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Nr. 57. egSSHMSKSS

Freitag den 7. März

1884.

Bekanntmachungen KönigL. Landrathsamts.

Gefunden: Eine Brille mit Futteral. Ein Portemonnaie mit Inhalt. Ein s. g. Fleischbuch. Ein blau-weißeS Frauenhalstuch mit Franzen.

Zugelaufen: Ein brauner Hund m. Geschl.

Entlaufen: Ein rother Pinscher m. Geschl.

Hanau am 7. März 1884.

__Aus König!. Landrathsamt.____________________

Zur Bekämpfung des Landstreicherthums.

(Hortsetzung.)

Die Quellen, auS denen das Vagabundenthum, die Landstreicherei, entspringt, sind zeitweise wirklicher Mangel an Arbeit neben ungesunden moralischen Einflüssen. Die starke Zunahme der Bevölkerung bietet eine größere Anzahl arbeitender Hände, die Art der heutigen Jndustriethätig- teit bringt eS mit sich, daß von Zeit zu Zeit eine große Anzahl Arbeiter entlassen werden. Die durchaus gegen^ihre Wünsche ohne Arbeit sich befindenden gesunden und guten Elemente werden gezwungen, sich auf die Suche nach Arbeit zu begeben und kommen dabei auf den Landstraßen und in den Herbergen in die engste Berührung mit den wirklichen Va­gabunden, die Arbeit gar nicht haben wollen und Wohlgefallen an dem Bummelleben gefunden haben; was sie sich erfechten, wird Abends ver­praßt, geht eS ihnen mitunter knapp und schlecht, so entschädigt sie dafür reicherer Ertrag ihrer Fechtkunst zu anderen Zeiten. Viele von den anfangs noch guten Arbeitern finden so allmählig ebenfalls Gefallen an der Bummelei und gehen unter in diesem Schlamm.

Außer diesem bösen Beispiel der Genossen übt auch das Beispiel der oberen Gesellschaftsklassen üblen Einfluß. Ein geistreicher Mann hat den Ausspruch gethan: „Die niederen Klassen sind daS, waS die oberen aus ihnen machen", — nur die offene Sucht nach Genuß, der Hang nach dem Materiellen überhaupt, dem Idealen gegenüber, gibt kein gutes Beispiel.

Selbst der Humor hilft unbewußt mit zum Verderb der gefunden Lebensanschauungen. Vollkommen unschädlich ist in den Kreisen der Studenten das Lied: „Solche Brüder müssen wir haben, die versaufen was sie haben, Strümpf und Schuh, laufen dem Teufel baarfuß zu", — ganz anders aber wirkt es in der Herberge, wo dasselbe alsbald in die nackte Wirklichkeit übertragen wird.

Für den Staat und die ganze gesellschaftliche Einrichtung birgt ein großes Heer solcher zu allen verzweifelten Streichen bereiten Landstreicher in unruhigen Zeiten eine ernste Gefahr. Wir wissen, daß 1848 überall wo etwas loS war, sich sofort eine große Anzahl sogenannter Basser- mann'scher Gestalten einfand. Durch die Eisenbahnen wird das jetzt diesen Elementen noch leichter gemacht; sie können in den Händen ge- wissenloser Agitatoren viel Unheil anrichten.

Unsere Aufgabe besteht der Hauptsache nach darin, die Rekrutirung dem Landstreicherheer abzuschneiden, und weiter demselben die Lust am Bummelleben zu verleiden.

Das Erstere geschieht dadurch, daß den gesunden Elementen die Hand gereicht wird, um sie vor dem Untersinken in den Sumpf des Vagabundenthums zu bewahren, das geschieht dadurch, daß ihnen Arbeit verschafft wiro, und dazu dienen, um für den Nothfall dazu im Stand zu sein, die Errichtung von Arbeiterkolonien, — und dann Errichtung von Htrbergen zur Humath, um sie von den verdorbenen echten Bumm­lern zu trennen.

Das zweite geschieht dadurch, daß den Umherziehenden kein baares Geld gereicht wird, daS sie verzehren können, sondern daß sie die Unter­stützung nur allein in Naturalverpflegung erhalten.

Landrath Roth-Schlächtern:

Der Kreis Schlüchtern sei am stärksten von der Plage des Vaga- burdenthums heimgesucht, so daß der Kreistag bereits es in ernste Er­wägung habe ziehen müssen, ob er nicht eine Arbeiterkolonie, im Nothsall auf eigene Kosten, errichten solle. Schlüchtern liege so zu sagen aus der Touristenroute der Vagabunden. Alle Vagabunden, welche Bayern aus- weise, werden in Schlüchtern abgeliefert. Die Gensdarmen treiben fast täglich eine Heerde Vagabunden dahin, die ihm dann gegen Quittung abgeliefirt würden; die bayerischen Gensdarmen »mplehlen sich dann freundlichst und er — dem keine Mittel zu Gebvie stehen für die Ueber- lieferten zu sorgen — könne nichts weiter thun als die in Empfang ge­

