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Nr. 138.
Mittwoch den 16. Juni
1886.
Tagesschau.
— Berlin, 15. Juni. Se. Kaiserliche und Königliche Hoheit der Kronprinz, als Protektor der Kaiser Wilhelms-Spende, Allgemeinen Deutschen Stiftung für Altersrenten- und Kapital-Versicherung, haben den Wirklichen Geheimen Rath v. Wentzel in Berlin zum Präsidenten des Aussichtsrathes der Stiftung zu ernennen geruht.
— Berlin, 15. Juni. Der „R. u. St.-A." schreibt: Die erschütternden Nachrichten aus Bayern, welche der Telegraph gestern übermittelte und Extrablätter sofort überallhin verbreiteten, haben die Pfingst- freude in Trauer verwandelt. Ist es schon an und für sich ergreifend, wenn ein herrlich veranlagtes Menschenleben in geistiger Umnachtung endet, so erweckt das tragische Geschick des Königs Ludwig II. um so innigere Theilnahme, als derselbe zu unserem Königshause in verwandtschaftlichen Beziehungen stand, und in ganz Deutschland die Verdienste unvergessen sind, die er sich um die Einheit des Reichs erworben hat.
— Berlin, 15. Juni. Die Bevollmächten zum Bundesrath, Königlich bayerischen Ministerial- Räthe Freiherr v. Stengel und v. Kastner, sind nach München abgereist.
— Berlin, 15. Juni. Die „Nordd. Allg. Ztg." erklärt die in ' der Wiener „Neuen Freien Presse" enthaltene Nachricht über eine Ein- ' flußnahme des Reichskanzlers bei den bayerischen Vorgängen für Erfindung : und sagt: Der Gedanke, daß das tragische Geschick des Königs Ludwig die Grundlage zu politischen Abmachungen und Berechnungen abgegeben hätte, ist geradezu beleidigend für alle Betheiligten. Die Reichstreue Bayerns und des bayerischen Königshauses ist von dem Wechsel in den maßgebenden Persönlichkeiten unabhängig und einer Sicherstellung durch besondere Bürgschaften nicht bedürftig.
— Berlin, 15. Juni. Fürst Bismarck hat sich heute von Fried- richsruh nach Berlin begeben.
— S. M. Kreuzer „Adler", Kommandant Korvetten - Kapitän von Wietersheim, ist am 14. Juni er. in Gibraltar eingetroffen und beabsichtigt, am 17. Juni cr. wieder in See zu gehen. — S. M. Kanonenboot „Iltis", Kommandant Kapitän - Lieutenant Hofmeier, ist am 14. Juni er. in Aden eingetroffen und beabsichtigt, am 20. deff. Mts. wieder in See zu gehen.
— Die dritte Delegirten - Konferenz der kolonialpolitischen Körperschaften hat Ende voriger Woche in Berlin im „Kaiserhöf" getagt. Herr Denhardt soll seine Ländereien bei Witu in Ostasrika, da er in England keinen Käufer hat finden können, dem deutschen Kolonialverein überlassen haben.
— München, 15. Juni. (K. Z.) Von Kaiser Wilhelm ist dem Prinzregenten folgendes Telegramm zugegangen: „Noch ehe Ich Ew. Kgl. Hoheit Mittheilung beantwortet habe, mit der Sie Nachricht geben von der Katastrophe, die Sie zur Regentschaft Baierns berufen hat, erhalte Ich soeben durch Ihr Telegramm die Mittheilung einer noch größern Katastrophe, die der vorigen ein entsetzliches Ende macht, freilich nur um Ew. Kgl. Hoheit Regentschaft über ein anderes Mitglied Ihres Königl. Hauses hinweg Ihrer hohen Berufung eine neue Verpflichtung aufzuerle- gen. Für Ew. Kgl. Hoheit Mittheilung Meinen treuesten Dank darbringend, spreche Ich Ihnen Meine tiesinnigste Theilnahme bei diesen in so vielen Hinsichten erschütternden Ereignissen aus, von deren Aufrichtigkeit Sie bei unserer so langen Freundschaft gewiß überzeugt sind. Wilhelm." — Von der Kaiserin traf folgendes Telegramm an den Prinzregenten ein: „Wahrhaft überwältigt durch die Nachricht, muß Ich Ew. Königl. Hoheit und den Ihrigen den Ausdruck einer Theilnahme senden, die der tiefen Trauer entspricht, die Ich im Herzen schmerzlich empfinde. Gott helfe Ihnen in so namenlos schwerer Stunde. Augusta."
