Beilage zu Nr. 149 des Hanauer Anzeiger.
t Der Ultramontariismus in Bayern:
Noch sind die Acten über den Tod des Königs von Bayern nicht geschlossen, da setzen auch schon die Ultramontanen ihre Hebel ein, um das herbeizuführen, was sie seit Jahren erstrebt haben, nämlich den Sturz des Miuisteriums Lutz und die Uebernahme des Ministeriums durch ultramontane Parteiführer.
Man kann ihnen das nicht verdenken. Sie bilden seit Jahren die Mehrheit — und zwar die geschlossene Mehrheit — in der bayerischen Kammer, und allen Mißtrauenserklärungen, welche den Zweck verfolgten, das Ministerium zu stürzen, war König Ludwig stets entschieden entgegengetreten, indem er wiederholt Anlaß nahm, zu erklären, daß dasselbe sein Vertrauen besäße. Sein Hinscheiden ruft den natürlichen Wunsch und die Hoffnung hervor, endlich die Zügel in die Hand zu bekommen, die ihnen nach ihrer Auffassung schon längst zugestanden hätten. Freilich, diese Auffassung beruht auf der Annahme, daß auch in Bayern ein con- stitutionelles Regime herrsche und daß ein Land nach dem Willen der Majorität der Volksvertretung regiert werden müsse. Gleichwohl scheinen die Ultramontanen zu wissen, daß diese Auffassung anfechtbar ist und daß sie in den bestehenden staatsrechtlichen Verhältnissen keinen Rechtsgrund findet. Deshalb nehmen sie ihre Zuflucht zu dem Mittel, die schwersten Anklagen gegen das gegenwärtige Ministerium zu erheben. Es geschah dies bereits in der Kammer der Reichsräthe und wird vermuthlich in noch verstärktem Maße in der Kammer der Abgeordneten geschehen, wo am Samstag die Verhandlungen über die Regentschastsfrage begannen. In der Kammer der Reichsräthe wurde angedeutet, daß der König schon längere Zeit geisteskrank gewesen fei und daß sich das Ministerium stets zu Unrecht b i den Conflicten auf das Vertrauen des Ministeriums berufen habe.
Derber geht die ultramontane „Germania" vor, welche zweifellos der Auffassung eines Theils der bayerischen Ultramontanen Ausdruck gibt. Das Blatt meint, „einen Haupttheil an der Katastrophe trage vor Gott und der Weltgeschichte das Ministerium Lutz"; dasselbe habe die Vereinsamung des Königs begünstigt und sich das Regieren wohl gefallen lassen, obwohl es Kenntniß von dem Zustande des Königs gehabt habe; es habe eine förmliche „Ministerrepublik" gebildet und erst in dem Augenblick sei es gegen den König eingeschritten, als derselbe plötzlich das Ministerium habe entlassen wollen. Dabei versichert sie, daß das katholische Volk im höchsten Maße über das Ministerium erbittert sei. Offenbar haben ihre Ausführungen den alleinigen Zweck, diese Erbitterung noch zu steigern. Die Natur ihrer Anklagen ist aber eine derartige, daß selbst die größten Gegner des Ministeriums Anstand nehmen sollten, dieselbe zu vertreten. Denn es wird demselben nichts Anderes als Landes- und Hochverrath und ein grenzenloser Eigennutz in die Schuhe geschoben.
