Beilage zu Nr. 177 des Hanauer Anzeiger.
t Großer und kleiner Grundbesitz
ES kann als Beweis für die zunehmende Wichtigkeit der unter unserer bäuerlichen Bevölkerung aufgetauchten Bewegung angesehen wer. den, daß man von gegnerischer Seite alle erdenklichen Mittel anwendet, um der selbstständigen Wahrnehmung der ländlichen Interessen und dem gemeinsamen Vorgehen der Landbewohner entgegen zu wirken. Bei allen übrigen Berufsständen soll es in der Ordnung sein, wenn sie ihre ge- meinschastlichen Angelegenheiten gemeinsam berathen und ordnen; folgen die Landleute diesem Beispiele, so sind gewisse Leute aber sogleich mir der Beschuldigung bei der Hand, da werde kleinliche Jntercssenpoliük getrieben, dem kurzsichtigen Eigennutz gehuldigt zu Nutz und Frommen der Agrarier und Feudalen, „auf den Bauernfang ausgezogen" u. s. w. So unaufhörlich dergleichen Redensarten auch in Umlauf gesetzt worden sind, so haben dieselben doch Nichts auszurichten vermocht, weil die Bauern auf dem einmal eingeschlagenen und ersprießlich befundenen Wege verharren.
Seit einiger Zeit werden andere Mittel zur Erreichung desselben Zwecks in Bewegung gesetzt. Um Verwirrung und Zwietracht zu säen, stiftete man „liberale Bauernvereine" und gibt man das Schlagwort aus „große und kleine Grundbesitzer hätten so verschiedene Interessen, daß sie gar nicht zusammen gehen könnten; der Bauer, der mit dem Großgrundbesitzer gemeinschaftliche Sache mache, trage sein Fell für Dinge zu Markt, die ihm nicht nützten, sondern schadeten."
Daß die „liberalen Bauernvereine" in Wahrheit verkappte Großstädtervereine sind, die nach dem Wohl und Wehe des Landmannes nur zum Schein fragen, braucht dem Leser nicht erst gesagt zu werden. Zwischen wirthschastlichen Berufs- und politischen Partei-Interessen besteht kein Zusammenhang; „liberale" Bauernvereine haben ebensowenig einen Sinn, wie „liberale" Barbier- oder Gastwirth-Vereine, von welch' letzteren denn auch niemals Etwas zu hören gewesen ist.
Wie aber steht es um den zweiten Punkt, die Gemeinsamkeit der Interessen von großen und kleinen Landwirthen?
Die Sache ist so einfach, daß über dieselbe nicht erst Worte gemacht zu werden brauchen. Das sogenannte „Bauernprogramm" verlangt Verminderung der ländlichen Steuern und Lasten, Bekämpfung des Wuchers, Besserung des Hypotheken- und Creditwesens, Reform des Erbrechts, Beschränkung der Bodenzersplitterung, endlich Schutz der ein- heimischen landwirthschaftlichen Produktion durch niedrige Frachttarife und Beschränkung der Konkurrenz des Auslandes. Genau dasselbe verlangen die Großgrundbesitzer, weil sie unter denselben Lasten seufzen, von derselben Credit- und Hypothekennoth gedrückt werden, mit denselben Absatzschwierigkeiten und niedrigen Preisen zu kämpfen haben, wie ihre bäuerlichen Nachbarn. Von Privilegien oder Begünstigungen einer Klasse vor der anderen kann selbstverständlich nicht die Rede sein, wo es sich allein um wirtschaftliche Fragen und zwar um die Beseitigung gemeinsamer Beschwerden handelt.
„Aber", hört man neuerdings einreden, „der Großgrundbesitz allein hat von den landwirthschaftlichen Zöllen den Vortheil, der kleine Mann, der kein Getreideser kauft, häufig aber in die Lage kommt, kaufen zu müssen, trägt den Schaden, wenn das Korn vertheuert wird.
