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Nr. 222.
Samstag den 23. September
1882
Amtliches.
Gemeinderathsglied Reinhard Stein gäßer in Praunheim wurde als Ortstaxator verpflichtet.
Hanau am 15. September 1882.
Zimmermann Jakob Friedrich Heck zu Wachenbuchen ist als weiterer Sachverständiger zur mikroskopischen Untersuchung des Schweinefleisches auf Trichinen für genannte Gemeinde widerruflich bestellt.
Hanau am 19. September 1882.
Der Landrath.
Gefunden: Ein alter Sack mit ca. 2 Gescheit Kartoffeln. Ein ca. 60 cm langer s. g. Fleischhacken.
Hanau am 23. September 1882.
____________________Aus Königl. Landrathsamt. __________________
Tagesschau.
Zum zwanzigjährigen Ministerjnbiläum des Fürsten Bismarck.
R. F. Wenn es auch dem schlichten Charakter des Fürsten Bismarck entspricht, nicht durch große Feierlichkeiten für seine außerordentlichen Verdienste geehrt zu werden, so kann doch unmöglich das deutsche Volk einen Tag der Erinnerung verfließen lassen, der in unstreitiger Weise den Anbruch einer neuen, segensreichen Aera für das durch Jahrhunderte hindurch in politischer Ohnmacht befindliche Deutschland verkündete, denn am 24. September 1882 find es zwanzig Jahre, daß der damalige preußische Gesandte am französischen Kaiserhofe, Herr v. Bismarck, von unserem jetzigen Kaiser zum preußischen Staatsminister der auswärtigen Angelegenheiten und Ministerpräsidenten ernannt und überhaupt mit der Oberleitung der preußischen Staatsgeschäfte betraut wurde. Was Fürst Bismarck in diesen zwanzig Jahren als preußischer Staatsminister, dann als norddeutscher Bundeskanzler und später als deutscher Reichskanzler für das Vaterland vollbracht hat, lebt so frisch in aller Zeitgenossen Gedächtniß, daß wir dieses großen Staatsmannes Ruhmesthaten nicht der Reihe nach auszuzählen brauchen, für Fürst Bismarck wird auch der Lorbeer grünen, solange es ein Deutschland gibt, und als Einiger des Vaterlandes, als unerschrockener und unermüdlicher Staatsmann und hochherziger Patriot wird er für immer einen Ehrenplatz in der Ruhmeshalle der Weltgeschichte einnehmen.
In dieser Hinsicht ist es also gar nicht möglich, in einem Artikel der Tagespresse dem Fürsten Bismarck, der nun zwanzig Jahre mit unerschütterlicher Ausdauer und beispiellosen Erfolgen am Staatsruder steht, genügend zu feiern. Aber wir wollen es nicht unterlassen, an diesem neuen Ehrentage des Fürsten Bismarck wenigstens auf zwei Punkte in seinem Leben und Streben aufmerksam zu machen, die mit zu den ersten Bedingungen seiner Größe gerechnet werden müssen, es ist dies das scharfe Zielbewußtsein und das bewundernswerthe Maßhalten in den Bestrebungen des Fürsten Bismarck.
Klarer und zielbewußter, wie es Fürst Bismarck gethan, ist wohl noch kein Staatsmann vor eine schwierige und gefahrvolle Aufgabe ge- treten, denn als Fürst Bismarck am 24. September 1862 preußischer Minister wurde, hatte er die großen Gaben seines Geistes als preußischer Bevollmächtigter beim Frankfurter Bundestage und dann als Gesandter Preußens in Petersburg und Paris so ausgezeichnet zu verwerthen verstanden, daß er das ganze Getriebe der deutschen und europäischen Po- litik bereits besser durchschaute als irgend ein zeitgenössischer Staatsmann und auch bereits an allen Fäden spann, die das Gelingen seiner großen Mission vorbereiten sollten Diese außerordentliche Thatsache ist aus des Fürsten Bismarck's Briefen und Berichten während seiner Frankfurter Bundesgesandtschaft und Zeit seiner Mission in Petersburg und Paris ganz klar erwiesen und dieselbe Thatsache gab dem Fürsten Bismarck auch die eminente Befähigung, schon bald nach seinem Amtsantritt als preußischer Minister des Auswärtigen eine leitende Rolle im europäischen Conzert zu spielen. Das Letztere wäre aber mit dauerndem Erfolge nicht möglich gewesen, wenn Fürst Bismarck seine thatsächlich schon damals führende Rolle nicht mit dem vorsichtigsten Maßhalten begleitet hätte, wo es galt, Rücksichten zu nehmen, sich keine vorzeitige
oder unerwünschte Feindschaft zu machen und doch alle seine Vorbereitungen zu treffen, um dann in dem entscheidenden Augenblicke mit unwiderstehlicher Wucht einen Schlag zu thun oder mit diplomatischer Meisterschaft ein Band zu knüpfen. Wäre Fürst Bismarck in dieser schwierigen Kunst nicht so groß gewesen, dann hätte er unmöglich der Feindschaft des Auslandes, den Ränken eines Napoleon nnd der Zerfahrenheit der inneren deutschen Zustände gegenüber, Preußen und Deutschland aus ihrer früheren ohnmächtigen Stellung so erfolgreich erheben können. Und die dankbare Anerkennung dieser ruhmreichen That sei an dem Tage, wo Fürst Bismarck zwanzig Jahre Minister ist, sein schönster Lorbeer, den kein Streit der Tagesfragen verdunkeln kann. ----------------
— Berlin, 22. Septbr. Ihre Majestät die Kaiserin und Königin konnte in den letzten Tagen regelmäßig auf dem Krankenstuhl ins Freie gerollt werden, so daß ärztlicherseits nunmehr die Uebersiedelung nach Baden-Baden zum Gebrauch der Bäder dringend gewünscht wird. Dieselbe ist bereits für die nächste Woche in Aussicht genommen, und werden Beide Majestäten Sich daher zum gewohnten Herbstausenthalt demnächst nach Baden begeben.