Man kann kaum annehmen, daß diese Anlagen von ihren Urhebern selbst geglaubt werden. Hinter diesen unsinnigen Beschuldigungen steht allein das eigennützige politische Interesse, selbst an's Ruder zu kommen, und der Haß gegen ein Ministerium, welches namentlich wegen seiner nationalen Politik den ultramontanen Heißspornen ein Stein des Anstoßes war. Mögen die Ultramontanen in Bayern ihre Zeit für gekommen erachten, so sollten sie doch ihre Herrschaft der ruhigen Entwickelung der Dinge überlassen, aber nicht zu Mitteln ihre Zuflucht nehmen, welche auf den Antritt ihrer eigenen Herrschaft selbst einen sittlichen Makel werfen müssen. Eine durch derartige unsittliche Mittel herbeigeführte Wendung kann nicht von Dauer sein. Was aber die Hauptbeschwerde, die nationale Politik des Ministeriums Lutz, anbetrifft, so werden die Ultramontanen, wenn sie erst am Ruder sind, sehen, daß sie selbst gar keine andere Politik treiben können, ohne sich mit den Verträgen, der Reichsverfassung und mit dem nationalen Bewußtsein des Bayernvolkes selbst in Widerspruch zu setzen. Wir meinen, daß das Reich in Aller Herzen zu fest begründet ist, als daß irgend ein Ministerium irgend eines Staates mit Erfolg versuchen könnte, in ein anderes Fahrwasser einzulenken und dem Reiche das vorzuenthalten, was ihm zusteht. Wollte ein ultramontanes Ministerium in Bayern dergleichen versuchen, so würde es selbst den Ast absägen, auf dem es sitzt.
Aus Stadt, Provinz und Umgegend.
— Frankfurt a. M., 28. Juni. Eine Anzahl amerikanischer Gesangvereine sind mit der „Westphalia" am 23. d. M. in Hamburg eingetroffen, um eine Sommer-Sängerfahrt durch Deutschland zu unternehmen. Sie wollen, wie früher schon mitgetheilt wurve, zunächst in Frankfurt a M. ihre Lieder ertönen lassen und das Niederwald-Denkmal besuchen. Auf der Fahrt veranstalteten sie ein schwimmendes Wohl- thätigkeits-Concert zum Besten der „Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger", das den Ertrag von 300 Mark brächte. (G.-A.)
— Frankfurt a. M., 29. Juni. Ein hiesiger Geschäftsinhaber gerieth vorgestern mit einem seiner Commis in heftigen Streit. Letzterer wurde von seinem Prinzipal in Gegenwart von Zeugen beschimpft und der
Unredlichkeit geziehen. Der Beleidigte wurde in Folge dessen so vom Zorn übermannt, daß er, stch vergessend, dem Chef mehrere Geschäftsbücher nach dem Kopfe warf, wobei ein besonders großes ihn derart unglücklich am Kopf traf, daß er aus einer Wunde blutete. Nach diesem tragischen Schluß des Streites sühnten sich Commis und Prinzipal wieder aus. — Ein Sachsenhäuser war kürzlich von einer hiesigen Firma wegen Nichteinhaltens der ausbedungenen Raten verklagt worden. „Warum zahlen Sie aber auch nicht?" frug ihn der Anwalt des Klägers. Der Sachsenhäuser sah den Fragenden groß an und erwiderte ihm wörtlich: „Wie kenne Se norzt su dumm froge, Sie Olwel. Ei wann ich Geld hätt', dhät ich berappe." — Die Antwort war zwar eine derbe, zog indeß für den Verklagten keine schlimmen Folgen nach sich, weil Alles, selbst der Amtsrichter, sich ob solcher Apostrophe des Lachens nicht enthalten konnten. — Gestern Morgen erschien an einer Thür einer Behausung in der Hochstraße ein Bettler, zog höflichst den Hut und erklärte, daß, wenn man ihm etwas schenke, er dann verspreche, niemals wieder an dieser Thüre zu betteln. Man gab ihm etwas: er zog ein Notizbuch hervor und schrieb etwas auf. Auf die Frage, was er sich denn eigentlich notire, antwortete er: „Ich schreibe mir nur Ihre Adresse auf, damit ich mein Wort halten kann." (F. N.)