Darauf ist erstens zu erwidern, daß die Einführung der Kornzölle das Getreide bisher überhaupt nicht vertheuert, sondern nur den Absatz der einheimischen Produktion erleichtert hat. Der Bürgermeister einer der reichsten Handelsstädte Deutschlands, Herr Miguel, hat das bei Gelegenheit seiner zu Neustadt a. d. Hardt gehaltenen Rede noch neuerdings ausdrücklich anerkannt.
Zweitens ist ein sehr erheblicher Theil des deutschen Bauernstandes fortwährend in der Lage, Getreide zu verkaufen und wird der Wahrheit ins Gesicht geschlagen, wenn man so thut, als gebe es gar keine eigentlichen Bauern mehr und als müßten die ländlichen Verhältnisse nach den Zuständen einzelner in Zwergwirthschaft gerathenen Gegenden beurtheilt werden.
Drittens handelt es sich nicht um Kornzölle allein, sondern ebenso um Viehzölle, die gerade für den kleineren Mann, der Käufer für sein Kalb oder Schwein sucht, von außerordentlichem Nutzen sind und unserer Viehzucht bereits gegenwärtig große Dienste erwiesen haben.
Viertens kommt die große Masse abhängiger Landbewohner in Betracht, deren Wohl und Wehe mit demjenigen der großen und kleinen Kornproducenten, in deren Lohn und Brod sie stehen, auf das Engste zusammenhängt und an die von den Vorkämpfern des Freihandels in diesem Falle ebenso wenig gedacht wird, wie in anderen Fällen.
Auf diese nahe liegenden Einwendungen einzugehen, hat noch Niemand von den Weisen den Versuch gemacht, die den Bauern vor seinem Nachbarn und Berufsgenossen warnen, um ihn auf ihre Seite zu ziehen. — Bisher ist das nicht gelungen und hoffentlich wird es auch künftig nicht gelingen.
Lokales, Provinzielles und Umgegend.
— Frau kfurt a. M., 30. Juli. Die General-Versammlung des VereinS deutscher Eisenbahnverwaltungen, die gestern hier eröffnet wurde, war von 103 Delegirten besucht, welche 71 Vereinsverwaltungen vertraten. Den Vorsitz bei den Verhandlungen führte H-rr Regierungs- rath v. Reitzenstein von der als geschäftsführende Verwaltung neugewählten königl. Eisenbahndirektion zu Berlin. Die Begrüßung der Delegirten im „Saalbau" erfolgte durch Herrn Regierungspräsidenten v. Wurmb, welcher die Wichtigkeit des Vereins hervorhebend betonte, daß die Staatsiegierung stets bereit sei, den gesteigerten Ansprüchen des Verkehrs gerecht zu werden, wie das z. B. wieder der Bau deS großen Frankfurter Centralbahnhofes beweise. Anträge auf Neuaufnahme mitteleuropäischer Eisenbahnverwaltungen in den Verein lagen nicht vor. Von weiterem Interesse war der von der L k. Direktion sür Staatseisenbahnbetrieb in Wien gestellte Antrag, das Institut der kombinirbaren Rundreise Billette dahin zu erweitern, daß auch Strecken von nicht dem Verein angehörenden Bahnen (in erster Linie solcher der Schweiz) einbezogen werden können. Der Antrag wurde abgelehnt; dagegen wurde der Eventualantrag derselben Verwaltung: zuzulassen, daß eine Rundreise auch dann als geschlossene Tour gilt, wenn die Vereinsbahnen auf einem Uebergangspunkte auf eine fremde Bahn verlassen und auf einem anderen Uebergangspunkte zur Vollendung der Tour wieder betreten werden, an. genommen. Am heutigen Tage wurden Wahlen vorgenommen und ge- schästliche Angelegenheiten verhandelt. Dem Verein gehören zur Zeit an 92 Eisenbahnverwaltungen mit einer Betriebslänge von 61 771.01 Km. gegen 59 678 83 Km Mitte Juli 1883. Hiervon kommen auf deutsche Bahnen 36 095.10 Km, auf österreichisch' ungarische Bahnen 20 853.56 Km., auf niederländische und luxemburgische Bahnen 2373.66 Km. und auf andere Vereinsbahnen 2448.69 Km. (F^- 3)
— Die langen Schleppen an den Damenkleidern haben am Sonntag im Mainzer Bahnhof einen bedenklichen Unglücksfall veranlaßt. Eine Dame aus Frankfurt a. M. wollte aus einem Wagen aussteigen, um einen anderen Zug zur Weiterreise nach Kreuznach zu benutzen, blieb dabei mit dem langen Kleid an dem Trittbrett hängen und stürzte bewußtlos zur Erde. Sie hatte, wie die „M. Nachr." schreiben, das Nasenbein und Unterkiefer gebrochen. Außerdem wurde die Dame von Krämpfen befallen. Am Nachmittag wurde die Dame unter Begleitung einer Frau nach Frankfurt zu ihren Eltern gebracht. (G.-A.)
