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Nr. 222.
Montag den 22. September
1884.
Politische Wochenschau.
(Ausland.)
Alle übrigen Vorgänge der dritten Septemberwoche sind hinter die Kaiserzusammenkunft von Skiernewice zurückgetreten. Der glänzende Verlauf derselben hat die Hoffnung auf dauernde Befestigung des Friedens und des Einvernehmens der führenden Mächte allenthalben neu belebt, allenthalben die gleiche Anerkennung gefunden. Ihrer Befriedigung über Ergebnisse der am 16. stattgehabten mehrstündigen Verhandlungen zwischen den leitenden Ministern der drei Kaiserreiche haben die anwesenden Monarchen durch verschiedene Ordensverleihungen öffentlichen Ausdruck gegeben. In der frohen Gewißheit, daß ihre wichtigsten Interessen in den stärksten Händen wohl aufgehoben sind, werden die Völker des östlichen Europa an die Arbeit des bevorstehenden Winters gehen können.
Der am 13. d. M. zu Paris versammelt gewesene Pariser Ministerrath hat beschlossen, von einer Einberufung der Kammern abzusehen unv auf dem bisher eingeschlagenen Wege weiter gegen China vorzu- gehen. Bezügliche Instruktionen scheinen dem Admiral Courbet bereits früher ertheilt worden zu sein. Die Regierung von Pecking hat die Erklärung abgegeben, der Gewalt Gewalt entgegensetzen zu wollen, von einer sörmlicheu Kriegserklärung indessen nach wie vor Abstand genommen. Der den Chinesen bisher bereitete Schaden wird französischer Seits auf 34 Millionen berechnet, hat an der Unnachgiebigkeit der Peckinger Machthaber indessen Nichts geändert.
In Egypten wird seit der Ankunft des General Wolseley mit vielem Eifer an den Vorbereitungen zu der geplanten Expedition nach Khartum gearbeitet. Wie es heißt, soll die Armee um weitere 3000 Mann verstärkt werden. Mr. Gladstone rechnet darauf, daß neue Siegesposten vom Nil den Muth und das Vertrauen seiner Anhänger erhöhen und die einer energischen egyptischen Politik entgegenstehenden Bedenken besiegen werden. Bis jetzt ist die Stimmung indessen eine entschieden gedrückte, da seit Wochen alle zuverlässigen Nachrichten vom General Gordon fehlen und die Befürchtung fortdauert, es werde die zur Rettung Khartums bestimmte Truppenabtheilung zu spät an Ort und Stelle eintreffen, um ihren Zweck ereichen zu können.
Die in Italien ausgebrochene Cholera-Epedemie hat auch während der letzten Woche zahlreiche Opfer gefordert, scheint ihren Höhepunkt indessen hinter sich zu haben, da die Zahl der Erkrankungen auch in dem besonders schwer heimgesuchten Neapel in der Abnahme begriffen ist. Von dem Dank und der Anerkennung der gesammten Ration begleitet, hat König Humbert die südliche Hauptstadt seines Reiches verlassen, um sich nach Florenz zu begeben.
Während die Zustände auf der Balkanhalbinsel im Nebligen in der Beruhigung begriffen sind, wurde zu Anfang der vorigen Woche ein schweres, anscheinend politisches Verbrechen aus der Macedonischen Stadt Lazaropolje gemeldet. Der Legat des bulgarischen Exarchen in Konstantinopel, Theophilus, ist auf offener Straße ermordet gefunden worden, nachdem er kurz zuvor in einen heftigen Conflikt mit dem grie- chischen Metropoliten Aethinos gerathen war. Es hat des Einschreitens türkischer Truppen bedurft, um die erregte bulgarische Bevölkerung von Lazaropolje an Gewaltthaten gegen den Metropoliten zu verhindern, den man der Theilnahme an dem gegen seinen Gegner verübten Verbrechen beschuldigt. Auf die Erbitterung, mit welcher Griechen und Bulgaren Macedoniens einander seit dem zwischen ihnen entbrannten kirchlichen Conflikt entgegenstehen, wirst dieser Vorgang ein trauriges Licht.
Tagesscha«.
— Berlin, 20. Sept. Das kronprinzliche Paar wird nach den Kaisermanövern zunächst dem Geburtstage der Kaiserin in Baden- Baden beiwohnen und dann eine mehrwöchige Reise in die Schweiz unternehmen.
— B erlin, 20. Sept. Nach einer kaiserlichen Verordnung vom 18. September finden, wie wir bereits in unserer Samstagsnummer kurz gemeldet, die Reichstagswahlen am 28. Oktober statt.
— Berlin, 20. Sept. Der Regierungspräsident von Gumbinnen »ließ ein Verbot der Einfuhr von Schweinen für die ganze Grenze des Regierungsbezirks vom 1. Oktober an.
— B enrath, 20. Sept. Der Kaiser, der Kronprinz und die fürstlichen Herren begaben sich heute früh 9 Uhr nach dem Manöver bei Wevelinghoven. Um 10 Uhr folgte die Kaiserin dahin.
