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Nr. 38.
Dienstag den 14. Februar
1882.
Rundschau.
R. F. (Deutsches Reich.) Unser Kaiser brachte die bergan» gene Woche in gewohnter regelmäßiger Thätigkeit zu; sein Befinden ist fortgesetzt ein ausgezeichnetes. Am Donnerstag fand in den oberen Räumen des königlichen Schlosses eine vom Kaiserpaare gegebene glänzende Ballfestlichkeit statt, zu welcher nur die engere Hofgesellschaft Einladungen erhalten hatte.
In unserer inneren Politik ist augenblicklich wieder ein wenn auch voraussichtlich nur kurzer, Moment der Ruhe eingetreten, da nach dem Ausgange der großen kirchenpolitischen Debatte im Abgeordnetenhause die durch diese Angelegenheit hervorgerufene Spannung sich wieder gelegt hat. Das Haus hat sich nach dieser Haupt- und Staatsaktion auch eine Erholungspause gegönnt, indem es sich am Donnerstag — an welchem Tage die Kreis- und Provinzialordnung für Hannover, neben einigen kleineren Vorlagen, berathen und an eine Commission verwiesen wurde — bis Dienstag den 14. Februar vertagte, wo die zweite Lesung des Etats an die Reihe kommt. Dagegen lenkt die auswärtige Politik die Aufmerksamkeit zur Zeit wieder mehr auf sich und läßt uns namentlich die in jüngster Zeit zu schärferem Ausdrucke gelangte deutschfeindliche Haltung der panslavistischen Kreise in Rußland mit Interesse auf die deutsch-russischen Beziehungen sehen. Die Wuthausbrüche der slavo- philen national russischen Presse und einzelner Schwärmer für den Pan- slavismus, welche sich besonders auch gegen Deutschland richteten, haben zwar nicht vermocht, die officiellen Beziehungen zwischen Berlin und Petersburg zu trüben und sind alle hierüber kursirenden Gerüchte als Erfindungen zu bezeichnen, aber die Art und Weise, wie sich die russische Regierung zu dem Treiben der Panslavisten verhält, zeugt für die Schwäche der ersteren gegenüber diesen Bestrebungen und mahnt uns trotz alledem, gegenüber den, dem Deutschthum von Osten drohenden Gefahren auf der Hut zu sein und ergo „unser Pulver trocken zu halten."
Die Eisenbahn-Commission des Abgeordnetenhauses hat in ihrer Sitzung vom 10. Februar beschlossen, die mit der Bergisch-Märkischen Eisenbahngesellschaft abgeschlossenen Verträge wegen Ankaufs der Bahn zu genehmigen. Der Beschluß erfolgte mit 12 gegen 6 Stimmen.
Die Commission des Abgeordnetenhauses zur Vorberathunz der kirchenpolitischen Vorlage hat am Sonnabend ihre Verhandlungen begonnen. Die Generaldiskussion dauerte nur wenige Minuten und trat" die Commission sodann in die Specialdiskussion der einzelnen Artikel der Vorlage ein. Dr. Brüel (Centrum) beantragte zu §. 4 in dem Eide des Bischvfsverwesers die Verpflichtung zum Gehorsam gegen die Staatsgesetze dauernd zu beseitigen, die bestehenden kommissarischen Vermögensverwaltungen, sowie das ganze Institut und endlich das Sperrgesetz aufzuheben. Es entspann sich über diesen Antrag eine lebhafte Debatte, doch ist zu vermuthen, daß der Antrag abgelehut worden ist.
Der Gegensatz zwischen der liberalen Minorität und der Regierung einerseits und der clericalen Majorität anderseits zeigte sich in der bayerischen Abgeordnetenkammer wieder einmal in der Sitzung vom 10. Februar. Die Kammer berieth an diesem Tage über den Antrag Schcls, an den König die Bitte zu richten, die bayerischen Bevollmächtigten zum Bundesrathe zu beauftragen, einer auf Einführung des Tabakmonopols im deutschen Reiche abzielenden Gesetzesvorlage nicht zuzustimmen. Auf heftige Angriffe des Abg. Bonn gegen bi? Regierung antwortete der Finanzminister v. Riedel mit energischer Zurückweisung dieser Angriffe und betonte namentlich, daß die bayerische Regierung auch das Gedeihen des Reiches berücksichtigen müsse, wobei aber Herr v. Riedel den Vorwurf, daß das Ministerium Lutz die bayerischen Reservatrechte nur schwach wahrnehme, entschieden zurückwies. Der Antrag Schels wurde schließlich mit 98 Stimmen (der Rechten) gegen 43 Stimmen (der Linken) angenommen. Im ferneren Verlaufe der Sitzung hatte Herr v. Riedel noch verschiedene Male Gelegenheit, weitangelegten Angriffen der Rechten auf die gesammte Politik des Ministeriums Lutz entheben und mit Erfolg entgegenzutreten.
Die zu Ehren der englischen Ordensmission, welche König Albert von Sachsen die Insignien des Hosenbandordens überbrachte, am sächsischen Hofe veranstalteten Festlichkeiten haben mit einem glänzenden Ballfeste ihren Abschluß gefunden, welches Kriegsminister v. Fabrice gab. Der Führer der Mission, der Earl of Fife, wurde vom König
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durch die Verleihung des Großkreuzes des sächsischen Hausordens der Rautenkrsne ausgezeichnet.
