Beilage zu Nr. 59 des Hauauer Anzeiger.
Tagesschau.
__ Berlin, 9. März. Gestern wurde von einem hiesigen Schöffengericht der Heilkünstler William Becker, zuletzt in Moabit wohnhaft, der fast alle Gebrechen und Krankheiten durch seine „tropische Heilmethode" auf schriftlichem Wege zu heilen versprochen hatte, zu einer empfindlichen Freiheitsstrafe verurtheilt. Der Angeklagte, dessen Ausdrucksweise nur eine oberflächliche Bildung verräth, bestritt nicht nur jede betrügerische Absicht, sondern wollte von dem großartigen Nutzen seines tropischen Kräuterheilverfahrens für die leidende Menschheit tief durchdrungen sein. Er ist schon oft wegen Anmaßung des Doctortitels, wegen Curpfuscherei und wegen Vertriebs von Arzneimitteln bestraft worden. Wie er selbst einräumt, hat er in einem Zeitraume von 6 Monaten einen Umsatz von 45 000 Mark erzielt, aber auch bedeutende Ausgaben gehabt, denn er will drei approbirte Aerzte beschäftigt und das von ihm zu Reclame- zwecken allmonatlich erscheinende Blatt „Der fliegende Rathgeber" in 400 000 Exemplaren bis an die äußersten Grenzen des deutschen Reichs verschickt haben. Dem Sachverständigen Geheimrath Dr. Wolff gegenüber hatte der Angeklagte einen harten Stand, er gab sich Blöße über Blöße und seine Antworten erregten häufig unter den Zuhörern, worunter sich viele Aerzten befanden, laute Heiterkeit. Er gab zu, daß täglich etwa 30 Recepte von ihm und seinen Leuten verschrieben würden, deren Anfertigung dem Besitzer einer Apotheke oblag. Dieser ließ die postmäßig verpackte Arznei durch einen Spediteur gegen Nachnahme an die Patienten absenven. Der Staatsanwalt beantragte ein Jahr Gefängniß und zwei Jahre Ehrverlust; das Erkenntniß lautete dem Anträge gemäß; auch wurde die sofortige Verhaftung des Verurteilten beschlossen, obwohl derselbe eine Bürgschaft von 10 000 Alk. anbot.
— In der „Kölnischen Zeitung" lesen wir:
Die Engländer erfreuen sich des wohlverdienten Rufs, sehr gute Rechner zu sein, die das Geld keineswegs zum Fenster hinauswerfen, sondern mit dem, was sie davon fortgeben, immer bestimmte praktische Zwecke verfolgen. Man darf deshalb wohl annehmen, daß die hohen Gehälter, welche England seinen Beamten auch in solchen Ländern zahlt, wo es keine Besitzungen hat, ebenso reiflich erwogen sind, wie die kolossalen Ausgaben, die es auf seine Kolonien verwendet. Von diesem Gesichtspunkte aus dürfte es nicht uninteressant sein, einen Vergleich anzustellen zwischen den Gehältern, welche die englischen und die deutschen Beamten in Zanzibar beziehen. Sir John Kirk, der englische General-Konsul in Zanzibar, erhält bei freier Wohnung in dem besten Hause der Stadt 2450 L. (49 000 M.); der deutsche General-Konsul daselbst 24 000 M., also nicht ganz die Hälfte von dem, was sein englischer Amtsgenosse empfängt. Das Einkommen des dortigen englischen Vize-Konsuls belauft sich neben freier Wohnung auf 950 L (19 000 M.); ein deutscher Beamter in derselben Stellung ist überhaupt nicht dort; anderswo erhalten unsere Vize-Konsuln etwa ein Drittel jener Summe, nämlich 6000— 7200 M. Um auf die Großartigkeit der englischen Finanzanschauungen in Bezug auf Zanzibar hinzuweisen, wollen wir auch noch ansühren, daß die Telegraphen-Compagnie in Zanzibar allein eine jährliche Unterstützung von 740 000 M. (37 000 L.) bezieht. Wenn man solche Zahlen liest und sich dabei vergegenwärtigt, welcher Krastanstrengungen es Seitens der deutschen Regierung bedurft hat, um den Nörgeleien gewisser Fraktionen gegegenüber die bescheidensten Ansprüche für die Kolonien durchzusetzen, so wird man sich einen Begriff davon machen, mit welchen Schwierigkeiten unsere Regierung oftmals zu sümpfen hat, um den deutschen Einfluß und das deutsche Ansehen im Auslande, namentlich bei Halbcivili- sirten Völkerschaften, welche die Macht eines Landes nach der Stellung seines Vertreters beurtheilen, ungeschmälert aufrechtzuerhalten.
