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Beilage zu Nr. 210 des Hanauer Anzeiger.

t Nationale Anstandspflichten.

Nie hat der deutsche Reichskanzler in der Schätzung seiner Zeit­genossen höher gestanden als jetzt, wo der von ihm aufgerichtete Frie­densbund selbst in Frankreich als ein verdienstvolles Werk anerkannt und wo von unseren erklärtesten Nebenbuhlern und Gegnern eingestanden wird, die neuen colonialen Erwerbungen der Deutschen hätten einen abermaligen überraschenden Beleg für den Weitblick und den unerschöpf­lichen Gedankenreichthum ihres nationalen Staats beigebracht. Uns Zei­tungsschreibern gehen täglich Dutzende von Zeitungsblättern aus aller Herren Länder durch die Hände, solche, die von der Person des Fürsten Bis- marck in niedriger, herabwürdigender Weise sprächen oder seine mensch­lichen und privaten Eigenschaften zum Gegenstände der Verunglimpfung machten, sind wir schon lange nicht mehr begegnet. Respekt hat der Erneuerer des deutschen Namens sich in so hohem Maße errungen, daß seine erklärtesten Gegner es sür unwürdig und unanständig halten, den­selben außer Augen zu setzen und sich als bloße Kläffer zu geberden.

Die einzigen Ausnahmen, die in dieser Rücksicht überhaupt noch vorkommen, kommen in der deutschen, und zwar in der deutsch-freisinnigen Presse vor.

Vor uns liegt ein mit dem Namen H. Hermes, L. Parisius und Eugen Richter geschmücktes Wochenblatt, das einen Aussatz über den Gesundheitszustand und die ärztliche Behandlung des Kanzlers enthält, von dem man glauben könnte, er sei in einer Kloake der Vorstädte New-Aorks, Londons oder Lyons und nicht in der deutschen Reichs­hauptstadt, unter der Autorität anerkannter Parteiführer entstanden. Die körperlichen Beschwerden des berühmtesten Deutschen seiner Zeit, die schlaflosen Nächte, die ihm durch seine überangestrengte Thätigkeit bereitet werden, die Heilmittel, denen er die Besserung seines Zustandes zu danken hat, werden mit eine Brühe unwürdiger Späße übergossen scherzhafte Betrachtungen über den Schaden angestellt, welcher dem deut- schen Volke aus der Ruhelosigkeit des Kranken erwachsen sein sollte, endlich die Verdienste, die der Arzt des Kanzlers sich um diesen und dadurch um die Ration erworben hat, herabgewürdigt und ins Lächer­liche gezogen. Und das Alles in dem denkbar niedrigsten Ton, in der Sprache der Bierbank und mit der unverhohlenen Absicht, die Empsin- düngen der Freude und des Stolzes, die jede Nation bei Nennung der Namen ihrer großen Männer empfindet, zu besudeln und auszumergeln.

Mit einer Partei, deren Führer sich dergleichen Unwürdigkeiten ohne Besorgniß vor Schädigung ihres Ansehens Und ihrer Stellung er­lauben dürfen, muß es weit gekommen sein! So lange der Deutsche kein politisches Vaterland besaß, pflegte er sich in den Fällen solcher Art damit zu entschuldigen, daß wir es zu politischer Selbstachtung über. Haupt noch nicht gebracht hätten. Diese Entschuldigung trifft längst nicht mehr zu. Es bleibt darum nichts übrig, als solchen Schändern des deutschen Namens die politische Gemeinschaft aller anständigen Leute aufzukündigen. Möchte diese von aller Parteistellung unabhängige nationale Ehrenpflicht bei den nächsten Wahlen wenigstens zum Theil erfüllt werden!

