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DieiiWltigeZeile

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Nr. 8.

Donnerstag den 10. Januar

1884.

Amtliches.

Bekanntmachung.

Postkarten mit Antwort nach Haiti.

Denjenigen Ländern des Weltpostvereins, nach welchen Post­karten mit Antwort abgesandt werden können, ist neuerdings auch Haiti hinzugetreten. Das Porto für derartige Postkarten beträgt 20 Pfennig.

Berlin W., 30. Dezember 1883.

Der Staatssekretair des Reichs-Postamts. Stephan.

f Umkehr!

Selbst liberale Blätter können sich nicht mehr verhehlen, daß der Liberalismus auf eine schiefe Ebene gerathen ist. Freilich gibt es ja noch genug liberale Zeitungen, die alle Tage der Regierung und der Reformpolitik Untergang schwören und fort und fort überReaction" klagen. Aber eS gibt auch andere, welche endlich einfehen, wie thöricht solche Klagen sind und wie traurig es um den Liberalismus bestellt ist, wenn er sich immer mehr in den Pessimismus hineinredet und sich von weiter nichts als von abgethanen Schlagwörtern nährt.

Welches Gewicht solchen Stimmen für die Zukunft beizulegen ist, mag vielleicht zweifelhaft sein. Aber wenn man dieselben näher prüft und mit denjenigen Blättern vergleicht, welche oppositionelle Politik trei­ben, so darf man die Hoffnung schöpfen, daß sie nicht ohne Einfluß bleiben werden. Diejenigen liberalen Blätter, welche über des Kanzlers Reförmpolitik den Stab brechen, erscheinen entweder in Berlin oder stehen so zu sagen unter einem Fraktionszwang, d. h. sie müssen den Zwecken einer liberalen Fraktion dienen oder sie glauben ihren Libera­lismus dadurch am besten dokumentiren zu können, daß sie für die von der betreffenden Fraktion ausgegebene und oft nur auf taktischen Er- Wägungen beruhende Parole durch Dick und Dünn gehen. Die anderen liberalen Blätter, welche mit jenen nicht mehr in dasselbe Horn blasen, erscheinen außerhalb der Berliner Sphäre, nicht nur örtlich, sondern auch geistig: d. h. sie sind von dem Berliner Einfluß unabhängig, ha­ben sich keinem Fraktionszwang unterworfen und sich dafür einen wei­teren Gesichtskreis für ihre Politik bewahrt. Zu diesen Blättern ge­hören die Hamburger Nachrichten und die Münchener (früher Augsburger) Allgemeine Zeitung, Blätter von unbestreitbar liberaler Gesinnung, welche es offenbar übet brüfftg find, immer mit den anderen an demselben Strange zu ziehen und sich von den Berliner Koryphäen ihre Denkungsart vorschreiben zu lassen.

Beide Blätter haben in den letzten Tagen den Beweis geliefert, daß sie von den Irrwegen, in die sich der parlamentarische und journalistische Afterliberalismus hineinverrannt hat, nichts mehr wissen wollen.

DieHamburger Nachrichten" fordern, daß man bei der Kritik der Pläne des Reichskanzlers zwischen den Zielen und den Mit­teln zum Zweck unterscheide. Es sei durchaus nothwendig, die Kritik der R gierungsvorlagen nicht vorzunehmen, ohne sich stets zu vergegen­wärtigen, daß wir meist nur Mittel des Kanzlers zur Erreichung seiner Zwecke, nicht diese selbst zu kritisiren haben; denn hinsichtlich dieser Zwecke sei die ganze deutsche Nation mit dem Kanzler einer Meinung. Dann werde der Kampf nicht leicht die Erbitte­rung annehmen, die er erhält, wenn man die Ziele außer Acht lasse, in Betreff deren das Blatt bemerkt:

Fürst Bismarck will darüber wird unter Unvoreingenom- menen nirgends ein Zweifel bestehen Zweierlei: erstens das deutsche Reich finanziell unabhängig und befähigt machen, die schweren Lasten, die auf ihm liegen, auf die Dauer zu tragen, ohne Schaden zu neh- men; zweitens will er die Lösung der drohendsten Frage unserer Zeit, der socialpolitischen, auf friedlichem Wege herbeiführen. Alle Maß­regeln, die er trifft und vorschlägt, sind einzig dann richtig zu beur­theilen, wenn man sie in den gehörigen Zusammenhang mit diesen beiden Haupt- und Endzwecken seiner inneren Politik bringt. Das aber gilt nicht etwa nur van den Schutzzöllen, dem Unfallversiche­rungsgesetze oder ähnlichen Vorlagen, sondern selbst von solchen Ent­würfen, die, wie etwa die der zweijährigen Bnügetperioden, scheinbar mit diesen Zwecken nichts zu thun haben und sich der mehr ober­

flächlichen Betrachtung leicht als Ausfluß reactionärer Bestre­bungen darstellen mußten."

