Die englischen Neuwahlen.
„Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, dann muß der Prophet zum Berge gehen." In diesem Satz läßt sich der Grundzug der Gladstone'schen Politik gegenüber Irland zusammenfassen. Der Führer der liberalen Partei hat bis vor Kurzem eine ebensolche Zwangspolitik gegenüber Irland empfohlen, wie die Conservativen es gethan, und diese Zwangspolitik hat sich im Allgemeinen als unwirksam erwiesen, insofern sich an der Unzufriedenheit der katholischen Iren und den socialen Mißständen auf der grünen Insel — trotz aller Zugeständnisse in der Pächterfrage — nichts geändert hat. Gladstone will nun den gordischen Knoten des aufrührerischen Sinnes, welcher alle Glieder der irischen Nationalität beherrscht, zerhauen, indem er ihnen eine Art von Selbst- ständigkeit in Aussicht stellt, mit der diese vorläufig zufrieden sein wollen. Damit stellt er allerdings die mehr als achtzig Jahre alten Traditionen auf den Kopf und zugleich fordert er diejenigen heraus, welche an diesen Traditionen zäh festhalten. Das sind aber nicht nur seine langjährigen Parteigegner, die Conservativen, sondern auch ein Theil der Whigs (gemäßigt Liberalen) und diejenige Schattirung von Liberalen, welche in Politik und Volkswirthschaft seit einer Reihe von Jahren immer mehr dem Radicalismus zuneigen, also so ziemlich alle Elemente des englischen Parteilebens. Dafür stützt er sich auf den anderen Theil der Whigs und auf die Parnelliten. In dem am Ende vorigen Jahres gewählten Parlament unterlag er mit seinen Anhängern jener Coalition. Da die Frage, zu deren Lösung er berufen ist, eine sehr wichtige und einschneidende ist, hat er die Königin zur Auflösung des Parlaments veranlaßt, welche am 26. Juni verfügt wurde: das Volk soll jetzt entscheiden, ob es dem Plane Gladstone's zustimmt. Die Wahlbewegung ist jetzt im Gange, seit einigen Tagen haben die Wahlen, die in England etwa vierzehn Tage in Anspruch nehmen, begonnen.
Die Entscheidung, welche somit unmittelbar den Wählern vorgelegt ist, darf als eine der wichtigsten bezeichnet werden, vor welche das englische Volk in diesem Jahrhundert gestellt worden ist. Es handelt sich hierbei um zweierlei: um das Schicksal sowohl der liberalen Partei, als des vereinigten Königreichs Großbritannien selbst. Erstere — vertreten und geführt von Gladstone — will ihre Herrschaft gewissermaßen auf Kosten der bestehenden Verfassung des vereinigten Königreichs befestigen. Denn das Mitleid mit den Iren ist es wahrlich nicht allein, welches Mr. Gladstone zu einem so außerordentlichen Schritt, wie den der Rückgängigmachung der Union, veranlaßt; es ist vielmehr der Wunsch und die Hoffnung, daß sich durch dieses Mittel eine dauernde Herrschaft der liberalen Partei begründen laffe. Und doch sehen wir diese liberale Partei gerade jetzt gespaltener als je, ja, ihre innere Auflösung war die Ursache von Gladstone's Sturz im Juni vorigen Jahres und seiner Niederlage im Unterhause am 7. Juni d. I. bei der Abstimmung über das irische Verwaltungsgesetz. Wie kann — so fragt man sich — Gladstone unter solchen Umständen hoffen, zur Wiederherstellung der Einheit und der Herrschaft der liberalen Partei zu gelangen?
