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Nr. 211.
Montag den 11. September
1882
Amtliches.
Die Herren Bürgermeister des Kreises wollen diejenigen Personen, welche für das Jahr 1883 Gewerbescheine zum Gewerbebetrieb im Umherziehen wünschen, mittelst ortsüblicher Bekanntmachung auffordern, ihre deshalbigen Gesuche vor dem 1. Oktober d. J. hier anzubringen, dieselben auch darauf aufmerksam machen, daß Alle, welche dieses unterlassen, die nachtheiligen Folgen verspäteter Anmeldung lediglich sich selbst zuzuschreiben haben.
Hanau am 9. September 1882.
Der Landrath.
Gefunden. Am 9. d. Mts. ein Quantum Ochsenfleisch, Fett und eine Fleischwurst. Fünf Schulbücher mit der Aufschrift Jakob Fischer. Eine rothe Knabenmütze. Ein Spazierstock. Eine stählerne Uhrkette.
Zugelaufen. Ein junger Hahn.
Verloren. Ein Portemonnaie mit 3 Mk. 40 Pf. Ein Glaser- Diamant.
Hanau am 11. September 1882.
Aus Königl. Landrathsamt.
Tagesschau. f Freihandelspartei und Gewerkt« ereine.
I.
Nach der Lehre gewisser Leute ist der Freihandel die Quelle aller Güter des modernen Lebens gewesen. Dem Freihandel und dem Fernbleiben des Staates von allen wirthschastlichen Interessen und Gegensätzen sollen unsere Culturländer Freiheit, Reichthum, Bildung verdanken: wenn die Staaten dabei beharren, wird ihnen sogar eine allmähliche friedliche Ausgleichung zwischen Besitzenden und Besitzlosen, Capi- talisten und Handarbeitern in sichere Aussicht gestellt. Mit einem Worte: die Formel „Laßt den wirthschastlichen Kräften freien Lauf" soll ausreichend sein, all' die schwierigen Aufgaben zu lösen, welche die heutige Entwickelung an Staat und Gesellschaft gestellt hat.
Diese Behauptung wird so häufig wiederholt, daß wir zur Verwunderung über dieselbe keine Veranlassung mehr haben. — Neuerdings ist indessen für die Freihandelslehre und für die Allgemeingiltigkeit des Satzes, daß das Ganze am Besten fährt, wenn jeder seinen besonderen Interessen nachgeht, ein neues Verdienst, ein neuer Titel auf die Dankbarkeit der Menschheit in Anspruch genommen worden: ein liberales Berliner Blatt hat die Entdeckung gemacht, daß die großen „Gewerkvereine" (trades-unions), in denen Zehntausende englischer Arbeiter zusammengefaßt find und die in einzelnen Gewerbszweigen eine Macht darstellen, mit welcher die Arbeitgeber über die Höhe des Lohnes, die Arbeitszeit und die sonstigen Arbeitsbedingungen förmlich verhandeln müssen, — daß auch die englischen Gcwerkvereine nur durch den Freihandel möglich geworden seien! Das ist zu neu und zu merkwürdig, um nicht besonders geprüft werden zu müssen.
Wer englische Wirthschafts« und Arbeiterverhältnisse irgend kennt, weiß zugleich, daß die großen Herren der manchesterlichen Freihandelspartei die Arbeitergenossenschaften Jahrzehnte lang leidenschaftlich bekämpft, für gemeingefährlich erklärt und verfolgt haben. Von ihrem Standpunkte aus mußten sie das thun. Nach freihändlerischer Versicherung ist die Festsetzung von Lohn und Arbeitsbedingung eine Sache, die nie anders als unter vier Augen, d. h. zwischen dem Kapitalisten und dem einzelnen Arbeiter abgemacht werden darf. Schließen die Arbeiter sich genossenschaftlich zusammen, um durch Stimmenmehrheit oder sonstige Vereinbarung gewisse Arbeitsbedingungen festzustellen und dadurch in die Lage zu kommen, mit dem Arbeitgeber als selbstständige Macht zu verhandeln, so ist das (nach freihändlerischer Lehre) „unerträgliche Mehrheits-Tyrannei", „Beeinträchtigung der Würde und Freiheit des einzelnen Arbeiters" u. s. w. Mischt der Staat sich in der Person des Fabrik,Inspektors ein, um etwa Arbeits-Verträge mit siebenjährigen Kindern oder Lohnabmachungen, wo der Lohn nicht in Geld, sondern in Waaren gezahlt wird, oder vierzehnstündige Arbeit in ungesunden Räumen für unzulässig zu erklären, so heißt das (nach derselben Lehre) „büreaukratische Einmischung in private Verhältnisse und Bevormundung."
