Beilage zu Nr. 257 des Hanauer Anzeiger.
Das vorläufige Wahlergebuiß.
Wenn auch noch bei weitem nicht aus allen Wahlkreisen solche Nachrichten vorliegen, die einen Schluß auf das endgültige Ergebniß zulassen, und wenn auch, so weit die sicheren Nachrichten reichen, die Zahl der nöthigen Stichwahlen die der entschiedenen Wahlen (abgesehen von den rein ultramontanen Gegenden) fast erreicht, so genügen doch die Nachrichten schon völlig, um über die Stimmung des Landes, richtiger gesagt, über den Umschwung der Stimmung keinen Zweifel mehr zu lassen. Die Wahlen bedeuten den Zusammenbruch der deutschfreisinnigen Partei, dieser zur Ungestalt gewordenen Aus. artung eines ewig verneinenden Liberalismus. Auf der ganzen Linie ist der Fortschritt geschlagen worden, wo er einige Sitze behalten hat, da erschrickt er selbst über die ungeahute Zunahme der ihn verurtheilen- den Stimmen.
Das zweite Merkmal der Wahlen ist die Zunahme der socialdemokratischen Stimmen. Das Centrum — das sich im wesentlichen nach der Zahl der Mandate noch behaupten dürste — und ganz besonders der Fortschritt werden von den Socialdemokraten in ihrem Besitzstände hart bedroht. Das zeigt wieder, wie den Fortschrittlern durchaus jedes Verständniß unserer Zeit abgeht, da sie die socialen Aufgaben nicht sehen wollen, deren Lösung doch unabweisbar ist. Wenn die Fortschrittspartei sich zu rühmen pflegt, daß die Socialdemokratie keinen entschie- denern Gegner habe, als den Fortschritt, so hat jetzt die Socialdemokratie gezeigt, daß sie die bewußteste und erfolgreichste Feindin des im Fortschritt verkörperten Manchesterthums sei.
Als drittes Merkmal zeigen die Wahlen eine bedeutende Zunahme der nationalliberalen und der gemäßigt conservativen Stimmen und Mandate, sodaß wir hoffen dürfen, unsern Wunsch, der Reichstag werde eine aus gemäßigten Liberalen und Conservativen bestehende Mehrheit ausweisen, verwirklicht zu sehen. Und so tritt denn als Gesammtergeb- niß vor uns hin die Erkenntniß, daß wir die Stimmung des Landes richtig beurtheilten, als wir vertrauten, daß der durch die Verschmelzung der ehemaligen Secessionisten mit der alten Fortschrittspartei gemachte Versuch, den gesammten Liberalismus ins Lager der Verneinung, der Hintertreibung jeder socialen Reformarbeit zu ziehen, vom Lande ver- urtheilt werden würde. Das ist geschehen, und zwar entschiedener und allgemeiner, als wir es zu hoffen gewagt hatten. Es war das Ver- hängniß des Fortschritts, daß er zur Richtschnur seines Verhaltens seine einseitigen Doktrinen gemacht hatte, nicht aber die Erfordernisse des Volkes. Der Liberalismus wird national sein, oder er wird nicht sein; der in der Deutschsreisinnigkeit zusammengelaufenen doktrinär-freihänd- lerischen und manchesterlichen Verneinungspolitik ist das Todesurtheil gesprochen.
Was uns über das Anwachsen der socialdemokratischen Stimmen und Mandate tröstet, in • gewissem Sinne sogar beruhigt, ist der Um- stand, daß unverkennbar.die Erkenntniß auch bei den Socialdemokraten zugenommen, ja, die Oberhand gewonnen hat, daß auch sie vor allem national sein müssen, daß sie in der positiven gesetzgeberischen Mttthat mit den Bestrebungen der staatlichen Gewalt und der nationalen Parteien allein Heil und Besserung erlangen können. Wir stehen nicht an zu sagen, daß wir zwanzig Socialdemokraten im Reichstage in gewissem Sinne für ein geringeres Uebel halten, wenn überhaupt für ein Uebel, als fünf. In demselben Maße, wie sie zur Mitarbeit herangezogen werden, und durch die große Zahl von Wählern, die sie vertreten, ernste Berücksichtigung der Verhältnisse beanspruchen dürfen, denen sie ihre Wahl verdanken, wird auch der heftige Kampf gegen die bestehende Ge. walt weichen und der Erkenntniß Platz machen, daß es gilt, mit Hülfe dieser Gewalt positive Reformen herbeizuführen. Und wir freuen uns, daß der heutige Socialismus, so wie er in den Wahlkampf getreten ist, fast allenthalben zu erkennen scheint, daß die Nationalliberalen, die sich zur socialen Reformarbeit bereit erklärt und somit das Auftreten der Socialdemokratie, soweit sie nicht Revolution, sondern Reform Predigt, für berechtigt anerkannt haben, ihnen näher stehen, als die Fortschritts- Partei, die vielleicht bereit wäre, das Socialistengesetz abzuschaffen, um die Regierung zu ärgern, aber nicht nur den revolutionären Bestrebungen, sondern auch den positiven und menschlich wahlberechtigten Forderungen der Socialdemokratie nichts entgegenzusetzen wüßte, als den Polizeisäbel und den natürlichen Kampf ums Dasein, den man einfach gehen zu lassen habe. Diese völlig richtige Erkenntniß der einsichtigeren Socialdemokraten, daß ihre besseren Freunde im Parlament nicht neben ihnen auf den Fortschrittsbänken sitzen, sondern weiter nach rechts, wo man die sociale Reform will und die Berechtigung der Socialpartei (immer von deren revolutionären Bestrebungen, die es lahmzulegen gilt, abgesehen) anerkennt — diese Erkenntniß dürfte in manchen Wahlkreisen bei den nöthig gewordenen Stichwahlen zum Ausdruck gelangen.