— Berlin, 22. September. Die „Kreuzzeitung" betont, daß bis zur Stunde keinerlei diplomatische Verhandlung wegen Egypten stattfinden und daß solche auch nicht eingeleitet würden, bevor nicht eine Basis für dieselben vorhanden sei, welche wiederum nur durch Anträge Englands gegeben werden könne. Vorläufig existirten diese Anträge noch nicht.
— Der „R. u. St.-A." veröffentlicht: Verordnung, betreffend die Erbauung und den Betrieb einer Eisenbahn von Sentheim nach Mas- münster, vom 11. August 1882.
— S. M. S. „Gneisenau", 16 Geschütze, Kommandant Kapitän zur See Freiherr v. d. Goltz, ist am 21. d. Mts. in Port Said eingetroffen.
— Ein neues Zeugniß für die Zweckmäßigkeit der Zoll- und Handelspolitik unseres Reichskanzlers haben die Franzosen ausgestellt, die doch nicht gerade Deutschlands und am allerwenigsten Bismarck's Freunde sind. Ein französischer Volkswirth hatte dieser Tage die Franzosen ob der drohenden deutschen Konkurrenz damit getröstet, daß Bismarck's System Deutschland zu Grunde richte und für Frankreich die beste Revanche für Sedan sei. Die Zeitschrift „Telegraphe" entgegnet darauf: Zum Unglück für uns entwickeln die geschützten Industrien Deutschlands ihre Kräfte in enormen Verhältnissen und jetzt führt, wie Herr Marteau (in den Annales du commerce extérieur) bestätigt, Deutschland für mehr als 2 Milliarden Fabrikate aus, während wir nur für 1700 Mill, ausführen. Die Deutschen haben billigere Arbeitslöhne und billigere Kohlen, sie zahlen kaum halb so hohe Steuern als wir und ihre Transporte sind minder schwer als die unsern. Wir begegnen jetzt den deutschen Fabrikanten in Konkurrenz auf fast allen Märkten der Welt und besonders in Italien. Seit der Durchstechung des St. Gotthard verdoppeln sich die deutschen Einfuhren in Italien, während die unsern fortwährend Nachlassen. Wie dem begegnen? Die Durchstechung des Simplon wird zunächst empfohlen, um die Entfernung von Paris nach Mailand auf 835 Km. zu kürzen, die jetzt durch den Mont-Cenis 951 und durch den St. Gotthard 906 Km. betrage. Die „deutsche Konkurrenz" ist jetzt das Hauptthema des TageS.
— Hamburg. Ein sogenanntes „Kirchenschiff" liegt gegenwärtig im hiesigen Hafen. Das von der „Thames Church Society" ausgerüstete Fahzeug nimmt hier eine Orgel an Bord und begibt sich dann nach der Nordsee, um den dort beschäftigten zahlreichen englischen Fischern als Gotteshaus zu dienen. Im Zwischendeck befindet sich ein geräumiger Betsaal mit Kanzel und Altar.
— Industrielle Kreise in Württemberg bereiten, wie die „B. P. N." erfahren, Schritte vor, um bei der Reichsrcgierung die internationale Regelung der decimalen Zählung von Garn und Papier, sowie der Sei- denconditionirung; die Durchführung des Reichstags-Entwurfs von 1878, betreffend den Feingehalt der Gold- und Siberwaaren; die Strafbestimmung gegen Schwindelreklamen durch mißbräuchliche Führung von Ausstellungsmedaillen; eine zollpolitische Verordnung, wie sie in England