— Wiesbaden, 28. Juni. Eine in früheren Jahren im Mittelpunkte des künstlerischen Lebens der Neuzeit stehende Dame, Frau Generalmusikdirektor Meyerbeer, geb. Mosson, die Gattin des berühmten Opernkomponisten, ist heute früh hochbetagt in der „Villa Nassau" verschieden. Die Verewigte wohnte seit einer Reihe von Jahren mit einziger Unterbrechung des Winters 1884/85 hier und in Bad Schwalbach bezw. Schlangenbad. Dieselbe hinterläßt drei Töchter: die Frau Baronin von Korff, die Frau Baronin von Andrian-Werburg und die Frau Professor Richter, letztere die Wittwe des berühmten Malers (Rh. K)
— Ems, 27. Juni. (Vom Hofe.) Se. Maj. der Kaiser erfreut sich andauernd des besten Wohlbefindens. Am gestrigen Nachmittage beehrte Allerhöchstderselbe um VzS Uhr zunächst die zur Kur hier weilende Frau Gräfin Orloff-Tenissoff im Hause „Kaiser Alexander" und danach die Frau Fürstin Bariatinsky im „Russischen Hofe" mit einem Besuche. Nach dem Diner um 7 Uhr Abends machte der Kaiser in Begleitung des Flügeladjutanten Major Prinzen Reuß Heinrich XV!II. eine Spazierfahrt im offenen Wagen lahnabwärts bis in die Nähe von Miellen und wohnte nach der Rückkehr der Vorstellung im Kursaaltheater bei. Heute Morgen nach der Trinkkur begab sich Se. Majestät in Begleitung des Statthalters von Elsaß-Lothringen, Fürsten Hohenlohe, welcher gestern Abend 8 Uhr 46 Min. über Coblenz hier eintraf, in die Kuranlagen und promenirte daselbst längere Zeit. Heute Nachmittag gegen drei Uhr fuhr der Kaiser bei dem gestern Abend nebst Gemahlin hier eingetroffenen Fürsten zu Solms-Braunfels am „Englischen Hof", dem Absteigequartier der fürstlichen Herrschaften, vor und verweilte daselbst längere Zeit. — Demnächst gedenkt Se. Majestät der Kaiser den Besuch Sr. Maj. des Königs von Dänemark, welcher vorgestern auch Ihrer Majestät der Kaiserin in Coblenz einen Besuch abgestattet und sich erst dann hierher begeben hatte, in Wiesbaden zu erwidern. (Rh. K.)
— Offenbach, 28. Juni. (Ueberfall) In der verflossenen Nacht gegen 1 Uhr wurde in der Glockengasse, nahe der Schlosser- schen Liegenschaft, der Sohn des Herrn Pfandmeisters Stieler, welcher ruhig des Weges daher kam und seinem Elternhause zuschritt von einem Menschen überfallen und mit einer Stoßwaffe so übel zugerichtet, daß ärztliche Hülfe sofort in Anspruch genommen werden mußte. Der Verletzte hat 6 Stiche erhalten, von denen 3 lebensgefährlich sein sollen. Wie wir hören hat der Ueberfallene den Thäter erkannt oder doch so genau beschrieben, daß dessen Verhaftung möglich war. Der Thatbestand ist durch Herrn Polizeicommissar Bräunig sofort festgestellt und die Vernehmung des Messerhelden — eines hier in Arbeit stehenden Küfergesellen, dessen Namen wir noch nicht in Erfahrung bringen konnten — angeordnet worden. (Off. Z.)
— Zellhausen, 27. Juni. An der gestern Nachmittag von hier nach Waldürn abgegangenen Wallfahrtsprocession betheiligte sich wiederum der 82jährige Bürger Johannes Müller, welcher diese Wallfahrt nunmehr zum zweiundvierzigsten Male mitmacht. Trotz seines hohen Alters legt der Greis den 14stündigen Weg ohne jegliche Beschwerde zurück. Gewiß eine außerordentliche Seltenheit! (O. M.)
Litterarisches.
P. Merklinghaus, Verwaltungsgesetze für die Provinz H e s s e n - N a s f a u. Mit Regulativen, Jnstructionen rc., Auszügen aus Ministerial-Erlassen und Entscheidungen des Oberverwaltungsgerichts sowie einem Sachregister. Wiesbaden. Verlag von Chr. Limbarth. 8°. II und 349 Seiten. —
Nachdem wir das vorliegende soeben in Wiesbaden erschienene Handbuch über die neuen Verwaltungsgesetze in unserer Prsomz, das schon in