— Benrath, 20. Sept. Heute Nachmittag um vier Uhr fand ein großes Diner bei den Majestäten mit den Spitzen der Civilbehörden statt. Heute Abend 8V2 Uhr war Thee bei den Majestäten und wurde denselben eine Serenade dargebracht von den verschiedenen Gesangvereinen der Rheinprovinz.
— Benrath, 21. Sept. Bei dem gestrigen Diner im Schlosse, an welchem Se. Majestät der Kaiser in Folge der Anstrengungen durch die große Parade nicht theilnahm, sprach I. Majestät die Kaiserin: „Wir sind freudig gerührt über den schönen Empfang, den uns die Rheinprovinz bereitet hat. Im Namen Sr. Majestät und in meinem Namen sage ich Ihnen den herzlichsten Dank." An der gestrigen Serenade nahmen zwei Düsseldorfer und ein Bielefelder Gesangverein Theil. Heute Vormittag wohnten Se. Majestät der Kaiser und I. Majestät die Kaiserin dem Gottesdienst in der Schloßkapelle bei. Nachmittags 2*/» Uhr gedenken Allerhöchstdieselben Benrath zu verlassen und nach Schloß Brühl überzusiedeln.
— Benrath, 21. Sept. Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin haben mit Ihren K. K. Hoheiten dem Kronprinzen und der Kronprinzessin und den übrigen fürstlichen Herrschaften Benrath um 2^2 Uhr verlassen und sich mittelst Extrazuges nach Schloß Brühl begeben. Am Bahnhof hat sich ein äußerst zahlreiches Publikum eingefunden, welches die Majestäten mit enthusiastischem Kundgebungen begrüßte.
— Breslau, 21. Sept. Der Chesredacteur der „Schlesischen Volkszeitung", Garthaus, welcher angeklagt war, durch einen, die Aufhebung der Maigesetze betreffenden Artikel sich einer Majestätsbeleidigung und einer Beleidigung des Staatsministeriums schuldig gemacht zu haben, ist von der Anklage der Majestätsbeleidigung freigesprochen, wegen Be- leidigung des Staatsministeriums aber zu einer Geldstrafe von 100 M. verurtheilt worden.
— Dresden, 20. Sept. Die Ausstellung für Technik des Handwerks wurde heute durch den König feierlich eröffnet.
— Eisenach, 21. Sept. Die Generalversammlung des deutschen Colonialvereins wurde heute Vormittag 11'/» Uhr durch den Fürsten Hohenlohe-Langenburg eröffnet. Aus allen Theilen Deutschlands waren zahlreiche Delegirte erschienen. Unter den Anwesenden befanden sich u. A. Vice-Admiral Batsch, Lüderitz (Bremen), Wörmann, Dr. Jantzen, Kaufmann Thormählen, Brohm (Factorei Bageida), Ahlers (Samaragesellschaft), Rohlfs, Paulus (syrische Tempelcolonie), Veye (Südbrasilien), Oberbürgermeister Dr. Miquel, v. Bennigsen. Nach Eröffnung der Sitzung legte der Präsident folgende zwei Resolution vor: 1) Die Versammlung, die früheren Erklärungen des Präsidiums an den Reichskanzler billigend, begrüßt die in Westafrika ergriffenen Maßregeln, in denen sie freudig das Eintreten Deutschlands in die Reihe der coloni- satorische Ziele verfolgenden Völker erkennt, und spricht die Erwartung aus, daß die Reichsregierung bei weiterem Vorgehen auf volle Unterstützung der Nation rechnen könne; 2) die Versammlung hält die überseeischen Dampfschiffverbindungen für ein unerläßliches Mittel zur Förderung des deutschen Ausfuhrhandels, zur Hebung des Ansehens der deutschen Flagge und innigerer Verbindung der Deutschen in den überseeischen Ländern mit dem Mutterlande. Wo solche Dampferlinien ohne öffentliche Unterstützung zur Zeit nicht in einem den deutschen Interessen entsprechenden Maße eingerichtet werden können, hält die Versammlung geeignete Subventionen aus Reichsmitteln für geboten, bedauert deshalb das Scheitern der Dampfervorlage und spricht schließlich die zuversichtliche Hoffnung aus, daß eine erneute Vorlage allseitige Zustimmung und Annahme finde. Der erste Redner Dr. Fabri (Godesberg) begründete die erste Resolution, worauf Wörmann und Lüderitz über ihre Besitzungen Mittheilung machten. Die erste Resolution wurde einstimmig angenommen; ebenso wurde die zweite genehmigt, welche Nasse (Bonn), Annecke (Berlin) und Meyer (Bremen) begründeten. Kurz nach Eröffnung der Sitzung erschien die Großherzogin mit dem Erbgroßherzog und der Erbgroßherzogin. Der Großherzog ließ die Versammlung durch den Gerichtspräsidenten Appelius begrüßen.
— Gera, 18. Sept. Hier ereignete sich heute ein schwerer Un« glücksfall. Der Sohn des Schlossermeisters Perthel in-der Böttchergasfe spielte mit einer kleinen metallenen Kinder-Kanone, die er nur mit etwas