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Nr. 264.
Montag den 13. November
1882.
Amtliches.
Bekanntmachung.
Mit Bezug auf die Allerhöchste Verordnung vom 2. d. Mts., durch welche die beiden Häuser des Landtages der Monarchie, das Herrenhaus und daS Haus der Abgeordneten, auf den 14. November d. I. in die Haupt- und Residenzstadt Berlin zusammenberusin worden sind, mache ich hierdurch bekannt, daß die besondere Benachrichtigung über den Ort und die Zeit der Eröffnungssitzung in dem Bureau des Hauses der Abgeordneten am 13. d. Mts. in den Stunden von 8 Uhr früh bis 8 Uhr Abends und am 14. d. Mts. in den Morgenstunden von 8 Uhr ab offen liegen wird.
In diesen Büreaus werden auch die Legitimationskarten zu der Eröffnungssitzung ausgegeben und alle sonst erforderlichen Mittheilungen in Bezug auf dieselbe gemacht werden.
Berlin, den 2. November 1882.
Der Minister des Innern.
____________________(gez.) von Puttk amer. ________________
Ausschreiben
Am 19. v. Mts. hat sich die Dienstmagd Wilhelmine Wollweber aus Zürich, 22 Jahre alt, von schlanker kräftiger Statur, hat hellblonde Haare, längliches frisches Gesicht, blaue Augen und ist bekleidet mit einem grünlichen wollenen Kleide mit grüner Verzierung und schwarzem Winterfilzhut mit schwarzen Federn, sowie dunklem Wintermantel, von hier entfernt. Nach einem zurückgelassenen Briefe ist anzunehmen, daß sich die rc. Wollweber ein Leid angethan hat.
Man ersucht deshalb ergebenst um Anstellung von Recherchen und eventuelle Nachricht vom Resultat.
Darmstadt, den 7. November 1882.
Großherzogl. Polizeiamt.
Wird veröffentlicht.
Hanau am 13. November 1882.
Der Landrath.
Gefunden. Ein Regenschirm. Ein französisches Buch, von Carl Plötz.
Verloren. Ein goldener Siegelring. Ein Leihhauszettel.
Entlaufen. Ein rother Spitz m. Geschlecht.
Hanau am 13. November 1882.
Aus Königl. Landsrathsamt. ____________________ f Die neuesten Vorgänge in Frankreich
nehmen die Aufmerksamkeit der gebildeten Welt vornehmlich deshalb in Anspruch, weil sie vielfache Bestätigungen für das Wiederaufleben der internationalen Propaganda der socialdemokratischen Partei bringen. Dieses Wiederaufleben hat sich — von den Vorgängen in Rußland und Irland abgesehen — in mehreren Ländern angekündigt: in der französischen Schweiz, wo die socialistischen Flüchtlinge eine ganz besondere Rührigkeit entfaltet haben, in Ober-Italien, dem Schauplatz des in Triest zur Ausführung gekommenen Bomben-Attentats, und in Oesterreich, dessen Hauptstadt Zeuge der von Anarchisten ausgeführten Beraubung des Schuhmachers Merstallinger gewesen ist.
Frankreich hat in jüngster Zeit eine ganze Anzahl ähnlicher Ausbrüche erlebt. Auf die Kirchenschändungen und Plünderungen der Fabrikstadt Montceau les Mines folgte ein Bomben-Attentat in Lyon; in der Stadt Chalons für Saâne mußte das gegen die Verschwörer von Montceau begonnene schwurgerichtliche Verfahren eingestellt werden, weil die betheiligten Richter und Geschworenen mit Drohbriefen überschüttet worden waren; bei Gelegenheit der zu St. Etienne und zu Roanne abgehaltenen Arbeiter-Congresse und auf einer ganzen Anzahl von Pariser Volksversammlungen kam es zu wilden tumultuarischen Auftritten und zu schweren Bedrohungen gegen Geistlichkeit, Regierung und Besitzende, denen man mit Dolch und Dynamit den Garaus zu machen versprach. Endlich haben die in der Pariser Vorstadt St. Antoine zwischen Arbeitgebern und Arbeitern der (mehr als 20 O( 0 Menschen beschäftigenden) Möbelindustrie ausgebrochenen Lohnstreitigkeiten einen so leidenschaftlichen Charakter angenommen, daß man sich darauf gefaßt macht, eine etwaige Arbeitseinstellung von politischen Demonstrationen begleitet zu sehen. Die
Sache nimmt sich um so bedrohlicher aus, als nur ein Theil der Arbeiter mit einem Strike droht, die Arbeitgeber aber alle Werkstätten schließen wollen, um der Bewegung ein möglichst rasches Ende zu machen und Unterstützungen der Feiernden durch ihre weiter arbeitenden Kameraden zuvor zu kommen. Zwanzigtausend, zum Theil unfreiwillig feiernve Pariser Arbeiter würden unter den gegebenen Verhältnissen den unruhigen Elementen eine gefährliche Hilfsarmee zuführen.