Aus Stadt, Provinz und Amgegend.
— Das „Fr. I." schreibt aus Frankfurt a. M.: Am 6. d. Mts. feierte die Humboldtschule (städtische höhere Mädchenschule) ihr diesjähriges Winterfest unter überaus zahlreicher Betheiligung von Eltern und Angehörigen der Schülerinnen, sowie der städtischen Behörden, Mitgliedern der Schuldeputation und des Schulvorstandes. Das Fest hielt sich, wie die Bezeichnung des Programmes verhieß, ganz im Rahmen einer „Schul-Feier", und sollte, wie der vom Direktor Dr. Veith verfaßte Prolog würdig hervorhob, den Angehörigen und Mitgliedern der Behörden mehr und länger, als es sonst in der kurzen Spanne Zeit einer Schulprüfung möglich ist, Gelegenheit bieten, die Resultate einer ernsten mühevollen Jahresarbeit zu überblicken. Wenn die den Prolog vortragende Schülerin um Nachsicht für die schwachen Leistungen bat, so war dies eine gar zu große Bescheidenheit, denn alles uns Vorgeführte war durchweg mustergillig; ein nationaler wie religiöser Hauch durchwehte wohlthuend das Ganze. Die Ausgabe, die der Direktor in seinem Prologe der höheren Mädchenschule zuwies, die Mädchen zu ernster Arbeit und
Pflichterfüllung anzuleiten, zu alldem, was sie „vor Gott und Menschen" angenehm mache, erfreut sich wohl des Beifalls und der Zustimmung aller es mit der Erziehung ihrer Kinder ernst und gewissenhaft nehmenden Eltern und derjenigen Patrioten, denen die nationale Größe und die Zukunft unseres deutschen Vaterlandes am Herzen liegt. Denn auf unsere Jugend, die zur Liebe an der Arbeit und treuer Pflichterfüllung, zur Liebe fürs deutsche Vaterland und Kaiserhaus zu erziehen die Aufgabe unserer oft auf dornenvollem Pfade vorschreitenden Pädagogen ist, auf dieser unserer Jugend beruht die Zukunft Deutschlands; das möchten doch alle die bedeuten, die im Parteihader des Augenblickes die Freude am Heranwachsenden Geschlechte oftmals vergessen. Die Gesangsvorträge und Deklamationen, dem Jahrespensum der Schülerinnen entnommen, zeigten ein feines Verständniß für die Aufgabe einer höheren Mädchenbildung; mit welcher Lust und Liebe die Kinder ihre Pensen erledigten, zeigten uns genugsam ihre leuchtenden Augen und strahlenden Gesichter. Der sorgsam einstudirte Chorgesang: „O Thäler weit, o Höhen, o schöner grüner Wald" führte unserem nervös angekränkelte Zeitalter die ernste Mahnung des Altmeisters Göthe vor, den deutschen Wald als „Balsam allheilender Natur" hochzuhalten, dann wird sich Eichendorf's Wort erfüllen, „unser Herz wird nicht alt werden." Bei dem sich jetzt überall regenden Wunsche, die deutsche Sprache vom Fremdwörterunfuge zu reinigen, war Schenkendorf's gemüthvolles Gedicht „Muttersprache" ganz pädagogisch am Platze, und unseres W. Jordan's Festspiel zum 100jährigen Geburtstage der Gebr. Grimm, trotz seiner schwierigen und eingehendes Verständniß erfordernden Verse meisterhaft gesprochen, führte den Mädchen ihre ersten noch in der Fülle Grimm'scher Märchen schwelgenden Kinderjahre vor die Seele und hielt sie zur dankbaren Verehrung unserer deutschen Geistesheroen an. Dies wäre nur einiges Wenige aus der großen Fülle des Schönen, was uns in den zwei Stunden geboten wurde, und was wir uns bei der Knappheit des Raumes zu besprechen versagen müssen. Daß die Gesänge von Herrn Knies, die Lieder- und Tanzreigen von Herrn Turninspektor Danneberg in bewährter Weise „wie am Schnürchen" geleitet wurden, das Lehrerkollegium die Aufsicht über mehrere hundert fröhliche Kinder ohne jedes laute Wort höchstens durch einen fast unmerklichen Wink führte, müssen wir gebührend und den guten Geist der Schulzucht und guten Sitte anerkennend hervorheben. Dem Direktor Dr. Veith aber wollen wir zum Schlüsse noch ein „Glück auf" zurufen, unentwegt auf der von ihm mit so viel Glück betretenen Bahn fortzuschreiten zum Heile dieser Stadt und des Vaterlandes; des Beifalles nicht blos der bei dem Feste Anwesenden, sondern aller Billigdenkenden kann er sicher sein.
