Beilage zu Nr. 98 des Hanauer Anzeiger.
f Die Verfügung wegen der Arbeitseinstellungen.
Wo auch immer außerordentliche Vorkommnisse, welche die öffentliche Ruhe und Ordnung gefährden, sich ereignen, ist die liberale Presse stets mit dem billigen Tadel bei der Hand, daß die Behörden denselben rechtzeitig vorzubeugen unterlassen haben. Jetzt erleben wir es, daß Vorbeugungsmaßregeln, die in sich nur zu begründet sind, von eben dieser Presse als überflüssig zurückgewiesen werden.
Die Verfügung des Ministers des Innern vom 11. April wegen des Verhaltens der Behörden bei Arbeitseinstellungen muß im Hinblick auf die Erfahrungen, die soeben anderwärts gemacht worden sind, als ein Akt weiser Fürsorge erscheinen. Sie will einmal die Keime zu Ausschreitungen unterdrücken, welche aus dem Mißbrauch des Coalitionsrechts entstehen und die in einer widerrechtlichen Beschränkung der Freiheit Anderer bestehen, und sodann denjenigen Bestrebungen mit der vollen Anwendung der Waffen des Gesetzes entgegentreten, welche die Arbeitseinstellungen zn Zwecken socialdemokratischer Umsturzbestrebungen auszubeuten suchen. Man sollte denken, daß diese Verfügung der gesummten ordnungsliebenden Bürgerschaft im weitesten Sinne eine gewisse Beruhigung und Genugthuung gewähren müsse. Sie bürgt dafür, daß die Aufrechterhaltung der Ruhe mit starker Hand gehandhabt werden wird, und daß aus den Arbeitseinstellungen nicht unter dem Deckmantel der Freiheit Bewegungen sich entwickeln werden, welche mit Gefahren für Staat und Gesellschaft verbunden sein können.
Aber der Begriff „Freiheil" ist für gewisse Leute von einem so betäubenden Zauber, daß sie sofort über Unterdrückung und Beraubung der Freiheit klagen, wenn es stch um gewisse Schranken handelt, welche im Interesse der Freiheit Anderer, im Interesse der Ruhe und Ordnung gezogen werden müssen. So hat auch die gedachte Verfügung bei diesen Leuten sofort den Verdacht erweckt, als ob nunmehr der berüchtigte „Polizeistaat" wiederhergestellt werden und als ob der gesetzlich bestehenden Coalitionsfreiheit der Arbeiter von Polizeiwegen der Garaus gemacht werden solle. Ganz besonders wenig Gnade hat vor ihren Augen der Hinweis auf die Nothwendigkeit gefunden, die Bestimmungen des Socialistengesetzes zur Anwendung zu bringen, wo Arbeitseinstellungen „durch die socialdemokratische Agitation angestiftet sind oder auch nur in ihrem weiteren Fortgang der Leitung derselben verfallen", mithin bei Arbeitseinstellungen, „die ihren wirthschaftlichen Charakter abstreifen und einen revolutionären annehmen."
Wer deswegen die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, gibt damit zu erkennen, daß er sich im Grunde nur darüber wundert, daß die Bestimmungen des Socialistengesetzes dort anzuwenden sind, wo sie ange- wendet werden müssen. Es würde doch eine unverzeihliche Schwäche sein, die sich sehr rächen würde, wenn man zulassen wollte, daß die Umsturzbestrebungen unter dem Deckmantel der Coalitionsfreiheit ungehindert ihr Wesen treiben. Das Socialistengesetz macht hiervon nicht Halt, und so
Hessische Ludwigs-Gi^enöahn- Hesellschast.
Inserate.
Die nachstehenden, zur Fertigstellung des definitiven Stationsgebäudes in der Station Michel- stadt erforderlichen Arbeiten fallen auf dem
Submissionswege vergeben werden.
Die Arbeiten find veranschlagt, wie folgt: Tüncherarbeiten..... 1938,68 Mk. Schreinerarbeiten .... 3860,02 „
Glaserarbeiten..... 867,69 „
Schlosserarbeiten..... 1377,50 „
zusammen 8043,89 Mk.
