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Beilage zu Nr. 233 des Hanauer Anzeiger.

Rundschau.

K. F. (Deutsches Reich.) Unser Kaiser, bissen Befinden fortwährend ein zufriedenstellendes ist, lebt auch in Baden-Baden nach einer streng geregelten Tagesordnung. Der größte Theil der Vormittage ist der Entgegennahme der gewohnten Vorträge gewidmet, nach deren Erledigung der Kaiser, wenn es das Wetter gestattet, kleinere und größere Spaziersahrten unternimmt und hierbei wohl auch einige Geschäftslokale besichtigt. Nachmittags sieht der Kaiser täglich mehrere Personen von Distinktion als Gäste an der kaiserlichen Tafel und Abends ist bei den kaiserlichen Majestäten gewöhnlich kleinere Theegesellschast. Am Montag empfing der Kaiser den greisen russischen Reichskanzler Fürsten Gort, schakoff, zur kaiserlichen Tafel hatten die in Baden-Baden anwesenden Mitglieder des diplomatischen Corps Einladungen erhalten. Ueber die angebliche Reise des Kaisers nach Metz zur Einweihung der dortigen neuen Garnisonskirche am 16. Oktober ist zur Zeit noch nichts Genaueres bekannt.

Die am 5. Oktober beendigte Auslegung der Wählerlisten konnte als der Höhepunkt der gegenwärtigen Wahlbewegung betrachtet werden und die zahlreichen Schaaren, welche in den Tagen vom 28. September bis 5. Oktober allerorts nach den Lokalen strömten, in denen die Wäh­lerlisten zur Einsicht auslagen, legten Zeugniß davon ab, wie wichtig man in der Wählerschaft die Angelegenheit nahm. Die Einsicht der Wählerlisten schloß in gewissem Sinne die zahlreichen Scharmützel und Plänkeleien vor der großen Entscheidungsschlacht des 27. Oktober ab, denn im Großen und Ganzen sind die Truppen auf allen Seiten ge­sammelt und einexercirt, höchstens noch neue Mannschaften werden ange­worben, bei allen Parteien ist die Parole ausgegeben und somit sieht man mit Spannung und Ungeduld der Entscheidung entgegen, welche die Wahlen vom 27. Oktober in Bezug auf die künftige Gestaltung unserer inneren politischen Verhältnisse bringen werden.

General-Feldmarschall Graf Moltke, welcher vor einigen Tagen die Befestigungen Kreis inspicirte, hielt am Dienstag im dortigen Officiers- kasino der Marine eine Rede, in welcher er die Aufgaben des Heeres und der Marine im Krieg und im Frieden darlegte und die Nothwen­digkeit des Hand- in Handgehens beider Faktoren betonte. Sehr geist­reich verglich der berühmte Schlachtendenker unsere Kriegsschiffe mit den Seevögeln, denn wie dieselben ihre Nester nur an Stellen bauten, wo sie nicht leicht den Feinden zum Opfer fielen, so müßten auch die Nester für unsere Seevögel, für die Schiffe der kaiserlichen Marine, vor Frev­lers Hand geschützt sein und deshalb seien die Mitglieder des Großen Generalstabes in Kiel anwesend, um sich an dem Ausbau dieses schönen, herrlichen Marinenestes mit zu betheiligen. Der greise Redner schloß mit dem Wunsche, daß Liebe und Treue zu Kaiser und Reich Heer und Marine immer gemeinsam sein möge.

An Stelle des kürzlich verstorbenen kommandirenden Generals des 3. Armeekorps v. Groß, gen. von Schwarzhoff, ist General-Lieutenant v. Stichle, Kommandeur der 7. Division, zum kommandirenden General des genannten Armeekorps ernannt worden. Derselbe hat sich während des deutsch französischen Krieges als Generalstabs-Chef der zweiten deut­schen Armee unter Prinz Friedrich Karl in hervorragender Weise durch den Abschluß der Convention von Metz bekannt gemacht.

Unser politisches Leben hat nicht nur durch die Bewegung zu den Reichstagswahlen einen regeren Impuls erhalten, sondern auch durch Wahlen zu den Landtagen verschiedener Bundesstaaten, wie sie in Sach­sen, Bayern und zum Theil auch in Baden stattgefunden haben. Das die jüngsten Landtagswahlen in den beiden erstgenannten Ländern charak- terisirende Merkmal, die Niederlage der liberalen Partei, trat auch bei den am 3. Oktober stattgefundenen Wahlen zum badischen Landtage her­vor In 20 Bezirken erhielten die Liberalen 10, die Clericalen 8, die Conservativen 2 Sitze und verloren die Liberalen in diesen 20 Bezirken 6 Sitze an die Clericalen und einen Sitz an die Conservativen. Wegen des auf den 3. Oktober fallenden israelitischen Feiertages sind 12 Wah­len verlegt worden; unter den nicht wiedergewählten Liberalen befinden sich Minister Turban, sowie die Vickpräsidenten des Landtages, Friedrich und Fauler.

