Beilage zu Nr. 40 des Hanauer Anzeiger
t Die socialdemokratische Bewegung.
Aus Anlaß der für Wien und Umgegend in Folge der letzten socialistischen Morde eingeführten Ausnahmemaßregeln haben die deutschen Blätter sich der Frage zugewandt, ob für Drutschland die Ver- längerung des Socialistengesetzes, welches bei weitem milder ist als der österreichische Ausnahmezustand, nothwendig sei. Ein Wortführer der Secessionisten, Baumbach, hat sich in Frankfurt a. M. als Gegner der Verlängerung des Gesetzes ausgesprochen. In secessionistischen Kreisen ist man über diese frühzeitige Offenheit sehr verstimmt und versichert, Herr Baumbach habe lediglich seine private Ansicht ausgesprochen; über die Haltung der „liberalen Vereinigung" seien in dieser Beziehung noch keinerlei Entschließungen gefaßt Dagegen liegen Kundgebungen von nationalliberaler Seite vor, welche die Nothwendigkeit der Verlängerung des Socialistengesetzes mit Entschiedenheit betonen. So erkennen der Hannoversche Courier und die Nationalliberale Corre- spondenz an, daß das Socialistengesetz eine gute Wirkung gehabt habe, indem es solche Zustände, welche in letzter Zeit im Auslande wahrgenommen worden seien, verhindert habe. Hieraus folge aber nicht, daß man jetzt die gezogenen Schranken niederreißen könne; im Gegen- theil, gerade die Zustände des Auslandes weisen darauf hin, daß es unklug sein würde, Deutschland wieder den Gefahren auszusetzen, welche in anderen Staaten zu Tage getreten seien. Deshalb sei nicht nur die Verlängerung des Socialistengesetzes, sondern auch eine kräftigere Unter- stützung der Socialpolitik des. Reichskanzlers eine „absolute Nothwen- digkeit".
Kundgebungen von socialdemokratischer Seite haben aber auch in letzter Zeit gezeigt, daß auch gegenwärtig genug Gefahren in Deutschland vorhanden sind und daß man sich über die anscheinende Ruhe nicht täuschen lassen darf. Die Nat. Lib. Corr. weist auf einen Ausspruch hin, den vor Kurzem der socialdemokratische Abgeordnete von Vollmar in der Dresdener Kammer gethan hat und welcher lautet: „Wir stehen voll und ganz auf dem Boden der Revolution!" Erwähnt fei ferner, daß nach einem Bericht der R. A. Z. vor einigen Tagen in Dresden an öffentlichen Orten, z. B. im Rathhaus, im Ministerium des Innern, in der Commandantur Zettel angeheftet gefunden wurden, auf welchen in Handschrift die Worte standen: „Nur Blut kann unsere Sache sühnen. Das sociale Executicomits." Von anarchistischer Seite werden die sächsischen Abgeordneten Bebel, Grillenberger und Liebknecht zur „That" gedrängt; ihnen sind „Drohbriefe" zugeschickt worden, und der socialdemokratische Abgeordnete Kayser ist wegen seiner anerkennenden Worte über das Ulffallversicherungsgesetz, wie die Dresdener Zeitung mittheilt, von dem Socialdemokraten Most „zum Tode verurtheilt" und gegen ihn die „Propaganda der That" aufgerufen worden. Bebel bat überdies jüngst einen Vortrag gehalten, in welchem er den geschäftlichen Aufschwung Deutschlands anerkannte, aber dabei ausführte, daß derselbe die Rothlage nicht mindern, sondern nur vermehren werde: „eine Aenderung des gegenwärtigen Zustandes könne nur herbeigeführt werden, wenn die bürgerliche Gesellschaft anders denken lerne. Zur Erreichung dieses Zieles gäbe es Mittel, er wolle dieselben aber in diesem Saale nicht erörtern." Herr Bebel nimmt sonst kein Blatt vor den Mund; wenn er trotzdem nur schüchterne Andeutungen macht, so kann man sich denken, worauf er in Wahrheit hinzielt; sein Buch über „die Frau" hat ja auch ziemlich deutlich hierüber Aufschluß gegeben.
