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Nr. 32.

Donnerstag den 7. Februar

1884.

t Unpolitische Briese über Pariser Zustände. IV.

Abweichend von anderen Beobachtern der heutigen Pariser Zu­stände beurtheilt der bekannte Nationalökonom Paul Leroy-Beaulieu die gegenwärtige Lage der Arbeiter. Seiner Meinung nach ist der Nothstand erst im Anzüge begriffen, steht das Schlimmste noch bevor und hängt die gesammte Krisis mit einer nachweisbaren Verminderung der Bevöl­kerung der französischen Hauptstadt zusammen. Unter Hinweis darauf, daß die Erträge deS Pariser Octroi (der städtischen Schlacht-, Mahl- und Weinsteuer) sich im Verlauf der beiden letzten Jahre um 5 bis 6 Millionen vermindert hätten und daß sich gleichzeitig ein Rückgang in den Einnahmen deS Pariser Droschkenkutschervereins nachweisen lasse, nimmt genannter Schriftsteller an, daß Paris in einem allmählichen Rückgang begriffen sei und daß man sich mindestens für einige Zeit auf ein Andauern dieser Erscheinung werde gefaßt machen müssen. Nach Leroy.Beaulieu's Auffassung muß eine zeitweise Verminderung der haupt­städtischen Bevölkerung aber geradezu gewünscht werden, denn nur mit Hülfe einer solchen vermöchten die Erwerbsverhältnisse der Pariser Ar­beiter wieder in ein gewisses Gleichgewicht gebracht zu werden. Das wichtigste aller Gewerbe in Paris ist das Baugewerbe, von diesem aber wird behauptet, es werde nur noch bis zum Ende des laufenden Jahres überhaupt irgend welche Beschäftigung darbieten. Zur Zeit lebe man von dem Abschluß der in den Vorjahren unternommenen sechstausend Bauten nach Abschluß derselben werde es schlechterdings gar nichts mehr zu bauen und auSzustatten geben, da dem Bedürfniß nach eleganten Wohnungen für Jahre vorausgeeilt worden sei und neue Arbeitergelasse kaum nothwendig werden würden. Nachdem im Jahre 1882 durchschnitt­lich 120150, im vorigen Jahre 5060 elegante Stockwerke wöchent- lich fertig gestellt worden (die Summe derselben soll 30 00035 000 betragen), sei an neue Bauunternehmungen für Jahr und Tag nicht mehr zu denken. Der Mehrzahl der mit dem Baugewerbe zusammenhängen­den Pariser Handwerker und Arbeiter würden die Jahre 1885 und 86 vollständige Erwerbslosigkeit bringen; darum scheine geboten, auf eine Verminderung der Pariser Arbeiterbevölkerung schon jetzt hinzuwirken und dadurch der drohenden Rothstandgefahr die Spitze abzubrechen.

Dieser gute Rath dürfte leichter zu ertheilen, als in Ausführung zu bringen sein. Davon, daß die ein Mal an daS hauptstädtische Leben gewöhnten Arbeiter PariS nur höchst ungern verlassen, ist bereits die Rede gewesen. Immerhin vermöchte auf eine solche Auswanderung aber noch hingewirkt werden, wenn den AuSwanderndeu anderswo lohnende Beschäftigung nachgewiesen werden könnte. Dazu scheint indessen alle Aussicht zu fehlen. Direkte neuere Nachrichten bestätigen, was sich aus der großen Zahl neuerdings stattgehabter Lohnstreitigkeiten bereits vor einiger Zeit entnehmen ließ: daß die Industrie auch in dem gewerbreichen Norden Frankreichs zurückgeht, daß die Bestellungen und mit diesen die Arbeitsgelegenheiten abnehmen und daß die Löhne erheblich erniedrigt werden müsien. Die Zahl der unbeschäftigten Arbeiter ist auch in den Departements in beständiger Zunahme begriffen, ja nach manchen Be­richren befinden die nordfranzösischen Arbeiter sich vielfach in noch schwierigerer Lage als ihre Pariser Collegen.

Zu staatsseiriger Linderung dieser Roth sind die gegenwärtigen finanziellen Verhältnisse Frankreichs wenig geeignet. Alle Welt weiß, daß die wirthschaftliche Krisis mit einer finanziellen zusammengetroffen ist. Die Haupiquellen des französischen Staatseinkommens, die indirek­ten Steuern, sind während der vorigen Jahres sehr viel unergiebiger gewesen als erwaitet worden war. Die einzigen Erträge aus dem Ta­bakmonopol ausgenommen (371 Mill) sind die Erträge fast sämmtlicher indirekter Steuern hinter den nach dem fünfjährigen Durch'chmtt bered)» neten Voranschlägen zurückgeblieben. Richt weniger als 66 Millionen, auf welche man gerechnet hatte, sind ausgeblieben, weil die Verzehrungs- kraft der Bevölkerung abgenommen hat. Es wurde weniger koniumirt, Weil weniger verdient wurde und der Verdienst nahm ab, weil die aus­ländischen und die inländischen Bestellungen abnahmen. Die amt- lich veröffentlichten Aus- und Emsuhrlisten geben darüber die genaueste Auskunft. Der Werth der im vorigen Jahre ausaeführten französischen Waaren hat sich im Vergleich zum Vorjahr um 50 Millionen vermin­dert, von den 43 Millionen auf Fabrikate kommen. Die Einfuhr frem­der Fabrikate hat sich dagegen vermehrt. Gegen 647 Millionen im Vorjahre wurden im Jahre 1883 für 663 Millionen ausländische Fa­