Lokales, Provinzielles und Umgegenb.

y (Kolonialverein.) Nach der den Mitgliedern des Deutschen Kolonialvererns mit dem 18. Hefte derDeutschen Kolonialzeitung" zu­gegangenen Einladung zu der auf Sonntag, den 21. September in Eisenach anberaumten außerordentlichen Generalversammlung wird die­selbe im Saale der GesellschaftErholung", Vormittags IP/s Uhr, stattfinden. Ein Lokalkomitä hat sich in Eisenach gebildet, welches durch ein Mitglied auf dem Bahnhöfe behufs Auskunftsertheilung vertreten sein wird. Wohnungsanmeldungen sind möglichst bis zum 18. d. M. an Herrn Hofbuchhändler Jacobi dort zu richren, auch ist vorherige An­meldung zu dem um 5 Uhr Nachmittags stattfindenden gemeinschaftlichen Essen erwünscht. Am 20. Abends finden sich die bereits anwesenden Theilnehmer imGasthaus zum Löwen" beim Bier zusammen. Wie uns von zuverlässiger Seite mitgetheilt wird, ist nach der allseitigen sympathischen Aufnahme des Vorstandsbeschlusses, daß auch allen Freunden der deutschen Kolonialpolitik der Zutritt zu dieser Generalversammlung behufs ihrer Orientirung freistehen solle, eine überaus zahlreiche Bethei­ligung aus allen Kreisen zu erwarten. Die Zweigvereine, Sektionen und Ortsgruppen des über ganz Deutschland sich erstreckenden Vereins werden durch Delegirte vertreten sein, welche an der am 20. Abends 6V2 Uhr imHotel zum Großherzog" in Eisenach stattfindenden Vorstandssitzung theilnehmen. In der Generalversammlung, unter dem Vorsitze des Prä­sidiums (Fürst zu Hohenlohe-Langenburg und Oberbürgermeister Dr. Miquel), werden unter Anderen die Herren Geh. Regierungsrath Prof. Dr. Erwin Rasse (Bonn), Geh. Komerzienrath Heimen da hl (Krefeld), Reichstagsabgeordneter Dr. Hammacher (Berlin), Missions­direktor Dr. Fabri (Barmen) und Konsul H. H. Meier (Bremen) über die gegenwärtige Lage der deutschen Kolonisationsbestrebungen, über

die allgemeinen Ziele des Deutschen Kolonialvereins, sowie über die Dampfer-Subventionsvorlage sprechen. Von hervorragenden Persönlich­keiten aus den Hansestädten haben u. A. bereits die Herren Adolf Wörmann (in Fa. C. Wörmann), F. A. E. Lüderitz und Joh. Thormählen (in Fa. Jantzen L Thormählen) ihre Betheiligung zuge­sagt, und dürfte es von besonderem Interesse sein, die Anschauungen dieser in überseeischen Unternehmungen praktisch erfahrenen Männer über die eigentliche Bedeutung und die Zukunft ihrer Besitzungen sowie über die für Deutschland zunächst anzustrebenden Ziele in kolonisatorischer Richtung zu erfahren. Auch Hofrath Dr. Gerhard Rohlfs wird erwartet.

(Zehn I a g d g e b 0 t e.) Jetzt, wo die Jagd in vollster Blüthe steht und Tausende berufener und unberufener Nimrode hinauslockt in Feld und Wald, verdienen folgende zehn Jagdgebote des Frankfurter Thierschutzvereins möglichst weite Verbreitung: 1) Es soll nur auf solche Distancen geschossen werden, wo eine rasche Streckung (Erlegung) mit Sicherheit zu erwarten ist. 2) Es soll stets das szur Streckung geeig­netste Geschoß verwendet werden (Kugel, Posten, Schrot.) 3) Es soll gestrecktes Wild auf möglichst schmerzlose Weise getödtet werden. Vor allem ist dabei mit einem Schusse nicht zu geizen. 4) Es soll ange­schossenen Thieren eifrigst nachgesucht und für rasche Tödtung derselben gesorgt werden. 5) Hunde, die angeschossen.es oder abgefangenes Wild anschneiden (anbeißen) sind für immer von der Jagd auszuschließen. 6) Am allerwenigsten dürfen waidwundgeschossene oder gestreckte Thiere jungen Hunden behufs deren Dressur überlassen werden. 7) Bei Hunde- dreffur sind alle Rohheiten und Grausamkeiten zu vermeiden; es gibt sichere Dressur Methoden, die dies nicht nöthig machen. 8) Auch dem Raubzeug soll nicht auf martervolle Weise Abbruch gethan werden. 9) Nur auf nutzbares oder schädliches Gethier soll geschossen werden. 10) Alle entgegenstehenden Vornahmen oder Zulassungen sind als Thierquä­lerei zu'betrachten und ist gegen Betreffende behufs Bestrafung möglichst vorzugehen.

