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Nr. 94. Samstag den 22. April 1882.
Amtliches.
Der Weißbinder Iakob Dietz aus Rückingen hat einen Paß sür sich und seinen Sohn Georg nach Amerika beantragt.
Hanau am 21. April 1882.
Der Landrath.
Gesunden: Eine kleine Spritze von Zinn.
Verloren: Ein Tausend-Markschein; dem Wiederbringer eine gute Belohnung. Eine goldene Broche mit Perlen.
Hanau am 22. April 1882.
____________________Aus Königl. Landrathsamt.
Tagesschau.
Der Kanaltunnel.
Zwei großartige Unternehmen ziehen gegenwärtig die Blicke der gebildeten Welt auf sich. Beide sind, auch noch unvollendet, glänzende Beweise sür die großartige Entwickelung, welche die Technik im 19. Jahrh, genommen hat, beide ein Triumph des menschlichen Geistes über die Natur. Während jenseits des Ozeans, nicht weit vom Aequator der Mensch beschäftigt ist, mittelst Durchstechung des Isthmus von Panama 2 Meere zu verbinden und dadurch einen neuen Seeweg zu schaffen, haben in England die Vorarbeiten begonnen, welche so zu sagen ein entgegengesetztes Ziel im Auge haben, eine vorhandene Wasserstraße mehr oder weniger brach zu legen, 2 durch das Meer getrennte Länder mittelst eines Tunnels zu verbinden, dessen Schienenweg die seit Urzeiten bestehende Trennung gewissermaßen aufheben soll. Mit scheelem Blick schaut der Iankee auf das erstgenannte Unternehmen, weil er der neuen Wasserstraße eine andere, seinen Handelsinteressen günstigere Richtung geben möchte, und jenseits des Kanals steht ebenfalls ein großer Theil Alt-Englands grollend und unzufrieden dem projektirten Tunnel gegenüber^ Hier jedoch ist der Widerwille ganz anderer Natur als dort, wo Gewinnsucht die einzigr Triebfeder ist. Die Abneigung gegen die unter- seeische Verbindung Frankreich und Englands entspringt theils mehr idealen Gefühlen: Vaterlandsliebe und heimathlichem Stolz, theils — der Furcht. Heine sagt: Nicht nur England ist rings von Wasser um- geben, auch jeder einzelne Engländer bildet eine Insel für sich. Erwägt man dieses zutreffende Wort des Dichters, so erklärt sich der Widerwille so vieler Engländer, man findet ihn psychologisch begründet. Durch den Tunnel wird England gewissermaßen seines Karakters als Insel entkleidet, die Verbindung mit dem Festlande wird eine viel engere, und damit sällt jene ganz besondere Eigenthümlichkeit Großbritanniens, auf die John Bull so ungemein stolz ist. Es kann die Zeit kommen, wo durch diese enge Verbindung mit dem Festlaude so manche, gerade nicht immer angenehme Eigenthümlichkeit des Englishman sich abschleifen könnte, und wo dann John Bull sich von den Festlandsbewohnern kaum noch unterscheidet — shocking! oder gar mit seinem Stammesbruder dem Aankee verwechselt werden könnte — doppelt shocking! Doch wichtiger ist das andere Moment: ein großer Theil der Engländer erblickt in dem Tunnel ein Danaer-Geschenk, ein Odysseus-Pferd, mittelst bessert das gegenüberliegende Frankreich eines schönen Tages England erobert! Es klingt unglaublich und doch ist es so; das englische Volk ist in 2 große Lager gespalten, von denen das eine ruft: der Tunnel ist eine stete, drohende Gefahr für England, während das andere die Aengstlichkeit der Gegner verspottet. Um so interessanter ist dieser Kampf, weil die hervorragend- sten Führer der Armee und der Flotte zu dieser brennenden Frage persönlich und öffentlich Stellung genommen haben. Eine ganze Literatur hat dieser sonderbare Streit schon hervorgerufen, und wie vor einigen Jahren eine Broschüre in drastischer Weise die Eroberung Englands durch die Deutschen schilderte, so erzählt ein kürzlich herausgekommenes Buch: „How John Bull lost London^ Wie John Bull London verlor", in Form eines Romans die Besitzergreifung der Hauptstadt des britischen Reiches durch die Franzosen mit Hilfe des Tunnels. Das geht folgendermaßen zu: Eine Anzahl französ. Soldaten sammeln sich nach und nach als scheinbar harmlose Zivilisten in der Nähe von Dover. Zur verabredeten Stunde bringen sie sowohl die Festung als auch den Tunnel durch einen Handstreich in ihre Gewalt, und nun entsteigt dem hölzernen Pferde — um Vergebung! den zahllosen Waggons, welche die
