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Nr. 252 Samstag den 29. Oktober 1881.

Tagesschau.

König Humbert in Wien.

(A. d. Schw. Merk.)

Der 27. Oktober d. I. ist ein denkwürdiges Datum in der zeit­genössischen Geschichte. In Deutschland bringt an diesem Tage das allgemeine Stimmrecht den unerquicklichsten aller Wahlkämpfe zum Ende, unter Umständen, bei denen für den Vaterlandsfreund jedenfalls das er- freulich ist, daß wir neben dem allgem. Stimmrecht noch eine starke Monarchie und eine starke Reichsregierung besitzen. Am gleichen Tage tritt in Paris neugewählte Kammer zusammen, und damit eröffnet sich eine parlamentarische Session, welche darüber entscheiden soll, ob endlich Gambetta aus dem Hinterhalt hervortreten, die Regierung über­nehmen, offen seinen Messiasberuf ergreifen wird. Und am selben Tage vollzieht sich ein für die Gruppirung des europ. Staatensystems bedeut­sames Ereigniß, indem der Sohn Viktor Emanuels mit seiner anmuthigen Gemahlin, der Enkelin König Johanns von Sachsen, als Gast des Kaisers Franz Josef in der k. k. Hofburg zu Wien er­scheint. Diese Fürstenbegegnung hat vor anderen das Eigenthümliche, daß sie recht eigentlich aus dem Wunsche und dem Drängen des Volkes, nämlich des Volkes in Italien, herausgewachsen ist. Als die Franzosen eines Tages zu Herren von Tunis sich machten, gingen den Italienern mit einemmal die Augen auf über die Wirkungen der Politik, welche die seit 7 Jahren am Kuder befindlichen Männer der Linken befolgt hatten. Das Land sah sich ohne guten Freund; schutzlos, ohnmächtig mußte es zusehen, wie es von einem begehrlichen Nachbar umklammert und um die Anwartschaft auf ein Gebiet gebracht wurde, wo Italien die meisten und wichtigsten Interessen hatte. Von jenem Zeitpunkt an verlangte das ital. Volk immer lauter von seinen Lenkern den Anschluß an eine starke Macht, wo Italien einen Rückhalt, einen Schutz für seine Existenz und Zukunft fände, und mit wachsender Kraft sprach sich die öffentliche Meinung dahin aus, daß nur der Anschluß an die mitteleu­ropäische Friedensliga Italien diesen Schutz gewähren könne. Wer im vergangenen Sommer in Italien war, hat im Eisenbahnwagen, in den Cafis von nichts anderem reden hören, als von denAllianzen", die Zeitungen waren Monate lang von diesem Gegenstand angefüllt, und es zeigte sich, daß einzig die Radikalen, die Republikaner an ihren her­kömmlichen französischen Sympathien festhielten, trotz der Schläge, welche Frankreich gegen ihr Vaterland führte. Die Regierung selbst war offen- bar längere Zeit unsicher und schwankend, sie war gelähmt durch ihre Vergangenheit, durch ihre früheren Beziehungen zu den Republikanern und insbesondere zu der Gesellschaft derJrredenta." Einzelne Minister, wie namentlich der Ministerpräsident Depretis, galten als Frankreich zugeneigt, und ihnen mag es sauer gewesen sein, sich in das unabänder­lich Gewordene zu finden und dem König zu einer demonstrativen Staatsaktion anzurathen, welche, man mag in diplomatischer Heuchelei ihre Bedeutung noch so sehr abschwächen, thatsächlich eine Frontverän­derung Italiens bedeutet, in Frankreich sehr wohl verstanden wird und auch von den ital. Republikanern verstanden wird, die mit ihrem Jrre­denta-Geschrei jetzt zur Ruhe verwiesen sind. Schon als bloße Demon­stration ist die Reise des Königs von Italien so bedeutungsvoll, daß es ziemlich gleichgiltig ist, ob Hr. Depretis gern oder ungern, aufrichtig oder mit Hintergedanken seine Politik in diese Bahn gelenkt hat. That er es wider Willen und Neigung, so ist ja nur um so ersichtlicher, daß die Gründe des StaatSintereffes so gebieterisch waren, auch seine Ab­neigung zu überwinden. Uebrigens erhält die Reise noch erhöhte Be­deutung durch den Zeitpunkt, in dem sie nach langen Vorbereitungen, Erwägungen und wohl auch Schwankungen zur Wirklichkeit wird. Eine Allianz von dieser Art ist ja nicht von ewiger Dauer, aber sie ist ein