Die betreffenden Pläne, Kostenanschläge und Bedingungen sind auf dem Bureau unseres Bezirksingenieurs zu Hanau Ostbahnhof zur Einsicht der Uebernahmslustigen aufgelegt und sind die Angebote längstens bis zum 6. Mai l. I. Vormittags 10 Uhr verschlossen und frankirt auf unserem Sekretariate dahier abzugeben. Auf dem Umschläge ist zu bemerken: „Angebot wegen Uebernahme von Bauarbeiten an dem Stationsgebäude zu Michelstadt." 4160 Mainz den 22. April 1886.
In Vollmacht des Verwaltungsrathes:
Die Spezial-Direktion.
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täubt, wo sich der kranke Zahn befindet und stellt sich billiger wie Lachgas und Chloroform.
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lange es existirt, ist es nicht nur das Recht der Behörden, dort, wo sich auf den Umsturz der bestehenden Staats- nnd Gesellschaftsordnung gerichtete Agitationen — selbst bei Arbeitseinstellungen — bemerkbar machen, einzuschreiten, sondern ihre Pflicht. Daß hierbei dem Ermessen der Behörden überlassen bleiben muß, festzustellen, wo der revolutionäre Charakter beginnt, liegt in der Natur der Sache und beruht auf dem So- cialistengefetz.
Die Gegner des Socialistengesetzes mögen ja jetzt, wo die einfachen Consequenzen desselben gegenüber dem socialdemokratischen Mißbrauch der Coalitionsfreiheit bei Arbeitseinstellungen gezogen werden, noch lebhafter wie vorher die Fortdauer des Gesetzes bedauern. Wir aber möchten gerade jetzt von Glück sagen, daß dem Staate durch dasselbe die Mittel gegeben sind, mit kräftiger Hand Ausschreitungen vorzubeugen, die — wie Beispiele lehren — aus einfachen Arbeitseinstellungen entstanden sind, welche socialistische und anarchistische Agitatoren ihren Zwecken dienstbar zu machen wußten. _____________________________________
Tagesschau.
— Dem Wochenbericht der Leipziger Monatsschrift für Textilindustrie wird aus Berlin, 19. April, berichtet:
Mit der nun abgelaufenen Woche, die wiederum recht lebhaft war, hat das Konfektionsgeschäft, soweit Engros- und Exportverkehr in Betracht kommt, sein Ende erreicht. Die letzten Wochen haben reichlich das wieder gut gemacht, was die kalten Tage des vorigen Monats verdorben hatten. Man zeigt sich im Allgemeinen recht befriedigt von dem Geschäftsgang und hieran hat das inländische Geschäft seinen besonderen Antheil, welches diesmal einen überaus großen Konsum zeigte; auch in den letzten Tagen waren wiederum Einkäufer in großer Zahl anwesend und gingen wiederum Bestellungen flott ein.
In der Konfektionsbranche richtet man sich nunmehr für den Winter ein, man beeilt sich, die Kollektionen für das englische Geschäft herzustellen, auch an Amerika muß gedacht werden; denn schon weilen amerikanische Käufer in unserer Stadt, die gekommen sind, um für den Winter Ordres zu ertheilen.....
Ferner aus Chemnitz, 18. April:
Das Strumpfgeschäft bewahrt dauernd seinen gesunden Standpunkt, und wenn auch die letzte Woche nur vereinzelt neue Käufer brächte, fo ist doch durch reichliche Nachbestellungen dafür gesorgt, daß die Faktoreien für die nächste Zeit genügend beschäftigt sind, und das ist in gegenwärtiger Zeit eine gewiß befriedigende Lage. In den letzten Jahren fing im April schon die bedenklich stille Zeit an, die so lange dauerte, bis im Frühherbst die Aufträge für den anderen Sommer gegeben wurden. Durch die wärmere Jahreszeit wird der Industrie überdies viel Arbeitskraft durch die Feld- und Gartenbestellung entzogen, so daß dem verbleibenden kleineren Arbeiterbestande hinlänglich Beschäftigung bleibt.....
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