Beilage zu Nr. 118 des Hanauer Anzeiger.
^ Großer und kleiner Grundbesitz. |
Zu den Liedlingsbehauptungen der „Freisinnigen" und des von denselben begründeten Eisenacher liberalen Bauernvereins gehört die Aufstellung, daß die neuerdings von der Gesetzgebung verfolgte Absicht, mit Hilfe des Instituts der sogen. Höserolle das Zusammenhalten der bäuerlichen Höfe zu erleichtern, reactionären Ursprungs sei und mit junkerlichen Liebhabereien Zusammenhänge, die den wahren Interessen des Bau ernstandes zuwrderlrefen.
Diese wahrheitswidrige Behauptung steht mit einer anderen im Zusammenhang. Die Eisenacher wollen den Bauern einreden, der aetähr- lichste Feind des kleinen und mittleren Grundbesitzes sei nicht die Bodenzersplitterung, sondern die Latifundien - Wirthschaft d. h. das Bestreben der Großgrundbesitzer, die selbständigen Bauernwirthschasten und kleineren Wirthschaften in die großen Rittergüter aufgehen zu lassen, beziehentlich zu neuen Großwirthschasten zusammenzulegen.
Sieht man näher zu, so gewahrt man, daß diese Sätze sich gegenseitig ausheben und unter einander im Widerspruch stehen. Wären die Vertreter des Großgrundbesitzes wirklich darauf aus, die kleineren Grundbesitzer zu verschlingen, so müßte gerade ihnen daran gelegen sein, der Bodenzersplitterung in die Hände zu arbeiten und das gleiche Erbrecht aller Erben eines Hofbesitzers aufrecht zu erhalten. Das geeignetste Mittel, die selbständigen Bauernwirthschaften in die großen Rittergüter aufgehen zu lassen, besteht ja eben darin, daß man die Höfe zerschlägt oder mit Schulden überlastet, um sodann die einzelnen, nicht existenzfähigen Kleinwirthschaften, welche aus ihnen gebildet werden, zu ver- schlingen. „Theile, um zu herrschen" ist ein Grundsatz, der im Wirth- schaflsteben ebenso gilt, wie in der Politik.
In Wirklichkeit sind es aber gerade die den konservativen Parteien angehörenden Vertreter des Großgrundbesitzes, welche der Bodenzersplitterung und der durch unzweckmäßige Erbtheilungen bewirkten Verschuldung des bäuerlichen Grundbesitzes entgegenarbeiten. Das Mittel, das sie zu diesem Behuf empfehlen und in mehreren Provinzen gegen den Widerspruch der Freisinnigen ins Werk gerichtet haben, ist auch keineswegs ein „mittelalterliches", die Freiheit der Verfügung des Erblassers be- schränkcndes. Derjenige Hofbesitzer, der den Wunsch hegt, seinen Hof vor Zersplitterung und Ueberschuldung zu bewahren und eirem seiner Söhne (dem Anerben) unter erträglichen Bedingungen zu übertragen, soll das in kostenloser und einfacher Weise thun können, indem er seinen Besitz in die Höferolle eintragen läßt. Diese Verfügung ist jeder Zeit widerruflich, sie gilt auch nur für den nächstbevorstehenden Erbfall und nicht für die Zukunft; sie hat mit Majoratsinstitut und mit völliger Ausschließung der übrigen Erben Nichts gemein. Die Absicht der Höse- rolle beschränkt sich darauf, denjenigen Bauern, die ihren Hof der Fa- milte erhalten wollen, entgegenzukommen und ihnen die kostspielige und zeitraubende Aufrichtung eines Testaments zu ersparen.
