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Nr. 110.
Mittwoch den 12 Mai
1886
Bekanntmachungen Königl. Landrathsamts.
In der Zeit vom 17. bis 26. Mai d. Js. finden technische Revisionen der Maaße und Gewichte in der Stadt Hanau statt. Die Gewerbetreibenden werden hierdurch aufgefordert, ihre Maaße rc., soweit deren fortdauernde Nichtigkeit zweifelhaft erscheint, vorher zur aichamt- lichen Prüfung zu bringen. Werden zweifelhafte Maaße bei den Revisionen vorgefunden, fo wird Einziehung derselben bezw. Bestrafung nach §. 369 Nr. 2 des Strafgesetzbuches erfolgen. Den ungestempelten Maaßen gelten diejenigen gleich, deren Aichstempel unkenntlich geworden sind.
Hanau am 14. April 1886.
Der Königliche Polizeidirektor
3238_________________Gf. Bismarck.________________________
Tagssschau.
— Berlin, 11. Mai. Se. Majestät der Kaiser und König nahmen heute militärische Meldungen entgegen und hörten sodann die Verträge der Chefs des Militärkabinets und der Admiralität. Nachmittags um 4 Uhr empfingen Se. Majestät den Oberst-Kämmerer Grafen zu Stolberg-Wernigerode zum Vortrage.
— Berlin, 11. Mai. Prinz Wilhelm hat auf seinem Jagdausfluge nach Ostpreußen zwanzig Rehböcke zur Strecke gebracht; mit den ersten sieben Schüssen erlegte der Prinz sieben Böcke.
— Berlin, 11. Mai. Nachdem das Reichs Versicherungsamt un- ter dem 1. Mai die Bekanntmachung, betr. die W ahl von zwei nicht- : ständigen Mitg liedern des Reichs-Versicherungs amt es seitens der Vorstände der Berufsgenossenschaften erlassen hat, findet auf Einladung der deutschen Buchdruckereigenossenschaft, der Knappschaftsge- | nossenschaft und der sächsischen Textilberufsgenossenschaft am 14. d. Mts. Hierselbst eine Besprechung dieser Angelegenheit statt, wozu die Vorstände aller Berufsgenossenschaften eingeladen sind. Wir bemerken, daß bei der diesmaligen Wahl nur die Vorstände der gegenwärtig bereits organisirten 57 Berufsgenossenschaften wahlberechtigt sind, daß aber die provisorischenj Vorstände der in Bildung begriffenen Fuhrwerks-, Speditions- und Schiff- i fahrts-Berufsgenossenschaften noch nicht zur Wahl zugelassen werden. Die ' Festsetzung des Stimmenverhältnisses der einzelnen Wahlkörper hat das. Gesetz dem Bundesrath übertragen, und auf Grund dessen hat der letztere , in seiner Sitzung vom 15. April d. J. beschlossen, daß das Stimmenver- ; hältniß nach der Zahl der in den einzelnen Berufsgenossenschaften am 1. । April 1886 versicherten Personen bemessen werden soll.
— Berlin, 11. Mai. Der Vorstand des Vereins deut- ich er Eisen- und Stahlindustrieller hielt Anfangs Mai in Berlin eine Sitzung ab, in der auch die Frage der Berliner Ausstellung von 1888 wiederum zur Sprache kam. Es ergab sich, daß der früher; eingenommene Standpunkt unverändert sestgehalten wurde und alle vertretenen großen Werke gegen nur 1 Stimme die Abhaltung einer deutschen nationalen Ausstellung im Jahre 1888 für nicht wünschenswerth erklärten. •— In derselben Sitzung beschäftigte sich auch der Vorstand, * auf Anregung des Zentralverbandes deutscher Industrieller, mit der W ä h- ; rungsfrage und wurde beschlossen, die Frage, ob eine Aenderung der deutschen Münzgesetzgebung erforderlich oder wünschenswerth sei, zu ver- nernen.
Berlin, 10. Mai. Der neue Oberbürgermeister von Düsseldorf, ^^oindemann, ist jetzt, wie der „RH. C." schreibt, ein Mann von o ^yren. Er war nach seinem Austritte aus der richterlichen Carriere zunächst Bürgermeister von Essen, fungirte dann mehrere Jahre lang als Generalbevollmächtigter des bekannten Kohlen-Gewerkes Friedrich Grille und wurde im Jahre 1878 an Stelle des „schwarzen Becker", den er letzt ivieder in Düsseldorf ersetzt, zum Oberbürgermeister von Dortmund . geroalut. Diese Stadt vertrat er auch seit acht Jahren im Herrenhause. . ~7 Auf Grund des Berichtes der drei Misionare, welche im Auftrag oes Baseler Missionscomitös in Kamerun waren, ist die „N. Pr. Z " i ~ der Lage, mitzutheilen, daß der deutsche Gouverneur in Kamerun, I v. Soden, eine freundliche, wohlwollende Stellung zur Mission emmmmt. Er freut sich, wenn recht bald deutsche Missionare kommen
namentlich auch Schulen errichten. Bekanntlich war seitens der | Mystischen Missionare in Gabun (Jesuiten) der Wunsch gehegt und der
Versuch gemacht, Kamerun als Missionsfeld für sich in Beschlag zu nehmen. Aber es wurde die Ausführung dieses Wunsches von Berlin aus verhindert. Jene drei Missionare selbst haben ihre Ansicht dahin ausgesprochen, daß die Baseler Mission diese Arbeit übernehmen solle, da sie, wegen ihrer langjährigen Wirksamkeit und Erfahrung auf der Goldküste, wohl am ehesten dazu berufen sei. Die Zahl der Europäer in Kamerun beläuft sich, wenn man von den Baptisten-Missionaren absteht, auf etwa 35, von denen etwa die Hälfte deutsche Beamte oder Angestellte der Firma Janssen, Thormählen und Wörmann sind.