(Oesterreich-Ungarn.) Im österreichischen Herrenhause ist in vergangener Woche die Frage der Zweitheilung der Prager Universität zu ihrem definitiven Abschlusse gelangt, indem das hierauf bezügliche Gesetz in dritter Lesung zum Beschluß erhoben wurde, Alles nach den betreffenden Beschlüssen des Abgeordnetenhauses. Die Czechen haben somit ihren Willen durchgesetzt und nun ihre eigene und durchaus selbstständige Universität erhalten; der Bau des neuen czcchischen Univcrsi- tätsgebäudes soll bis 1885 beendigt sein. Man darf gespannt sein, wie lange die Sonne der czechischen Wissenschaft in ihrem neuen Prager Heim leuchten wird. — Der Wiener Gemeinderath hat an Stelle des wegen der Ringtheaterbrand-Katastrophe zurückgetretenen Dr. Rewald den bisherigen Vicebürgermeister Uhl, einen energischen und an administrativen Kenntnissen reichen Mann, zum Oberbürgermeister von Wien gewählt.
(Frankreich.) Mit dem Rücktritt Gambetta's dürften auch seine übrigen Reformprojekte, also nicht nur die Revision der französischen Verfassung, in das Dunkel zurückgesunken sein, aus welchem sie Gambetta hervorgezaubert hatte. Es gilt dies namentlich hinsichtlich der Gesetzesprojekte, welche der vorige Cultusminister Paul Bert über die Re- gulirung der Ausübung des katholischen Cultus in Frankreick ausgearbeitet hatte. Dieselben tragen aber derartig den Stempel der Intoleranz und kleinlichen Verfolgungssucht, daß sich auch in republikanischen Kreisen schwere Bedenken gegen diese französischen „Maigesetze" erhoben haben. Gambetta will nun, wenn er seinen Platz in der D'putirtenkammer wieder eingenommen haben wird, alle von seinem Ministerium ausgearbeiteten Retormprojekte kraft seiner Eigenschaft als D P itirter der Kammer unterbreiten, also auch die auf Ausübung des katholischen Cultus bezüglichen; es ist indessen kaum wahrscheinlich, daß Gambetta sowohl mit diesen letzteren als auch mit den übrigen Projekten in der Kammer viel Glück haben wird.
(England) Die in voriger Woche in England eröffnete parlamentarische Session wird dem Cabinet Gladstone voraussichtlich sckwere Stürme bringen. Ein böses Omen für GlaSstsne ist schon die Niederlage der Regierung in der „Bradlaugh"-Angelegenheit; der sattsam bekannte atheistische Abgeordnete für Norchhampton, Mr. Bradlaugh, war im vorigen Parlamente wegen ursprünglicher Eidesverweigerung ausgewiesen worden. Neugewählt, erschien aber Mr. Bradlaugh diesmal wieder im Unterhause, die Conservativen stellten daher abermals den Ai-trag auf Entfernung Bradlaugh's, wogegen der Minister des Innern, Harcourt, Uebergang zur Tagesordnung beantragte. Dieser Antrag wurde jedoch mit einer Majorität von 58 Stimmen abgelehnt und ist diese Niederlage der Regierung wahrscheinlich nur der Vorläufer von bedeutenderen Schlappen des gegenwärtigen englischen Cabinets.
(Rußland.) Die russische akademische Jugend gefällt sich mehr als die anderer Länder in lärmenden Demonstrationen und Auftritten. Wie im vergangenen Jahre die Moskauer Universität wegen Studentenunruhen geschlossen werden mußte, wenn auch nur zeitweise, so mußte in voriger Woche aus gleichem Grunde die Universität in Charkow (Süd- Rußland) geschlossen werden. Doch sollen die dort vorgekommenen Stu- dentenunruhen keinen politischen Hintergrund gehabt haben.
(Orient.) Dem Fürsten Nikita von Montenegro ist ein ganz besonderes Mißgeschick begegnet, falls sich die Sache nämlich bestätigt. Oesterrcickische Blätter melden, daß der mehrere Milionyn betragende Familienschatz des Fürsten Nikita, welcher im vorigen Monat nach Antivari gebracht wurde, auf bisher unaufgeklärte Weise verschwunden sei. Die Sache klingt etwas romanhaft, da man doch meinen sollte, daß der Fürst einen so kostbaren Schatz in sichern Gewahrsam halten würde. — Der neue egyptische Ministerpräsident Mahmud Barondi Pascha hat an die europäischen Finanzkontroleure Egyptens ein Schreiben gerichtet in welchem er nachzuweisen sucht, daß das Budgetbestimmungsrecht der No- tablenkammer die Rechte der Finanzkontroleure nicht beeinträchtige.
Tagesschau.
— Berlin, 13. Febr. Mit dem neuernannten französischen Botschafter Varon de Courcel sind gestern Abend 8 Uhr 10 Minuten auch der neue Botschaftssekretär Baron de Plancy und die beiden neuen I Attaches Comte Juarez d'Aulon und Camille Labouret aus Paris hier I eingetroffen.