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Mittwoch den 12. November
1884.
T a g e s f ch a u.
— Berlin, 11. Novbr. Se. Majestät der Kaiser und König empfingen heute den Polizeipräsidenten von Madai und nahmen hierauf die Vorträge des Reichskanzlers Fürsten von Bismarck, des Cheis der Admiralität, General-Lieutenants von Caprivi, und des General-Lieutenants von Albedyll entgegen, empfingen sodann Se. Königliche Hoheit den Erbgroßherzog von Baden, nach Höchstdessen Rückkehr vom Urlaub, und Nachmittags den zum Chef des Ingenieur-Corps und General-Jn- specteur der Festungen ernannten General - Lieutenant von Brandenstein.
— Berlin, 11. Novbr. Der „R. u. St.-A." publizirt die Em. berufung des Reichstags zum 20. November.
— Berlin, 10. Novbr. Dem Fürsten Bismarck, dem bei Gelegenheit der Kaiserzusammenkunft in Skierniewice vom Kaiser von Rußlands ein vorzüglich ausgeführtes Bild dieses Regenten zugegangen ist, hat jetzt auch Kaiser Franz Joseph sein Bildniß, das Prof. L'Allemand in Lebensgröße ausgeführt hat, zum Ehrengeschenk gemacht.
— Berlin, 11. Novbr. Der „Nordd. Allgem. Ztg." zufolge wird auch die Türkei an der Congo-Conferenz Theil nehmen. Der Vertreter derselben ist der hiesige Botschafter.
— Berlin, 10. Nov. Zu den in der letzten Reichstagssession unerledigten Gegenständen gehören bekanntlich die Pensionsgesetze für die Reichs-, Civil- und Militärbeamten u. s. W. Man hat bisher diese Angelegenheit völlig in den Hintergrund treten lassen; jetzt scheint die Ansicht in den entscheidenden Kreisen Geltung zu erlangen, daß die unveränderte Einbringung des vorjährigen Entwurfs nicht erfolglos sein und für denselben eine Mehrheit zu haben sein würde. Die vielfach geäußerte Ansicht, daß das Geschäfts steuergesetz der vorigen Reichs- tagsfession in der damals abgelehnten Form nicht wiedererschernen würde, dürfte sich als völlig zutreffend erweisen. Damit ist indessen die Frage einer anderweiten Besteuerung des Börsengeschäfts keineswegs von der Tagesordnung verschwunden. Die Regierung hört vielmehr sachverständige Stimmen darüber, in welchem Umfange die Angelegenheit zum Austrag zu bringen sei.
— Berlin, 10. Nov. Im Reichs-Bersicherungsamt ist man mit dem Entwurf eines Normalstatuts für Berufsge nossen- schaften nunmehr zu Stande gekommen, und ist derselbe von der Reichsdruckerei zu dem Zwecke im Drucke fertig gestellt, um behufs endgültiger Formulirung erst noch von den Vereinen und Verbänden be. gutachtet zu werden, welche jetzt mit Vorbereitungen zur Bildung der Genossenschaften beschäftigt sind.
— Berlin. In einer Betrachtung über den „Sieg Clevelands und die politische Ehrlichkeit" führt die Neue Zeitung aus, Cleveland sei nicht so sehr Partei-Kandidat als vielmehr Kandidat der anständigen und ehrlichen Leute aller Parteien.
„In der Thatsache der Erwählung Clevelands", heißt es in ihrem Artikel, „liegen viele Momente, welche uns ersreuen müssen. Zum Beispiel haben die Deutschen in den Vereinigten Staaten für denselben gestimmt und seine Erwählung bedeutet gleichzeitig auch ein Emporkommen und e ne Berücksichtigung des deutschen Elements. Die Temperenzler haben gegen Cleveland gestimmt und der Heuchelei derselben, welche öffentlich gegen das Biertrinken agitirt und insgehe me Schnaps säuft, ist damit auch eine gebührende Lektion zu Theil geworden. Vor allem Werthvoll ist uns aber das Resultat und die Lehre, welche dadurch die Unmoral im öffentlichen Leben überhaupt erfahren hat; die Erfahrung, daß man nach unsittlichen Prinzipien weder das gesellschaftliche noch das staatliche Leben gestalten darf, ist jetzt unzählige und ein Mal geliefert worden. Trotz aller Verschiebung der Verhältnisse, trotz aller Komplizirtheit des modernen Lebens bleibt das Gute immer gut und das Schlechte immer schlecht. Diese Lehre können sich auch andere Leute, die in unserem Baterlande leben, zu Gemüthe führen." (Fr. Z)
— Heidelberg, 10. Nov. In der Nacht vom 1/2. d. M. wurden von den Kränzen auf vielen Gräbern des Hies Friedhofes die werthvollen Schleifen (insbesondere Corpsschleifen) entwendet. Der Stadtrath sichert demjenigen eine Belohnung von 50 Mk. zu, welcher Anzeigen macht, die zur Entdeckung der Thäter führen.