(Oesterreich-Ungarn.) Die österreichischen Delegationen wer­den noch im Laufe dieses Monats zusammentreten, doch ist noch kein bestimmter Tag festgesetzt. Da keine Fragen vorliegen, welche Anlaß zu gereizten Auseinandersetzungen geben könnten, so dürfte auch diesmal die Session der Delegationen weder von längerer Dauer sein, noch hochin­teressante Momente darbieten. Nur die bosnischen Verhältnisse werden

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August Maret.

der Opposition vielleicht Gelegenheit zu lebhaften Angriffen geben, denn die heilige Verwaltung läßt namentlich in Bezug auf das Justizwesen noch Manches zu wünschen übrig. Indessen find von der österreichischen Regierung zwei hervorragende Beamte, Sektionschef Baron Krauß, der Vorsitzende der bosnischen Commission, und der Senats-Präsident am obersten Gerichtshof, Baron Lapenna, nach Bosnien und der Heizego- wina gesendet worden, um die dortigen Zustände zu untersuchen und von ihrer Wirksamkeit darf man wohl erwarten, daß die hervorgetrUenen Mißstände in der Verwaltung der neuen österreichischen Provinzen bald beseitigt werden.

(Frankreich.) Während die in der inneren Lage Frankreichs jetzt herrschenden Schwierigkeiten noch lange nicht gehob n sind, unter denen die drohende Cabinetskrisis voransteht, kommt auch aus Tunesien wieder schlimme Kunde für die Franzosen. Die Niederlagen, welche Ali Bey, der Bruder des tunesischen Herrschers, im Kampfe gegen die auf­ständischen Araber bei Testour erlitten hat, haben wesentlich zur Ver­schlimmerung der französischen Stellung in Tunis beigetragen und an­dererseits die Kühnheit der Aufständischen vermehrt. Dieselben rückten nach den Niederlagen Ali Bey's an die von Ghardiman nach Tunis führende Bahnlinie heran, steckten den Bahnhof von Med-Zargua in Brand und nöthigten einen zur Unterstützung Ali Bey's herannahenden französischen Militärzug zur Umkehr nach Medsches el-Bab, so daß die Lage der Franzosen als eine ziemlich kritische erscheint. — Den zu den Manövern des 11. französischen Armeekorps kommandirt gewesenen deut­schen Officieren gegenüber hat der Korpskommandant, General Zents, die Hoffnung auf ein immer befferes Einvernehmen zwischen Deutschland und Frankreich ausgesprochen.

(Italien.) Die Reform des italienischen Wahlgesetzes wird nun­mehr ohne Zweifel bald zu Stande kommen, da die Mehrheit des Cen- tralbureaus des italienischen Senats die Grundprinzipien des betreffenden Gesetzentwurfes genehmigt hat. Nur einige unwesentliche Abänderungen wurden beschlossen, welche eine nochmalige Verweisung der Reform-Vor­lage an die Deputirtenkammer nothwendig machen. Der Depntirte Lam- Pertico, welcher einstimmig zum Berichterstatter der Deputirtenkammer in der Wahlreformfrage ernannt worden ist, wird dem Vernehmen nach in seinem Berichte auch die Reform des italienischen Senats anregen.

(Rußland.) In Petersburg steht für den 11. Oktober abermals ein großer nihilistischer Proceß wegen Herstellung der revolutionären Zeitung „Tscherni Peredel" bevor. Angeklagt sind Maria Konstanti- nowna Krylow, der Student Jnnocenti Pauli Pjanko, der Edelmann Peter Wassiljew Tesslenko-Prichodko und Wassili Alexew Perepletschiko, daß sie einer geheimen nihilistischen Genossenschaft angehören und durch die Zeitung „Tscherni Peredel" ihre revolutionäre Gesinnung zu ver­breiten suchten. Von den Angeklagten sind die Krylow, welche adeligen Standes ist, und Pjanko schon früher in nihilistische Angelegenheiten verwickelt gewesen; die Angeklagten leugnen die ihnen zur Last gelegten Vergehen und nur Perepletschiko gibt zu, die zur Herstellung der Drucker­presse erforderlichen Gegenstände im März und April des Jahres 1879 nach St. Petersburg gebracht zu haben.

(Schweiz.) Die Socialisten haben ihren Willen nun doch durch­gesetzt und ihren Welt-Congreß auf schweizerischem Boden und zwar in Chur am 2. Oktober eröffnet. Außer den Vertretern der schweizer So­cialisten waren auch Delegirte der portugiesischen, italienischen, deutschen, belgischen, französischen, amerikanischen u. s. w. Socialisten zugegen. Die Verhandlungen des Congresses am Eröffnungstage waren nur ge­schäftlicher Natur; auch wurde die umfangreiche Tagesordnung festgesetzt.

(Orient.) Die Initiative, welche der Sultan in den egyptischen Angelegenheiten plötzlich ergriffen hat, indem er den Staatsrath Ali Fuad Bey und den türkischen Generalstabschef Ali Nizam Pascha nach Egypten sandte, um die Ursachen der Militär-Revolution in Kairo zu erforschen, hrt bei den Mächten ziemlich verblüffend gewirkt. Die Con- suln der Mächte beeilten sich denn auch, dem egyptischen Premier Cherrf Pascha zu erklären, daß ihre Regierungen der Absendung der türkischen Commissaire fremd seien; ob die Vertreter der Mächte den türkischen Abgr sandten irgendwelche Hindernisse in den Weg legen werden, steht noch dahin. In Kairo befürchtet man, daß sich die Lage in Egypten, welche sich durch das Verhalten Cherif Pascha's gebessert hat, durch die Ankunft der Abgesandten des Sultans wieder verschlimmern werde.

(Nord-Amerika.) Die Anklage-Jury zu Washington hat die Versetzung Guiteau's, des Mörders Garfield's, in den Anklagestand ausgesprochen.

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