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Mittwoch den 2. Januar

1884

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Nr. L MÜHMSB

Zugleich Amtliches Organ für Kreis und Stadt Hanau. Erschein! täglich mit Ausnahme der Sonn- und Ferrtage, mit belletristischer B^ilage^ und Samnags mit der Berliner Provinzial Correspondenz

Herzlichste Glückwünsche zum neuen Jahre!

Aellaüiwn null ExpeMon des .Lanauer Anzeiger."

Zum Jahreswechsel.

Das zu Ende gegangene Jahr hat uns auf dem Gebiete der in­neren Politik mancherlei gute Früchte, aber auch Erfahrungen und Be­lehrungen gebracht, deren Beherzigung uns eine Hauptaufgabe für das neue sein wird.

Mit großer Befriedigung dürfen wir zunächst auf vier hervorra­gende und politisch wichtige Ergebnisse der gesetzgeberischen Arbeiten im Reichstage und Landtage zurückbli^en, welche dem Jahre 1883 einen bedeutenden Platz in der Geschichte unserer inneren Entwicklung anwei­sen. Es sind dies tre nach langen, mühsamen Berathungen endlich zu Stande gebrachten Gesetzentwürfe wegen Versicherung der Arbeiter gegen Krankheit und betreffs der Abänderung der Gewerbeordnung in der Richtung der Beseitigung der Auswüchse der schrankenlosen Gewerbe­freiheit, ferner die Befreiung der zwei untersten Klassensteuerstufen von direkten Steuern und die Revision der Verwaltungsgesetzgebung im Sinne einheitlicherer Gestaltung der Behörden. Während dies letztere Gesetz dazu bestimmt war, den Mechanismus der Verwaltungsorganisa­tion zu vereinfachen und fo die Funktionen der in einandergreifenden staatlichen und Selbstverwaltungsbehörden im Interesse einer gedeihlichen Entwicklung der inneren Verwaltung in einer den Bedürfnissen des Staates wi/der Bevölkerung gleichmäßig Rechnung tragenden Weise zu regeln, haben die anderen Gesetze vorzugsweise den wirthschaftlichen und socialen Interessen der Bevölkerung gegolten und dieselben dadurch zu wahren gewußt, daß sie an Stelle der schrankenlosen Willkür die Ord­nung setzten und der wirthschaftlichen Leistungsfähigkeit der vom Glücke minder begünstigten Bevölkerungsklassen mit Bezug auf ihre Verpflich­tungen gegenüber dem Staate eingehende Berücksichtigung zu Theil wer­den ließen. Die hiermit vollzogene Abwendung von den Grundsätzen des Gehenlassens und der Gleichmacherei darf als ein werthvoller Bruch mit den Principien bezeichnet werden, welche die Gesetzgebung bisher beherrscht hatten, aber nicht zum Wohle des Volkes ausgeschlagen waren. Wie schon längst im Volke diese Principien verurtheilt waren, so haben sie nun auch in den Volksvertretungen ihre Geltung verloren, Dank der unermüdlichen Vertretung der wirklichen und wahren Interessen des Volks von Seiten der Regierung und trotz der immer rücksichtsloser werdenden Opposition des Radicalismus, welcher mit der Herrschaft der die socialen und wirthschafilichen Interessen berücksichtigenden Grundsätze mehr und mehr seine Stütze im Volke zu verlieren fürchtet: er kann nur auf dem Boden einer völlig aufgelösten Gesellschaft und bei der durch die Gleichmacherei und Gleichgültigkeit des Staates zunehmenden Unzufriedenheit gewinnen.

So erfreulich es ist, daß der Einfluß des Radicalismus auf die­sen Gebieten zurückgedrängt ist, so wird doch Niemand, der die Ge- schichte des Jahres an sich vorübergehen läßt, der Meinung sein, daß es zur völligen Ueberwindung desselben keiner Anstrengungen mehr be­dürfe. Vielmehr hat sich der Widerstand des Radicalismus verschärft, wenngleich er sich von dem eigentlich wirthschaftlichen Gebiet, wo er augenblicklich keine Erfolge mehr für sich erhofft, auf das politische Ge­biet der sog. konstitutionellen Theorie zurückgezogen hat. Hier glaubt er mit Erfolg einsetzen zu können, indem er dem Volke vorspiegelt, daß seine persönlichen Rechte und Freiheiten bedroht seien und nur ein voll- kommen parlamentarisches Regiment ihm Schutz gewähren könne. Mit Leidenschast warf er sich in diesem Jahre und das soll ihm unver­gessen bleiben auf die bestehenden militärischen Institutionen, die er als mit der Freiheit des Volks im Widerspruch stehend darzuüellen und mit der ätzenden Lauge seiner Kritik zu vergiften suchte. Durch derlei Vorspiegelungen hat die Opposition genugsam versucht, die gesetzgebe- rischen Arbeiten aufzuhalten, und durch das Dazwischenwerfen solcher Fragen vt es ihr, wie leider zu konstatiren ist, auch gelungen, noth­wendige Arbeiten zu verhindern. Ja, man darf wohl sagen, daß auch die gemäßigteren Parteien sich nicht ganz dem Einfluß der Opposition zu entziehen wußten, sondern in der Besv'gniß vor Unpopularität der energischeren Verfolgung nothwendiger Resormaufgaben entsagten. Wenn die Steuerreform im Reiche leider in diesem Jahre keine Fort­

schritte hat machen können, so ist dies darauf zurückzuführen, daß ein Theil des Liberalismus aus falschen Popularitätsrücksichten, noch immer nicht das zu thun entschlossen ist, was im Interesse deS Reichs, des Staats und der Gemeinden doch nicht zu vermeiden sein wird.