Danach ergibt sich, was von den Eisenacher Redensarten über' die Feindschaft und Interessen • Verschiedenheit zwischen großem und kleinem Grundbesitz zu halten ist Beide haben dasselbe Interesse an der Er- Haltung eines leistungsfähigen Bauernstandes; die Vertreter des Großgrundbesitzes haben dasselbe bethätigt, indem just ihre Partei und nicht diejenige der Freisinnigen bemüht gewesen ist, die Erhaltung der bestehenden bäuerlichen Höfe in einer zeitgemäßen, nirgend die Freiheit der Einzelnen beschränkenden Weise zu erleichtern. Die Schutzpatrone der Eisenacher aber haben in dieser, wie in anderen Fragen immerdar aus der entgegengesetzten Seite gestanden. Für sie gibt es eben keine Bauern, sondern nur „Staatsbürger", keine ländlichen, sondern nur „freiheitliche" Interessen, überhaupt seinen anderen Standpunkt, als denjenigen des Großstädters, der die auf sein Programm eingeschworenen Vertreter des städtischen Gewerbes und des Handels für das „Volk" erklärt und der an die Leute jenseit der Stadtmauer nur denkt, — wenn die Wahlen vor der Thüre stehen.
Scheu vor dem Unglück.
Der glückliche Mensch, solange sein Standpunkt der naiv egoistische ist, scheut vor sremdem Unglück instinktmäßig zurück. Er wünscht möglichst wenig mit Leuten und Zuständen in Berührung zu kommen, die ihn aus seinem Wohlgefühl herauSichrecken könnten. Er fürchtet sich gewissermaßen vor seinem eigenen Mitleid.
Hat er nicht Recht? Die erste Wirkung des Anblicks menschlicher Leiden wird in der Regel sein, ihn niederzudrücken, schwermüthig zu machen, und vermöge jener Neigung unserer Phantasie, die Erlebnisse Anderer im Gecanken aus uns selbst zu übertragen, in quälende Zweifel an der Dauer des eigenen Glückes zu stürzen.
Nein, er hat Unrecht: denn dies ist nur die erste Wirkung. Der Ansangs-Eindruck des Gewahrens von Noth und Pein bei Änderen ist ebenso unangenehm, aber ebenso wenig bleibend, wie wenn man zum Bade in kaltes Wasser springt, eine Operation übersteht, ein Examen
macht, oder in eine Gesellschaft tritt, die man ihrer Bedeutung wegen sucht und ihrer Neuheit wegen doch zugleich ein wenig scheut. Dieser Anfangs-Eindruck würde nur dann nachhaltig sein, wenn nichts geschähe Pein und Noth zu lindern, — nichts entweder durch Dritte, oder was noch bei weitem wirksamer, durch uns selbst. Nur sich selbst überlassenes, hilfloses und unbekämpftes Elend beugt uns dauernd nieder.
Ich gehe in ein Krankenhaus, um einen Freund zu besuchen, der sich einem berühmten Chirurgen unter's Messer liefern muß. Es ist das erste Mal, daß ich soviel Schmerzen und Leiden zuhauf sehe. Die Vorstellung hat sicher nichts erfreuliches. Leicht erregbare Nerven zittern mit, wenn sie einen Mitmenschen auf btn Operation«- Tisch schleppen sehen, oder hören, wie ein Trichinen-Kranker in der Qual der rastlos durchwühlten Muskeln stöhnt, oder dem irren Blicke eines Wahnsinnigen begegnen. Aber dann folgt als unausbleiblicher zweiter Gedanke der« jenige an die Hilfe und Pflege, welche die Leidenden hier finden. Alle haben sie es hier besser als daheim, denn weshalb wären sie sonst her« gekommen? Für die Meisten ist der Abstand zwischen der Wartung, die ihnen in der eigenen über füllten Wohnung zu Theil werden könnte, und der Behandlung durch lauter erfahrene Hände, der Verfügung über die Hilfsmittel einer wohlversehenen öffentlichen Anstalt soweit wie bet Abstand zwischen Armuth und Reichthum. Jede uns begegnende Pflege- Schwester erneuert den Eindruck dieser außerordentlichen Wohlthat; und da fast jede von ihnen, deren ganzer Beruf doch in dem Umgang mit Leidenden aufgeht, gleichwohl ruhig, wo nicht geradezu seelenfreudig und vergnügt erscheint, so beginnt uns die Ahnung aufzudämmern, daß die Wahrnehmung fremder Leiden auf He Länge nicht so niederbeugend wirkt, wie wir nach dem ersten Eindruck zu urtheilen geneigt waren.
