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Nr. 4.

Donnerstag den 5. Januar

1882.

Tagesschau. Frankreich am Jahresschluß. (A. b. Schw. Merk.)

Paris, 1. Jan. Wenn die Pariser mit gewöhnlicher Heiterkeit die Sylvesternacht gefeiert haben, so sind dagegen die Neujahrsbe- trschtungen der politischen Welt nicht gerade der rosigsten Art. Vier Begebnisse von größerer Tragweite hat das verflossene Jahr 1881 in Frankreich herbeigeführt: den tunesischen Krieg, die Wahl einer neuen Kammer, die Einsetzung des Gambetta'schen Ministeriums, endlich die Bewegung der Verfassungsrevision. Der tunesische Feldzug ist so gut feie geschlossen, aber er hat nicht ganz die Vortheile gebracht, die man von ihm erwartete. Sein größter Nutzen, vielleicht sein einziger, bestand darin, daß er deu Franzosen klar gemacht hat, an wie großen Mängeln ihre militärische Organisation noch leidet, und daß er somit das Frie­densbedürfniß im Lande verstärkte. Auf die auswärtigen Beziehungen Frankreichs wirkte er ein, indem er zur größeren Jsolirung der Repu­blik beitrug, in Italien und der Türkei eine entschieden gereizte, in Eng­land eine verdrießliche, in Spanien selbst eine mißtrauische Stimmung hervorrief. Die Früchte, welche man von dem französischen Protektorat in Tunis erwartet, werden nur sehr langsam reifen. Fürs Erste wird eine langwierige kostspielige und nicht sehr ruhmvolle Besetzung der Re­gentschaft erforderlich werden. Man hat es bereits gesagt, die Franzosen werden die Gendarmen, wenn nicht die Kerkermeister des Bey von Tu­nis zu spielen haben. Ihre zivilisatorische Aufgabe in der Regentschaft, ihre moralische Stellung und ihr Ansehen ist durch den Rochefort- Roustsn'schen Prozeß ungünstig beeinflußt worden. Die Wahl der neuen Kammer hat im Lande weniger Aufregung veranlaßt und ist ruhiger von Statten gegangen als bei früheren Gelegenheiten. Die Re­publikaner hatten kein klares Programm, aber ihre Gegner hatten noch weniger ein solches, und wenn die große Mehrzahl der früheren repu­blikanischen Abg. ein neues Mandat erhielt, so kehrte kaum die Hälfte der Monarchisten und Bonapartisten in die neue Versammlung zurück. Es bestätigte sich, daß die Republik in der Nation nun vollständig Wurzel gefaßt hat. Zugleich waren die Wahlen eine Niederlage für die intran­sigente Partei, die nur einige SO ihrer Mitglieder in die Kammer brachte. Aber es ist bis auf die heutige Stunde zweifelhaft geblieben, ob die re­publikanische Mehrheit, auf welche die Regierung sich stützen muß, wirk­lich jenen Karakter der Einheit besitzt, den sie nach dem Wunsche Gam­bettas besitzen sollte. Man hat in der ersten Zeit die Wiederherstellung der alten Fraktionen der Mehrheit vermeiden können und wirklich stellte sich ein paar Tage hindurch diese Mehrheit als ein kompaktes Ganzes dar. Aber nach und nach hat der Zersetzungsprozeß wieder begonnen. Auf der Grenze nach links hat sich schon eineradikale Linke" gebildet, auf der Grenze nach rechts ist die Bildung einerliberalen Linken" im -Orange und es ist möglich genug, daß die Regierung bald in die Lage kommen wird, zwischen diesen beiden Parteien zu wählen. Diese That­sache deutet schon an, daß die Einsetzung des Ministeriums Gambelta nicht die gehofften Resultate geliefert hat. Von vornherein war die Zu­sammensetzung des Kadinets ein Gegenstand der Ueberraschung für alle Welt. Statt des erwartetengroßen Ministeriums", das sich aus den hervorragendsten Persönlichkeiten der beiden Kammern rekrutiren sollte, erhielt man ein Kabinet, welches fast ausschließlich aus halb unbekannten Männern bestand. Die Gegner Gambetta's sanden einen Vorwand, über die Dächer zu rufen, daß er in seiner Person die ganze Regierung repräsentiren wolle, daß er nicht Mitarbeiter, sondern gehorsame Diener gesucht habe, daß er allen Ernstes den Zäsar zu spielen suche. Man begann wieder von einem Antagonismus zwischen Jules Grevy und Gambetta zu sprechen. Nicht wenig schadete dem neuen Ministerium in der öff. Meinung die zu hoch getriebene Erwartung, die man an seinen Amts, ntritt geknüpft hatte. Es sollte nun mit einem Male ganz anders werden und siehe da, lange Wochen hindurch zeigte sich Gambetta in kleinlichen Verlegenheiten befangen, die seinem Ansehen schadeten. Dauerte es doch eine lange Weile, ehe er Botschafter für Deutschland und Ruß­land fand. Das Programm des Kabweès ließ ebenfalls auf sich warten und da man über die finanziellen und ökonomischen Projekte der Regie­rung im Dunkeln blieb, so äußerte auch die Börse entschiedenes Miß­