Die französische Regierung befindet sich aus mehreren Gründen in einer außergewöhnlich schwierigen Lage. Wegen der Zersplitterung der republikanischen Parlaments-Mehrheit entbehrt sie der gehörigen Unterstützung der Parteien, wegen der Neuheit des Beamten-Personals und der weitgehenden Liberalität der Gesetzgebung der Mittel zu energischen! Einschreiten gegen die Meuterer; außerdem wird von den politischen Gegnern geltend gemacht, daß unter der Herrschaft der republikanischen Partei für die Besserung der Lage der Arbeiter so gut wie Nichts geschehen sei. Allgemein ist die Spannung auf den bevorstehenden Wiederzusammentritt der Kammern, der möglicher Weise eine abermalige, von den Anhängern Gambettas eifrig gewünschte Aenderung des Ministeriuins zur Folge haben kann.
Frankreichs Nachbarn haben allen Grund, diesen Vorgängen mit Aufmerksamkeit zu folgen. Zwischen den verschiedenen Culturländern bestehen so enge und so zahlreiche Verbindungen, daß Ordnungsstörungen in dem einen leicht auf das andere hinüberwirken können. Was uns Deutsche anlangt, so werden wir uns zunächst zu sagen haben, daß die Fortdauer des Socialistengesetzes unter den gegenwärtigen Zeitumständen unentbehrlicher denn je erscheint und daß die fortschrittlichen Decla- mationen gegen dasselbe so übel wie möglich angebracht erscheinen, wo immer neue Belege für das Wiederaufleben der internationalen Propaganda beigebracht werden. Ebenso deutlich werden wir uns aber der Verpflichtung bewußt bleiben müssen, die von der Regierung eingeleiteten Socialreformen mit allem Nachdruck zu unterstützen. Bilden dieselben doch die wirksamste Waffe, welche gegen die Partei des Umsturzes der gesellschaftlichen Ordnung überhaupt angewendet werden kann.____________
Tagesschau.
— Berlin, 11. Nov. Der „Nordd. Allgem. Ztg." zufolge eröffnet Se. Maß der Kaiser den Landtag persönlich.
— Berlin, 11. Nov. Se. Excellenz der Vizepräsident des Staats- Ministeriums, Minister des Innern von Puttkamer, ist aus Barzin wieder in Berlin angekommen.
— S. M. S. „Leipzig", 12 Geschütze, Kommandant Korvetten- Kapitän Herbig, ist am 10. November er. in Plymouth eingetroffen und beabsichtigte am 14. dess. Mts. die Reise fortzusetzen.
— Die von Dr. Victor Böhmert und Dr. Arthur von Studnitz herausgegebene „Social-Correspondenz" berichtet in der Rubrik „Arbeitsmarkt" : In Chemnitz sind gegenwärtig Eisenarbeiter aller Branchen fortwährend bei guter Bezahlung gesucht. In einzelnen Zweigen, z. B. der Eisengießerei und Eisendreherei, macht sich sogar ein förmlicher Mangel an ausreichenden Arbeitskräften fühlbar.
— München, 12. Nov. Der Professor der Mineralogie Geheimrath v. Kobell, als oberbayerischer Dialektdichter weithin bekannt, ist heute Nacht gestorben. (Fr. ^)
— In Bamberg ist gegen eine nächtliche Klavierspielerin ein Strafmandat wegen groben Unfuges erlassen worden. Der Magistrat hat den Beschluß gefaßt, jeden zur Anzeige kommenden Fall durch den Amtsanwalt als Ruhestörung v.rfolgen zu lassen.
— Karlsruhe, 11. Nov Der Rhein bei Mannheim ist drei Meter seit gestern gestiegen auf 6,75 und steigt auch heute fortwährend. Der Neckar ist in Heidelberg auf 4,10 gestiegen und fällt heute. Bei Mannheim stieg der Neckar heute Morgen auf 7,23. Hochwasser haben ferner die Dreisam bei Freiburg, die Schütter und die Kinzig bei Kehl, die Murg bei Rastatt, die Nagold bei Pforzheim.
— Petersburg, 10. Nov. Die Frage der Errichtung russischer Consulate in Wien und Berlin soll, wie in hiesigen Kreisen verlautet, nunmehr spruchreif werden. Wie es heißt, ist eine bezügliche Auflage Seitens der beiden Cabinete zustimmend beantwortet worden und sollen nunmehr die Vorbereitungen für die Errichtung dieser Consulate getroffen werden. ' (Fr. I.)