In den Hütten der Armuth machen die Töchter des Wohlstandes alle Tage die nämliche Erfahrung. Zuerst freilich wollen sie nicht hinein, denn ihr ausgebildeter ästhetischer und wahrscheinlich sogar etwas verzärtelter Sinn macht sich nicht mit Unrecht auf schwere Kränkungen gefaßt. Die Nase empfängt schon bei der Oeffnung der Hausthür den Vorgeschmack dessen was die Augen zu sehen bekommen werden und was sich in roher Sprache Luft machen wird. Aber die Noth in unseren ; Umgebungen verschwindet dadurch ja nicht, daß wir uns weigern von ihr Notiz zu nehmen. Im Gegentheil: je weniger Notiz die Hilfesähi- gen von der sie umringenden Hlff^dedürftigkeit nehmen, desto üppiger wird diese weiterwuchern und am Ende uns aussuchen, dann aber fordernd und gefährlich drohend, wenn wir ihr nicht zuvorkommen. Schlummert also Gefahr in der Nichtbeachtung fremder Noth, und weicht sie doch nur mit der Zeit den Hilfs- und Heil-Mitteln, welche wir Bessergestellte anzuwenden im Stande sind, so muß die Scheu vor Schmutz und Mißgeruch und vor den Ausbrüchen schwerg«quälter Seelen überwunden werden; und wer sie in sich unterdrückt, der wird bald mit Wonne empfinden, daß er auf diesem Wege sein eigenes unversehrtes Glück nicht beeinträchtigt, sondern mehrt and stärkt. Solange wir uns um die Bedrängten nicht kümmern, senden sie uns von Zeit zu Zeit ein sehr unbehagliches Gefühl nicht verdienten Vorzugs und nicht gemilderten fremden Elends in die hartherzig verschlossene Seele. Aber wir brauchen uns ihrer nur ernstlich anzunehmen — sei es mit Opfern vom eigenen Ueberfluß oder mit frischer hilfsbereiter Thätigkeit —, so schwindet der Druck, und das eigne Glück wurzelt sich fester in dem Bewußtsein bethätigter Nächstenliebe.
Englische Philosophen haben neuerdings den Satz aufgestellt: nicht so sehr in den Ansprüchen der Armen stecke die sociale Unruhe unserer Zeit, als vielmehr in dem übermäßig erregten Mitgefühl der Reichen. Wenn diese Diagnose richtig ist, so bezeichnet sie die Gesellschaft im allgemeinen als einen Neuling im Wohlthätigkeitsbetriebe. Neulinge der Armenpflege oder der Hilfsvereine pflegen stets mit einem allzu leicht erregten Mitleid an ihr Werk zu gehen, legen einen zu hohen Maßstab an die Bedürfnisie ihrer Pflegebefohlenen, und können sich nicht beruhigen, bis diese alles haben, was ihnen, den Pflegern, nothwendig erscheint. Aber auf die eine oder andere Art werden sie dann bald be« lehrt, daß maßgebend hier nicht verwöhnte, sondern im Gegentheil schlechtgewöhnte abgehärtete Nerven sind, und daß selbst den so bemessenen Ansprüchen immer noch der Umfang der heranzuziehenden Mittel gegen« übersteht, die doch unter alle Hilfsbedürftigen thunlichst gerecht und gleichmäßig vertheilt werden müssen. Man braucht deswegen nicht zu besorgen, daß die Sentimentalität des öffentlichen M tleidens uns so leicht auf die Länge zu weit ziehen werde. Sie ist der natürliche Rückschlag der Scheu vor dem Unglück überhaupt, der das Publikum vorher zu kalt und unthätig stimmte, wie es nun zeitweilig zu warm geworden sein mag. Bald wird die heftige Pendelbewegung der Gesichte einem gelassenen Schweben in engeren Grenzen weichen, das sich ebenso vor verweichlichendem Zuviel hütet wie vor empörendem Zuwenig. Der Einzelne findet sich leicht zurück in dieles Gleichgewicht, wenn er nach der ansänglichen Scheu vor der Wahrnehmung fremder Leiden zunächst