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Nr. 232.
Freitag den 3. Oktober
1884.
Tagesschan.
— Berlin, 2. Oktbr. Ihre Kaiserlichen und Königlichen Hoheiten der Kronprinz und die Kronprinzessin sind nebst Prinzessinnen Töchtern gestern Abend in strengstem Inkognito in München eingetroffen. Am Bahnhöfe wurden Höchstdikselben von dem preußischen Gesandtschaftspersonale und dem Polizei - Präsidenten empfangen und begaben Sich alsdann nach dem Hotel „Bier Jahreszeiten".
— Berlin, 2. Oktbr. Der Königliche Gesandte am päpstlichen Stuhle, Wirkliche Geheime Rath Dr. von Schloezer ist vom Urlaube nach Rom zurückgekehrt und hat die Geschäfte der Gesandtschaft wieder übernommen.
— Berlin, 2. Oklbr. Se. Excellenz der Staatsminister, Staatssekretär des Innern v. Boctticher, ist aus der Rheinprovinz angekommen.
— Berlin, 1. Oktober. Vor der Strafkammer I des hiesigen Landgerichts fand am Samstag eine Verhandlung gegen 11 Personen statt, die wegen socialistischer Umtriebe angeklagt waren. Der Urtheilsspruch erfolgte heute. Durch denselben ist einer von den Angeklagten, Cigarrenmacher Johann Windhorst, zu neun Monaten Gefängniß ver- urtheilt worden; ein zweiter Angeklagter wurde zu sieben Monaten und zwei wurden zu je sechs Monaten Gefängniß verurtheilt. Bei vier Angeklagten lautete das Urtheil auf vier Monate, bei zweien auf je zwei Monate Gefängniß. Ein Angeklagter wurde freigesprochen.
— Ber lin, 1. Okt. Der vortragende Rath in dem Ministerium des Innern, Geheimer Regierungsrath v. Bitter, wird sich zum 14. d. M. nach Kassel und Wiesbaden begeben, um den Berathungen des dortigen Communallandtags über den diesem zur Begutachtung zugehenden Entwurf einer Kreis- und Provinzial-Ordnung für Hessen- ' Nassau beizuwohnen. Von einer Trennung der Provinz in zwei Provinzen ist darin nicht die Rede. Die Vmlage wird nach Begutachtung durch den Communallandtag die beiden Häuser des Landtags beschäftigen. — Das Ergebniß der am 28. d. M. stattfindenden Reichstags wählen wird vorschriftsmäßig am 1. November durch die von den Behörden dazu bestimmten Wahlkommissarien erfolgen. Stichwahlen müssen spätestens bis zum 15. k. M. angesetzt sein, können natürlich aber schon früher stattfinden, sodaß spätestens am 19. November sämmtliche Wahlen amtlich bekannt gemacht sein müssen. Nachwahlen, welche infolge von Doppelwahlen anzusetzen sind, werden dann auch bald statt- finden.
— S. M. S. „Nymphe", Kommandant Korv. -Kapt. von Reiche 9 Geschütze, ist am 11. September er. in St. Vincent (Kap Verben) eingetroffen und beabsichtigtes am 23. September er. seine Reise fortzu- setzen. — S. M. S. „Elisabeth", Kommandant Kapitän zur See Schering, 19 Geschütze, ist am 1. Oktober cr. in Sidney eingetroffen.
— Potsdam, 2. Oktbr. In dem Befinden der Frau Prinzessin Wilhelm sind keine Western Störungen eingetreten. Der Kräftezustand hat sich in Folge dessen in erfreulichster Weise gehoben. Da auch der Scharlachprozeß abgelaufen ist, werden Berichte nicht mehr ausgegeben.
