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Dienstag den 15« November

Str. 265

Rundschau.

R. F. (Deutsches Reich.) Unser Kaiser hat die Absicht, an den Hofjagden bei Springe in Hannover theilzunehmen, wegen einer leichten Verdauungsstörung aufgegeben; zu irgendwelchen Besorgnissen gibt indessen die genannte Krankheitserscheinung keinen Anlaß.

Unsere gesammte innere Politik steht noch vollständig unter dem Eindrücke der Nachricht, daß Fürst Bismarck beabsichtige, abzudanken. Von einem Theile der Presse wird diese Absicht des Reichskanzlers als keineswegs ernstlich aufgefaßt und dabei daran erinnert, daß Fürst Bis­marck dieselbe schon früher gehabt, ohne sie indessen auszuführen. Hier­gegen muß aber doch zunächst bemerkt werden, daß Fürst Bismarck nur durch das berühmteNiemals" seines kaiserlichen Herrn davon abge­halten wurde, zu gehen und es ist auch jetzt kein Zweifel, daß das Ge­rücht von dem geplanten Rücktritte unseres leitenden Staatsmannes mehr als ein bloserSchreckschuß" ist. Gerade aber diese Rücktrittsdrohung des gefeiertesten Mannes der deutschen Nation sollte für alle, denen das Wohl unseres Vaterlandes wirklich am Herzen liegt, eine ernste Mah. nung sein, wohin wir mit unserem tief eingewurzelten Parteiwesen mit seinen vielen Beweisen von politischer Kleinlichkeit, Thorheit und Kurz­sichtigkeit bereits gerathen sind, denn hierdurch fühlt sich der Kanzler ja in erster Linie angewidert. Indessen hoffen wir, daß der Reichskanzler auch diesmal seinen Patriotismus über die Unannehmlichkeiten, mit denen er in seiner hohen Stellung zu kämpfen hat, setzen werde, denn das junge deutsche Reich würde sonst schweren Stürmen entgegengehen.

Der Reichskanzler Fürst Bismarck ist am Sonnabend Abend in Berlin eingetroffen, jedenfalls, um dem Kaiser zunächst über den Ausfall des Reichstagswahlen und über die Schwierigkeiten der gegenwärtigen inneren Lage Vortrag zu halten.

Der Bundesrath hielt am Freitag eine Plenar-Sitzung ab; doch wurden nur mündliche Berichte der resp. Ausschüsse über die Etats-Ent- Würfe für 1882/83, betreffend die Verwaltung des Reichsheeres, des Pensionsfonds, des Jnvalidenfonds und der Reichs-Post und Telegra­phenverwaltung entgegengenommen.

Bei den in Berlin am 12. November stattgefundenen Stichwahlen wurde im 6. Wahlkreis Klotz (frischr.) mit 17 946 Stimmen gegen Hasenclever (soc.), welcher 17 377 Stimmen erhielt, gewählt. Die Stichwahl im 4. Wahlkreis hat wahrscheinlich den Sieg Bebels (soc.) über Träger (fortschr.) ergeben.

Die Stichwahlen sind nunmehr zum größten Theile bekannt und man kann nicht läugnen, daß die radikalen Parteien hierbei den Löwen­antheil davongetragen haben. Es muß jedoch bemerkt werden, daß neben den neuen Erfolgen, welche die Stichwahlen der Fortschrittspartei und den Secessionisten gebracht haben, auch die Socialdemokratie nicht geringe Erfolge aufzuweisen hat, so daß dieselbe mindestens in derselben Stärke wie früher im Reichstage vertreten sein wird.

Die Erkrankung des Großherzogs von Baden gibt leider zu Be­denken Anlaß und es sind deshalb der Erbgroßherzog von Baden sowie das schwedische Kroprinzenpaar in Baden-Baden eingetroffen. Die Er­krankung des Großherzogs hat zwei Staatsacte nothwendig gemacht, welche das badischeGesetz- und Verordnungsblatt" veröffentlicht. Nach dem einen überträgt der Großherzog, der wegen anhaltenden Unwohlseins sich aller Geschäfte enthalten muß, seine Vertretung in den Regierungs­geschäften für die Dauer seiner Behinderung dem Erbgroßherzog. In dem anderen theilt der Erbgroßherzog die Entschließung des Großher­zogs dem Präsidenten des Staatsministeriums mit und spricht dabei die Versicherung aus, daß er die Stellvertretung unter treuer Beobachtung der Verfassung und Gesetze, nach den Grundsätzen seines Vaters führen werde.

Nach der BerlinerVolksztg." würde der Abgeordnete für Memel- Hewekrug, Generalfeldmarschall Graf Moltke, das Alterspräsidium des Reichstages übernehmen.

Die erste bayerische Kammer (Kammer der Reichsräthe) hat den Miutäretat nach den Beschlüssen der Abgeordnetenkammer einstimmig angenommen. Der Luthardtsche Antrag, betreffend die Aufhebung der Dimultanschulen, wurde dem dritten Ausschusse zur Vorberathung über«

1881.

