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Nr. 109.

Freitag den 9. Mai

1884.

S®M

Bekanntmachungen König!. LaudrathseLKrtS.

Die Epidemie von Trichinosis, welche vom September bis De­zember v. Js. in Emersleben und Umgegend, im Regierungsbezirk Magdeburg, geherrscht hat, gibt mir Veranlassung, die zwar bekannte, aber noch immer nicht allseitig gewürdigte Erfahrung von den gesund- Heits- und oft lebensgefährlichen Folgen des Genusses rohen Schweine, fleisches in Erinnerung zu bringen.

Alle Erkrankungen in dieser Epidemie hängen mit der in der Pro­vinz Sachsen eingewurzelten Gewohnheit, rohes gehacktes Schweinefleisch zu genießen, zusammen und liefern von Neuem Beläge dazu, wie die durch sanitäre Rücksichten gebotenen Vorsichtsmaßregeln der Macht der Gewohnheit gegenüber oft gänzlich unbeachtet bleiben.

Die eingestellten Ermittelungen haben ergeben, daß die Epidemie sich von Emersleben aus verbreitet hat, indem das Fleisch eines dort am 12. September v. Js geschlachteten Schweines theils an Ort und Stelle bereits am 13. und 14. September, theils in den benachbarten Ortscha ten mehr oder minder mit gesundem Fleisch vermengt verkauft worden ist. Der größte Theil dieses gemischten Fleisches ist nach Dees- dorf und Rienhogen gelangt Demgemäß waren auch die Erkrankungen nach Zahl und Heftigkeit in den betreffenden O-tschaften verschieden. So erkrankten in Emersleben 270 Personen, von denen 53 starken; in Deesdorf kamen-45 Erkrankungen mit 10 Todesfällen vor, während in Ni nhagen unter 80 Erkrankungen sich nur 1 Todesfall ereignete. Außerdem sind in der Stadt Gröningen 4 Erkrankungsfälle mit 2 Todes- fällen, in Kloster Gröningen 3 Erkrankungsfälle und in Schwanebeck 1 ElkrankungSfall gemeldet worden.

Die Summe der Erkrankungen beziffert sich hiernach auf 403 Per- fönen mit 66 Todesfällen. Das Prozentverhättniß stellt sich für die ganze Epidemie auf 13 9 Prozent, für Emersleben auf 19,6 Prozent und für DeeSdorf auf 22,2 Prozent.

Drei in Emersleben Erkrankte erlagen schon 18, resp. 20 und 21 Tag« nach dem Genuß deS rohen Fleisches der Trichinose. In der vierten und fünften Woche starben je 8, in der 6ten Woche 11, in der 7ten Woche 9, in der 8ten Woche 5, in der 9hn Woche 2, in der loten Woche 4, in der Uten Woche 2 und in der 13ten Woche 1. Von den vielen erkrankten Kindern starb nur ein zwölfjähriger Knabe. In sechs Leichen Erwachsener aus Emersleben wurden außer den Muskeltrichinen auch eine große Menge von Darmtrichinen, in jedem Präparat 14 bis 16 Stück, aufgefunden. In einer Leiche, welche einem auffallend fetten Manne angehörte, wurden fehl wenige, in vielen Präparaten keine Muskeltrichinen, aber desto mehr Darmtrichinen aufgefunden.

Offenbar hing die Heftigkeit der Krankheitserscheinungen und der Grad der Mortalität von der Zahl der im Schweinefleisch aufgefundenen Trichinen und der Menge des genossenen Fleisches ab. In dieser Be- ziehung ist bemerkenSwerth, daß sämmtliche Personen, welche 125 gm und noch mehr von dem trichinösen Fletsche genossen haben, gestorben sind. Ebenso ist auch von sämmtlichen Gestorbenen ohne Ausnahme nachgewiesen worden, daß sie das Fl-isch in rohem, ungekochten Zustande genossen haben. Ob und in wiefern den betreffenden Fleischbeschauern eine Schuld trifft, hat die gerichtliche Untersuchung noch nicht festgestellt.

Leichte Erkrankungen sollen auch nach dem Genusse von Bratwurst, gebratenen Fleischklößen und L-berwurst vorgekommen sein, wenn das trichinöse Fleisch beim Braten und Kochen nicht einer solchen Hitze aus- gesetzt gewesen ist, daß es durch und durch gar war, sondern noch mehr oder weniger rohe Partien enthielt.

Angesichts dieser beklagenswerthen Ereignisse erscheint es dringend geboten, das Publikum vor dem Genuß des rohen Fleisches wiederholt und nachdrücklich zu warnen

Desgleichen wird darauf aufmerksam zu machen sein, daß auch- bei der Zubereitung des Schweinefleisches zu häuslichen Zwecken durch Kochen und Braten dasselbe in einen vollkommen garen Zustand über- zuführen ist, um hierdurch jede Gefahr von Gesundheitsschädigung aus. zuschließen. M. 1114.)

Berlin d.n 28 Februar 1884.

Der Minister der geistlichen, Unterrichts- u. Medizinal-Angelegenheiten.