Man sieht hierin offen den Unmuth über das Treiben der libe­ralen Fraktionen ausgesprochen, die sich stets von gegentheiligen Ge­sichtspunkten haben leiten lassen. Von derselben Stimmung läßt sich eine Neujahrsbetrachtung der Münchener Allgemeinen Zeitung leiten, welche schreibt:

Noch gibt es in allen Parteien und in allen Gauen Deutsch­lands Männer, welche die Größe des Staatsmannes bewundern und verehren, der in trübster Zeit die großartigsten Pläne erdacht, vorbe­reitet und im rechten Moment aufs Herrlichste ausgeführt hat, der mit sicherem Blick in die Zukunft schaute und eine Umgestaltung der Weltverhältnisse herbeizuführen vermochte; Männer, welche nicht den Principien des parlamentarisch demokratischenFortschritts" huldigen, jedoch für die gedeihliche langsame und sicherere Entwickelung der Nation und des Reiches ein stehen wollen, welche die gegebenen Ver­hältnisse des Landes, die charakteristischen Eigenschaften der Nation im Auge behalten, nicht nach fremder Schablone arbeiten wollen, aber in dem jetzigen Parteigetriebe Garantien für die Zukunft nicht finden können. Wäre es nicht möglich, daß diese Männer sich einander näher­ten, sich verständigten und eine gemeinsameMchtschnur des Verhaltens schüfen? Es ist durchaus nicht no hwenvig, daß etwa nur Mitglieder des Reichs- und Landtages solche Einigung bewerkstelligten; im Ge­gentheile, die jetzigen Verhältnisse gebieten vielmehr ein festes Zu- fammenhalten der Unabhängigen außerhalb der Kam­mern, das Errichten eines Dammes gegen die immer mehr über- handnehmende Leidenschaftlichkeit und Rohheit im täglichen Leben. Daß eine solche Vereinigung schon jetzt den mindesten Einfluß auf den Gang der öffentlichen Verhältnisse ausüben könnte, wäre die denkbar lächerlichste Hoffnung; daß sie aber den Kern einer deutschen Entwickelungspartei bilden würde, die langsam sich vergrößern und unbezwinglich heranwachsen könnte, scheint uns unzweifelhaft."

Diese Kundgebungen wahrhaft liberaler Blätter beweisen, wie sehr das Treiben des extremen Liberalismus in liberalen Kreisen selbst Anstoß erregt: es sind nur erst schüchterne Versuche, gut gemeinte Mahnrufe, die aber verständlich genug dem Liberalismus zuru­fen, daß er umkehren möge! Daß diese Kundgebungen, die ja nicht vereinzelt dastehen, wenn auch nicht sofort im Parlament, so doch im Lande lauten Wiederhall und eine gute Statt finden werden, dafür mögen Alle sorgen, denen die beiden liberalen Blätter aus dem Herzen gesprochen haben.

Tagesschau.

Berlin, 9. Januar. Se. Majestät der Kaiser und König empfingen um 1 Uhr Nachmittags den zum Sekretär des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler ernannten Geheimen Ober-Regierungsralh von Boetticher, machten demnächst Ihrer Durchlaucht der Fürstin von Schwarzburg-Sondershausen einen Besuch und unternahmen später eine Spazierfahrt. Um 3 Uhr empfingen Beide Majestäten den Besuch Ih­rer Durchlauchten des Fürsten und der Fürstin von Schwarzburg Son­dershausen.

Berlin, 8. Januar. Der Erwiderung des Kronprinzen auf das Neujahrs - Glückwunschschreiben des Berliner Magistrats sind nach denFr. N." folgende Sätze zu entnehmen:Wenn Ich mit aufrichti­ger Befriedigung auf das Ergebniß Meiner soeben beendeten Reise nach dem Süden zurückblicken zu dürfen glaube, so entnehme ich die Berech. tigung hierzu vornehmlich der Ueberzeugung, daß die Befestigung unse­rer freundschaftlichen Beziehungen zu den Ländern, welche zu besuchen Mir vergönnt war, dort wie hier als eine neue Bürgschaft für die Er­haltung und Sicherung des Friedens richtig erkannt und freudig begrüßt wird. In Bestätigung dieser Annahme legte der überaus herzliche Em­pfang, dessen Ich Mich in jenen Ländern, von Fürst wie Volk, zu er« j freuen hatte, zugleich ein werthvolles Zeugniß dafür ab, daß dem deut- i schen Reiche mit der Achtung des Auslandes auch dessen Vertrauen ge- ! sichert ist.' Gern gebe Ich Mich mit dem Magistrat auch der Hoffnung i bin, daß dem deutschen Volke in dem Ausgleich innerer Gegensätze, in i der Mehrung des Wohlstandes, wie in der Hebung der Bildung und I Gesittung reiche Früchte einer friedlichen Entwicklung erwachsen wer- ' den."