nommenen bitten, sich so schnell als möglich aus den Grenzen des Krei­ses zu entfernen. Die Leute hätten nun Nahrung, Stiefel und andere Kleidung nöthig und suchten sich davon so viel wie möglich gleich unter­wegs zu erbetteln. Schlüchtern sei zunächst dadurch am stärksten in An­spruch genommen. Vor der Gründerzeit sind jährlich ungefähr 100 auf diese Art abgeliefert worden, jetzt über 1100. Außer diesen werden eine größere Anzahl, welche keine Legitimationspapiere besitzen, per Eisenbahn bis auf die erste Grenzstation gebracht und in Sterbfritz einfach ausge. laden, sie kommen aus dem Gefängniß von Würzburg, sind bereits einen halben Tag unterwegs und halb todt vor Hunger, so fallen sie in die Dörfer ein und betteln, und fordern im Nothfall unter Drohungen.

Herr Souchay hat bereits die Quellen besprochen, aus denen daS Vagabundenthum entspringt, doch hat derselbe eine unerwähnt gelassen, die Roihlage der Landwirthschast. Wird die Landwirthschaft in die Lage kommen mehr Arbeiter zu beschäftigen, so werden viele der jetzt umher­schweifenden Vagabunden wieder unterkommen können, ein intensiver Be­trieb kann viel thun und mehr Arbeit geben, muß extensiv gewirthschaftet werden, dann verlieren Vrele ihren Unterhalt. Bei dem Unternehmen, die Quellen des Vagabundenthums zu verstopfen, darf dieser Gesichts- Punkt nicht außer Acht gelassen werden.

Landrath v. Broich:,

In Schlüchtern liegen die Verhältnisse nicht viel anders als in anderen Kreisen. Maßregeln, die wirklich Abhilfe schaffen könnten, müßten für das Allgemeine getroffen werden, er bitte die Kräfte nicht in Einzelunternehmungen zu zersplittern, sondern den ganzen Re­gierungsbezirk dabei ins Auge zu fassen, die Arbeiterkolonie könne ja möglicherweise im Kreis Schlüchtern angelegt werden.

Dr. Tassi us-Birstein:

Es ist bis jetzt blos von männlichen Vagabunden gesprochen wor­den, er bitte die weiblichen Mitglieder der Vagabundenzunft auch mit zu berücksichtigen.

Regierungs. Präsident v. B r a u ch i t s ch:

Auf dem platten Lande wird der Druck der Vagabundenplage am stärksten empfunden; der Schutz der Polizei und der Nachbarschaft gegen eindringliches Fordern und elwaige Drohungen ist da geringer als in den Städten. Die Nothwendigkeit einer Abhilfe ist von allen Seiten unbestritten anerkannt und es ist Zeit, vom Debattiren zum praktischen Handeln vorzugehen Die Sorge, daß die Anlage eines Kreis-Arbeits­hauses in Schlüchtern den großen allgemeinen Bestrebungen gegen daS Vagabundenthnw schaden möchte, kann ich nicht theilen, denn es würde nicht ausgeschlossen sein, daß doch auch andere Kreise dieser Arbeiterko­lonie sich anschließ n. Es würde mir nun sehr erwünscht feie, gerade aus dem Kreise der Landwirthe Hessens mit Rücksicht auf unsere beson­deren Verhältnisse bestimmte Vorschläge zu erhalten, in welcher Weise am besten gegen das Vagabundenthum vorzugehen sein wird; vielleicht können wir uns heute wenigstens über die Hauptgrundsätze einigen, die bei allen weiteren Schrillen m. E. maßgebend sein müssen.

Wenn von einem der Herren Vorredner betont ist, es sei die Hauptaufgabe, die Quellen zu verstopfen, aus denen sich das Vaga­bundenthum immer von neuem rekrutire und entwickele, so werden wir diese unendlich weitgreifende Angelegenheit heute doch wohl wesentlich fördern können. Der Hauptpunkt, auf den es aber hierbei vor allem ankommt, ist die Erziehung unserer Jugend und die Bewahrung dersel­ben vor frühzeitiger Verwahrlosung. Und in dieser Beziehung kann ich darauf hinweisen, daß in unserem Regierungs-Bezirk schon recht viel und mehr als in manch anderer Provinz in verhältnißmäßig kurzer Zeit geschehen ist. Wir besitzen eine Erziehungsanstalt für verwahrloste evan­gelische Mädchen m Treys', welche Don dem hessischen Diakonissenhause geleitet wird, in welcher zur Zeit über 130 kleine Mädchen von 6 —12 Jahren untergebracht sind; dann für verwahrloste Knaben die Privat- anstalten zu Ren-Mausen, Hof Raidt, beide für evang. Knaben, zu Sannerz für katholische Knaben und der Herr Bischof von Fulda ist eben damit beschäftigt, für katholische Mädchen eine Anstalt in Maber« zell einzur-chten.

__(Schloß folgt.)_____________________________________

Eröffnung des Reichstags.

— Berlin, 6. März Der Reichstag wurde heute Mittag 12 Uhr durch den Staatsminister v. Bötticher mit folgender Rede eröffnet

Geehrte Herren! Seine Majestät der Kaiser haben mich zu beauf.