Die Lösung dieses Räthsels ist nicht so schwierig, wie sie erscheint. Gladstone greift zu jenem Ezperiment, um die Auflösung der liberalen Partei aufzuhalten, und nach seiner Rechnung bietet sich ihm hierzu die beste Aussicht. Man erwäge, daß nach dem neuen Wahlgesetz die Zahl der Wähler sich um etwa 2 Millionen aus den niedrigeren Ständen vermehrt hat, in denen der Liberalismus und der sich um Gladstone schaarende Radicalismus sehr viel Anhänger zählen dürfte und welche den feinen Unterscheidungsmerkmalen der liberalen Gruppen nicht zu folgen vermögen. Im vorigen December hat sich die Wirkung des Wahlgesetzes in diesem Sinne noch nicht bemerkbar gemacht, da es bei den damaligen Wahlen an großen Schlagworten und Programmpunkten fehlte. Das wird vermuthlich jetzt anders werden! Weiter aber kommt hinzu, daß diejenigen Whigs und die Radicalen, welche im Parlament von Gladstone abgefallen sind, im Wahlkampfe doch Bedenken tragen werden, selbst gegen die Einheit der liberalen Partei anzustürmen. Die Programmreden ihrer Führer zeigen bereits, daß sie keineswegs das Tafeltuch zwischen sich und Gladstone zerschnitten haben und daß sie unter gewissen Voraussetzungen, die ihnen einen gewissen Einfluß sichern, selbst auf das Prinzip einer irischen Sonderstellung eingehen: die Herrschaft des Liberalismus, die ihnen winkt, ist ja ziemlich verlockend, zumal wenn er sich ihrer Farbe anbequemt. Gladstone beeilt sich schon, Chamberlain und Hartington den Weg zu seiner Unterstützung frei zu machen, indem er erklärt, es solle eben nur über das Prinzip, nicht über die Einzelheiten seiner früheren Vorlage abgestimmt werden. Auch nach anderen Richtungen hin werden sich diese Führer eher gegenseitig Concessionen machen, als daß Chamberlain und Hartington mit den Conser- valiven an einem Strange ziehen werden.
So die Rechnung Elidstone's. Ob dieselbe stimmt, werden die Wahlen zeigen. Fallen dieselben zu Gunsten des Liberalismus aus, so wird abzuwarten bleiben, ob die Jrländer wirklich zufrieden gestellt
werden. Wenn dieselben — und die Erfahrungen, die bisher in Irland gemacht wurden, scheinen dafür zu sprechen — in ihren Ansprüchen weiter gehen, so könnte das Vorgehen Gladstone's leicht den Ideen der völligen Loslösung Irlands von England Vorschub leisten. Daß sich hieraus Gefahren für den Bestand und die innere und äußere Kraft Englands und somit schließlich auch für seine Weltstellung entwickeln können, wird Niemand zu leugnen im Stande sein.
Aus Stadt, Provinz und Umgegend.
— Frankfurt a. M., 6. Juli. Einer in der Kl. H .. straße wohnenden Handwerkersfrau fiel gestern in ihrer Küche ein Stück Decke auf den Kopf. Nachdem sie sich von ihrem Schrecken erholt hatte, ging sie eine Stiege höher und erfuhr, daß die Bewohnerin dieses Stockes auf dem Wassersteine Holz gehackt hatte. Anstatt solche Ungehörigkeit dem Hausherrn zu melden, fiel die Frau über ihre Mitbewohnerin her und riß sie an den Haaren. Leider ging diese Rauferei nicht ohne einen ernsten Unfall ab, denn die in die Wohnung der Holzhackerin eingedrungene Frau lief, nachdem sie ihren Muth gekühlt, dermaßen schnell die Treppe hinab, daß sie mit ihren hohen Absätzen hängen blieb, hinabfiel unv das Bein brach. — Ein neuer Import-Artikel kam gestern aus den La Plata- Staaten hier an. Derselbe besteht aus in Fässern wohlverpackten und gesalzenen Pferdedärmen. (G.-A.)