Frankfurt a. M., 6. September. Zur Erhaltung des Grindbrunnes, bezw. zur Aufsuchung und eventuellen Fassung der Quelle, will der Magistrat von den Stadtverordneten einen Credit verlangen. Wie wir hören, hat die Frankfurter Gasgefellschaft sich bereit erklärt, einen Beitrag zu den Kosten zu gewähren. Die Ledermesse beginnt kommenden Montag. Die Anfuhr ist bis heute, Samstag, Abend noch sehr gering. Für Montag ist noch Zufuhr gemeldet, die jedoch nicht viel an der Situation mehr ändern dürfte. In den Händen der Com­missionäre liegt das ganze Geschäft. Selbst der Konsument, der Schuh­macher, hat kein Bedürfniß mehr zur Messe zu kommen, da er mit Da- rangabe von wenigen Pfennigen beim Commissionär seine Bestellungen macht, der sie franko effektuirt. Einige der Metzger, welche schlechtes Flersch zu guten Preisen verkaufen, wird demnächst das Publikum kennen lernen. Zwei hiesige und ein auswärtiger Metzger kauften nämlich sechs lungenkranke Kühe. Der Auswärtige glaubt sich von den hiesigen Col- legen, die das Pfund Fleisch für 65 Pfennige an ihre Kunden abgaben, benachtheiligt, und hat eine Schadenersatzklage in Höhe von 200 Mark gestellt, welche nach den Gerichtsferien das Amtsgericht beschäftigen wird. tFr. I)

Ein hiesiger Gastwirth hat zwei Kellner, welche jeden Tag die Zeit zum Aufstehen verschlafen. Da alle Ermahnungen nichts fruchteten, so ließ er dieselben gestern so lange in ihren Betten liegen, als es ihnen beliebte. Wirklich schliefen sie auch bis 10 Uhr. Als sie herunter- kamen, waren sie nicht wenig erstaunt, alle Arbeit gethan und an ihrer Stelle zwei Dienstmänner zu sehen. Dieselben wünschten den Lang­schläfern einen guten Morgen und verlangten Bezahlung für ihre drei­stündige Arbeit. Die Herren Kellner mußten, ob sie wollten oder nicht, ihr Portemonnaie aufmachen und die gestellte Forderung begleichen. Heute Morgen kamen sie schon eine Stunde früher, als nöthig war, herunter und thaten ihre Arbeit. Das Mittel hatte also gewirkt. (G.-A.)

Frankfurt a. M., 7. September. In vergangener Woche gelangten hier laut Protestliste 32 Wechsel mit M. 8342.40 mangels Zahlung zu Protest. Hiervon waren 18 mit M. 4057.63 von hiesigen Accepianten; die Uebrigeu waren auswärts acceptirte, hier domicilirte Wechsel. Gestern waren einige hundert Spansäue auf den Markt gebracht worden, die, wie man zu fagen Pflegt, wie Rauch abgingen. Das Pfund stellte sich im Durchschnitt aus 50 Pfennig. Vorgestern Mittag trat ein erst vom Lande gekommenes Dienstmädchen mit einem Krug in der Hand in einen Spezereiladen auf der Vilbelerstraße und verlangte Vogelsberger Waffer. Auf die Frage des Kaufmanns, wer es geschickt habe und was es mit dem Wasser machen wolle, erklärte die Unschuld vom Lande, daß sie über Unwohlsein geklagt und der Arzt ihr gerathen habe, tüchtig Vogelsberger Wasser zu trinken, und auf ihre Frage, wo sie dasselbe erhalten könne, habe der Arzt geantwortet, sie könne das überall holen. (Fr. N.)