— Frankfurt a. M., 31. Juli. Am Abend deS 27. d. M. rannten zwei gekuppelte Wagen der elektrischen Bahn auf der Offen- bacher Landstraße eine Droschke an. Dabei^wurde an der rechten Seite derselben die Laterne zertrümmert und der Schlag zerrissen. — In einer Wirthschaft der gr. F-gasse entstand am Dienstag zwischen zwei stellenlosen Bäckergesellen ein Streit. Derselbe nahm solche Dimensionen an, daß der Wirth sich genöthigt sah, die beiden Burschen an die Lust zu setzen. Aus der Straße angelangt, wurden sie handgemein. Hierbei zog der Eine plötzlich sein Messer und versetzte damit dem Gegner einen gefährlichen Stich in den Unterkiefer. AuS der mehrere Centimeter tiefen Wunde ergoß sich ein mächtiger Blutstrom, der den Platz in weitem Umfang färbte. Der Verwundete wurde sofort zu einem benachbarten Chirurgen verbracht und von diesem und einem noch hinzugerufenen Arzt verbunden, um dann in das Hospital übergeführt zu werden, während der Messerheld von mehreren sosort von der Wache herübergeeilten Schutzleuten verhaftet wurde. — In einer Wirthschaft der Altstadt verwehrte ein Metzger einem Rekruten den Eintritt. Es entspann sich ein Streit. Der Metzger zog sein Messer und stach dem jungen Mann in Kopf und Hals, worauf er verhaftet wurde. (Fr. N.)
— Hersfeld, 26. Juli. Da in letzter Zeit sich wieder mehrfach Spuren verübter Wilddiebereien im Meckbacher Forst gezeigt hatten, so unternahmen, wie das „Hersf. Krsbl." schreibt, am vergangenen Freitag, des Morgens in aller Frühe, die Förster und Forstgehülfen des Reviers Meckbach und der angrenzenden Waldgebiete eine ausgedehnte Waldstreife. Oberhalb des Dorfes Meckbach stießen sie dabei auf eine Anzahl junger Männer, die mit Schießwaffen versehen waren und die durch Schwärzen des Gesichts oder auf sonstige Weise sich unkenntlich gemacht hatten. Die Aufforderung: die Gewehre niederzulegen und sich gefangen zu geben, wurde von denselben erst mit Hohnlachen und Drohungen, dann mit Schieß n beantwortet, so daß das Forstpersonal sich eben- wohl veranlaßt sah, von der Waffe Gebrauch zu machen. Es wurden mehrere Schüsse abgegeben, worauf die Wilderer die Flucht ergriffen. Anscheinend sind drei der letzteren mehr oder weniger schwer verletzt worden ; vom Forstpersonal ist nur ein Mann durch einen Schrotschuß leicht verwundet. Die Untersuchung ist in vollem Gange, und soll sich dabei ergeben haben, daß die Verletzten der Gemeinde Friedlos angehören, doch ist es noch nicht möglich gewesen, dieselben dingfest zu machen. Der am schwersten Verletzte soll von seinen Freunden nach einem anderen Dorfe gebracht worden sein.