Beilage zu Nr. 279 des Hanauer Anzeiger.
Protokoll
über die am 23. Oktober 1884 im Saale der Centralhalle zu Hanau abgehaltene Bürgermeister- Versammlung.
Am 23. Oktober d. J. hielt der Herr Landrath Freiherr von Broich dahier im Saale der Centralhalle eine Versammlung sämmtlicher Bürgermeister und Ortsverwalter des Kreises Hanau ab, um mit Letz, teren, wie bereits aus dem diesbezüglichen Einladungsschreiben hervor. ging, Gegenstände der Gemeinde- und Polizeiverwaltung resp. deshalb bestehender gesetzlicher und sonstiger Bestimmungen sowie das öffentliche Wohl überhaupt betreffende Angelegenheiten zu besprechen.
Zu derselben waren nicht nur die obengedachten Beamten, sondern auch alle Mitglieder der Gemeindebehörden und überhaupt alle Männer, welche Sinn für öffentliche Angelegenheiten resp, öffentliche Ordnung haben, freundlichst eingeladen.
So war denn auch die Versammlung, welche von G1^ Uhr Vor. Mittags bis gegen 1 Uhr Mittags dauerte, von ca. 90 Personen besucht.
Nach Eröffnung der Versammlung Seitens des Herrn Landraths wies derselbe in kurzen Worten auf den bereits angedeuteten Zweck der. artiger von ihm in seinen bisherigen Wirkungskreisen alljährlich abgehaltener Zusammenkünfte hin und wiederholte sein bereits im Einladungsschreiben ausgesprochenes Ersuchen, Gegenstände auf dem hervorgehobenen Gebiete, über welche die Herbeiführung einer Debatte bezw. des gegen, seitigen Meinungsaustausches gewünscht werde, zur Sprache zu bringen. Als dies jedoch von keiner Seite geschah, wurde zur Berathung der von dem Herrn Landrath selbst gewählten Gegenstände übergegangen.
Zunächst wurde die auf die Hebung der Obstbaumzucht, Anlage von Obstpflanzungen, Baumschulen u. s. w. sowie Ausbildung von Obstbaumwärtern sich beziehende Verfügung der Königlichen Re- gierung zu Kassel vom 6. Juli 1877 dem wesentlichen Inhalte nach vorgetragen.
Der Herr Landrath hob sodann hervor, daß er diese Verfügung, welche zwar z. Zt. auch im hiesigen Kreise erwogen worden sei, deshalb zum Gegenstände der Besprechung mache, weil zweifellos auch im Kreise Hanau die Obstbaumzucht noch sehr viel zu wünschen übrig lasse, indem weder eine Kreisbaumschule existire, noch in den einzelnen Ortschaften Gemeindebaumschulen vorhanden seien, und weil gerade für diesen Kreis in Anbetracht dessen, daß dazu alle erforderlichen günstigen Umstände vorliegen, dieser Zweig der Landwirthschaft eine sehr große Bedeutung habe. Da nun aber diesem Culturzweig umsomehr die größte Aufmerksamkeit zugewandt werden müsse, als derselbe durch den Frost der strengen Winter 1879/80 und 1880/81 sehr gelitten habe, so stelle er unter Zugrundelegung der mitgetheilten Regrerungs-Verfügung die Frage, auf welche Weise die Obstbaumzucht im Kreise Hanau am wirk- samsten gesördert werden könne, zur Diskussion.
Herr Gutsbesitzer Brenner-Hanau, Direktor des landwirthschaft- lichen Kreisvereins, erhielt hierauf das Wort und theilte der Versamm- lung mit, daß die vorgetragene Verfügung der Königlichen Regierung damals auch dem landwirthschaftlichen Central Verein für den Regierungsbezirk Kassel und von diesem den sämmtlichen landwirthschaftlichen Kreis- vereinen mitgetheilt worden sei. Der hiesige Kreisverein habe daraufhin gethan, was in seinen Kräften gestanden habe, wie dies der ebenfalls anwesende Herr Oberförster Ehrentreich, welcher Leiter der betreffenden Commission sei, in der Lage sein werde, des Näheren mitzutheilen.