Es geht hieraus hervor, daß Deutschland sich nicht in Sicherheit wiegen lassen darf, sondern auf den Wegen fortfchreiten muß, die eS betreten hat, und die sich einmal in dem Erlaß des Socialistengesetzes und sodann in dem Beginn einer positiven Socialreformpolitik mani- festirt haben. Erfreulich ist es, daß auch auf nationalliberaler Seite diese Nothwendigkeit begriffen wird, wie sich dies in folgenden beherzi- genswerthen Worten der „Nationalliberalen Corrcspondcnz" ausdrückt:
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Wo? sagt die Expedition. 1423
„Die revolutionäre Bewegung, die ganz Europa durchzieht und sich bald da, bald dort in Ausbrüchen Luft macht, sollte doch eindringlich mahnen, wie es des Zusammengehens aller erhaltenden Kräfte bedürfe, um unsere Staats, und Gesellschaftsordnung gegen gewaltthätigen Umsturz zu schützen, zugleich aber auch, wie nothwendig es ist, die Quellen möglichst zu verstopfen, aus denen die Unzufriedenheit und Aufregung des Arbeiterstandes ihre Nahrung zieht. Geringschätzig und höhnisch werden noch vielfach alle Bestrebungen behandelt, zu einer Socialreform zu gelangen. Leichtfertigkeit und ein unberechtigter Optimismus läßt bei uns noch weite Kreise die sociale Bewegung gleichgültig und unthätig anschauen, im Vertrauen, daß sich alles schon von selber wieder beruhigen werde. Noch immer wollen viele, auch volkrfreundliche Männer, von einer vorbeugenden Thätigkeit des Staats und der Gesellschaft gegenüber dieser Bewegung nichts wissen. Es erscheint säst, als ob wir noch durch eine harte Schule gehen müßten, ehe wir die ganze Größe der in der socialen Bewegung enthaltenen Gesahr begriffen haben." Hoffentlich werden diese wohlgemeinten Mahnungen in den Kreisen, an die sie gerichtet sind, Gehör finden.
Börsennachrichten
N—r. Hanau, 15. Februar 1884.
Unsere Märkte können sich nicht beleben, wenn Paris nicht mitth n will, und daran hat es diese Woche durchaus gefehlt. Die französisch: Staatsanleihe ist zu den Bedingungen der Subscription abgenomm- ; und hat selbst eine mehrfache Ueberzeichnung erfahren. Insofern ist die Sache für den Staat in wünschenswerther Weise erledigt, aber die Spekulation ist nicht in gleicher Weise befriedigt. Das Völkchen der Spekulanten, zumal der französischen, verlangt auch noch Etwas für die Phantasie, es muß für sie aussehen als ob tie ganze Welt sich um die Reute risse und daS ist freilich nicht der Fall gewesen.
Die lustlose Stimmung, die in Folge dessen in Paris eingetreten ist, spiegelt sich getreulich wieder an der Börse von Frankfurt, wie an denen von Berlin und Wien. Das wird wohl so bleiben bis es auf andere Weise gelingt wieder neue Hoffnungen zu wecken und die Köpfe zu erhitzen.
An Versuchen zu diesem Zwecke, wird es schwerlich fehlen, denn die hohe Finanz hat einen großen Vorrath von Zukunstspapieren im Portefeuille.
Von der Hessischen Ludwigsbahn hört man, daß die Aktien weiter „gewässert" werden. Es sollen gegen zu kündigende Prioritäten von 1856 einige Millionen neue Aktien geschaffen werden.
Die Besitzer von 5pCt. Franz Josef-Bahn Prioritäten werden eingeladen ihre Obligationen gegen solche ä. 4 pCt. umzutauschen. Der Anmeldungstermin läuft vom 1 5. bis 28. Februar. Dieser Termin darf nicht für den Umtausch oder auch für den Verkauf versäumt
Prozenten dem Besitzer
werden, wenn nicht ein Nachtheil von mehreren entstehen soll.
Frankfurter Course am 4 °/9 Preußische Consols
7. Februar.
102 h,
am 14. Februar.
1025 s
4 % Bayern
1029 16
10202
Oesterr. Creditactien
266»/»
265»/.
„ Staatsbahnacüen
269 */$
264»«
„ Goldrente
8502
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„ 60er Loose
119'/.
119
4 •/» Ungar. Goldrente
76
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Russen von 1877
9O’/s
91
Hess. Ludwigsbahnactren
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