fallen. Endlich hatte Gambetta das Unglück, durch die Berufung eini­ger ehemaliger Monarchisten, eines de Miribil, eines Weiß den Intran­sigenten eine Waffe in die Hände zu liefern; und nicht blos den Intran­sigenten. Auch Jules Simon und die Gleichgesinnten schlugen aus die­sen Ernenennungen Kapital und gerade Jules Simon war es, der bei dieser Gelegenheit eine jener Formeln fand, mit denen man besonders in Frankreich gegen einen Politiker so viel auszurichten vermag, eine jener Formeln, wie sie Gambetta selber in früheren Zeiten wiederholt gefun­den hatte.Man braucht nicht mehr Republikaner zu sein, so heißt es jetzt, wenn man nur Gambettist ist." Dies Alles hat zur Diskreditirung des Ministeriums beigetragen, nicht zu reden von dem Spruch der Pa­riser Geschworenen, welche für Rochefort und gegen Roustan, mithin gegen die Regierung Partei nahmen. Die Revisionsbewegung, zu der Gambetta auf seiner Reise in Tours das Signal gegeben, hat bei den Wahlen eine Roke gespielt, ohne daß man eigentlich sagen könnte, sie habe das Land in Leidenschaft versetzt. Immerhin machte sie seither solche Fortschritte, daß jetzt Gambetta selber die Bewegung nicht mehr auszuhaleen vermöchte, wenn er es auch wollte. Seine Ausgabe ist es schon nicht mehr, vorwärts zu drängen, sondern zurückzuhalten und viel­leicht wird es ihm nicht leicht werden, die Grenzen einzuhalten, welche er der Revision gesteckt hat. Diese Angelegenheit dürfte die beiden ersten Monate des neuen Jahres ausfüllen. Der Revisionskongreß wird wahr­scheinlich schon Ende Januar zusammentreten und zwar, wie die Ver­fassung es will, in Versailles. Für ein paar Wochen kann man sich in die Zeit zurückversetzt glauben, da Paris als eine verdächtige Stadt dem stillen Versailles den Rang der Regierungshauptstadt überlassen mußte.

Berlin. Fürst Bismarck hat am Montag-Nachmittag eine einstündige Conferenz mit dem Kaiser gehabt. Die Thatsache an sich verdient nur darum hervorgehoben zu werden, weil die Erledigung ge­schäftlicher Dinge Seitens des Monarchen und des Kanzlers, durch per­sönliche Rücksprache nur dann erfolgt, wenn es sich um besonders wich­tige Fragen handelt, bei deren Erörterung der schriftliche Verkehr nicht genügend rasch sich vollzieht. Interessant ist übrigens eine kurze Mit­theilung, die wir in derMgd. Ztg." finden und die folgendes sagt: Es ist sehr bemerkt worden, daß Fürst Bismarck am Neu-ahrStage seit einer Reihe von Jahren zum ersten Male an der Spitze des Staats- ministeriums zur Beglückwünschung des Kaisers im kaiserlichen Palais erschien. Es heißt, der Kaiser habe Gelegenheit genommen, dem R-ichs- kanzler bei diesem Anlaß erneut seine vollste Sympathie zu erkennen zu geben. Fürst Bismarck begab sich sodann zur Beglückwünschung in das krouprinzliche Palais. (Stèb.-Ztg.)

Berlin, 4. Jan. Generalarzt Prost ssor Dr. Leuthold ist durch eine Kabinetsordre vom 1. Januar zum stellvertretenden Leibarzte des Kaisers ernannt worden.

Berlin, 3. Jan. Behufs der Gewerbesteuer-Veranlagung für das nächste Steuerjahr 18821883 werden jetzt Aufnahmen Berje« nigen Handwerker (mit Ausschluß der Bäcker, Brauer und Fleischer) ge­macht, die entweder ihr Handwerk selbnftändig mit mehr als einem Ge­sellen und einem Lehrlinge betreiben oder ein offenes Waarenlager hal­ten oder die Wochenmärkte regelmäßig besuchen. Mit diesen Ausstillnn- gen sind zugleich die Anträge der Ortsbehörèen u. s. w. an die vorge- ordnete Stelle auf Freilassung kleiner armer Handeltreibender von der Gewerbesteuer für das nächste Veranlagungrjahr zu stell n. (K. Z.)

Die Abreise des Gesandten v. Schlözer aus Washington wird von Hamburg aus für den 5. Januar angezeigt, sodaß seine Ankunst in Deutschland in etwa 14 Tagen zu erwarten ist.

In den zwölf vorhandenen preußischen Diözesen stellen sich die Zustände am Anfang des neuen Jahres wie folgt dar: Tie drei Diö­zesen Kulm, Ermeland und Hildesheim sind im B.sitze ihrer alten, lang­jährigen Bischöfe. Die durch den Tod erledigten Bisthümer Fulda und Trier sind durch die Berufung der Herren Dr. Kopp und K orum als Bischöfe neu besetzt worden, so daß diese fünf Diözesen von Bischöfen verwaltet werden. In den Diözesen Breslau, Osnabrück und Pa e;born fungiren die drei Bisthumsverweser Gleich, Dr. Hötmg und Dr. Drobe.