Herr Oberförster Ehrentreich, der daraufhin das Wort erhielt, erklärte, daß er es nur mit Freuden begrüßen könne, daß der Herr Land- , rath diesen wichtigen Gegenstand zur Verhandlung bringe, daß er aber r ebenso bedauere, sich nicht darauf vorbereitet zu haben, um über das Seitens der betreffenden Commifsion des landwirthschaftlichen Vereins bisher Geschehene hier ausführlich Bericht erstatten zu können. Vor Allem müsse er dem Herrn Landrath darin beipflichten, daß die Obst- > baumkultur im Kreise Hanau noch sehr im Argen liege und daß es, worüber auch im landwirthschaftlichen Verein nicht der geringste Zweifel bestehe, ein dringendes Bedürfniß sei, Mittel und Wege zur Hebung und Förderung derselben zu schaffen. Der Kreisverein habe damals beim Central-Verein in Kassel den Antrag gestellt, dahin zu wirken, daß für größere Bezirke auf Staatskosten ein besonderer Beamter damit betraut würde, sich von dem Zustande des Obstbaues in den einzelnen Gemein, den genaue Kenntniß zu verschaffen, danach die geeigneten Vorschläge zu machen und Anordnungen zu treffen und so seine ganze Thätigkeit ausschließlich der Förderung dieses bedeutenden Zweiges der Landwirthschaft zu widmen. Dieser Antrag habe jedoch keine Berücksichtigung gefunden. Nach dem strengen Winter 1879/80, in dem mehr als die Hälfte der Obstbäume dem Froste erlegen seien, habe der Verein junge Obststämme angekauft und unentgeltlich an die Gemeinden des Kreises abgegeben. Auch habe ihm die Königliche Regierung, Abtheilung für direkte Steuern, ^ Domainen und Forsten, auf seinen Antrag gestattet, aus den Pflanzun
gen der Oberförsterei Wolfgang Aepfel-, Birnen- rc. Wildlinge an die Gemeinden des Kreises Hanau und die Mitglieder des landw. Kreis- vereins unentgeltlich abzugeben. WaS die Anlage von Kreis- und Ge« meinde-Baumschulen betreffe, so halte er dieselbe nicht mehr für nothwendig, weil dem Bedürfniß an Obststämmen rc. durch die Privat. Industrie genügt werde. Derselbe empfahl ferner die Nachahmung der Behandlung dieser Angelegenheit im Königreich Württemberg.
Nachdem sodann noch Herr Kaufmann Scheerer-Langenselbold über den allgemeinen Mangel an Obstbaumwärtern bezw. geeigneten Persönlichkeiten zur Pflege und Beaufsichtigung solcher Baumschulen geklagt, Herr Riegelmann-Hanau, welcher auch die in dieser Hinsicht im Kreise Hanau vorhandenen Mißstände deS Näheren beleuchtete und dabei namentlich bemerkte, daß es ihm unbegreiflich sei, wie man die Pflege der Gemeinde-Obstbäume an den Mindestfordernden verdingen könne und sodann seiner Meinung, man müsse die Herren Lehrer in den Landgemeinden für die Sache zu gewinnen suchen, Ausdruck gegeben und nachdem ferner Herr Bürgermeister Lehr - Langenselbold unter H nweis auf die in Langenselbold bestehende Gemeindebaumschule, die Nothwen- digkeit und Nützlichkeit von Gemeindebaumschulen, aus welchen die Gemeinden nicht nur ihren eigenen Bedarf an Obstbäumen an den Gemeinde- und Landwege rc. decken, sondern auch noch durch Verkauf einen schönen, die Unterhaltungskosten deckenden Erlös erzielen könnten, hervorgehoben hatte, ergriff der Herr Lmdroth wieder das Wort, indem er mittheilte, wie er die Sache im Krerse HerSleld behandelt habe. Da« selbst habe er diese Sache ebenwohl in verschiedenen Bürgermeister Versammlungen erörtern lassen, wobei Der Wunsch kund gegeben worden sei, es möge