?'Cn ^r ^ Gegenwart und die nächste Zukunft. Seine ganze Wichtigkeit erhält der Zutritt Italiens zur deutsch-östreichischen Allianz dadurch, daß er in demselben Augenblick erfolgt, in welchem Gam- betta zur Gewalt schreitet. Er verstärkt die Friedensgarantien, mit welchen die Bismarck'sche Staatskunst dieses über kurz oder lang unvermeidliche Ereigniß zu umgeben verstanden hat. Man erinnert sich der drohenden Reden, mit denen Gambetta von Zeit zu Zeit den Zau­

ber seines Namens widerauffrischte, der Hoffnungen, mit welchen ganz Frankreich des Messias harrte, der Befürchtungen, welche den Freundeu des Friedens der Name Gambetta einstößte. Diese Hoffnungen und Be­fürchtungen sind seitdem ganz erheblich abgedämpst worden. Man kann mit Gelassenheit einem Ministerium Gambetta entgegen sehen. Der Krieg in Tunis hat den Krieg um die Vogesen in unabsehbare Ferne gerückt: eine weitere Garantie des Friedens bildet der Entschluß Italiens, sein bisheriges Schaukelspiel aufzugeben und an die starke mitteleuro­päische Vertheidigungsliga sich anzuschließen. Es ist bezeichnend, daß die Klerikalen von ungemeinem Aerger über die Reise des Königs Hum­bert erfüllt sind: den Freunden des Friedens darf sie um so werther und erfreulicher sein. Die Politik unseres Reichskanzlers ist niemals so stark und erfolgreich gewesen, als in diesem Augenblick, da Gambetta die Regierung in Frankreich übernimmt. Ein herrlicher Moment für uns Deutsche,fort mit Bismarck" zu rufen!

Berlin, 28. Oktober. Se. Majestät der Kaiser und König haben Sich gestern Nachmittag nach Ludwigslust begeben und gedenken am Sonntag Nachmitag hierher zurückzukehren.

Breslau, 27. Oktbr. Se. Kaiserliche und Königliche Hoheit der Kronprinz ist heute Nachmittag um 21/s Uhr von Heinrichsau wie­der hier eingetroffen und hat um 3 Uhr die Rückreise nach Berlin an­getreten. Das am Bahnhöfe zahlreich versammelte Publikum begrüßte den Kronprinzen mit lebhaften Hochrufen.

Berlin, 28. Okt. Se. Kaiserliche und Königliche Hoheit der Kronprinz traf gestern Abend 9 Uhr 20 Min. von Heinrichsau in Ber­lin ein und übernachtete in Höchstseinem Palais. Im Laufe des Vor­mittags nahm Se. Kaiserliche Hoheit Vorträge entgegen und kehrte mit dem 1 Uhr Zuge nach dem Neuen Palais bei Potsdam zurück.

DerR. u. St.-A." veröffentlicht: Verordnung, betreffend die fernere Gestattung des Gebrauchs einer fremden Sprache neben der deut­schen als Geschäftssprache. Vom 12. Oktober 1881.

Bekanntmachung auf Grund des Reichsgesetzes vom 21. Oktober 1878. Nach demR.- u. St.-A." Nr. 253 wurden unterm 26. und

27. Oktober verboten: 1) das in der Vereinsbuchdruckerei Hottingen- Zürich gedruckte, in Verlag und Redaktion von Robert Kramer in Mannheim erschienene Wahlflugblatt mit der UeberschriftWähler, Or­gan zur Orientirung bei Reichstagswahlen" und der BezeichnungProbe­nummer" ; 2) das Flugblatt mit der Ueberschrift:An die Wähler des 19. sächsischen Reichstagswahlkreises" und unterzeichnetEine Anzahl Wähler des 19. sächsischem Reichstagswahlkreises", auf welchem als Ver­leger August Bebel in Dresden, als Drucker Franz Goldhausen in Leip­zig angegeben ist; 3) ein anonymes Flugblatt mit den Anfangsworten: Wähler! Der Wahltag steht unmittelbar bevor! rc." Druck und Ver­lag der schweizerischen Verlagsdruckerei Hottingen-Zürich.

Die K. Eisenbahn-Direklion (linksrheinische) zu Köln ist mit der Anfertigung genereller Vorarbeiten für eine Eisenbahn untergeord­neter Bedeutung von Eupen nach Raeren beauftragt worden.

DieDorf-Ztg." schreibt: Jeder Kaufmann hat sein Soll und Haben, seine Activa und seine Passiva, aber auch jeder Staatsmann. Bei manchem Kaufmann können sich die Activa nicht sehen lassen, weil keine vorhanden sind, wohl aber die Passiva. So geht es auch manchen Staatsmännern. Wer aber so anfihnliche Activa aufzuweisen hat, wie Fürst Bismarck, kann sich trösten, wenn ihm absolnt etwas am Zeuge geflickt werden soll. Worin bestehen die Activen Bismarck's? Er hat die Herzogthümer Schleswig-HolsteimLauenburg wieder an Deutsch­land gebracht, die unselige Zweitheilung Oesterreich-Preußen zerstört und den Norddeutscheu Bund gegründet, nach Niederwerfung Frankreichs und nach Besetzung Elsaß. Lothringens das Deutsche Reich aufgerichtet, durch eine Reihe von Gesetzen und Maßregeln für den inneren Ausbau des­selben gesorgt, seit dem Jahre 1871 den Frieden für Deutschland erhal­ten, dem Reiche feste Allianzen verschafft, die deutschen Interessen im Auslande kräftig gewahrt, für jede Rechtsverletzung durch energische No­ten oder durch Abfindung von Kriegsschiffen Genugthuung gefordert und endlich die Besserung der schwierigen wirthschaftlichen Verhältnisse