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Nr. 33.
Mittwoch den 8. Februar
1882.
Tagesschau.
Das Börsenspiel.
Der Monstreprozeß, welcher gegenwärtig vor dem Berliner Landgericht I. verhandelt wird, dürfte erst bei vollem Abschluß der Beweisaufnahme ein einigermaßen klares Bild darüber geben, inwieweit jeder einzelne Angeklagte dazu beigetragen hat, das Geld der Actionäre zu verpulvern; daß das letztere indessen in einer unverantwortlichen Weise geschehen ist, darüber ist schon jetzt jeder Zweifel ausgeschlossen. Dennoch bietet der Prozeß nichts neues, sondern die Bestätigung dessen, was bereits wiederholt gesagt worden ist, daß das Großkapital immer Mittel und Wege findet, das kleine Kapital aufzusaugen.
Was sich hier im kleinen abgespielt bat, sehen wir in dem Pariser Krach im großen, dort ist es das große Geldinstitut, die Bank „Union générate“, welche das kleine Kapital der französischen Rentner an sich gezogen und zu Wasser gemacht hat. In welcher Weise dies möglich geworden ist, erhellt aus einem Bericht eines Pariser Correspondenten an die „Dresdener Nachrichten", dem wir folg-ndes entnehmen:
Das Lebensziel eines jeden Franzosen ist — Rentner zu werden. Zu diesem Behufe spart er von Kindesbeinen an. Der kolossale Wohlstand jenes Landes ruht auf der breiten Masse unzähliger kleiner Rentiers, welche der Inbegriff der Sslidität und Nüchternheit sind. N chts ist falscher als der Vorwurf, die Franzosen im allgemeinen leichtsinnig zu nennen. Die Domäne des französischen Leichtsinnes ist im allgemeinen das öffentliche Leben, die Politik, die Literatur, die Kunst. Alle privaten Interessen hingegen werden mit einer Solidität verwaltet, die auch für Deutschland mustergiltig wäre. Der Franzose ist in seinem Privatleben weit eher ein praktischer Philister, denn ein kühner Spekulant. Kein Handelsstand der Welt ist zurückhaltender und keiner verläßlicher als der französische. Diese Solidität des Privatlebens der Franzosen bildet eine unerschütterliche Grundlage, auf welcher die unzähligen öffentlichen Veränderungen schadlos vor sich gehen können. Im Gegentheil halten der Leichtsinn des öffentlichen Lebens in Frankreich, die oft alles aufs Spiel setzende Politik, eine immer anregende Literatur, eine immer interessante Kunst, ein immer erfinderisches Gewerbe die Ausmerksamkeit der übrigen Welt fortwährend wach und führen deren Reichthümer und Sympathien dem vorsichtigen Sparsinn des fleißigen, in seinem Innersten ruhigen Landes zu. Die Körse hat für jene unzähligen, soliden Sparer und Rentner den Spitznamen „Gogo" erfunden. Der Gogo kauft jahrelang nur französische Staatspapiere, später, wenn ihm eifrig zugeredet wird, auch solide Actien, zuletzt aber, wenn ringsum alles steigt und Gogo wahrnimmt, wie sein Nachbar zur Rechten und Linken ein reicher Mann geworden ist, dann faßt euch ihn der Spielteufel. Das ist jetzt geschehen, und es ist eben das Abscheuliche des von Bontoux ins Werk gesetzten Treibens, daß er in rasfin-rter Weise verstand, die solide Trägerschaft des Stoatscredits vom Goldfieber so lange schütteln zu lassen, bis die Katastrophe die kleinsten bürgerlichen Schichten ergriff. Für ein Menscheuslier dürfte Frankreich um den Preis unzähliger vernichteter Existenzen vom Börsenspiel geheilt sein.
Wir wollen hier nicht umersuchen, wie viel von dem hier soeben gesagten auf Schönfärberei beruht, darin stimmen indessen alle Berichte überein, daß der Zusammenbruch der Union générate an kleinen Ersparnissen einzelner Bürger ungeheuere Summen verschlungen hat. Wie könnte dem aber auch anders fein, wenn nun das ganze Treiben an der Börse beobachtet. Es wäre vollständig falsch, wenn man glauben wollte, daß die Börsenbarvue dort zusammenkommen, um einer dem andern das Geld im Börsenspiel abz-mehmen, und daß das G winn- und Verlustkonto unter ihnen ausgeglichen würde. Alle die kleinen Differenzen werden durch die Sparpfennige des erwerbsthätigen Mittelstandes gedeckt, wobei kleine Gewinne als Lockspeise dienen, um die „Gogo" — wie die Leute in Frankreich genannt werden — damit einzufangen.
Uns fällt bei dieser Erörterung eine kleine Unterhaltung zwischen zwei Börsenspekulanten und zwei dem Treiben an der Börse fernstehenden Herren ein. Es sei dock bedauerlich, meinte der eine dieser Herren, daß die politischen Verhältnisse so unsicher seien; die ewigen Schwankungen der Börsencourse müßten doch selbst den Herren an der Börse unangenehm sein. „Glaub' so etwas!" erwiderte dessen Freund, wenn es an der Börse keine Coursschwankungen gebe, dann spielte auch das übrige Publikum nicht mit; dann müßten die Herren von der Börse,
wenn sie sonst kein Privatvermögen hätten, verhungern. Die Börsenspekulanten waren ehrlich genug, sich für die letztere Ansicht zu entscheiden.