Die Hoffnung aber, daß in dieser Beziehung bald ein Wandel eintreten werde, dürfen wir wohl den Erfahrungen des jetzt abgeschlosse­nen Jahres entnehmen. Mit je größerem Nachdruck die Regierung die Aufgaben der positiven Reformpolitik in den Vordergrund stellte, desto weniger verfingen die nach der entgegengesetzten Richtung strebenden Zettelungen des Radicalismus. An der Kaiserlichen Botschaft vom 14. April, welcher den Reichstag im Interesse der Socialreform zur Be­rathung des nächstjährigen Etats aufforderte, brach sich der vorher ent­fesselte Sturm der Opposition, und gegenwärtig scheint zwischen dem gemäßigteren Liberalismus und dem Radicalismus eine solche tiefe Kluft zu bestehen, daß der letztere wohl nicht im Stande sein wird, mit den Schlagworten, von denen er lebt, andauernde Erfolge zu erzielen. Je mehr in dem neuen Jahre die positiven Reformziele betont werden, desto mehr wird es gelingen, alle diejenigen Elemente zu einem energischen Kampfe gegen den Radicalismus zu sammeln, welche an der gesunden und organischen Weiterentwicklung des Gemeinwesens ein Interesse ha­ben Die Art und Weise, wie der Landtag die neuen, an die letzten Erfolge auf diesem Gebiete anknüpfenden Steuervorlagen behandeln, und wie der Reichstag der Fortsetzung der Socialreform sich zuwenden wird, wird dafür maßgebend sein, ob bei den in dem neuen Jahre bevor­stehenden Reichstagswahlen das Zurückdrängen des Radicalismus mög­lich sein wird. Das ist für alle einsichtigen und maßvollen Politiker die Aufgabe für das neue Jahr, zu deren glücklichem Gelingen auch die auf kirchenpolitischem Gebiete immer weiter um sich greifende Beruhigung und friedliche Entwickelung, die auch in dem alten Jahre wieder durch die wohlwollenden Absichten des Kaisers und die Bemühungen der Staatsregierung in erfreulicher Weise gefördert ist, ohne Zweifel bei­tragen wird. Nach dem, was wir im Jahre 1883 trotz oder gerade wegen des immer abschreckender auftretenden Radicalismus erreicht ha­ben, dürfen wir in das neue Jahr mit Zuversicht und Hoffnung ein­treten, die nicht getäuscht werden wird, wenn wir uns immer dichter um die Fahne schaaren, auf der der alte preußische Wahrspruch mit ewig unvergänglichen Lettern geschrieben steht:

Mit Gott für König und Vaterland!

Tages schau.

Berlin, 1. Jan. Se. Maj. der Kaiser empfing Vormittags aus den Händen des Geheimrath Lüders und des artistischen Direktors der Porzellanmanufaktur Sußmann-Hellborn eine prachtvolle Vase mit einer Darstellung des Niederwalddenkmals und beglückwünschte darauf die Kaiserin in ihren Gemächern, hier empfingen beide die Prinzen und Prinzessinnen, mit denen der Kaiser sodann den Gottesdienst im Dom besuchte. Die Kaiserin begab sich nach der Capelle des Augusta Hospi­tals. Um 5 Uhr findet größere Familientafel statt. Bei dem heu­tigen Neujahrsempfange der Generalität fand keine Gesammtansprache seitens des Kaisers statt. Nachdem sich die Generalität, an deren Spitze der Kronprinz, der Prinz Friedrich Carl und Feldmarschall Moltke standen, im königlichen Palais versammelt hatten, begab sich der Kron­prinz zum Kaiser und kehrte bald darauf mit demselben zurück. Der Kaiser begrüßte die Generale aufs herzlichste, hielt dann Cercle und unterhielt sich lebhaft mit mehreren derselben. Nach fast halbstündigem Verweilen zog sich der Kaiser zurück Heute Nachmittag l1 h Uhr nahm der Kaiser die Glückwünsche der Botschafter entgegen und unter­hielt sich mit einem jeden einzelnen derselben auf das freundlichste. Die Politik wurde gutem Vernehmen nach dabei nicht berührt.

Berlin, 31. Dezbr. Durch Beschluß des Königlichen Staats­ministeriums ist auf Grund des Art. 1 des Gesetzes vom 31. Mai 1882 in Verbindung mit Art. 4 des Gesetzes vom 14 Juli 1880 für den Umfang der Diözesen Culm, Ermland und Hildesheim die Wieder­aufnahme der eingestellten Staatsleistungen an die römisch - katholischen Bisthümer und Geistlichen vom 1. Oktober d. J. ab angeordnet.