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Beilage zu Nr. 238 des Hanauer Anzeiger.

Ein gefährlicher ^rennb.

Von Profftsor Dr. W. Heß.

Die Maßregeln, welche gegen das Umsichgreifen der Hundswuth | gegenwärtig angeordnet werden, haben den Unwillen der meisten Hunde- trifft, so werden dieselben weder Menschen noch Hausthieren gefährlich, besitzer in hohem Grade erregt. Petitionen um Milderung derselben wer- vvohl aber können sie, wenn sie übertragbar sind, höchst lästig werden.

wir die hauptsächlichen in aller Kürze betrachten, um den Schaden kennen zu lernen, der den Menschen und den Hausthieren daraus erwachsen kann. | Was zunächst die äußerlich auf dem Hunde lebenden Parasiten oe-

den an verschiedenen Orten vorbereitet.

Das Mitleiden mit den armen

Thieren, welche, an die Freiheit gewöhnt, nur mit Maulkorb versehen mtb an der Leine geführt sich im Freien bewegen dürfen, sonst aber auf einen mehr oder weniger engen Raum beschränkt sind, scheint jeden Ge­danken an die furchtbare Gefahr, welche ein wüthender Hund zumal in den belebten Straßen einer größeren Stadt anrichten kann, in den Hinter­grund gedrängt zu haben. Ja, man geht sogar so weit, das Vorkommen der Tollwuth beim Menschen schlechtweg zu leugnen, obwohl jährlich, wie auch in diesem Jahre, mehrere Menschenleben dieser schrecklichen Krankheit zum Opfer fallen. Ein Mittel gegen die Tollwuth kennen wir bis jetzt nicht. Der Mensch, welcher von ihr befallen wird, geht unter den fürchterlichsten Qualen fast ausnahmlos dem Tode entgegen; denn nur verschwindend wenig Fälle sind bekannt, welche keinen tödtlichen Verlauf nahmen. Wenn wir bedenken, daß auch nur ein Menschenleben durch das Einsperren sämmtlicher Hunde des bedrohten Bezirks gerettet wird, so muß uns die strenge Handhabung dieser allerdings für jeden Hunde­besitzer harten Maßregeln nur erwünscht sein.

Indessen können wir uns wohl erklären, daß die Hundeliebhaber, zumal wenn die Tollwuth des verdächtigen Hundes, welcher das Inkraft­treten der Schutzmaßregeln veranlaßt hat, nicht völlig erwiesen ist und sie vaher die Gefahr für eingebildet halten, für ihre Lieblinge eintreten.

Ist doch der Hund der treueste Gefährte des Menschen. Die ganze Art hat sich völlig an den Menschen angeschlossen; wilde Hunde finden wir in keinem Theile der Erde. Der Hund hat sich mit dem Menschen über die ganze Erde verbreitet. Er ist diesem unentbehrlich geworden. Er richtet sich nach den Gebräuchen seines Herrn, den er kennt und liebt, den er bewacht und vertheidigt, dessen Habe er behütet, dem er bei der Verfolgung anderer Thiere durch seine Schnelligkeit und seinen scharfen Geruch die besten Dienste leistet, dem er unbedingt gehorcht und bis zum Tode treu ergeben ist. So weist der Hund, wie kein anderes Hausthier, eine Menge der schätzbarsten Eigenschaften auf, welche mit großer Klug­heit gepaart, ihn zum bevorzugten Lieblinge macht.

Darum wird der Hund nicht nur als Nutzthier, welches feinem Be­sitzer in dessen Lebensstellung nöthig ist, sondern auch aus Liebhaberei in großer Anzahl gehalten. Ich glaube nicht zu hoch anzuschlagen, wenn ich behaupte, daß 4/s aller Hunde Luxushunde sind. Wäre weiter keine Gefahr dabei, so möchte man sich dies noch gefallen lassen, obwohl es nicht zu den Annehmlichkeiten des menschlichen Lebens gehört, wenn man alle Augenblicke, namentlich in den engen Straßen der Städte, von einem Hunde angebellt wird, der nicht selten unser Zeug zerreißt oder uns wohl gar seine Zähne fühlen läßt. Im „Hannov. Tagebl." liest man z. B. fast täglich, daß eine Person von einem Hunde gebissen sei. Nehmen wir an, daß höchstens die Hälfte der Fälle im „Tageblatt" veröffentlicht wird, was nicht zu niedrig gegriffen ist, so werden jährlich über 700 Personen in Hannover von Hunden gebissen.

Bedenklicher ist es jedoch, daß der Hund, trotz aller guten Eigen­schaften. die wir durchaus nicht verkennen, sich als nicht zu unterschätzen­der Feind des Menschen und der Haussäugethiere beweist. Denn abge­sehen davon, daß in dem Körper des Hundes das Gift der Tollwuth entsteht, welches von ihm in den Körper des Menschen und der Haus­säugethiere gelangen kann, so beherbergt der Hund eine sehr beträchtliche Zahl von Parasiten, die zum Theil ebenfalls auf den Körper des Men­schen und der Hausthiere übertragen werden können und bösartige Krank­heiten, ja sogar den Tod zur Folge haben. Die Zahl der Parasiten oes Hundes beträgt nämlich nicht weniger als 31.