auf die Anstellung eines Obstbaumwärters für den ganzen Kreis hingewirkt werden. Diese Frage habe er damals zwar sofort in nähere Erwägung gezogen, sei aber zu der Ueberzeugung gekommen, daß auf diese Weise dem Kreise erhebliche Kosten erwüchsen, ohne daß man die Sicherheit hätte, dadurch wirklich die Sache entsprechend zu fördern. Er sei vielmehr inzwischen zu der Ansicht gekommen, daß es am besten sei wenn die Landwegebau-Aufseher, welche in der Obstbaumzucht im pomologischen Institute in Kassel ausgebildet würden, den Gemeinden in dieser Hinsicht mit Rath und That an die Hand gingen. Da er nun nicht nur daS Einverständniß der ständischen Baubehörde erhalten, sondern sowohl die Zustimmung der Kreisstandschaft, als namentlich auch der Königlichen Regierung hierzu gefunden habe, so habe er denn die ihm von der ge- dachten Baubehörde hierzu empfohlenen Aufseher veranlaßt, gegen eine angemessene Vergütung aus der Gemeindeküsse unter Zuziehung der einzelnen Ortsbehörden die Gemeinde-Baumschule einer näheren Prüfung zu unterziehen und ihm unter Mittheilung des Befundes geeignete Vorschläge zu machen, in welcher Weise unter Berücksichtigung d-s Klimas und aller sonst in Betracht kommenden Verhältnisse dem Bedürfnisse der Gemeinden in der am wenigsten kostspieligen Weise gründlich abzuhelfen sei. Dies sei geschehen und von ihm daraufhin das Weitere an die Bürgermeister, unter deren nächster Aufsicht die Gemeindebaumschule zu bleiben habe, verfügt worden. Da nun jedem dieser Aufseher die in seinem Aufsichtsbezirk belegenen Gemeinden zugetheilt worden seien, so hätten dieselben ohne großen Zeitaufwand jene Revisionen mit ihren sonstigen Reisen zur Jnipicirung der Landwege rc. verbunden, weshalb sie denn auch die Vergütung aus der Gemeindekasse ganz gering bemessen hätten. Dieses Verfahren habe sich im Kreise Hersfeld, in dem die Verhältnisse viel ungünstiger lägen als hier, in der praktischen Ausführung nicht nur ausgezeichnet bewährt, sondern sei auch geeignet, der Schuljugend in der vorhandenen und solchergestalt wohlgepflegten Gemeinde. Baumschule unter entsprechender Mitwirkung der Herrn Lehrer nachahmungswürdige Beispiele vor Augen zu führen.
Wenn nun auch der Herr Lardrath keineswegs behaupten will, daß sich dieses Verfahren auch im Kreise Hanau unbedingt bewähren müsse, so fand dasselbe doch allseit-gen Beifall der Versammlung, welche darin ein durchaus wirksames Mittel zur Hebung der darniederliegenden Obstbaum-Zucht erblickt, welches auch für den hiesigen Kreis näher erwogen zu werden, verdiene.
Was sodann die von dem Herrn Oberförster zur Sprache gebrachten bezüglichen Verhältnisse in Würtemberg anlange, so erklärte der Herr Landrath, nachdem er betont hatte, daß gerade in Würtemberg einer der hervorragendsten Vertreter auf diesem Gebiete wohne, nämlich Herr Dr. Lukas zu Reutlingen auf der rauhen Alp, und daß er sich bemühen wolle, daselbst Erkundigungen darüber einzuziehen, wie es dort gemacht sei, um die dortigen Erfahrungen auf für die hiesigen Verhältnisse thuu- lichst zu benutzen.
Die Anstellung von Obstbaumwärtern, Anlegung eines Versuchsfeldes und Berücksichtigung des Zwergobstes wurde sodann noch von Herrn Fabrikanten Zim mermann-Hanau des Näheren empfohlen, und stellte derselbe dem Herrn Landrath noch eine aussührliche gutachtliche Aeußerung zur Sache in Aussicht.