Goßler.

Die Herrn Ortsvorstände des Kreises veranlasse ich hiermit, den

Inhalt vorstehenden Ministerial- Erlasses zur größtmöglichen Kenntniß der Ortseinwohner zu bringen.

Hanau am 1. Mai 1884.

Der Königliche Landrath

3953 Freiherr v. Broich.

Gefunden: Ein ev. Gesangbuch. Ein rothes Taschentuch. Ein Kinderschuh. Ein weißer Kinderkragen. Ein Zwei-kg Gewicht Ein gelber Ring mit Stein. Ein Kinderstrohhut nebst Schlüssel.

Hanau am 9. Mai 1884.

Aus Königl. Landrathsamt.

Tagesschau.

Berlin, 8. Mai. Se. Maj. der Kaiser kehrte gestern Nach- mittag 5*/z Uhr aus Potsdam zurück und konferirte bis 7 Uhr Abends mit dem Fürsten Bismarck.

Berlin, 8. Mai. Se. Majestät der Kaiser und König nah­men heute Vormittag militärische Meldungen entgegen und hörten die Vorträge des Kriegsministers sowie des Chefs des Militärkabinets. Ihre Majestät die Kaiserin und Königin konnte heute den Versuch einer Ausfahrt im geschlossenen Wagen unternehmen.

Berlin, 8. Mai. Dem zum türkischen Konsul in Frankfurt a. M. ernannten Kaufmann Ferdinand Moritz Gamburg ist NamenS des Reichs das Exequatur ertheilt worden.

Berlin, 7. Mai. Der Abg. Windthorst hat zumSocialisten- gesetz folgende Resolution eingebracht, die von zahlreichen Mitgliedern des Centrums unterzeichnet ist: Der Reichstag wolle beschließen:In Er­wägung, daß die eigenen Mittel von Reich und Staat nicht hinreichen, um die gemeingesährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie in ihren eigentlichen Grundursachen zu treffen, vielmehr die Wurzel dieses Uebels nur dadurch ausgerüstet werden kann, daß die Religion in das Herz des deutschen Volkes wiederum weiter und tiefer eingepflanzt und darin zu frischer Lebenskraft entfaltet werde, den Bundesrath zu ersuchen, soweit seine Competenz reicht, dahin zu wirken, daß überall die Hemmnisse be. feitigt werden, welche die verschiedenen Religionsgemeinschaften in der freien und ungeschmälerten und nur so gesegneten Wirksamkeit für die Fortpflanzung und Förderung des christlichen Glaubens und Lebens int deutschen Volke zur Zeit noch hindern oder beengen."

Berlin, 8. Mai. DerBerliner Börsenzeitung" zufolge ist der Vertrag, wonach die Banco Generale in Verbindung mit der Dis« conto Gesellschaft und der Darmstädter Bank die Bildung einer Eisen- bahn-Exploitations'Gesellschast für das Mittelmeer-Nch der italienischen Eisenbahnen übernommen hat, gestern unterzeichnet worden.

Berlin, 8. Mai. Der Reichstagsabgeordnete Rittinghausen schied aus der socialdemokratischen Fraktion aus,, weil er die Erklärung, sich dem vom Kopenhagener Congreffe vorgeschriebenen Fraktionszwang« zu unterwerfen, nicht abgeben wollte.

DerR. u. St.-A." Rr. 108 veröffentlicht: 1) Gesetz, betr. die Kontrole des Reichshaushalts Und des Landeshaushalts von Elsaß- Lothringen für das Etatsjahr 1883/84, vom 30. April 1884. 2) Gesetz zur Ausführung bet internationalen Konvention vom 6. Mai 1882, betreffend die polizeiliche Regelung der Fischerei in der Nordsee außerhalb der Küstengewässer, vom 30. April 1884.

P. Aus dem Reichstage. Berlin, 8. Mai. Im Reichs­tage theilte zunächst der Präsident den Eingang des Gesetzentwurfes gegen den verbrecherischen und gemeingefährlichen Gebrauch explodirendev Stoffe, sowie des Gesetzentwurfs, betreffend Abänderung der Maß- und Giwichtsordnung mit; dann überreichte der Herr Staats sekretair des Innern v Boetticher Namens der verbündeten Regierungen unter dem Beifall des Hauses den Entwurf eines Gesetzes, welches dem Kaiser aus den bereiten Mitteln des Reichshaushalts die Summe von 135 000 M. zur Bewilligung von Belohnungen an die zurückgekehrte wissenschaftliche Kommission zur Erforschung der Cholera in Egypten und Indien zur Bersümng stellt.

Demnächst trat das Haus in die zweite Berathung des Gesetzes wegen Verlängerung des Sozialistenausnahmegesetzes, welcher von 2 Uhr bis etwaM Uhr auch der Reichskanzler Fürst von Bismarck bei« wohnte. Im Allgemeinen entsprach der Verlauf der Debatte nicht den an dieselbe wohl geknüpften Erwartungen, da diefelbe fast durchweg