Da diese Gefahr noch immer nicht genug gewürdigt wird, so wollen

Dies ist der Fall beim Hundefloh, welcher trotz gegentheiliger Versiche­

rung vom Hunde aus den Menschen übergeht; ferner bei der Zecke, welche allerdings nur in seltenen Fällen auf den Menschen übertragen, dann aber durch das Einbohren ihres Vorderkörpers in die Haut bedeu­tend lästiger wird, indessen durch Del oder Benzin leicht zu vertreiben ist. Ferner beherbergt der Hund eine Krätzmilbe, welche sich in seine Haut einbohrt und die Räude verursacht. Diese Milbe ist ebenfalls auf den Menschen übertragbar und verursacht eine allerdings keine großen Be­schwerden verursachende Krätze. Ob die Balgmilbe des Hundes, welche eine fast immer tödtliche Hautentzündung verursacht, auf den Menschen übertragbar ist, steht noch nicht völlig fest.

Sehr gefährlich ist dagegen ein anderer Parasit des Hundes, welcher ebenfalls zu den Milben gerechnet wird, das Pentastomum, Pentastomum toenioides. Dies Thier wurde zuerst im Jahre 1787 von Chabert in der Nasenhöhle des Hundes entdeckt und für einen Bandwurm gehalten.

Das Pentastomum des Hundes ist weiß oder weingelb und zeigt eine lanzettförmige, langgestreckte Gestalt, die in ungefähr 90, besonders an den Bändern deutlich sichtbare Segmente zerfällt. Das Männchen ist 16 —18 mm, das Weibchen 60—80 mm lang. Die äußere Bedeckung ist so durchsichtig, daß man die inneren Organe durch sie hindurch sehen kann, und besteht aus Chitin, einem eigenthümlich hornartigen Stoff, der sich bei vielen Gliederthieren, namentlich bei den Insekten, als Körper­bedeckung findet. An der Bauchfläche liegt nahe am Vorderrande die große Mundöffnung, deren Seiten von je einem Paare klammerartiger Haken, welche in besonderen Taschen stecken, umgeben sind.

In dieser Gestalt lebt das Thier in den Nasen-, Stirn- und Kiefer­höhlen des Hundes, Wolfes und seltener des Pserdes und der Ziege.

Mit dem Nasenschleim dieser Thiere gelangen die Eier, von denen ein Weibchen 500,000 absetzt, nach außen auf Futterkräuter und mit diesen in den Magen der Ziegen, Schafe, Hasen, Kaüen und Rinder, auch zuweilen mit Gemüsen oder durch direkte Uebertragung in den Magen des Menschen. Der scharfe Magensaft löst die harten Eischalen aus und die Embryonen werden frei. Mit scharfen Bohrwerkzeugen verfehen, bohren sich diese durch die Wandungen des Darms, gelangen in die Adern, werden mit bem Blute fortgetrieben und siedeln sich schließlich in der Lunge und Leber an. Dort k^pseln sie sich ein. Nach sechs Monaten zeigt das Thier nach mehrfachen Häutungen die Larvenform, welche unter dem Namen Pentastomum denticulatiim bekannt ist. Sie unterscheidet sich von der vollkommen entwickelten Form durch die geringere Größe, welche nur 5 mm beträgt, und dadurch, daß der ganze Körper mit dichten Stachelkränzen versehen ist, der Klammerapparat noch Nebenhaken zeigt und die Geschlechtsorgane völlig unentwickelt sind.

Nachdem die Thiere diese Gestalt erlangt haben, verlassen sie im siebenten Monate die Kapseln, bohren sich vermittelst der Haken aus den Organen, in denen sie eingekapselt gelegen haben, wodurch sie, wenn sie in Menge vorhanden sind, fürchterliche Verwüstungen in denselben an­richten und nicht selten den Tod des Wirthes zur Folge haben, und gelangen in die Leibeshöhle.

Zu ihrer ferneren Verwandlung müssen sie jetzt in ein anderes Thier gelangen. Das geschieht, wenn ein Hund oder Wolf die Eingeweide ihres Wirthes, in denen sie sich befinden, frißt. Dann gelangt unser Pa­rasit durch die Nasenhöhle an den Ort seiner Bestimmung, wo er sich in 4 bis 5 Monaten zur vollkommenen Form entwickelt. Die Larve scheint jedoch auch durch selbstständige Wanderung durch die Respirationswege ihren Wirth verlassen zu können.

(A b. Tägl. Sinnd'chau )

(Forts, folgt.)

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