brikate nach Frankreich eingesührt; der Werth der französischen Ausfuhr von Fabrikaten ist dagegen von 1853 Millionen auf 1810 Millionen zurückgegangen, d. h. in Frankreich selbst hat der Verbrauch der wohl­feileren Erzeugnisfe des Auslandes erhebliche Fortschritte gemacht. Min­destens ebenso bemerkenswerth ist die Zunahme der Zahl ausländischer Arbeiter in den französischen Bergwerken und Werkstätten. Daß diese fremden wohlfeiler arbeiten, als die einheimischen, wird von allen Sei­ten eingeräumt; dieser Umstand trägt aber nur dazu bei, den ohnehin lebhaften Fremdenhaß der Franzosen zu verstärken. Neben den Deutschen werden die Belgier besonders heftig angegriffen. Namentlich macht man den in den nordfranzösischen Distrikten arbeitenden Bewohnern dieses Landes zum Vorwurf, daß sie ihre Familie zu Hause ließen, Sonnabends über die Grenze wanderten und den größten Theil ihres Einkommens im Baterlande ließen.

Wie dem auch fein mag, die Hauptschwierigkeit liegt wenigstens für den Augenblick nicht in der Provinz, sondern in der Hauptstadt, deren Einflüsse und Stimmungen von Alters her das gesammte Land beherrschen. Bon der Fähigkeit der Regierung, den Pariser Noth­stand und die Erregung der Pariser Arbeiter zu bewältigen, wird es abhängen, wie die Verhältnisse der Zukuft sich gestalten, und ob ernst­haften Erschütterungen des inneren Friedens vorgebeugt werden kann. DaSZifferblatt der europäischen Uhr" kann PariS nicht mehr genannt werden das Zifferblatt von Frankreich ist eS geblieben.

Tagesschau.

Berlin, 6. Februar. Se. Majestät der Kaiser und König empfingen heute Morgen O1/» Uhr den Königlich sächsischen Militärbe­vollmächtigten, Major von Schlieben, welcher die Trauerkunde von dem Ableben Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Prinzessin Georg von Sachsen überbrachte. Später nahmen Se Majestät militärische Meldun­gen entgegen und ließen Sich von dem Wirklichen Geheimen Rath von Wilmowski Vortrag halten.

Berlin, 6. Febr. Wegen Ablebens der Prinzessin Georg von Sachsen ist vierzehntägige Hoftrauer von heute ab angeordnet.

Berlin, 6. Februar. DaS Abgeordnetenhaus setzte in seiner heutigen (42.) Sitzung die Berathung des Cultus Etats beim Titel Elementarschulwesen" fort und genehmigte Titel 1 bis 22 dieses Ka­pitels, mit Ausnahme gewisser Forderungen für daS Seminar Haders­leben, welche an die Budgetkommission zu nochmaliger Berathung zurück­gehen, unverändert, und schließlich wurde die Mehrforderung für neun­zehn KreiSschulinspcktoren, trotz der Bekämpfung dieses Antrags durch Windthorst, bewilligt.

Berlin, 6. Febr. Der deutsche Osficiel-verein wird am 1. April seine Thätigkeit eröffnen. Das Comit^ besteht um mehr aus Ge­nerallieutenant Graf Lehndorff, Generalquartiermeister Graf Waldersee, Generalmajor von Locquenhien, Oberstlieutenant von Holleben, Oberst­lieutenant Wodte, Major v. Podbielski, Major V. Finks, Capitänlieute- nunt v. Ehrenkrook und Hauptmann v. Wedell. Dem Verein gehört bereits die große Majorität der Osficiere, Aerzte und Militärbeamten der Armce und der Marine an, ferner sehr zahlreiche beurlaubte, zur Dis­position gestellte und verabschiedete Osficiere. Der Verein hat im Prin­cipe die Baarzahlung adoptirt; er wird in eigenen Werkstätten zahl­reiche Civilhandwerker beschäftigen. Für die Mitglieder des Vereins, welche bei ihren bisherigen L eferanten bleiben wollen, soll auf die Mit­wirkung aller vorhandenen Militärschneider einqegaugen werden.

Berlin, 6 Februar. Nach einer Bestimmung des Ministers für Landwirthichast rc. dürfen auf Forst Etablissements Eiskeller für fis­kalische Rechnung unter keinen Umständen erbaut werden

Bekanntmachung aus Grund des Reichsgesetzes vom 21 Oktober 1878. Nach demR.- u. St.-N." Nr. 32 wurde unterm 5. F.bruar verboten : die siebente vermehrte und Verb-sierte Auflage vom Jahre 1883 der im Verlage der Volksbuchhandlung zu Zürich erschienenen nichlperio- dischen Druckschrift:Sozialdemokratische Lieder und Deklamationen", Druck der Schweiz. Genossenschastsbuchdruckerer Hottingen Zürich.

Dresden, 5. Febr. Die Prinzessin G-org ist heute Abend um 10 Uhr 55 Minuten gestorben. ,

DreSden, 6. Febr Die Leiche der Prinzessin Georg wird heute Abend 10 Uhr von dem prinzlichen Palais nach Tascheuberge übergeführt werden. Die Beisetzung in der Familiengruft der kaiholi