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Nr. 224.

Dienstag den 26. September

1882.

Rundschau.

R. F. (Deutsches Reich.) Nach mehr als zweiwöchentlicher Abwesenheit ist unser Kaiser von den Festlichkeiten und Truppen- Exer­citien in Schlesien und Sachsen in voriger Woche wieder nach seiner Sommerresidenz Babelsberg zurückgekehrt. Die glänzenden Ovationen, deren Mittelpunkt der Kaiser in dieser Zeit war, und die mannigfachen Zeichen von begeisterter Anhänglichkeit und hingebender Treue, welche ihm sowohl in Schlesien wie in Sachsen von Tausenden und aber Tau­senden entgegengebracht wurden, sind sprechende Beweise dafür, wie tiefe Wurzeln die Liebe zum greifen Schirmherrn des deutschen Reiches im Herzen des deutschen Volkes, ohne Unterschied des Stammes, geschlagen hat und der Kaiser selbst hat wiederholt durch Schrift und Wort zu erkennen gegeben, wie wohlthuend ihn diese Beweise von Treue und An­hänglichkeit berührten. Erfreulicherweise sind die großen Anstrengungen, welche die Theilnahme an den schlesischen und sächsischen Truppen- Ma­növern für den Kaiser mit sich brachte, ohne nachtheiligen Einfluß auf dessen Gesundheitszustand geblieben und wird darum der Kaiser auch in diesem Jahre nebst seiner Gemahlin den gewohnten Herbstaufenthalt in Baden-Baden nehmen. Die Kaiserin, welche von ihrem Fußleiden wie­der hergestellt ist, hat bereits am Montag, den 25. d. M., die Reise nach Baden-Baden angetreten, wohin ihr der Kaiser am 28. d. M. nachzufolgen gedenkt.

In der ländlichen Zurückgezogenheit von Varzin feierte Fürst BiÄnarck am 23. September nicht am 24., wie zuerst irrthümlich berichtet wurde den Tag, an welchem er vor zwanzig Jahren an die Spitze der preußischen Staatsgeschäfte trat. Mit bewegten Gefühlen wird der leitende Staatsmann auf die zwei Jahrzehnte blicken, welche zwischen damals und heute liegen, in deren Laufe es ihm gelang, dem deutschen Volke das zu geben, was bisher die innere Zerrissenheit der deutschen Stämme zum Hohn des Auslandes und zum Schmerz aller wahrhaft deutsch denkenden Männer vereitelt hatte: die nationale Einheit.

Das politische Tagesinteresse an unsern innern Angelegenheiten wird sich in der nächsten Zeit hauptsächlich auf die Wahlkampagne be- schränken, da andere Fragen von größerer Bedeutung bei uns augen­blicklich nicht auf der Tagesordnung stehen. Das Interesse in dieser Angelegenheit concentrirt sich zunächst auf die Frage nach dem Wahl- termin, worüber bis j-tzt noch nichts Näheres verlamet. Aus einer Verfügung der Landrathsämter an die ländlichen Wahlvorsteher, in wel­cher letztere aufgefordert werden, die Berichte über etwaige Ausstellungen an den Wählerlisten bis zum 18. Oktober einzusenden, kann man jedoch mit ziemlicher Gewißheit entnehmen, daß die Landtagswahlen erst gegen Ende Oktover statifinden werden.

(Oe st er reich. Ungarn.) In Oesterreich steht die allgemeine Stimmung noch unter dem Drucke der Bombenaffaire von Ronchi. Es ist in der That deprimirend, zu sehen, wie eine Verschwörerbande sort- gesetzt bemüht ist, ihre geheimen Pläne mit allen Mitteln zu fördern und zu diesem Zweck selbst vor den verbrecherischsten Anschlägen nicht zurück'chreckt, wie es die Irredentisten behufs der Losreißung Triest's von Oesterreich thun. Mit allseitiger Genugthuung ist es daher begrüßt worden, daß es den österreichischen Behörden gelungen ist, in dem zu Ronchi verhafteten Oberdank einen Sendling des irredentistischen Central- Comitè's zu eruiren und werden die Geständnisse Oberdank's hoffentlich ein weiteres Licht auf das verworrene Netz der irredentistischen Bestre­bungen Wersen.

(Fr a n k r ei ch.) In Frankreich haben, fast gleichzeitig mit Deutsch, land, große Truppen-Manöver, die des 14. und 15. Armeecorps, statt­gefunden, welche nunmehr beendigt sind. Dieselben sind auch für Deutsch, land von Interesse, da sie Wohl geeignet erscheinen, den hier noch viel­fach bezüglich der französischen Armee herrschenden Vorurtheilen entge- genzutreten. Sowohl die zu den Manövern bei Orange kommandirt gewesenen deutschen Offiziere als auch die Berichte deutscher Zeitungs- korrespondentcn sprechen sich übereinstimmend anerkennend über die Lei- stungen der bei diesen Exercitien betheiligt gewesenen Truppen aus. Namentlich die Marschirfähigkeit der sranzösischen Fußtruppen soll auf eine hohe Stufe gebracht worden sein und ebenso versichern die zugegen gewesenen deutschen Osficiere, daß bei den Manövern von Orange die Detailausbildung der Truppen im Gefecht sich ebenso sorgfältig durch­

gebildet gezeigt habe wie in der deutschen Armee eine ernste Mahnung für Deutschland, auch fernerhin in der Vervollkommnung seiner Armee nicht zu erlahmen Die Gerüchte von einer eventuellen Einberufung der französischen Kammern im Oktober werden dementirt; die Kammern sollen, wenn nicht außerordentliche Ereignisse eintreten, erst am 6. No­vember d. I. zur neuen Session einberufen werden.