; — München, 13. Juni. Die Krankengeschichte König Ludwigs 11., welche sich um 20 Jahre zurückverfolgen läßt, berechtigt Herrn von ^dden zu dem ganz bestimmten Schlüsse, daß man hier einen: Fall i licht etwa von einer Geisteskrankheit, die heilbar wäre, sondern von ! Amtlicher Verrücktheit vor sich hat, von unbedingt unheilbarer Verrücktet, einen Fall, ganz und gar übereinstimmend mit der Krankheit, von sicher des Königs Bruder, Prinz Otto, heimgesucht ist. Die Kranken- echichte König Ludwigs weist von jener Zeit an, da er, 1867, seine Ne durch das Land abbrechen mußte, weil er die Scheu, Menschen zu ^ben und gar mit ihnen zu sprechen, selbst nach genossenem Champagner
nicht mehr überwinden konnte, bis auf die letzten Tagen eine sozusagen logische Entwickelungskette auf, in welcher kein einziges Glied fehlt. Der Fall des Königs Ludwig ist nach dem Gutachten des Herrn von Gudden wegen dieser Regelmäßigkeit der Symptome ein geradezu typischer zu nennen, ein solcher, bei welchem für den Psychiatriker, auch wenn derselbe nicht sowohl nach dem Augenscheine, als nach Berichten Dritter zu urtheilen hat, nicht einen Augenblick ein Zweifel aufkommen kann. In den von Herrn von Gudden vorgelegten Berichten wird bestätigt, daß der König schon seit langem „bald vernünftige, bald närrische Stunden hatte, daß aber der letzteren in jüngster Zeit immer mehrere wurden." Der König erging sich in immer häufigeren, manchmal lebensgefährlichen Mißhandlungen seiner Umgebung, er beging Dinge, die nicht niederzuschreiben sind, er fröhnte einer unersättlichen Eßgier, warf die verschiedensten Speisen zusammen, aß nur noch mit den Händen und bespritzte beim Essen das ganze Zimmer. „Dreser Zug allein hat noch gefehlt, dieser Zug schließt das Bild völlig ab," spricht sich Herr von Gudden aus, seitdem ihm vom Leibdiener des Königs berichtet worden, daß derselbe ihm jeden Augenblick gesagt habe, da oder dort liege etwas auf dem Boden; der Diener wußte sich in diesen Fällen immer weniger zu helfen. Denn, wenn er sich nicht bückte, um den angeblich daliegenden Gegenstand aufzuheben, so wurde der König wüthend; bückte er sich aber, so wollte der König den aufgehobenen Gegenstand sehen. Mit der Bestätigung dieser letzteren Halluzination schließt Guddens Bericht und Gutachten über die Krankengeschichte König Ludwigs. (N. W. T.)
— München, 15. Juni. Gestern Abend um 8^2 Uhr fand im Vorhofe des Schlosses Berg durch den Stiftsdecan Türk und drei andere Geistliche die Aussegnung der Leiche des Königs statt, welche darauf in einem Jnterimssarge auf dem vierspännigen Leichenwagen, gefolgt von drei Wagen mit den Geistlichen und den Personen der Begleitung des Königs, nach München übergeführt wurde. Von der Münchener Vorstadt Sendling ab wurde der Zug von einer Abtheilung des 1. schweren Reiterregiments escortirt. Nachts um 1 Uhr 20 Minuten langte der Leichenzug an. Da die Ankunft unerwartet früh erfolgte, fand keine Ansammlung des Publikums statt.
— München, 15 Juni. Die Aufbahrung der Leiche des Königs findet am Mittwoch in der alten Hofcapelle statt. Die Section der königlichen Leiche wurde heute von Professor Rüdinger im Beisein von Professor Grashey, des Hofstabsarztes Halm und des Obermedicinalrathes Kerschensteiner vollzogen.
— München, 15. Juni. In der öffentlichen Sitzung des Reichsrathes waren anwesend sämmtliche Prinzen, sowie Fürst Hohenlohe- Schillingsfürst, die Erzbischöfe von München-Freising und Bamberg, Oberstallmeister Graf Holnstein und alle Minister, außer Crailsheim, welcher der Sektion der Königsleiche beiwohnte. Präsident Frankenstein eröffnete die Sitzung mit einer tief empfundenen Trauerrede über den Hintritt des Königs, welche sämmtliche Reichsräthe stehend anhörten. Staatsminister Lutz gab namens des Ministeriums den Empfindungen tiefster Trauer Ausdruck und verlas sodann im Auftrage des Regenten die Botschaft desselben, worin dieser nach Anhörung des Staatsraths bei den Kammern beantragt, der Regentschaft ihre Zustimmung zu ertheilen, und die Minister beauftragte den Kammern alle wünschenswerthen Aufschlüsse zu geben. Lutz beantragt namens des Ministeriums, diese Aufschlüsse in geheimer Kommissionsberathung geben zu dürfen, andernfalls könne er sich nur für geheime Plenarberathung erklären, eventuell könnte der Kommission die Bestimmung überlassen bleiben, ob die nachfolgende Plenarberathung öffentlich oder eine geheime sein solle. Der Präsident empfiehlt, einen Ausschuß von zwölf Mitgliedern einzusetzen, dessen Verhandlungen alle Reichsräthe unter strengster Geheimhaltung anwohnen können. Der Antrag wird einstimmig genehmigt. Zu Mitgliedern der Kommission werden gewählt: als Präsidenten Frankenstein und Pfretzschner, zu Sekretären Lerchenfeld und Toerring, ferner Fürst Hohenlohe-Oettingen, Erzbischof Steichele, Oberkonsistorialpräsident Staehelin, Graf Quadt - Ortenburg, Freiherr von Prankh, und Dr. Neumayr, zu Ersatzmännern Graf Drechsel und Dr. Hauberschmid. Die Plenarsitzung der Kammer der Abgeordneten beginnt am Donnerstag und wird ebenfalls zunächst die Regierungsvorlage betreffs der Regentschaft zum Gegenstände haben.
(Fr. N.)