— In Euskirchen sprach Kaiser Wilhelm nach dem Manöver des 8. Armeekops seine Anerkennung für die vorzügliche Ausbildung der Truppen aus. „Ich sage Ihnen Allen, schloß er, Lebewohl; im Armee- ( ^rps^zusammen werden wir uns wohl nicht mehr sehen, aber ich hoffe daß Sie alle so tüchtig bleiben werden, wie jetzt, auch wenn ich nicht Mkhr sein werde." Thränen traten ihm in die Augen. — Der 87jährige Monarch zeigt sich in der Frist weniger Tage in Polen, in Westphalen, am Rhein als der Vertreter Deutschlands, heute den fremden Kaisern, Feldherren und Staatsmännern gegenüber, morgen als der Kriegsherr seiner Truppen bei Manöver und Parade, übermorgen als der Landesvater, der seinen Provinzen und angesehenen Stävten ehrende Auszeichnung erweist. Wie hält er aus? ist eine berechtigte Frage. Es erscheint wie ein Wunder, daß ein hochbetagter Greis seiner Aufgabe mit immer gleicher Würde und Freundlichkeit zu genügen weiß, und es trägt sicherlich viel dazu bei, die Herzen des Volkes mit jener eigenthümlich gestimmten Pietät zu erfüllen, die von politischer Berechnung nichts weiß und doch politisch von unberechenbarem Werthe ist. ' Das noch junge Reich, in dessen Grenzen die kirchlichen, die sozialen, die landsmann-
schaftlichen und die Parteigegensätze feindselig und unvermittelt neben« und durcheinander liegen, fühlt sich gleichwohl geeinigt, sobald das Volk mit seinem Oberhaupt in Berührung tritt. Keine noch so klug ersonnene Einrichtung der politischen Rechenkunst wäre im Stande gewesen, der deutschen Einheit während ihres Werdeprozesfes dieses mächtige Band zu ersetzen. In seinem Trinkspruch auf das Wohl Westphalens hat der Kaiser gesagt, das geeinigte Deutschland sei „ein Werk der Armee und der Gesinnungen des Volkes;" er hätte hinzufügen können: „und jdes versöhnenden Einflusses, welcher von der Persönlichkeit des ersten Kaisers ausströmte. (Drfztg )
— Ueber sehr bedauerliche Ausschreitungen, welche sich oberschle- sische Bauern gegen Anordnungen der Behörde haben zu Schulden kommen lassen, geht dem „Oberschl Anz." folgender Bericht zu: „In dem zu Guhrau, Kreis Pleß, schwebenden Landumlegungsverfahren stand am 23. v. M. dortselbst Termin an zur Generalbonitirung. Da die Rustical-Jnteressenten dem Verfahren abgeneigt sind, versuchten dieselben, nachdem sie schon einige Tage vorher den mit der Messung der Grundstücke beschäftigten Feldmesser nebst dessen Arbeitern gemißhandelt und von der Arbeit verjagt hatten, auch der Bonitirungs - Kommision dieses Loos zu Theil werden zu lassen. Demzufolge erschienen am 23. v. Mts., Nachmittags etwa um 4 Uhr, eine Anzahl Bauern rc. nebst Frauen auf dem Felde, wo sich die Bonitirungs - Kommission befand, und drohten den Mitgliedern derselben aufs Ernsthafteste, falls dieselben ihre Grundstücke betreten, sie tovtzuschlagen. In Folge dessen wurde eine Anzahl Gendarmen requirirt und demnächst das Bonitirungsgeschäft begonnen. Als jedoch dasselbe auf das Rusticalfeld ausgedent wurde, drang eine Anzahl Bauern unter fortwährenden Beschimpfungen und Drohungen mit solchem Ungestüm auf die Kommission, daß die Gendarmen den Hauptaufwiegler festnehmen und binden mußten um ihn nach dem Gerichtsgefängniß zu transportiren. Während sich dieses vollzog, wurde, nachdem die übrigen Dorfinsassen von dem Vorgänge seitens der Ruhestörer in Kenntniß gesetzt worden waren, die Sturmglocke geläutet, worauf sämmtliche Einwohner von Guhrau, Männer, Frauen und Kinder, mit Knütteln, Sensen rc. bewaffnet, auf dem betreffenden Feldtheile erschienen und den Gefesselten mit aller Gewalt befreien wollten. Trotzdem die Leute wiederholt zur Ruhe und zum Gehorsam verwiesen wurden, drohten sie fortwährend, unter den gröbsten Beschimpfungen, den Mitgliedern der Kommission, insbesondere dem obersten Leiter derselben mit Todtschlag. In Folge der wiederholen Verweisung auf die Folgen der Ruhestörung wurden die betreffenden Rusticalbesitzer nur noch ungestümer, ja sogar thätlich, weshalb tue Gendarmerie genöthigt war, Feuer zu geben, und zwar ist hierbei einem Hauptauswiegler ein Schuß durch den Oberschenkel gegangen, sodaß der- se-be zusammenbrach. Demnächst wurde der Gefesselte nach dem Gerichtsgefängniß zu Pleß transportirt, während die übrigen Ruhestörer den Vei wundete« umstanden. Die Bonitirungs - Kommission begab sich, da es inzwischen Abend geworden war, nach Pleß, wobei ihr seitens der Bauern abermals die größten Beschimpfungen und Drohungen zu Theil wurden. Es sind noch an diesem Tage 25 Mann Ulanen aus Pleß nach Guhrau zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung komman- dirt worden und bleiben dieselben auf Kosten der Gemeinde solange dort, bis die Bonitirung beendet ist. Der in Pleß anwesende Staatsanwalt hat die Untersuchung sofort eingeleitet."
— Paris, 1. Ost. Der normale Ertrag der Kohlengruben in Kelong, die Courbet zu besetzen sich anschickt, wird laut Havas auf 100 000 Tonnen jährlich geschätzt und könnte, wie man versichert, während zweier Jahrhunderte in gleichem Maße betrieben werden. Der Reinertrag dieser Minen, der in den chinesischen Staatsschatz fällt, wird auf mehr als 2 Millionen Fr. jährlich berechnet.
Paris, 2. Okt. (Köln. Ztg.) Amtlicher Wochenbericht über die Cholera. In der Zeit vom 20. bis zum 26. v. Mts. sind in Frankreich insgesammt 177 Personen gegen 210 in der vorhergehenden Woche an der Cholera gestorben. Die Zahl der von der Cholera be- lrcffmcn Gemeinden beträgt 62; davon kommen auf das Seinedepartement zwei Todesfälle, und zwar einer auf St. Denis und einer auf St Queu
— London, 2. Oktober. Die Rede, mit welcher Lord Salis-