— Frankfurt a. M., 10. März. Der Premier-Lieutenant von Dewitz, ä la suite des Infanterie-Regiments Nr. 97 und kommandirt als Adjutant bei der Commandantur von Danzig, ist unter vorläufiger Be- lassung in seinem Commando, zum überzähligen Hauptmann befördert worden. — Die verwittwete Landgräfin von Hessen gab gestern zu Ehren des Prinzen Wilhelm von Württemberg, dessen Mutter Katharina, des ersteren Braut, Prinzessin Charlotte von Schaumburg, auf ihrer Villa in der Savignystraße ein großes Diner, welchem auch die Herzogin von Nassau beiwohnte. Letztere erhält täglich mehrmals Telegramme über den Zustand ihres Schwiegersohnes, des Erbprinzen von Baden. (G.-A.)
— Frankfurt a. M., 11. März. Auf dem Schillerplatz, dicht am Denkmal, ist ein Hydrant in Folge der Kälte zersprungen, so daß sich das Wasser seit gestern Morgen in einer breiten Rinne über den Platz ergoß. — Ein Hausknecht bekam zur Bezahlung einer Rechnung 250 Mk. in 2 Hundert- und 1 Fünfzig-Markschein. Nach einer halben Stunde kam er wieder und lamentirte, er habe den Fünfzig-Markschein verloren. Man that, als schenke man ihm Glauben, und gab ihm fünfzig Mark in Gold. Er begab sich nun zu der ihm bezeichneten Adresse und bezahlte die 250 Mk. Kaum hatte er das Geschäft verlassen, so erschien das Ladenmädchen und fragte, mit was der Bursche bezahlt habe. „Mit Papiergeld: zwei Hunderten und einem Fünfziger", erhielt sie zur Antwort. Das Mädchen eilte sofort zurück und berichtete, was man ihr gesagt hatte. Als der Hausknecht zurückkehrte, hielten ihn der Prinzipal und der Kommis fest, während die Frau seine Taschen durchsuchte, in welchen die 50 Mark in Gold gefunden wurden Nach stattgehabter Justifizirung jagte man ihn zum Hause hinaus. (Fr. N.)
— Wiesbaden, 11. März. Ihre Kön Hoh. die Frau Landgräfin von Hessen startete gestern Nachmittag, von Frankfurt kommend, der Frau Gräfin von Hardenberg im „Hotel Bellevue" einen Besuch ab und kehrte Abends nach Frankfurt zurück.
— Mosbach, 7. März. Im Odenwalde spuckt's! Ein bemit- leidenswerthes Mädchen, welches nach Aussage des Arztes den Veitstanz hat, ist nach dem glaubwürdigen Ausspruch „des Hexenmeschters" won 8 alten Weibern verhext. Wir wollen den Ort aus Schonung nicht nennen ; aber der Hexenbanner L. aus K. wird herbeigeholt, um die Hexe zu bannen. Der weise Ausspruch lautet: „Das Bett des Mädchens muß