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Wr. 35.
Freitag den 10. Februar
1882.
Amtliches.
Für den am 1. Mai 1865 geborenen Johann Siegmund Otto Kurz zu Hanau ist um Entlassung aus dem Preußischen Unterthanen- Verband behufs Auswanderung nach Amerika nachgesucht.
Hanau am 31. Januar 1882.
Der Landrath.
Verloren: Am 9. d. Mts von einem Strohmattenhändler ein lederner Ziehbeutel mit ca. 24—25 M.
Gefunden: Ein leeres Portemonnaie. Ein goldener Fingerring. Am 1. b. Mts. auf der Strafe von Hanau bis Kinzigheimerhof ein Ofenrohr mit Knie von Eisenblech; Empfangnahme beim Herrn Ortsvorstand zu Bruchköbel.
Zugelaufen: Am 20. v. M. ein junger gelber Hund, m. Geschlechts, mit geschnittenen Ohren und Ruthe; derselbe kann bei Andreas Wenzel III. zu Bruchköbel in Empfang genommen werden.
Hanau am 10. Februar 1882.
Aus Königl. Landrathsamt.
Rundschau.
R. F. (Deutsches Reich.) Die kirchenpolitische Frage bildet jetzt, nach Schluß der Reichstagssession, den Brennpunkt der preußischen und deutschen Politik nach Innen und es war daher begreiflich, daß man dem Beginn der Debatie im Abgeordnetenhause über die am 7. Februar und den folgenden Tagen zur erstmaligen Berathung gelangten neuen kirchenpoliiischen Vorlage allseitig mit der größten Spannung entgegensah. Die Vorlage w-ll bekanntlich die Grun"zöge des am 1. Januar b. I. erloschenen Juligesetzes vom Jahre 1880 wiederherstellen und der die Debatte einleitende Cultusminister v. Goßler wies darum im Anfang seiner Rede darauf hin, daß das Gesetz vom 3. Juli 1880 ein willkommenes Hülfsmittel dazu biete, die tzei söhnenden Punkte zwischen Staat und Kirche aufzusuchen. Wiederholt betonte Herr v. Goßler, daß sich die Beziehungen zwischen der Regierung und der Curie entschieden günstiger gestaltet hätten, wobei er nicht unterließ, einen scharfen Seitenblick auf die „polnisch-nationale" Bewegung in Preußen und die an der Spitze derselben stehenden polnische Geistlichkeit zu Wersen. Schließlich ging der Minister aus die Einzelheiten des vorliegenden kircherpolttischen Gesetzentwurfes ein, welchen er als eine Stufe bezeichnete, von der die Regierung weiter gehe; auch betonte Herr v. Goßler, daß, selbst wenn die Vorlage abgelehnt werden würde, die Regierung nicht aufhören werde, für die Herstellung des kirchlichen Friedens zu sorgen. Bei der großen Zahl der Redner, welche sich zum Worte gemeldet hatten — 10 für, 16 gegen die Vorlage — können wir hier nur den Kernpunkt dieser einzelnen Reden wiedergeben Die Redner des Centrums, v. Schorlemcr- Alst und Dr. Wmdthorst, sprachen sich entschieden gegen die Vorlage auè und namentlich der erstere betonte, daß ohne gänzliche Beseitigung der Maigesetzgebung und Abschaffung des kirchlichen Gerichtshofes das Centrum dre Hand nicht definitiv zum Frieden reichen könne; ebenso entschieden gegen die Vorlage erklärte sich Namens der Polen Dr. v. Stablewèki, auch protestirte derselbe gegen die Aeußerungen Herrn v. Goßler's bezüglich der polnischen Bewegung. Seitens der beiden con- servatisen Fraktionen sprachen die Abgg. Graf Wintzingerode, v. Holtz und Graf Limburg-Stirum; dieselben vertheidigten die Regierungsvorlage, aber alle drei Rcdner wollten der Regierung nur auf bestimmte Zeit discretionaire Vollmachün ertheilen. Hierauf wurde die weitere Debatte auf Mittwoch vertagt, an welchem Tage auch die Redner der drei liberalen Gruppen des Abgeordnetenhauses zum Wolle gelangten, welche sich sämmtlich gegen die Regierungsvorlage erklärten. — "Der allgemeine Eindruck, den der erste Tag der kirchenpslitischen Debatte machte, ist der, daß die Regierung bei ihren kirchenpolitischen Plänen nur bei den Conservativen auf Unterstützung — und selbst diese ist keine bedingte — rechnen kann; indessin ist trotz der abw isenden Haltung des Centrunis die Annahme des kirchenpolitischen Gesetzentwurfes mcht ausgeschlossen, da, wie erinnerlich, auch bei der Debatte über das Juligesetz von 1880 die Centrumsredner sich in ähnlichem Sinne wie heute äußer
ten, während schließlich das Centrum doch, zur allgemeinen Ueber- raschuna, für das Gesetz stimmte.