(Rußland.) Die Ankunft des russischen Kaiserpaares in Moskau hatte allgemein den Glauben geweckt, daß die so oft dementirte Krönung Kaiser Alexanders und seiner Gemahlin in den nächsten Tagen stattfin- öen würde. Indessen hat es den Anschein, als ob die Krönungsfeier noch nicht so rasch vor sich gehen würde, wenigstens sind hierzu, wie au§_ Moskau gemeldet wird, noch keine auffallenden Vorbereitungen ge­troffen worden. Da überdies Petersburger Briefe melden, daß die An­wesenheit des Kaiserpaares in der Kremlstadt lediglich dem Besuche der Landes-Ausstellung, welche am kommenden 1. Oktober geschlossen wird, gelte, so muß man die weiteren Ereignisse abwarten. Am 21. b. M. hielt der Czar auf dem Chodin'schen Felde in Moskau über 46 Bataillone, 12 Escadrons, 4 Sotnien Kosaken und 21 Batterien eine große Parade ab, welche ohne jeden Unfall verlief.

(Holland.) Die in voriger Woche zusammengctretcnen holländi­schen Kammern werden sich wohl auch mit der wieder aufgetauchten atchinesischen Frage befassen müssen. Nach den Erklärungen, welche Mi­nisterpräsident van Lynden hierüber neulich in der ersten Kammer gab, haben die niederländischen Truppen die aufständischen Atchinesen aller­dings aus mehreren Positionen herausgeworfen. Andere Nachrichten aus Atchin, die über Indien eingetroffen sind, lauten jedoch weniger günstig und lassen durchblicken, daß es der holländischen Colonialregie­rung schwer werden wird, die sich immer erneuenden Ausstände in Atchin zu unterdrücken.

(Türkei.) Die englisch türkische Militair.Convention ist selig in das Reich der Vergessenheit hinübergeschlummert und mit ihr anscheinend auch die Botschafter-Conferenz, denn letztere gibt nicht das geringste Le­benszeichen von sich. Auch die Hoffnung, die Conferenz durch die türkisch-griechische Greuzangelegenheit neu zu beleben, ist eine vergebliche, da die Mächte übereingekommen sind, die türkisch, griechische Grenzfrage den Verhandlungen zwischen der Pforte und Griechenland allem zu überlassen. Was den augenblicklichen Stand dieser Frage anbelangt, so ist er noch der frühere: Die Pforte will Nezeros nicht herausgeben und Griechenland weigert sich, eine andere Entschädigung dafür anzunehmen.

(Egypten.) Der egyptische Aufstand ist, da das Fort Germleh kapitulirt und auch die Besatzung von Damiette ans Befehl Jakub Pa- fcha's die Waffen niedergelegt hat, nunmehr vollständig beendigt und das Strafgericht über die Empörer nimmt seinen Anfang. Die in Ramleh internirt gewesenen egyptischen Osftciere, welche noch nicht den Rang eines Obersten bekleiden, sind in Freiheit gesetzt, die übrigen Osficiere aber, über 50 an der Zahl, nach Alexandrien eskortirt worden, wo ihnen der Prozeß gemacht werden wird. Arabi Pascha und die übrigen Rädelsführer sollen in Kairo von englischen Militairgerichten abgeurtherlt werden. Zur Aburtheilung derjenigen, welche in Alexandrien und andern egyptischen Orten geraubt und gemordet haben, ist bekanntlich vom Vice­könig Tewsik Pascha die Niedersetzung besonderer Commissionen angeord­net worden.

(Australien.) Das Gebäude der Welt-Ausstellung in Sidney (Australien) ist vergangene Woche gänzlich niedergebrannt; der angerichtete Schaden ist noch unbekannt.

Nachtrag.

(Oesterreich-Ungarn.) Nach den Geständnissen, welche der zu Ronchi verhaftete Oberdank abgelegt hat, gehörte er demCircolo Garibaldi" in Rom dem römischen Actionscomitâ der Irredentisten, an. Durch das Loos war er bestimmt worden, ein Attentat zur Stö­rung der Kaisertage in Triest auszuführen und gestand Oberdank, daß er fest entschlossen gewesen sei, das Attentat auszuführen._ Eine An­zahl Wiener Blätter, besonders dieNeue Fr. Presse" und dieWiener Aüg. Ztg.", weisen in warmen Worten auf das 20jährige Minister- Jubiläum Bismarck's hin.

(Frankreich.) Präsident Grevy hat den wegen eines Angriffes auf einen französischen Soldaten vom Kriegsgericht zu Tunis verurtheilten