Man hat sehr viel von den Beschränkungen der Börsenspekulation auf dem Wege der Gesetzgebung gesprochen; wir glauben, die wirksamste Beschränkung derselben erfolgt auf dem Wege der wirthschaftlichen Gesetzgebung, indem man der Börse die Spekulationsobjekte entzieht, und außerdem auf dem Wege der Publicistik, das heißt derjenigen Publi- cist k, welche es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Publikum über die Geheimnisse des Börsenspiels aufzuklären. Wir sind uns dieser Ausgabe bewußt und werden uns niemals scheuen, das Treiben an der Börse beim richt gen Namen zu nennen. _ _ (Sttèb. Ztg.)
— Berlin, 7. Febr. In der heutigen (9.) Sitzung des Abgeordnetenhauses fand vor überfüllten Bänken und Zuhörer-Tribünen die erste Lesung der kirchenpolitischen Novelle statt. Herr Kultusminister von Goßler leitete dieselbe mit der Bemerkung ein, daß er für seine Person dem Kulturkampf, dessen Ende er dringend wünsche, völlig fern stehe. Allerdings sei jener Kampf ein nach der historischen Entwickelung Deutschlands nothwendiger, nicht ein künstlich gemachter gewesen. Zur Beendigung desselben dürfe indeß der Staat seine org nische Gesetzgebung wcht auslöschen. Im Jnteiesfe von Staat und Kirche liege cs gleichmäßig, nicht die trennenden, sondern die versöhnenden Punkte oufzusuchen, und dazu biete das Gesetz vom 3. Juli 1880 ein w ll'ommenes Hülfsmittel. Die gegenwärtige Vorlage sei die Erweiterung jenes Gesetzes, das bisher, indem es die Besetzung zahlreicher verwaister geistlicher Stellung ermöglichte, äußerst segensreich wirkte. Wiederholt betonte der Herr Minister, daß die Beziehungen zwischen der Königlichen Regierung und der Kurie sich in der letzten Z-it stets freundlicher gestaltet haben; diesen Weg gelte es weiter zu ebnen und alle Schritte zu vermeiden, die später wieder zurückgethan werden müßten. Einen Streifblick warf Herr von Goßler auf die sogenannte „palnisch-nationale Bewegung", die vielfach mit dem Kulturkampf verquickt worden sei. Die Bewegung, die in letzter Linie immer doch die Wiederherstellung des polnischen Reiches von 1772 erstrebe, sei zwar nicht gefährlich, aber doch werde die Regierung sie ununterbrochen scharf im Auge behalten. Schlimm genug sei es, daß in Posen und Westpreußen die katholische Geistlichkeit sich vielfach mit zur Trägerin dieser polnischen Bewegung in Vereinen und Versammlungen mache. Selbst der Kardinal Ledochowki nahm seiner Zeit Gelegenheit, die Geistlichkeit seines Sprengels vor der Betheiligung an diesen national-Polnischen Agitationen zu warnen. Sich zur internationalen Seite der kirchenpölitischen Frage wendend, erklärte der Minister die Konkordate, wie viele Staaten sie mit der Kurie geschlossen, auf die Dauer nicht für geeignet, Verwickelungen zu vermeiden. Preußen zwhc es daher vor, diesen Weg nicht zu betreten, sondern auf dem Boden gesetzlicher Bestimmungen, die je nach den Zeitumstünden geschaffen werden können, we.ter zu wandeln. Die Regierung hat zu der gegenwärtigen Leitung der k thslischen Kirche, insonderheit zu den deutschen Bischöfen, das beste Vertrauen, daß sie die treuesten Bera! her ihrer Parochianen auch dem Staate gegenüber sein werden. Auch die Bedenken, dir sich vom staatsrechtlichen Standpunkte gegen die Vorlage erheben könnten, bemühte sich der Minister zu zerstreuen, indem er die ein^ehten Artikel des vorliegenden Entwurfs mit den bestehenden gesetzlichen Vorschriften verglich. Speziell bezüglich des sogenannten Bischofsparagraphen vertheidigte er die Meinung, daß es dem Könige schon krast seines landesherrlichen Begnadigungsrechtes sreistehen müsse, einen gesetzlich entlassenen Bischof wieder in st in Amt einzusetzen. Zum Schluß erklärte der Minister, auch für den F«ll der Ablehnung des Gesetzes werde sich die Regierung von ihrem Verhalten gegen die katholische Kirche, von ihrem Ziel: Herstellung des kirchlichen Friedens nicht abbringen lassen. (Post.)
Es meldeten sich nach der „Köln. Ztg." zur Generaldièkussion 10 Redner für und 16 Redner gegen den Entwurf. v. Schorlemer-Alst erklärt sich gegen die Vorlage wegen ihrer Forderung discretionärer Vollmachten und erblickt in dem Vorschlag des Stastsministeriums zur Ernennung Falk's wenig Rücksichtnahme auf das tief verletzte Gefühl i des westfälischen Katholiken. Graf Winzingerode will der Regierung die I geforderten Vollmachten prinzipiell nicht versagen, dieselben dürften aber