Die Socialpoliuk und die Colonialpolitik des Kanzlers haben ge
siegt; die Verneinungspolitik des in der deutschfreisinnigen Fusion vertretenen Manchesterthums ist durch die Wahlen verurtheilt worden.
(Köln. Ztg.)
Brod- und Getreidepreise.
Während die deutschen Freihändler unaufhörlich verkündigen, Preise und Löhne würden nach „unabänderlichen wirthschaftlichen Gesetzen" so ausschließlich durch Angebot und Nachfrage regulirt, daß ei* nerseits unbeschränkte Freiheit des Angebotes von Getreide und niedrige Brodpreise, anderseits Getreidezölle und Vertheuerung des Brods gleichbedeutend seien, haben die französischen Liberalen die Sache der Regu« lirung des Brodpreises von einem andern Ende angegriffen. Darüber belehrt, daß die Pariser Bäcker trotz des Sinkens der Getreidepreise an den herkömmlichen hohen Brodpreisen festhalten, haben eine Anzahl für „vorgeschritten" geltender Mitglieder des Pariser Gemeinderaths am 22. d. M. den Antrag gestellt, aus ein altes halbvergessenes aber niemals aufgehobeues Gesetz vom Juni 1791 zurückzugreifen und eine amtliche Brodtaxe zu erlassen.
Ein Beschluß über diesen Antrag liegt nicht vor, weil von anderer Seite weitergehende Anträge gestellt worden sind: von einer Seite ist die Eröffnung von Gemeinde-Bäckereien vorgeschlagen worden, welche das Brod zum Herstellungspreise verkaufen sollen, — die socialistische Partei aber hat die Ausdehnung dieser Maßregel auf alle Lebensmittel vorgeschlagen und daran andere, nicht zur Sache gehörige Forderungen geknüpft.
Auf diese zum Theil abenteuerlichen Pläne einzugehen, hat für uns kein Interesse. Wir begnügen uns damit, die Thatsache hervorzu- heben, daß die Theorie von dem nothwendigen und unlösbaren Zusammenhänge zwischen Getreide- und Brodpreisen durch das Verhalten der Pariser Bäcker praktisch widerlegt und in der Folge von Betheiligten selbst aufgegeben worden ist. — Davon wird auch für uns Deutsche Etwas zu lernen sein — mindestens für diejenigen von uns, welche überhaupt lernen wollen. Aber auch die Unbelehrbaren werden ihre Methode ändern müssen. Nachdem in der französischen Hauptstadt die Verkündigung einer amtlichen Brodtaxe als einziges Mittel zur Erzie« lung eines den Getreidepreisen entsprechenden Brodpreises in Vorschlag grbracht werden, dürfte es für unsere Freisinnigen schwer fallen, ihre Theorie von der „Vertheuerung^der unentbehrlichen Lebensmittel" in bisheriger Weise als unwiderlegliche Weisheit weiter zu verkündigen. Eigentlichen Sinn hat dieselbe freilich niemals gehabt. Da die Getreidezölle von 1878 anerkannter und nachgewiesener Maßen keine Erhöhung der Ge- trcidepreise in Deutschland zur Folge gehabt, mithin auch keinerlei Einfluß auf die Brodpreise geübt haben, fehlte für die fortschrittlichen Klagen über die Lebensmittel-Vertheuerung bereits bisher selbst der Schein einer Berechtigung: durch die neuesten, über das Verhältniß zwischen beiden Preisen gemachten Erfahrungen ist nunmehr der gesammten fortschrittlichen Art der Beweisführung der Boden unter den Füßen wegezogen worden. Unwidersprechliche, von der Vertretung einer Großstadt anerkannte Thatsachen haben den Beweis geliefert, daß die Brodpreife unter Umständen ausschließlich von den Zwischenhändlern (Mehlspeculanten, Müllern und Bäckern) gemacht werden können und daß diese, nicht die „kleinen Leute", den nächsten Vortheil davon haben, wenn die Getreidepreffe sinken und wenn der Markt zum Schaden der einheimischen Landwirthschaft von aus der Fremde eingeführten Getreide- waffen überschwemmt wird. — Deutsche Leser, die das im Gedächtniß behalten, werden fortan noch genauer als bisher wissen, was von der Fortschrittslehre betreffend „die Vertheuerung unentbehrlicher Lebensmittel" zu halten ist.
Aus Stadt, Provinz und Umgegend.
— Frankfurt a. M., 1. November. Das festgestellte Resultat war, daß die Zahl der eingetragenen Wähler 34 255 beträgt. Davon sind ungiltige Stimmen 81, gütige 21644 abgegeben worden, davon erhielten Sabor 7961, Sonnemann 7378, Hohenemser 5601, Faßhauer 1602, Lieber 1352, verschiedene 46. Im Ganzen wurden abgegeben 22 025 Stimmen. Die Stichwahl wird am 6 November und die Feststellung des Ergebnisses derselben am 10. November stattfiaden. — In der Kalbächergasse wird eben ein neues Versuchspflaster gelegt. Dasselbe besteht aus parallelepipodischen Holzstücken, welche vorher mit Chemikalien imprägnirt wurden, die dem Holze eine besondere Festigk-it und Wiaer-- standsfähigkeit verleihen sollen. In der M te eines solchen Holzsteines — das Holz ist in seinem Innern durch die Pröparation wie vcrtei« nert — befinden sich drei eiserne Dorne, damit nicht Holz an Holz komme und damit eine Fuge entstehe, welche mit Cement ausgegossen < wird. Das ganze Pflaster ruht auf einer gewölbten Betonunterlage.
(G.-A.)
— Frankfurt a. M., 2. November. Ein hiesiger Kaufmann