— Frankfurt a. M. Menschenaffe im Zoologischen Garten. Nachdem bislang von der Familie der anthropoiden Affen nur Orang-Utan und Chimpanse hier vertreten waren, ist es heute den Bemühungen der Direction des Zoologischen Gartens gelungen, den Besuchern dieses Institutes eine weitere Gattung vorzuführen, indem sie einen silbergrauen Gibbon erwarb. An Größe kommt derselbe den obengenannten Menschenaffen zwar nicht gleich, doch übertrifft er sie bei weitem an Munterkeit und Gelenkigkeit. Nur selten gönnt er sich eine längere Ruhe, fast immer findet man ihn in Bewegung, bald wie ein Vogel den Käfig durchfliegend, bald — und dies ist das wunderbarste Bild, welches man sich denken kann — in aufrechter Haltung auf den Hinterbeinen den Käfig durcheilend, wobei ihm die vorderen Gliedmaßen als Balancirstange dienen müssen.
— Frankfurt a. M., 7. Juli. Ein junger Mann aus Eßlingen, welcher damit beschäftigt war, einen Brief zuzumachen, schnitt sich mit dem gummirten Rand des Couverts in die Zunge. Er beachtete die unbedeuterde Wunde nicht weiter, aber am anderen Tage verspürte er Schmerz in der Zunge, welcher sich bis zum dritten Tage derart steigerte, daß er es endlich rathsam fand, einen Arzt zu consultiren. Dieser constatirte eine Blutvergiftung, hofft aber das Leiden ohne eine Amputation beseitigen zu können. — Das 5 Jahre alte Söhnchen eines in der Alten Mainzergasse wohnenden Handwerkers, das sich vorgestern Mittag, auf einem Schemel stehend, damit vergnügte, mittelst einer Thonpfeife Seifenblasen zu machen und zum Fenster hinaussteigen zu lassen, fiel in dem Augenblick, als es gerade die Thonpfeife im Munde hatte, von seinem Standort herab in das Zimmer. Hierbei brach die Pfeife in Stücke und ein Stück von ungefähr 3Vr Centimeter kam dem Kinde in die Speiseröhre. Nach langem Bemühen gelang es, wenigstens das Thonstück in den Magen des Kindes hinabzustoßen. Der Knabe befindet sich bis jetzt noch ganz wohl, doch hat das Stück Thon noch nicht entfernt werden können. (F. N.)
— Darmstadt, 5. Juli. Kaiser Wilhelm hat die Ehrenmitgliedschaft der hiesigen Freimaurerloge zur „Eintracht" angenommen. (O. Mztg.)
— Westerburg, 4. Juli. Gestern gegen Abend entgleiste auf der zwischen hier und Langenhahn gelegenen ziemlich hohen Eisenbahnbrücke ein von Hachenburg kommender Kieszug. Die Maschine rannte sich tief in den Boden, wodurch dieselbe vor dem Sturze in die Tiefe verschont wurde. Zur Hebung der Maschine wurde noch gestern Abend eine Anzahl Arbeiter, darunter auch ein junger Schlosser, welcher in Engers beschäftigt war, requirirt. Letzterer kletterte nun über die geborstene Brücke, wobei das Geländer, sowie der Boden ausbrach und er mit in die Tiefe stürzte, das Genick brach und auf der Stelle todt war. Derselbe ist der Sohn einer Wittwe aus Cöln.
Verloosungen.
Schaumburg-Lipp'sche 25 Thlr.-Loose von 1846. Gewinnziehung am 1. Juli. Auszahlung am 1. Oktober d. J. Hauptpreise: 60 000 Mk. Nr. 23643. 7500 Mk. Nr. 26992. 6000 Mk. Nr 23638. 3000 Mk. Nr. 5054 41509. 1800 Mk. Nr. 44345 50120. 600 Mk. Nr. 11883 14228 27929 41506 50122. 330 Mk. Nr. 5073 14221 18185 23605 25924 33877 41508 46564 50412 51411 57601 58834.
Stadt Venedig, 30 - Lire - Loose von 1869. Ziehung am 30. Juni. Auszahlung am 1. November d. I. Gezogene Serien: Nr. 21 51 73 119 195 225 428 521 524 619 632 682 737 759 918 1048 1189