— Wien, 11. Novbr. Der Budgetausschuß der österreichischen Delegation hat das Extraordinarium des Heresbudgets unverändert angenommen.
— Kopenhagen, 10. Nov. Die Nationalbank erhöht von mor
gen ab den Wechseldiskont und den Lombardzinsfuß auf 5 bis 51/» Prozent.
— Genf, 11. Nov. Nach der nunmehr vorliegenden Feststellung der Wahlen zum Großen Rath sind 41 Radikale und 49 Conservative gewählt worden.
— Brüssel, 11. Nov. Die belgischen Bevollmächtigten Van der Straeten Pontholz und Lambermont reisen morgen zur Congo-Conferenz nach Berlin.
— Madrid, 11. Nov. Für Reisende aus Frankreich und den verseuchten Häfen ist eine zehntägige und für solche aus unverseuchten Häfen eine siebentägige Quarantäne angeordnet worden.
— Rom, 10. Novbr. Die Steuereingänge im laufenden Jahre übersteigen diejenigen im entsprechenden Zeitraume des vorigen Jahres um 5'/a Millionen Lire.
— Paris, 11. Nov. Der Ministerrath genehmigte die Erhöhung der Eingangszölle auf ausländische Cerealien im Prinzipe. Die Ziffer für die Erhöhung soll derart festgesetzt werden, daß die Landwirthschaft den gleichen Schutz erhält, wie andere Industriezweige. — Im Palais Bourbon verstarb plötzlich der älteste Deputirte, Guichard, während er sich mit einigen Collegen unterhielt. Präsident Brisson eröffnete die Sitzung der Kammer mit einem dem Verstorbenen gewidmeten ehrenden Nachrufe und beantragte unter allgemeiner Zustimmung, die Sitzung zum Zeichen der Trauer sofort wieder zu schließen. — Eine Mittheilung des Seinepräsekten konstatirt, daß gestern in ganz Paris, in der Stadt sowohl wie in den Hospitälern, von Mitternacht bis Mitternacht 98 Personen an der Cholera verstorben sind. Die Summe der Todesfälle von letzter Mitternacht bis heute Mittag beträgt 36. (F. R)
— London, 10. Novbr. In der vergangenen Nacht gingen die Oelniederlagen der Kaufleute Stewart Brothers und Spencer in Flammen auf; da es an Wasser mangelte, konnte die Feuerwehr dem rasenden Elemente nicht beikommen. Auch anliegende Gebäude fingen Feuer. Der Schaden wird auf 100 000 L. geschätzt.
— London, 11. Nov. Die Agitationen unter den Kleinbauern auf der schottischen Insel Skye behufs Herabsetzung der Pachtzinse dauern fort, und es scheinen die Leute entschlossen zu sein, ihre Forderungen nöthigenfalls mit Gewalt durchzusetzen. In allen Ortschaften halten die Bsuern Waffenübungen, um der bewaffneten Polizei, deren Ankunft täglich erwartet wird, Widerstand zu leisten. Um einer Bewältigung der Polizeimacht vorzubeugen, ist ein Kanonenboot nach Portree mit 300 Seesoldaten beordert worden, welche der Polizei beistehen werden, falls letztere der Bauernmacht nicht gewachsen sein sollte. Es werden blutige Auftritte erwartet.
— Die „Pall Mall Gazette" schreibt: „Mr. Cleveland ist zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden. Zum ersten Male seit 24 Jahren gelangen die Demokraten zur Macht. Die Welt ist begierig zu sehen, was sie damit thun werden. Wenn sie einen guten Gebrauch von der ihnen gebotenen Gelegenheit machen, dürften sie die Republikaner zu einer längeren Ausschließung vom Amte verurtheilen, und die Belohnung ernten, die den Rettern der Republik gebührt. Die Republikaner retteten die Union vor dem Zerfall und emanzipirten die Sklaven. Jetzt liegt es den Demokraten ob, die Republik vor der Korruption zu retten und den Civildienst zu reinigen.
— Bukarest, 11. Nov. Gestern Abend stieß der Frachtdampfer „Galatz" bei Kalafat mit der Kanonenschaluppe „Pandurul" zusammen, wobei letztere zum Sinken kam.
— St. Petersburg, 11. Nvbr. Der Einzelverkauf der Zeitung „Minuta" ist verboten worden. — Gestern fand im Deutschen Theater die Aufführung des „Fiesco" zu Gunsten der Deutschen Schillerstistung statt; der letzteren ist die hierbei erzielte Einnahme von 800 Rubel ohne jeden Abzug zugewiesen worden.
— Der Mahdi steht, wie Wolseley in Dongola gehört und an Barinz telegraphirt hat, in Korsckambat nördlich von Khartum, aber nur mit geringer Macht. Die Kabblfch sollen ihn verlassen haben.
— Bremen, 10. Novbr. Der Dampfer des Norddeutschen Lloyd „Donau" ist heute früh m Rew-Uork angekommen.
— Rew-U ork, 8 November. Der Postdampfer „Rhynland", Kapt. Jamison, ist von Antwerpen angekommen.