Wie die „Germania" hört, ist dem Domcapitel zu Breslau ein päpstliches Breve zugegangen, in welchem der Papst die Haltung des Capitels belobt und den Verzicht desselben auf die Wahl eines Fürstbischofs annimmt.
Am Dienstag fand im königlichen Schlosse zu Dresden die Investitur König Alberts mit dem englischen Hosenbandorden statt. Bei dem sich hieranschließenden Galadiner trank der König auf das Wohl der Königin von England und der Führer der englischen Mission, Earl of Fife, auf das Wohl des Königs von Sachsen. Hierauf toastete König Albert auf die Gesundheit und das Wohl der Ordensbandritler, und der Earl of Fife brachte sodann einen Trinkspruch auf die Königin und die königliche Familie von Sachsen aus. Am Mittwoch Abend fand zu Ehren der Gesandtschaft eine Ballfestlichkeit beim Kriegsminister v. Fabrice und am Donnerstag Abend ein Hssball in den Psradesälen des königlichen Schlosses statt, welcher die zu Ehren der englischen Ordensmission veranstalteten officiellen Festlichkeiten beschloß.
(Oesterreich-Ungarn.) Der österreichischen Regierung bereitet die Ausbreitung der panslavistischen Agitation in Ollgalizien schwere Sorgen. In Lemberg wurden im Anfang dieser Woche zahlreiche Verhaftungen von Ruthenen wegen hochverrätherischer Umtriebe vorgenommen und steht der ebenfalls mitverhastete Hofrath Dobrianski im dringenden Verdachte, die Hauptfüden der ganzen panslavistischen Propaganda in Galizien in seiner Hand zu halten. Auch aus andern Städten Ost- galiziens wurden Verhaftete, welche russenfreundlicher Umtriebe beschuldigt sind, in Lemberg eingeliefert und sieht man dem Ausgange des gegen sämmtliche Verhaftete sofort eingeleiteten Hochverrathsprozesses mit großer Spannung entgegen.
(Frankreich.) Das französische Cabinet de Freycinet hat am Dienstag von der Depntirtenkammer ein glänzendes Vertrauensvotum erhalten. Der radikale Deputirte Granct hatte beantragt, die Regierung auszufsrdern, den von der Kammer votirten Revisionsentwurf der Verfassung dem Senate voizulegen wogegen der Ministerpräsident de Freycinet erklärte, die Regierung habe beschlossen, die Versasiungsrevision zu vertagen, und die Hoffnung aussprach, daß sich die Kammer in diesem Sinne entscheiden würde. Der Deputirte Gatineau brachte hierauf den Antrag ein, daß die Kammer im Vertrauen auf die Erklärungen der Regierung zur Tagesordnung übergehe. Dieser Antrag wurde mit 287 gegen 66 Stimmen angenommen und das Cabinet de Freycinet kann demnach auf Grund dieses erhaltenen Vertrauensvotums muthig daran gehen, den von Gambetta überall unlerwühlten Boden wieder haltbar zu machen.
(England.) In England ist am Dienstag die parlamentarische Session durch eine vom Lordkanzler Melbourne verlesene Thronrede eröffnet worden. Die Thronrede betont zunächst die herzlichen Beziehungen, welche zwischen der englischen Regierung und den auswärtigen Mächten obwalteten, und gedenkt dann der egyptischen Angelegenheiten, bezüglich deren England seinen Einfluß benutzen werde, um die Weise Entwickilung Egyptens weiter zu fördern. Die Thronrede äußert sich hierauf in ziemlich zurückhaltender Weise über die Verhandlungen, betreffend den Abschluß des englisch-französischen Handelsvertrages, streift dann den türkisch-griechischen Grenzvertrag, erwähnt die Wiederherstellung des Friedens in Afghanistan und schließt die auswärtigen Betrachtungen mit einem ku zen Ueberblicke über die Lage im Transvaal und im Ba- sutolande. In Bezug auf die irischen Verhältnisse drückt sich die Thronrede sehr optimistisch aus, was auch erklärt, daß in derselben von weiteren außerordentlichen Maßregeln gegen Irland keine Rede ist. Zum Schluffe kündigt die Thronrede eine Vorlage über die Weiterentwickelung der Autonome in den englischen (nicht irischen) Grafschaften und einen Gesetzentwurf über die Reform des Gemeindewesens von London an.
(Italien.) In Italien richten sich gegenwärtig alle Blicke theil- nahmsvoll auf den italienischen Rationalhelden, den alten Garibaldi. Auf Anordnung der Aerzte hat der schwererkrankte Löwe von Caprera seine Ziegininsel verlassen müssen und ist nach dem milderen Neapel übergefiebtlt, wo ihm die königliche Familie wie die Bevölkerung.die