— S. M. Kreuzer-Korvette „Luise", Kommandant Korvetten-Kapitän Graf von Haugwitz, ist am 10. Mai cr. von Bermuda in See gegangen.
— München, 10. Mai. Ueber den weiteren Verlauf der Angelegenheit der kgl. Cabinetskaffe glaubt die Allg. Ztg. auf Grund zuverlässiger Information mittheilen zu können, daß, nachdem die kurz nach Ostern seitens des Ministeriums mit einer größeren Anzahl von Abgeordneten bezüglich einer Crevitvorlage an den Landtag gepflogenen vertraulichen Verhandlungen zu einem entschieden negativen Resultat geführt, das Gesammtstaatsministerium sich, unter dem 6. d. M. veranlaßt gesehen hat, sich mit einer die beklagenswerthen Mißstände der k. Kabinets- kasie und deren unabwendbare Folgen offen darlegenden Eingabe an den König zu wenden und demselben ehrfurchtsvollst anheimzugeben, die unhaltbar gewordenen Zustände der k. Cabinetskaffe durch ein Abkommen mit den dringendsten Gläubigern und weise Sparsamkeit — Einstellung der kostspieligen Bauten, Beschränkung der Hofstäbe u. s. w. — aus eigener allerhöchster Initiative zu saniren. Eine Antwort des Königs auf diese ebenso ehrfurchtsvolle als entschieden freimüthige Vorstellung des Gesammtstaatsministeriums ist, soviel das genannte Blatt vernimmt, bis zur Stunde noch nicht eingetroffen.
— München, 11. Mai. Die Kammer hat heute den Gesetzentwurf über die Lokalbahn Reichenhall—Berchtesgaden mit 97 gegen 26 Stimmen definitiv angenommen.
— Wien, 11. Mai. Nach einer Meldung aus Trieft ist gestern ein Lloyddampfer mit Remonten nach dem Piräeus abgegangen; dagegen haben die Griechen telegraphisch die Zuiendung von Waffen und Schieß- bedarf abbestellt. Die ungarische Regierung legte gestern Verwahrung ein gegen das Cartell des deutschen Reichseisenbahnamtes mit der Nordbahn und der Donau-Dampfschifffahrt wegen billigerer Frachtsätze nach Schlesien und Serbien. — Nach dem „Fremdenblatt" wird deshalb die hiesige Regierung die Genehmigung des deutsch serbischen Tarifverbandes hinausschieben, bis auch die Beziehungen zu Rumänien geordnet sein werden. Die Verhandlungen in Bukarest stocken augenblicklich; heute wird, nachdem die Bevollmächtigten neue Weisungen erhalten haben, ein neuer Versuch zur Erzielung der Verständigung gemacht werden.
— Wien, 11 Mai. Heute fand hier abermals ein Raubmord an einer Hauseigenthümerin statt. Die 83jährige Frau Bauer wurde nämlich in der Burggasse tödtlich verwundet vor einem ausgeraubten Geld- schrank ausgefunden.
— Das „N. W. T." schreibt: Nachrichten aus Venedig, die wir aus bester Quelle erhallen, bestätigen vollinhaltlich die Meldungen der offiziellen Depeschen über die Zunahme der Cholera in der Lagunenstadt. Von den venezianischen Blättern, die uns vorliegen, ist es der „Piccolo" allein, der das Erscheinen der Cholera in Venedig zugiebt, ja sogar kon- statirt, es kämen zehn Fälle am Tage vor. Diesen Behauptungen wird von feiten der Behörden nicht widersprochen. In Venedig ist die Beunruhigung eine große, in den unteren Volksschichten werden, wie das seinerzeit in Neapel auch der Fall gewesen, die albern-fabelhaftesten Dinge erzählt, von der Vergiftung der Cholera-Kranken im Cholera-Spital, von dem Ausbruche der Cholera, damit das „junge Italien" vernichtet werde, und was dergleichen Furchtmärchen sind.
— Rom, 11. Mai. Von gestern Mittag bis heute Mittag kamen in Venedig 9 Erkrankungen an Cholera und 7 Todesfälle und in Ostuni 3 Erkrankungen vor. In Brindisi kam in den letzten Tagen kein Cholerafall vor.
— Paris, 11. Mai. Dem Vernehmen nach ist der diesseitige Gesandte in Athen, Graf von Mouy, hierher beschieden worden.