Durchfahrt von Calais nach Dover heimlich schon bewerkstelligt haben, ein französ. Regiment nach dem anderen. Ehe die englischen Truppen zur Stelle sind, hat das feindliche Heer Zeit gehabt, sich zu entfalten, die anrückenden Engländer werden geschlagen und Gambetta (oder ein Anderer, auf die Person kommt's nicht an) diktirt in London den Frieden, dessen Hauptbedingungen lauten: 600 Mill. Psd. St. und Auslie- ferung,(der ganzen Flotte, was gleichbedeutend ist mit dem Ruin Englands. Solche Befürchtungen werden wirklich gehegt, und an der Spitze der Besorgten stehen keine Geringere als: der Generallieut. Wolseley, Chef des Generalstabes, der Herzog von Cambridge, Obergeneral der englischen Landtruppen, der Admiral Dunsany u. A. m. Nicht weniger bedeutende militärische Kapazitäten belächeln jedoch die Ansichten der Genannten und so wogt der Kampf noch unentschiedrn hin und her. Den Einwürfen der Letzteren, als Deren Sprecher Oberst Beaumont auftritt, stellt Admiral Dunsany wieder seine Gründe entgegen. Er stellt die Frage auf: Macht uns unsere insulare Lage unüberwindlich, uneroberbar? Wenn ja, dann wird der Tunnel der einzige Weg sein, welcher der feindlichen Invasion offen steht. Wenn nein, so wird der Tunnel dem Feinde ein neues Mittel bieten, uns anzugreifen. Die Wegnahme von Dover, der „ersten Festung des Landes", von deren militärischen Verhältnissen er ein wenig Vertrauen erweckendes Bild gibt, ist nach seiner Ansicht auch bisher möglich gewesen, leichter jedoch wird sie und gefährlicher gestaltet sich die Sache durch den Tunnel. In Paris stellt man sich ob dem Allem sehr empfindlich, sehr entrüstet, sehr tugendhaft. Hält man uns denn für Aschantis? ruft Gambetta's Organ erregt aus. Wenn man sich aber erinnert, wie seiner Zeit die Reunionskammer vorging, wie die Franzosen gegen alles Völkerrecht mitten im Frieden deutsches Gebiet an sich rissen und Straßburg Frankreich einverleibten, so weiß man auch, wessen Frankreich fähig ist, und ob die Republik mehr Gewissen und Skrupel hat als die Monarchie, das ist noch die Frage. Welchen Zweck hat nun die ganze Agitation gegen den Tunnel? Man darf nicht vergessen, daß der Bau noch nicht endgiltig beschlossen ist. Die bisherigen Arbeiten sind nur eine, wenn auch kostspielige Probe. Neue Untersuchungen und Erwägungen werden stattfinden und auf Grund derselben wird dann das Parlament sein Votum abgeben. Wie es ausfällt, ist fchwer zu sagen. Die Stimmung gegen den Tunnel ist lebhaft und sehr verbreitet und allem Anschein nach gewinnt sie von Tag zu Tag. Lehnt das Parlament den Tunnelbau ab, nun so bleibt eben Alles beim Alten; tritt dagegen das Entgegengesetzte ein, dann dürfte zwar die Eroberung von London durch die Franzosen immer noch gute Wege haben, wohl aber würde dann ohne Zweifel ein anderes militärisches Ereigniß eintreten: die Neugestaltung des englischen Heerwesens. (Schw. Merk.)
— Berlin, 21. April. Se. Majestät der Kaiser und König erschienen, wie der „R. u. St.-A." aus Wiesbaden meldet, gestern Abend im Theater und wurden mit enthusiastischen Kundgebungen empfangen. Um 9 Uhr begaben Sich Se. Majestät nach dem Bahnhöfe zum Empfange Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin. Heute Vormittag 10 Uhr 20 Minuten traf Se. Kaiserliche Hoheit der Großfürst Wladimir von Rußland in Wiesbaden ein, wurde von Sr. Majestät dem Kaiser am Bahnhose begrüßt und von Allerhöchstdemselben in offenem Wagen nach dim Hotel geleitet. Zum Empfange des Großfürsten waren die Spitzen der Behörden und die Notabilitäten der russischen Kolonie am Bahnhöfe anwesend.
— Berlin, 22. April. In gestriger 50. Sitzung des Abgeordnetenhauses wurde die zweite Lesung des Secundärbahngesetzes fortgesetzt.
— Magdeburg, 21. April. Der frühere Oberbürgermeister, Mitglied des Herrenhauses, Hasselbach, ist heute Nacht gestorben.
— Kronstadt, 20. April. Heute ist der erste ausländische Dampfer hier eingetroffen; die Schiffahrt ist somit wieder eröffnet.
—■ Basel, 20. April. Die technische Prüfung der St. Gotthard- Bahn findet Dom 15. bis 17. Mai statt, der Festzug zur Eröffnung am 21. und 22. Mai. Die Hauptfeier ist in Mailand. Tas Programm ist noch nicht festgestellt.