Die Partei nnn, welche dieser Anschauung huldigt und Namens der Freiheit jedes genossenschaftliche Zusammengehen der Arbeiter und jede Staatseinmischung in Lohn- und Arbeitsverhältnisse verwirft, — diese Partei will die Gewerkgenossenschaften (ihre erbittertsten Gegner) möglich gemacht haben und behauptet jetzt (wo diese zu großer Macht gelangten Vereine ein Mal da sind), Deutschland brauche nur das Freihandelssystem nachzuahmen, um zu Gewerkvereinen zu gelangen und dadurch die Arbeiterfrage zu lösen.
— Berlin, 9. September. Se. Majestät der Kaiser haben, wie aus Breslau berichtet wird, gestern Nachmittag im offenen Wagen eine einstündige Spazierfahrt nach dem Scheitniger Park unternommen und begaben Sich heute Vormittag 10 Uhr mit den übrigen Fürstlichkeiten vom Stadtbahnhofe aus mittelst Extrazuges zur Parade des VI. Armee- Corps.
— Berlin, 9. September. Der „Nordd. Allg. Ztg." zufolge ist mit dem Befinden des Reichskanzlers noch keine befriedigende Besserung eingetreten. Der Reichskanzler enthalte sich auf ärztliche Vorschrift aller Geschäfte und beschränke sich auf die nothwendigsten Unterschriften.
— Die „Neue Preußische Zeitung" meldet nach Berliner Blättern: Nach ziemlich langwierigen Verhandlungen des Vorstandes des Vereins: „Bund der Bau-, Maurer- und Zimmermeister zu Berlin" mit der Gewerbedeputation des Magistrats, und zuletzt mit dem Königlichen Polizeipräsidium, ist nunmehr dem vom Vorstand eingereichten Jnnungs- statut für eine neue, unter obiger Bezeichnung zu bildenden Innung die Genehmigung ertheilt worden. Es dürfte dies die erste Innung sein, welche sich in Berlin auf Grund der §§. 97 u. f. der Gesetzesnovelle vom 18. Juli 1881 zur Deutschen Reichs-Gewerbeordnung neugebildet und ihr Statut nach dem vom Reichsamt des Innern veröffentlichten Entwurf eines Normalstatutes abgefaßt hat.
— Breslau, 9. September. Der gestrige Festkommers der Studentenschaft im Saale des Concerthauses verlief äußerst glänzend. Der Rektor Magnificus, die Universitätsprofessoren, nahezu vollzählig, die Schulräthe, Gymnasial- und Realschul-Direktoren wohnten demselben bei. Studiosus Bayer wies in seiner Festrede auf die historischen Momente hin, welche Schlesien und namentlich Breslau mit dem Herrscherhause der Hohenzollern verbinden. Der Redner forderte die akademische Jugend zur Treue gegen den König und zur Vaterlandsliebe auf und schloß mit Wünschen für das Heil Sr. Majestät des Kaisers und des gesammten Hohenzollernschen Hauses. Die Rede wurde mit großem Enthusiasmus ausgenommen.
— Hamburg, 8. September. Die große Handelsfirma Conrad Warnecke hat ihre Zahlungen eingestellt, die Passiva sind noch nicht bekannt, sollen aber bedeutend sein.
— Amsterdam, 8. September. Die niederländische Bank hat den Diskont von 3^2 auf 4% erhöht.
— London, 9. September. Wolseley telegraphirt von heute 3^2 Meilen westlich von Kassassin Mittags: Eine beträchtliche Streitmacht des Feindes machte bei Tagesanbruch eine Recognoscirung gegen unsere Vorposten. General Willis rückte vor, griff den Feind an und warf ihn mit Verlusten zurück. Er nahm demselben 4 Geschütze weg. Die englischen Verluste sind unbedeutend, der Feind zog sich hinter seine Erdwerke zurück, von wo er auf eine Entfernung von 5000 Metern die Kanonade fortsetzt. Wolseley wird mit allen Truppen in das Lager von Kassassin zurückkehren, wo er sein Hauptquartier etablirt. (Rh. K.)
— Kassassin, 9. September. Der heute früh gegen die beiden Flanken der englischen Stellung gerichtete Angriff der Truppen Arabi Paschas sührte zu einem lebhaften Gefecht, wobei Arabis Truppen zurückgeworfen wurden. General Wolseley ist auf dem Wege hierher. Von Tel-el-Mahuta sind englische Truppen im Anmarsch. — Die Angriffe der Truppen Arabis sind zurückgewiesen worden, aber das Gefecht dauerte noch Mittags auf einer Ausdehnung von drei Meilen fort. Die Verluste der Engländer werden bis jetzt auf 100 Mann Todte und Verwundete geschätzt.
Spezial-Telegramme des Deutschen M ontags-Bl attes.
— Petersburg, 10. Sept., 1 Uhr 8 Min. Mittags. Wie aus