(Oesterreich-Ungarn.) Oesterreich hat durch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in Bosnien und der Herzegowina einen bedeutsamen Wendepunkt auf dem Wege erreicht, den es durch die Oc- cupirung der genannten Länder betrat. Formell stehen die Länder noch unter der Oberhoheit des Sultans, thatsächlich sind Bosnien und die Herzegowina aber österreichische Provinzen und dies spricht jetzt Oester­reich gleichsam durch die Einführung der Wehrpflicht aus. Es hat nicht den Anschein, als ob es deswegen zu diplomatischen Verwickelungen zwi­schen Oesterreich und der Psorte kommen würde, dagegen muß noch ab­gewartet werden, welches das Verhalten der Bosniaken gegenüber den Anforderungen der allgemeinen Wehrpflicht sein wird.

(Frankreich.) Für Frankreich ist das wichtigste Ereigniß der vergangenen Woche der Rücktritt des Ministeriums Ferry und die Ueber­nahme der politischen Erbschaft desselben durch Gambetta. Ueber die Zusammensetzung des neuen Cabinets verlautet jedoch noch immer nichts Deffnitives, als wahrscheinlich gilt nur, daß Freycinet das Ministerium des Auswärtigen, Leon Say das Finanzministerium, Gambetta aber das Präsidium des Cabinets ohne Portefeuille übernimmt; bezüglich aller anderen, von den Journalen genannten Ministerkandidaten heißt es, daß die bezüglichen Mittheilungen unrichtig oder verfrüht seien. Gutem Ver­nehmen nach hat die Rechte des Senats beschlossen, auf Antrag Büffet's das neue Ministerium sofort zu interpelliren, inwieweit dasselbe die Erb­schaft feines Vorgängers bezüglich der Politik in Tunis übernommen habe.

(England.) In England bildete das LordMayors-Bankett zu London gewissermaßen das Ereigniß der Woche, da die auf diesem Bankett gehaltenen Reden von jeher für ministerielle Programme gelten. In diesem Jahre sind jedoch die Erwartungen etwas getäuscht worden, die man von dem Bankett des Lord-Mayors (Oberbürgermeisters von Lon­don) gehegt hatte. Der Premier Gladstone sprach zumeist über die ir­ländischen Angelegenheiten, Lord Granville, der Minister des Aeußern, berührte in seiner Rede hauptsächlich die englische Politik in Egypten und die Beziehungen zwischen England und Frankreich; doch waren we­der Gladstone's noch Granville's Ausführungen von besonderem In­teresse.

(Italien.) In Italien hatte die ungenaue Wiedergabe der Er­klärungen des Sektionschefs v. Kallay in der ungarischen Delegation über den Wiener Besuch des italienischen Königspaares einen sehr Übeln Eindruck gemacht. Den bezüglichen Ausklärungen, welche indessen der österreichische Botschaster in Rom, Graf Wimpffen, im italienischen Mi­nisterium des Auswärtigen gab, haben diesen unangenehmen Eindruck wieder vollständig beseitigt.

(Rußland.) In Petersburg steht abermals ein umfassender Nihilisten-Prozeß bevor. Wie verlautet, werden 24 Personen, die der Berübung von Staatsverbrechen und der Mitschuld an der Katastrophe vom 13. März angeklagt sind, vor Gericht erscheinen. Auch der Prozeß gegen den General Mowinsky, welcher als Polizeitechniker am Tage vor der Ermordung Alexanders II. die Käsebude in der Gartenstraße unter­sucht und nichts Verdächtiges vorgefunden hatte, obwohl dort eine Mine angelegt war, steht bevor. Die Verhandlungen in letzterem Prozesse sollen unter Ausschluß der Oeffentlichkeit stattfinden.

(Niederlande.) Die luxemburgische Kammer hat in vergan­gener Woche ihre Sitzungen wieder eröffnet und wählte Lessel zum ersten und Demuyser zum zweiten Präsidenten. Beide gehören der Mehrheit an, die eine Verbrüderung der Regierungsliberalen und der Clericalen ist. Diese Mehrheit beschloß auch die sofortige Niedersetzung eines Aus- schusses, der die Beantwortung der Thronrede entwerfen soll.

(Orient.) Die Dinge in Egypten scheinen noch nicht ins rechte Geleis kommen zu wollen. In Kairo hält man die Demission Scherif Paschas, des egyptischen Conseilpräsidenten, sür unmittelbar bevorstehend, als seinen Nachfolger bezeichnet man den Prinzen Osman. Die Pforte hat Rassim Pascha an Stelle Nazis Pascha's zum Gouverneur von Tripolis ernannt.

(Nord-Amerika.) Die in zwölf Staaten der Union in der verflossenen Woche stattgefundenen allgemeinen Wahlen sind im Ganzen ruhig verlaufen und haben keine großen Veränderungen in den gesetzge­benden Körperschaften dieser Staaten hervorgerufen.